Der Neger Herrmann, Antisemit Barenboim und Widerstandskämpfer Ai Weiwei

Wolfgang Herles über die Gefallsüchtigen der Woche.

© Hans Scherhaufer

I.

Es ist so eine Sache mit dem guten Willen. Mephisto ist von jener Kraft, die stets das Böse will, doch Gutes schafft. Doch meist verhält es sich umgekehrt. Die Idealisten sind in der Überzahl. Weshalb so viel Gutes gewollt wird und so viel Böses/Blödes damit angestellt.

Gutes gewollt hat Bayerns Innenminister Herrmann. Tatsächlich hat er das N-Wort ja nur gemeinsam mit dem wunderbaren Eigenschaftswort wunderbar in den Mund genommen. Und das auch unüberhörbar nur deshalb, weil er sich von einer zuvor eingespielten, nicht ganz so wunderbaren N-Wort-Verwendung hat distanzieren wollen. Zählt nicht. Das blanke N-Wort genügt, aus welchem Kontext es auch immer gerissen wird.

Jetzt ist Joachim Herrmann der Neger. Also diskriminiert, antirassistisch verfolgt und verspottet als dumpfschwarzer Bayer aus dem Busch. Als Aff, der nicht mal weiß, dass er im Affenzirkus herumgeführt wird, wenn er das N-Wort anrührt. Kein Mensch interessiert sich dafür, was sonst noch geredet wird in der Manege. Ein Wort genügt, wenn es das falsche ist. Alle Scheinwerfer richten sich seitdem auf den nackten Neger Herrmann, der gar nicht so viele Hände hat, wie er bräuchte, um seine Scham zu bedecken.

Bestimmt lässt man ihn bis zum Ende seiner Tage nicht mehr aus dem Käfig. Jeder darf mit dem Finger auf ihn zeigen. Schaut her, ein echter Neger! Möglicherweise harmlos, aber beschränkt. Er ist gebrandmarkt wie ein afrikanischer Sklave vor der Verschiffung.

II.

Gutes wollen – Böses schaffen. Daniel Barenboim musste es auch gerade erfahren. Er hatte vor, mit der Staatskapelle Berlin in Teheran aufzutreten, um das deutsch-iranische Verhältnis nach Abschluss des Atomabkommens zu beflügeln. Doch es geschah das Gegenteil. Schwefelige Dämpfe steigen auf.

Das Mullah-Regime will keinen Israeli dirigieren lassen, nicht einmal eine deutsche Staatskapelle im Auftrag des Auswärtigen Amts. Barenboim, geboren in Argentinien, besitzt sowohl einen palästinensischen wie einen israelischen Pass. Bei Israels Nationalisten ist der große Versöhner (West-Eastern Divan Orchestra) auch nicht gelitten. Nicht nur, dass er immer wieder versucht, Wagner in Tel Aviv heimisch zu machen. Jetzt wollte er auch noch dem aus Israels Sicht schändlichsten aller Verträge musikalisch untermalen. Deshalb wird der jüdische Künstler im eigenen Land zum Antisemiten etikettiert.

Die Ablehnung des Dirigenten durch die Mullahs, müsste den Falken in Jerusalem eigentlich gefallen. Beweisen die damit doch, wie unversöhnlich feindselig sie sind. Der Iran hätte nach wie vor gern Israel von der Landkarte getilgt. Zeigt sich hier nicht, wie naiv der Westen dem Atomkompromiss zugestimmt hat? Nicht um des lieben Friedens sondern der guten Geschäfte wegen. Wem die Ohren verstopft sind, dem hilft auch deutsche Romantik nicht.

III.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist ein Idol der deutschen Kulturbürger. Seine Aufsässigkeit hat er mit sarkastischem Witz in Kunst verwandelt. Nach Monaten im Knast, nach Jahren unter Hausarrest, nach Reiseverbot und strengster Überwachung, durfte er ausfliegen nach Berlin. In der Philharmonie ist sein erster Auftritt. Es applaudieren mehr als tausend Bewunderer.

Und werden Zeuge, wie sein Landsmann Liao Yiwu, Dichter und Widerstandskämpfer im Exil, Weiwei entzaubert, demontiert, ja dekonstruiert. Mit verschränkten Armen sitzt Weiwei da, meidet verschämt den Blickkontakt, nur das Publikum schaut er an. Denn auf das Publikum kann er sich verlassen.

Yiwu stellt ihm auf Chinesisch auch Fragen, mit denen ihn zuvor schon deutsche Journalisten verärgert haben. Weshalb er etwa finde, „ein paar Verhaftungen“ und die Verschleppung seiner Anwälte seien „keine große Sache“? Er habe es historisch gesehen, weicht Weiwei aus. Schließlich werde man nicht mehr umgebracht. Ai Weiwei beschönigt das Regime erneut. Er will Peking nicht mehr missfallen und Berlin so gut gefallen wie bisher.

Ja, man wird nicht mehr umgebracht in China, wenn man sich eine eigene Meinung leistet. Ist auch nicht nötig. Es kommt dem Regime nicht aufs Töten an, sondern aufs Abschrecken. Ai Weiwei ist nun frei, aber nicht im Kopf. In dem rasseln die Ketten der Angst. Man kann sie hören, wenn er raunend abschweift. Es sei schwer über Freiheit zu sprechen, sagt er. Ja, klar. Freiheit ist mehr als Kunst. Widerstand ist mehr als Kunst. Freiheit kostet einen Preis. Er ist zu bezahlen, auch mit der Währung Angst, selbst wenn man sich in Freiheit wähnt. Freiheit ist komplizierter als eine Installation auf der Documenta in Kassel.

Er fummelt an seinem Handy herum. Macht den Event zu einem Selfie. Ist nicht auch Weiweis Kunst ein einziges grandioses Selfie? Nach dem langatmigen Gespräch darf dann jeder ein Autogramm und ein Selfie mit ihm nach Hause nehmen. Das Idol ist zum Maskottchen geworden. Zum Widerstandskämpfer hat es nie getaugt, aber das hat das deutsche Publikum gern übersehen. Denn der Ai Weiwei, den alle lieben, ist eine Projektion. Ein Produkt der Medien. Der Ai Weiwei, den wir nun sehen, erzählt eine andere Geschichte. Sie handelt auch von uns. Aber weil wir die nicht so gerne hören wollen, bleibt er unser Knuddelbär. Unser Panda in schwarz-weiß.


 

Das neue Buch von Wolfgang Herles wird am 15.September im Knaus-Verlag erscheinen: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik.  Sie können es hier bestellen.  Heute schon vormerken!

 

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