Schöner färben statt besser kicken

Im Verharmlosen der Lage ist Deutschland immer noch Weltmeister. Zum Glück wird der allgemeine Niedergang nun nicht von einem Erfolg bei der WM überstrahlt. Mit Ausscheiden ohne Ausrede setzt der Fußball ein Zeichen gegen Selbstbetrug und Schönfärberei. Wir sollten ihm dafür dankbar sein.

Die politische Mission der deutschen Fußballnationalmannschaft war nicht zu übersehen: Sie sollte für ein paar schöne Wochen ablenken von der generellen Misere und für die Illusion sorgen, Deutschland sei toll. Daraus wäre so oder so nichts geworden. Nicht einmal der Fußball kann vom Versagen der Regierung und dem Niedergang des Landes ablenken. Das neue Steuerreformpaket der Regierung ist ein schlechter Witz. Das bisschen Mehr, das dem Bürger gelassen wird, wird ihm an anderer Stelle vielfach genommen. Die Nachricht, dass die Regierung inzwischen tatsächlich regiert, ist kein Trost. Im Gegenteil.

I.

Jetzt wollen wieder alle im Scheitern der Fußballnationalmannschaft ein exaktes Abbild des weit größeren Elends sehen. Leistungsschwäche und Mittelmaß treffen in Deutschlands Politik auf Selbstgefälligkeit und Größenwahn. So ist es. Aber zu viel der Ehre. Die Bedeutung des Fußballs wird gewiss übertrieben. Zwei Dutzend Fußballspieler und ein so überbezahlter und überforderter Bundestrainer sind bei aller Liebe kein Spiegel dieses Landes. Schon eher ist es die Unbeweglichkeit im größten Sportverband der Welt. Die Herrschaft der Funktionäre! Mit dem Abgang des Trainers ist noch nichts gewonnen. Aber ohne diesen Abgang wäre nichts zu gewinnen. Mit dem Abgang des Kanzlers wäre auch noch nichts gewonnen. Aber ohne dessen Abgang geht es auch nicht. Der nächste Selbstbetrug deutet sich an. Über Jürgen Klopp reden die Leute wie über einen Heilsbringer. Heilsbringer bringen selten Heil. In der Regel werden Heilsbringer bald ans Kreuz geschlagen. Denn das Unheil nistet im System. Aber in der Politik ist ohnehin weit und breit kein Klopp zu erkennen.

II.

Nach dem Aufstieg aus Ruinen – wofür im Fußball der WM-Titel 1954 ein Symbol war –, nach Wirtschaftswunder und Exportweltmeisterschaft, nach vier Sternen auf dem Trikot, folgten Wachstumsschwäche, staatliche Misswirtschaft, Wohlstandsvernichtung, Bildungskatastrophe, die Verachtung der eigenen Kultur. Weh tut der offenbar unaufhaltsame Abstieg. Das Land verkommt. Nur im Fußball ist noch von „deutschen Tugenden“ die Rede, zu Unrecht zwar, aber immerhin wird noch so getan, als gäbe es dergleichen, man müsse sie nur wieder beleben. Wo auch immer sich diese Tugenden versteckt haben.

Verräterisch – ob beabsichtigt oder nicht – die Botschaft des Kanzlers: „Was für ein Spiel, DFB-Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Der Mann verleugnet ja nicht nur, wenn er über Fußball schwadroniert, systematisch die Realität. Offenbar spricht er über sich selbst. Er färbt hemmungslos schön. Wahrscheinlich ist er auf die Leistung seiner Regierung wirklich stolz. Im Verharmlosen der Lage ist das offizielle Deutschland immer noch Weltmeister. Was haben Gesellschaft und Politik falsch gemacht? Sie haben aus wiederholten Fehlern nichts gelernt. Work-Life-Balance erscheint wichtiger als absoluter Leistungswille. Die Beschwörung des großen WIR ist keinen Pfifferling wert. Eine Gemeinschaft, die nicht liefert, kann so viel Harmonie ausstrahlen, wie sie will.

III.

Merz glaubt allen Ernstes daran, seiner Koalition sei nun ein großer Wurf gelungen. Selbstbetrug ist die neue deutsche „Tugend“. Selbstzufriedenes Verharren im Mittelmaß: eine neue deutsche Tugend. Kaum war das Spiel abgepfiffen, das Ergebnis war zum Davonlaufen, als der Trainer nicht etwa die Verantwortung übernahm, sondern als erstes verkündete, auf keinen Fall einer zu sein, der davonläuft. Nagelsmann verhielt sich so wie der Kanzler. Er argumentierte moralisch, wo es eigentlich nur noch um die Abfindung in Millionenhöhe ging. Rücktritte sind selten geworden in diesem Land. Nicht, weil die Moral besser geworden wäre, sondern im Gegenteil. Die allerletzte deutsche Tugend ist wohl das Moralisieren – wir halten uns immer noch für etwas Besseres. Deshalb sind die Deutschen immer ein wenig von sich selbst berauscht, selbst dort, wo sie vor Dummheit strotzen. Klimawandel, Energiewende, Einwanderung in den Sozialstaat. Wir schaffen es. Deutschland-wie-es-einmal-war-Abschafferin Merkel wurde quasi heilig gesprochen und wurde viermal hintereinander zur Kanzlerin gewählt.

IV.

Dass vier VW-Werke geschlossen werden sollen, Tausende auch in dieser Woche ihren Arbeitsplatz verloren, wieder hunderte Firmen insolvent gingen, dass Schüler nicht mehr rechnen und lesen können, dass die Bahn nicht mehr funktioniert und mittlerweile auch der Wirtschaft massive Schäden zufügt, dass das Steuersystem den mündigen Bürger abschafft und seine Freiheit erdrosselt, ist tausendfach schlimmer als das Ausscheiden einer Fußballmannschaft gegen Paraguay. Zum Glück wird der allgemeine Niedergang nun nicht von einem Erfolg bei der WM überstrahlt. Mit dem Ausscheiden ohne Ausrede setzt der Fußball vielmehr ein Zeichen gegen Selbstbetrug und Schönfärberei. Wir sollten ihm dafür dankbar sein.

advertisement-block provider=“Heft“ location=“posts“]

Unterstützung
oder

Kommentare ( 41 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

41 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Supersilent
14 Tage her

 ….. in der Politik ist ohnehin weit und breit kein Klopp zu erkennen ….. Wie wäre es mit einem Kanzler von der AfD ? Nicht eine Minute hatte diese Partei Regierungsverantwortung aber viele wollen wissen, die AfD kann es auch nicht, woher weiß man das? „Es wird lange dauern die Fehler der letzten 20 Jahre zu korrigieren aber irgendwann muss der Anfang gemacht werden“ sagte Ulrich Siegmund bei Lanz, recht hat er. Nach 20 Jahren Deutschland-Abschafferin Merkel und den Katastrophen Scholz und Merz kann es schlimmer nicht mehr kommen, meint man. Doch es kann, wenn nach den verlorenen Wahlen im… Mehr

Last edited 14 Tage her by Supersilent
Retlapsneklow
15 Tage her

« Work-Life-Balance erscheint wichtiger als absoluter Leistungswille »

Ist es auch! Wer lebt schon, nur um zu arbeiten?
Den Dummen muss man erst mal finden.

Wie hält es Herles eigentlich selber? Absoluter Leistungswille, kein Urlaub, keine Vergnügen, keine Zeit für die Familie?

November Man
15 Tage her

Man wird einfach den Eindruck nicht los, die Mannschaft wollte mit dem Ausscheiden eine heftige Klatsche gegen die Franzosen vermeiden.

1faltspinsel
15 Tage her

Waren nicht Flick und Nagelsmann auch schon Heilsbringer? Wer könnte der politische Heilsbringer werden? Mir drängt sich niemand auf.

wandergerhard
15 Tage her
Antworten an  1faltspinsel

christian streich

Michael M.
15 Tage her
Antworten an  wandergerhard

Der grünlinke und ach so woke Opa aus Freiburg, das ist ja lächerlich.

Last edited 15 Tage her by Michael M.
kb
15 Tage her

Und jetzt? Ich will keinen Klopp, keinen Heilsbringer! Ich will jemand der die Probleme klar benennt und dann pragmatisch anpackt und da gibt es im Moment in diesem Land (auch wenn es ihnen nicht gefällt)vor allem eine Person – Alice Weidel! Wir haben keine Zeit mehr um auf irgend jemanden zu warten. Das Land verfällt vor unserem Augen!

Biskaborn
15 Tage her

Auf den Punkt gebrachter Artikel, Chapeau!

ceterum censeo
15 Tage her

Die Beschwörung des großen WIR ist keinen Pfifferling wert.“ Wer ist denn „Wir“, Herr Herles? Die „UnsereDemokratie“, „Zivilgesellschaft“, „Widersetzen“ und andere Demokratiezerstörer? Die Millionen Invasoren? Nein, daß „Wir“, so es denn überhaupt existierte, gibt es nicht. Es gibt mehr oder weniger große Interessensgruppen, mehr nicht. Abgesehen davon, daß ich mit „Wir“ noch nie was anfangen konnte und den o.g. diametral entgegengesetzt stehe. Selbst 2006 mit dem „Sommermärchen“ gab es kein Wir. Ich zumindest war nicht dabei…

WGreuer
15 Tage her

„Schon eher ist es die Unbeweglichkeit im größten Sportverband der Welt. Die Herrschaft der Funktionäre!“
Man sollte nicht vergessen dass DFB-Präsident Neuendorf ein ehemaliger Politischer Beamter (und damit einer Funktionär) der SPD war. D.h. die ohnehin kaputte, völlig nach linksradikal gekippte SPD führt nun faktisch den DFB. Das Ergebnis ist völlig klar und wird in Bälde all dem entspreechen, was schon von der SPD politisch zerstört wurde.

Danton
15 Tage her

Wir leben im Zeitalter der Lüge. Bei jedem Thema, das durch Politik, Medien, Kommunisten, NGOs etc Relevanz bekommt, geht es darum die Lüge zu verteidigen. Im Notfall sperrt man die Kritiker der Lüge ein, vernichtet sie sozial oder gibt sie gleich den tollwütigen Linken als Vogelfreie zum Fraß. Min. 80% der Bevölkerung ist längst dressiert. Sie leben in der Märchenwelt dessen was der totalitäre Staat und seine linken Aftergesellen als Wirklichkeit ausgeben. Jedes Thema, und da gibt es viele, dient ausschließlich dazu die echten Menschen von den irren Narrativhansels zu trennen. Die Kadavergehorsamen werden gepampert und die Kritiker werden vom… Mehr

Mathias Rudek
15 Tage her

Ein starker Text von Herrn Herles.