Ukraine: Selenskyjs Ex-Stabschef Jermak in Untersuchungshaft

Ein Gericht in Kiew schickt Andrij Jermak in Untersuchungshaft. Der frühere engste Mann Selenskyjs bestreitet Geldwäschevorwürfe, doch die Ermittlungen reichen tief in Kiews Machtapparat hinein.

picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU

Ein Gericht in Kiew hat Andrij Jermak, den früheren Stabschef von Wolodymyr Selenskyj, in Untersuchungshaft geschickt. Zwei Monate Haft, 2,7 Millionen Euro Kaution: So lautet der Beschluss vom 14. Mai 2026 in einem Verfahren, das die Ukraine politisch bis in die Spitze erschüttert. Jermak war nicht irgendein Beamter, er galt jahrelang als engster Vertrauter Selenskyjs, als dessen mächtigster Mann im Hintergrund, als „Nummer zwei“ des Landes.

Vor dem Gerichtssaal erklärte Jermak, er könne die Kaution nicht zahlen. Sein Anwalt werde nun mit Freunden und Bekannten sprechen. Zugleich wies er jede Schuld zurück: Er bestreite alle Vorwürfe, habe nichts zu verbergen und werde Berufung einlegen. Die Unschuldsvermutung gilt. Politisch aber steht der Fall längst nicht mehr am Rand, sondern mitten im Machtzentrum von Kiew.

Geführt wird das Verfahren vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine und von der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft. Die Ermittler werfen den Beschuldigten vor, zwischen 2021 und 2025 rund neun Millionen Euro über den Bau einer luxuriösen Wohnanlage in Kosyn, einem reichen Vorort südlich von Kiew, gewaschen zu haben. Geplant gewesen sein sollen vier private Villen mit jeweils etwa 1.000 Quadratmetern, dazu ein gemeinsamer Wellnesskomplex mit Spa und Schwimmbad. Eines dieser Häuser soll nach Darstellung der Ermittler für Jermak bestimmt gewesen sein.

Am 12. Mai wurde Jermak zusammen mit sechs weiteren Personen offiziell als Verdächtiger benannt. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu zwölf Jahre Haft. Sein Anwalt Ihor Fomin spricht von unbegründeten Vorwürfen. Jermak und seine Verteidigung behaupten, die Antikorruptionsbehörden stünden unter öffentlichem Druck, gegen ihn vorzugehen.

Selenskyj selbst schweigt bislang zu dem Fall und zu den Vorwürfen gegen den Mann, der lange als sein wichtigster politischer Vertrauter galt. NABU und SAPO betonen zugleich, Selenskyj sei nicht Gegenstand der Ermittlungen und derzeit nicht in das Verfahren verwickelt. Das ist juristisch wichtig. Politisch aber bleibt der Schatten, denn die Namen im Umfeld der Untersuchung führen weiter in die obere Etage: Auch Oleksij Tschernyschow, früherer stellvertretender Ministerpräsident, und Timur Minditsch, früherer Geschäftspartner Selenskyjs, werden in dem Komplex genannt.

Jermak war nicht nur ein Mann der Innenpolitik. Er führte für die Ukraine Gespräche mit den Vereinigten Staaten und gehörte zu den prägenden Figuren der Kriegsdiplomatie. Im November 2025 trat er von seinem Posten zurück, damals schon unter wachsendem Druck im Zusammenhang mit der größeren Antikorruptionsuntersuchung. Der Rücktritt war mehr als Personalhygiene. Er war ein Warnsignal, dass der Skandal nicht an den Türen des Präsidentenbüros stehen bleibt, sondern dort längst angekommen war.

Öffentlich wurde der größere Ermittlungskomplex im November 2025. Damals wurde einer von Selenskyjs früheren Geschäftspartnern beschuldigt, bei der staatlichen Atomenergieagentur ein Schmiergeldsystem im Umfang von rund 100 Millionen Dollar, umgerechnet etwa 92 Millionen Euro, betrieben zu haben. Nun steht der frühere Stabschef des Präsidenten vor Gericht. Für eine Regierung, die sich nach außen als Bollwerk, Reformmacht und künftiges EU-Mitglied präsentiert, ist das ein verheerender Befund.

Die Ukraine steht seit Jahren unter massivem Druck ihrer Partner in der Europäischen Union und internationaler Geldgeber, bei der Korruptionsbekämpfung endlich belastbare Fortschritte vorzulegen. Gerade dieser Bereich bleibt zentral für Kiews Antrag auf EU-Mitgliedschaft. Die Europäische Kommission drängt die Ukraine wiederholt, die Unabhängigkeit ihrer Antikorruptionsinstitutionen zu stärken. Wer Milliardenhilfen aus dem Westen beansprucht und zugleich den Weg nach Brüssel gehen will, kann solche Verfahren nicht als Nebenwiderspruch behandeln.

Der Fall Jermak ist deshalb mehr als ein weiterer Korruptionsverdacht in einem Land im Krieg. Er ist ein politischer Belastungstest für Selenskyjs Herrschaftssystem. Seit dem Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 stand die Regierung unter dem Schutzschirm des Ausnahmezustands, der Solidarität des Westens und der moralischen Dringlichkeit des Krieges. Nun kommt eine Frage zurück, die sich mit Pathos nicht erledigen lässt: Wer kontrolliert die Macht in Kiew, wenn die Macht sich selbst kontrollieren soll?

Für Selenskyj ist das einer der schwersten politischen Schläge seit Kriegsbeginn. Sein früherer engster Mann sitzt in Haft. Die Ermittler sprechen von Luxusimmobilien, Geldwäsche und einem Netzwerk bis in frühere Spitzenämter. Die Verteidigung bestreitet alles. Doch selbst wenn am Ende Gerichte entscheiden müssen, ist der politische Schaden bereits angerichtet: Der Westen finanziert, Brüssel mahnt, Kiew verspricht Reformen, und ausgerechnet im innersten Umfeld des Präsidenten öffnet sich ein Korruptionsverfahren von historischer Schwere.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 16 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

16 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Audix
26 Tage her

Was soll die Show um die kleinen Summen? Korruptionsbekämpfung heucheln, um die wahren Absahner zu schützen. Wie war das noch mit Selenskijs Pandora – Geschäfzen? Vergessen? Hier bitte nachlesen: https://www.bpb.de/themen/europa/ukraine-analysen/342240/dokumentation-offshore-geschaefte-selenskyj-und-kolomojskyj-in-den-pandora-papers/. DER HAUPTARTIKEL IST BEI BPB INZWISCHEN GELÖSCHT. Warum wohl?

Manfred_Hbg
26 Tage her

Zitat: „Gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj laufen derzeit keine Ermittlungen von Antikorruptionsbehörden, erklärte der Leiter des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine, Semen Krywonos, bei einer Pressekonferenz in Kyjiw.“ > Mal abgesehen davon, dass auch grad erst vor wenigen Tagen der durch die Welt reisende Pistorius (SPD) unangekündigt in Kijiw eingetroffen ist anstatt sich besser mal mehr um unsere eigene Bundeswehr zu kümmern und sorgen, so ist dann auch an anderer Stelle durch die NABU der auch hier im Artikel erwähnte Hinweis zu hören, dass in diesen Fall gegen Selenskyj keine Ermittlungen laufen sollen. WENN in einem sozialistischen Land wie es… Mehr

prague
26 Tage her

Wo man hinschaut Korruption, ob das Ukraine, Spanien und gewiss auch andere und Deutschland zahlt, zahlt und zahlt und fühlt sich als Gutmensch.

Manfred_Hbg
26 Tage her
Antworten an  prague

…und vergessen wir hier dann aber auch das Leyen’sche EU-Brüssel mit seinen Pseudodemokraten nicht.

Marcel Seiler
26 Tage her

Allen denen, die die Korruption in der Ukraine zu einem Argument machen wollen, dass der Westen die Ukraine nicht unterstützen solle:

Der Westen unterstützt die Ukraine nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil es unbedingt nötig ist, Putins und Russlands Angriffskrieg abzuwehren. Dies zur Abschreckung Russlands/Putins, die zaristischen Imperiumspläne aufzugeben. Ebenfalls zur weltweiten Abschreckung, etwa Chinas vor einem Angriff auf Taiwan.

Ein Abendgebet der Form, „Ich bin klein, mein Herz ist rein“, wie es viele vorziehen würden, bewahrt den Weltfrieden nämlich nicht.

Last edited 26 Tage her by Marcel Seiler
Sabine Schoenfelder
26 Tage her
Antworten an  Marcel Seiler

Führte Putin einen Angriffskrieg, wäre die Ukraine schon lange perdu….
Er hätte nicht gewartet, bis die Ukraine aufrüstet. Er beobachtet, schätze amüsiert, wie Selenskyj durch Europa und die Welt jettet, übrigens CO2- intensiv, um alten Militärschrott zusammenzusammeln.
Sie kennen die politischen Zusammenhänge, Vertragsbrüche des Westens, Provokationen und Schikanen des „Wertewesten“, und Putins Androhungen im Vorfeld.
Der Krieg dient der globalen Aufrüstung und der Transformation. Die Ukraine fungiert als pekuniäres Sammelbecken mit intransparenten Abflüssen in dunkle Kanäle…
Rußland ist eine Atommacht, die EU eine macht- evozierenden Lobbyvertretung mit einer gegenderten Regenbogenarmee…und die Ukraine so verloren….

Marcel Seiler
25 Tage her
Antworten an  Sabine Schoenfelder

Wenn Putin etwas Kriminelles tut, mordet oder Hunderttausende in den Tod schickt, ist er nach Meinung einiger immer nur „provoziert“ worden: vom bösen Westen, den bösen USA, den kriegsgeilen Kapitalisten… Als sei Putin ein weiteres Opfer des bösen Weißen Mannes, der geschützt werden müsse.

Eine tragische Schwäche des Westens ist, dass wegen einer relativ freien Presse hier jedes kleinste Übel bekannt wird. Die pathologischen Großverbrechen von Diktaturen und Gewaltherrschern sind hingegen wegen Zensur kaum bekannt. Putin, Hamas, der gesamte Islam nutzen diese Schwäche erfolgreich aus. Dies verzerrt die Weltsicht der westlichen Bevölkerung in fataler Weise.

Last edited 25 Tage her by Marcel Seiler
Mediator
26 Tage her

Zitat: „…Selenskyj sei nicht Gegenstand der Ermittlungen und derzeit nicht in das Verfahren verwickelt…“. Der (einzige) Grund: Nach der Ukrainischen Verfassung sind (strafrechtliche) Ermittlungen gegen den amtierenden Präsidenten verboten. Deshalb kann Selenskyj weder Wahlen veranstalten noch den Krieg beenden (was zu Wahlen führen würde). Er muss als Diktator weitermachen, wobei ihn Werte-Uschi aus Brüssel mit unserem (veruntreuten) Geld unterstützt. Und auffällig ist auch, dass mit den (längst bekannten) „Enthüllungen“ gewartet wurde, bis die korrupte Ukraine die nächsten 90 Mrd. europäischer Steuern geschenkt bekam, die hierzulande an allen Ecken und Enden fehlen.

Talleyrand
26 Tage her

Da wird wohl um die Selenskij Nachfolge gerangelt und die Bahn frei gemacht, eine einsichtigere Brüssler Marionette platzieren zu können, die nicht so viel Geld versenkt und die Restukraine für den westlichen ROI rettet? Krieg muss sich ja lohnen, wie man vor allem in den USA weiß.

Last edited 26 Tage her by Talleyrand
BKF
26 Tage her

Waren dieser Antikorruptionsstelle nicht auch Beamte vom FBI aus den USA beratend beigestellt worden? Könnte nicht auch daher der Wind wehen, warum und weshalb genau jetzt?

Raul Gutmann
26 Tage her

Was der Weltöffentlichkeit dargeboten wird, ist mindestens eine doppelbödige Inszenierung.
Niemand sollte glauben, die westlichen Geldgeber der Ukraine würden sich über die Ukrainische Korruption Illusion hingeben. Im Gegenteil nehmen die USA über die von ihnen kontrollierten NABU und SAPO signifikanten Einfluß auf die ukrainische Innenpolitik.
Selenskyj und seine westeuropäischen Unterstützer handeln nachhaltig wider Trumps Intentionen? Der US-Präsident vermeidet einen internationalen Eklat, sondern weist NABU an, seit langem bekannte Korruptionsstrukturen der Öffentlichkeit zu offenbaren. Die daraus folgenden Konsequenzen sehen wir aktuell …

Last edited 26 Tage her by Raul Gutmann
wegmitdenaltparteien
26 Tage her

Der Anwalt Ihor Fomin heißt Igor! Das kyrillische H ist ein lateinisches G, auch wenn Deutsche das offenbar niemals lernen (wollen).

Selensky steht offenbar bei Trump bzw. dessen Strategie noch hoch im Kurs, andernfalls wäre in der Ukraine schon Ruhe eingekehrt.

Der Ingenieur
26 Tage her

Ich lese immer nur von „Millionen„.

Das sind doch m.E. nur Nebelkerzen und Bauernopfer.

In Wirklichkeit sind doch wohl zig-Milliarden unserer Steuergelder ohne irgendeinen Nachweis einfach verschwunden.

Last edited 26 Tage her by Der Ingenieur