Ritter von der traurigen Gestalt – Linnemanns Fall

Merz nimmt hin, dass Linnemann nach eigenem Bekunden kein kompetenter Gesundheitspolitiker ist und sich mitten in der Reform einarbeiten muss. Es geht dem Kanzler darum, ihn in die Kabinettsdisziplin einzubinden. Als Parteigeneral konnte Linnemann unter den Umständen, die Merz ihm gewährte, nur scheitern.

Der fehlerhafteste Zug der missglückten Personalrochade: die Ablösung von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Sein Wechsel ins Kabinett ist nicht Beförderung, sondern Abschiebung. Weshalb?

I.

Offenbar hat Friedrich Merz ignoriert, dass Linnemann nach eigenem Bekunden kein kompetenter Gesundheitspolitiker ist und sich – mitten in der Reform – erst einarbeiten muss. Merz nimmt das hin, weil es ihm um etwa anderes geht. Er will Linnemann unbedingt einbinden in die Kabinettsdisziplin. Ganz offenbar plagte Merz die Sorge, der Generalsekretär könnte den anschwellenden Vertrauensverlust in der Partei nicht aufhalten. Linnemann hat der wachsenden Kritik aus der Partei wenig entgegengesetzt, sie vielleicht heimlich sogar ermuntert. Es ist ihm aber auch nicht gelungen, aus der CDU – wie einst Helmut Kohls Generalsekretär Heiner Geißler – eine lebendige Programmpartei zu machen. Linnemann verstand bisher unter Reformpolitik jedoch etwas anderes, als es die Koalition mit der SPD zulässt. Die daraus resultierende Distanz zu Merz wurde nicht öffentlich, belastete aber das Verhältnis. Dazu kommt: Die CDU ist in dieser Hinsicht tief gespalten. Die Ostministerpräsidenten wollen mehr Sozialstaat, die Jungen weniger. Einig scheinen sie sich nur darin zu sein, dass Merz der Falsche ist. Aber einen „Richtigeren“ kann es unter diesen Umständen gar nicht geben.

II.

Ich spekuliere, jedoch entlang der Fakten: Linnemann bezeichnete seine Zeit als Generalsekretär als die beste seines politischen Lebens. Er hat es aber nicht geschafft, der durchgemerkelten, nach Links gedriffteten Partei alte Werte zu vermitteln. Die Absicht, aus der CDU wieder eine lebendige, der Marktwirtschaft verpflichtete Kraft zu machen, die mehr ist als ein Kanzlerwahlverein, war erfolglos. Hin- und hergerissen zwischen diesem Ziel und der Loyalität zu Merz, hat er sein Ziel zwar verfehlt. Womöglich spielt deshalb auch Resignation eine Rolle. Von der ganzen Breite einer Volkspartei kann bei der CDU keine Rede mehr sein. Das hat die AfD stark gemacht.

III.

Als Parteigeneral konnte Linnemann unter den Umständen, die Merz ihm gewährte, nur scheitern. Auch als Gesundheitsminister wird er die Pfeile auf sich ziehen. Als Reservist für den Kanzler kommt er nicht mehr in Frage. Seine Nachfolgerin, die frühere Schatzmeisterin Franziska Hoppermann, traut niemand zu, als Chefideologin und Mastermind der CDU die Partei voran zu bringen. In dieser Hinsicht ist sie bisher jedenfalls nicht aufgefallen. Merz glaubt mit ihr die (unter den Unzufriedenen auffallende) Frauenunion einzufangen. Er suchte keinen selbstständigen Kopf im Adenauerhaus, sondern eine Domestikin. Dafür war Linnemann bei aller Zurückhaltung nicht der Richtige.

IV.

Ein perfekter Sturm braut sich nach den Landtagswahlen im September im Osten zusammen. Die Debatte um die Brandmauern wird dann der CDU eine Zerreißprobe bescheren. Entweder arbeitet sie mit den Linken oder mit der AfD zusammen. Ein klassisches Dilemma. Wie sich Merz auch entscheidet: Es wird falsch sein. Diese Entscheidung kann die CDU zerreißen.

Auch Kohl hatte seinerzeit in einer ähnlichen Situation versucht, den Generalsekretär ins Kabinett abzuschieben. Heiner Geißler hatte sich geweigert und war kurz darauf als Generalsekretär abgesetzt worden. Das war im Sommer 1989. Der Sturz von Kohl scheiterte, und dann, als unversehens die Mauer fiel, klammerte er sich an den Mantel der Geschichte, die Misserfolge der ersten acht Jahre im Kanzleramt waren vergessen. Dieses einzigartige Glück wird Merz nicht haben. Er wird über kurz oder lang beide Ämter verlieren, vermutlich das des Parteivorsitzenden zuerst. Auch die Kanzler Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Angela Merkel gaben, als es eng wurde, zuerst den Parteivorsitz auf. Genützt hat es ihnen nicht. Von „Rückenwind“ (Söder) für Merz kann nach der Personalrochade keine Rede sein. Nun spricht Linnemanns Gesicht Bände. Er ist zu klug, um nicht zu wissen, in was er geraten ist. Ein Ritter von der traurigen Gestalt.

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Kommentare ( 91 )

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Mausi
11 Tage her

unter den Umständen, die Merz ihm gewährte: Geht das? Einem Menschen Umstände gewähren. Mir ist das neu.

Silverager
7 Tage her
Antworten an  Mausi

Eine sprachliche Schlamperei, die mir auch aufgefallen ist. Aber wir wissen ja, was Herles da gemeint hat.

BellaCiao
12 Tage her

Schon wenige Wochen nach der Bundestagswahl stand für mich fest, dass es Merz‘ schwerwiegendste Lüge ist, die Marktwirtschaft zu verleugnen. Diese Lüge hat Merz seither nur immer weiter bestätigt. Statt Marktwirtschaft herrscht unter Kanzler Merz die sozialistische Kommando- und Planwirtschaft. Hunderte Milliarden aus dem „Sondervermögen“ fließen in die konsumptive Rüstung und in die Ukraine für den Krieg gegen Russland. Anstatt, wie versprochen, in die marode Infrastruktur und in eine sichere, bezahlbare und wettbewerbsfähige Energieversorgung für Industrie und Verbraucher. Die „grüne Transformation“ wird unverändert und ohne Rücksicht auf Verluste verbissen fortgesetzt. Die Industrie wandert ab, immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze,… Mehr

Last edited 12 Tage her by BellaCiao
November Man
13 Tage her

Herr Linnemann wird nicht lange Gesundheitsminister bleiben müssen. Bald wird er erlöst.  

November Man
13 Tage her

Die letzten 10 Gesundheitsminister kann man getrost als Krankheitsminister umbenennen. Keiner von denen hatte auch nur die geringste Ahnung vom Fach. Spahn und vor allem Lauterbach waren die schlimmsten Abzocker. Die haben unser Gesundheitssystem vollends ruiniert. Heute haben wir das teuerste, aber auch eines der schlechtesten Gesundheitssysteme. Krank werden wurde von den Unfähigen zum Luxus gemacht.  

Ralf Schweizer
13 Tage her

Lieber Herr Herles, ich staune! Wann war Helmut Schmidt jemals Parteivorsitzender der SPD? Vielmehr sagt er, es sei sein größter politischer Fehler gewesen, nicht nach dem SPD-Parteivorsitz gegriffen zu haben.

Silverager
7 Tage her
Antworten an  Ralf Schweizer

Nehmen Sie doch den Herrn Herles nicht so wörtlich. Woher soll er denn das wissen?

Minusmann
13 Tage her

Zerreißen wird es die CDU nicht. Wäre die CDU eine lebendige Partei, dann hätte das schon spätestens 2015 geschehen müssen. Die CDU taumelt einfach nur in ihren Untergang, unfähig, konstruktive, geschweige denn kompromisslose Entscheidungen zu treffen. Der Prozess der Negativ-Selektion innerhalb der Partei ist nicht zu korrigieren. Es spielt keine Rolle, wer dort welchen Posten besetzen darf. Für die CDU ist längst Endspiel.

EndofRome
13 Tage her

Die Brandmauer ist die letzte Lebenslüge der Union. Sie tut weiter so, als könne sie hier noch etwas entscheiden. Aber die Zeiten, in denen ihr die Blauen vielleicht noch die Hand gereicht hätten, sind vorbei. Die AfD geht längst wie in Sachsen-Anhalt – aufs Ganze. Sie wird der Union in den kommenden drei Jahren etwa zehn Prozent der Wähler wegnehmen, der Rest stirbt einfach weg. Und aus die Maus.

Juergen P. Schneider
13 Tage her

Man merkt dem Autor an,dass er immer noch glaubt, diese Union sei noch zu retten. Weit gefehlt, dieser Trümmerhaufen einer Partei, der nach Merkel und Merz vorhanden ist, wird untergehen. Wer sollte denn die Karre aus dem Dreck ziehen? Die sind fertig und haben den Bürgern nichts mehr zu bieten außer links-grüner Tranformationslyrik, Steuererhöhungen, Sozialstaatspleite, Migrationswahnsinn und Verlust der inneren Sicherheit.

johnsmith
13 Tage her

Einige fragen hier warum Linnemann sich das antut. Kaum einer fragt ob er Gesundheit überhaupt kann – aber das scheint in Deutschland generell für Minister unwichtig zu sein.

Warum Linnemann das macht ist ganz einfach: Mehr Kohle, höhere Pension, Bodyguards, er kann Freunde und Verwandte im Ministerium unterbringen mit top bezahlten Jobs, Chauffeurt und Dienstwagen, Recht die Flugbereitschaft der Bundeswehr mit Jet zu nutzen etc. etc.

Christian1
13 Tage her

So viele Gedanken zur CDU braucht man sich nicht mehr zu machen. Sie hat seit Merkel das systematisch zu Grunde gerichtet. DIE „HABEN“ FERTIG!