Der Lehrling, der Meister und die Geister von 1966

Thomas Tuchel hat der englischen Nationalmannschaft etwas zurückgegeben, das ihr lange fehlte: Ruhe, Selbstvertrauen und einen klaren Plan. Was, wenn am Ende Engländer und Deutsch einander Finale gegenüberstehen würden – 60 Jahre nach Wembley?

picture alliance / GES/Marvin Ibo Güngör | Marvin Ibo Güngör

Der Fußball hat oft einen Hang zur Ironie. Manchmal schreibt er Komödien, manchmal Tragödien und gelegentlich produziert er ein Drehbuch, das selbst die BBC als zu unrealistisch zurückweisen würde.

Doch stellen wir uns einen Moment vor: 60 Jahre nach 1966 stehen sich Deutschland und England tatsächlich wieder in einem WM-Finale gegenüber.

Das wäre ungefähr so, als würde man im Keller eine alte Schallplatte finden, sie auflegen – und plötzlich spielt die Geschichte wieder exakt dieselbe Melodie.

Noch schöner wird die Pointe beim Blick auf die Trainerbänke: Hier Julian Nagelsmann, dort Thomas Tuchel.

Zwei Deutsche. Zwei Fußballverrückte. Zwei Männer, deren Gehirne offenbar rund um die Uhr auf Taktikbetrieb laufen.

Und nun kommt der Teil, den selbst viele Fußballfans vergessen haben: Thomas Tuchel war einst einer jener Trainer, die dem jungen Julian Nagelsmann die Tür öffneten. Während andere noch fragten, ob man mit Anfang zwanzig überhaupt Trainer sein könne, erkannte Tuchel bereits das außergewöhnliche Talent des heutigen Bundestrainers.

Aus dem Praktikanten wurde der Chef. Aus dem Schüler der Gegenspieler. Der Psychoanalytiker Freud hätte seine Freude daran.

Tuchel selbst bleibt ohnehin eine der schillerndsten Figuren des modernen Fußballs. Manchmal wirkt er wie ein Professor für Quantenphysik, der versehentlich in einer Kabine voller Fußballer gelandet ist. Eigenwillig, gelegentlich sperrig, aber taktisch und motivational von einer Brillanz, die selbst seine Kritiker anerkennen müssen.

Champions-League-Sieger. Mit dem FC Chelsea – damals gegen ManCity. Tuchel, Meister und Pokalsieger seines Fachs, auch in Paris. Finalist auf nahezu jeder großen Bühne.

Wer die bedeutenden Fußball-Denker der letzten zwei Jahrzehnte aufzählt, landet zwangsläufig bei Guardiola, Rangnick – und ziemlich schnell bei Thomas Tuchel.

Vor allem aber hat er etwas geschafft, woran viele ausländische Trainer in England scheitern: Er hat die Insel verstanden.

Die Engländer lieben ihren Fußball wie andere Nationen ihre Monarchie. Mit Hingabe. Mit Pathos. Und regelmäßig mit Leidensfähigkeit.

Tuchel hat diese Kultur mittlerweile so tief verinnerlicht, dass man ihn fast für einen Mann aus Yorkshire halten könnte – würde da nicht dieser schwäbisch-pfälzische Taktik-Akzent durchschimmern.

Beim 4:2-Sieg über Kroatien zeigte sich das exemplarisch. Harry Kane, zum Beispiel. Nur Stürmer? Von wegen, arbeitet auch ungefragt nach hinten. Blockt Bälle aus nächster Nähe mit der Brust vorm eigenen Tor. Das ist kein Heldenmut, sondern der pure Wille, der Glaube an sich selbst, implementiert von Thomas Tuchel. Der den Engländern erzählt habe, Potential sei immer dagewesen, aber nicht ausgeschöpft worden. Und Tuchel hat wirklich nur an ein paar Stellschrauben im System gedreht. Kick’n’rush? Nur wenn es sein muss.

Was Thomas Tuchel noch ausmacht? England hatte gerade ein Gegentor kassiert. Die Nervosität kroch durch die Mannschaft wie feuchter Londoner Nebel über die Tower Bridge.

Da machte Tuchel etwas höchst Unmodernes. Er blieb ruhig. Trinkpause. Kurze Ansprache für Herz, Kopf und Füße. Der deutsche Coach erklärte seinen Spielern, dass sein Bild von ihnen nicht von einem Zwischenstand abhänge. Er forderte Mut. Intensität. Aktivität. Zusammenhalt. Kurz gesagt: weniger Angst, mehr Fußball.

Daran scheitern viele Nationalmannschaften seit Jahrzehnten: Sie spielen nicht mehr gegen den Gegner, sie spielen gegen die Angst vor dem Scheitern.

Und genau dort setzt Tuchel an. Vielleicht macht ihn das derzeit zum gefährlichsten englischen Trainer seit Sir Alf Ramsey.

Sollte tatsächlich Deutschland gegen England kommen, würde die Fußballwelt ein Finale erleben, das vor Symbolik fast überläuft. 1966 gegen 2026. Wembley-Geister gegen deutsche Revanchefantasien. Und mittendrin zwei deutsche Trainer, die einst auf derselben Seite standen. Der eine formte den anderen mit. Der andere fordert nun den Meister heraus. Der Fußball liebt solche Geschichten. Und wenn er ganz besonders gute Laune hat, schreibt er sie auch noch zu Ende.

Man sollte sich also nicht wundern, wenn irgendwo tief in Zürich (Hauptsitz der FIFA) bereits die Druckmaschinen für die Schlagzeilen warmlaufen.

Deutschland gegen England. Nagelsmann gegen Tuchel. Wembley: Hello again. 60 Jahre nach 1966.

Selbst der Fußballgott hätte Mühe, sich ein besseres Drehbuch auszudenken.

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Kommentare ( 26 )

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andreas
29 Tage her

Dann könnte England ja zum ersten Mal Weltmeister werden. Übrigens: wann spielen jetzt die Italiener ihr erstes Spiel 😄?

Sonny
29 Tage her

Da hat der Autor aber die Rechnung ohne die Argentinier und die Franzosen gemacht.
Wunschdenken reicht bei diesem Turnier einfacht nicht.

Tin
29 Tage her

Fand die Kroaten sympathischer. Einen abgewehrten Elfmeter zu wiederholen, bis das Ergebnis passt, sagt viel aus. Das Kane protestierte, dass der kroatische Torhüter sich einen Schritt von der Torlinie bewegte, während er einen Schuss zuerst an täuscht, zeigt was das für ein Charakter ist. Hoffentlich fliegen die Engländer nach der Hauptrunde raus. Diese Lobhudelei ist grotesk.

Ceterum censeo Berolinem esse delendam
28 Tage her
Antworten an  Tin

Kane ist ein herausragend fairer Sportsmann. Er beruft sich nur darauf, was groteskerweise erlaubt ist. Und das ist der Fehler, der im Regelwerk unbedingt korrigiert gehört. Es gehört verboten, beim Anlauf zum Elfmeterschuss abzustoppen. Damit hat der Torwart nämlich so gut wie keine Chance. Dieses Abstoppen gehört deshalb regeltechnisch untersagt.

Deutscher
29 Tage her

Guckt sich wirklich noch jemand die „deutsche Nationalmannschaft“ an? 😄

Leroy
29 Tage her
Antworten an  Deutscher

Nicht mehr, seit sie „die Mannschaft“ genannt wurde.

Ceterum censeo Berolinem esse delendam
28 Tage her
Antworten an  Leroy

Sie vielleicht nicht. Sprechen Sie aber bitte nicht für andere.

Ceterum censeo Berolinem esse delendam
28 Tage her
Antworten an  Deutscher

Ich bin jemand. Und ja, das ist meine Nationalmannschaft. Mir ist das völlig wurscht, welchen Teint ein Spieler hat.

Aliena
29 Tage her

Sollte das so eintreffen, muss Deutschland das Tor gegeben werden, denn der Ball war vor 60 Jahren tatsächlich 95% hinter der Linie.

JoergJ.
29 Tage her

Sehr unwahrscheinlich, denke die deutsche Nationalmannschaft verlässt das Turnier vor der englischen Nationalmannschaft.

Chlorhahn
29 Tage her

Keine Sorge, it takes two to tango. Und Deutschland ist nicht dabei

Zhenmei Zutun
29 Tage her

Auf der einen Seite ein kompetenter Trainer mit williger Truppe. Diesseits des Kanals eine Truppe ohne Stolz und mit einem Übungsleiter

Monostatos
1 Monat her

Kane ist ungeheuer mannschaftsdienlich – allerdings schon seit Längerem. Die Bayern haben sich ihn gerade deswegen ausgesucht, weil er nicht nur ein exzellenter Mittelstürmer, sondern auch ein vorbildlicher Teamplayer ist.

Edwin
1 Monat her

Keine Panik, zu dem Finale wird es nicht kommen. Dafür fehlt der bunten Truppe Deutschland alles, was die Engländer unter Tuchel haben wie Leidenschaft, Kampfgeist und eine Spielidee.

Trotzdem wird es für die Engländer wie für die Argentinier schwer ins Finale vorzustossen, weil damit die Ruhepausen bis dahin kürzer sind als für die Teams, die als erste ins Turnier gestartet sind. Ein strstegischer Nachteil in den KO Spielen, wenn es dann zudem vielleicht in die Verlängerung geht.

Ceterum censeo Berolinem esse delendam
28 Tage her
Antworten an  Edwin

Komisch, dass die Engländer eine noch buntere Truppe sind. Finden Sie nicht?

Edwin
28 Tage her

Oder die Franzosen! Ist wohl durch deren Kolonialzeit bedingt.