Nach Pubertätsblocker-Kritik: Róisín Murphy zieht Wut der Trans-Lobby auf sich

Ein Kommentar genügt, und schon wird gecancelt: Die Auseinandersetzung um die irische Sängerin Róisín Murphy zeigt, wie brutal die Öffentlichkeit in der angeblich so freien Anglosphäre sein kann. Nach J.K. Rowling wird nun zum Halali auf Murphy geblasen, die BBC cancelt ihre Inhalte, Konzerte werden abgesagt - während Murphy den größten Chart-Erfolg ihrer Karriere landet

IMAGO / ZUMA Wire

Die irische Sängerin Róisín Murphy steht gerade auf Platz zwei der britischen Charts mit ihrem beinahe etwas durchsichtig programmatischen Titel „Hit Parade“. Murphy war früher Teil des Duos Moloko und startete nach ihrer (auch privaten) Trennung vom Produzenten Mark Brydon vor zwanzig Jahren eine Solo-Karriere mit eigener Band.

Ihr neues Album bewirbt Murphy mit einer Plastikpuppe im bunten Streifenlook, mit einem übertrieben grinsenden Plastikgesicht, dessen Mund leicht „gemacht“ wirkt. Überhaupt ist diese Welt quietschbunt und angemalt, hört sich dafür aber angenehm entspannt an. Man darf all das wohl als Auseinandersetzung mit den Gefahren unserer Zeit ansehen. Ein Song heißt sogar: „Do you believe in Free Will?“ – „Glaubst du an freien Willen?“ Aber das kann man kaum als eine Absage werten.

Es lief also eigentlich gut für Murphy, wenn da nicht kurz vor knapp noch etwas passiert wäre. Denn da äußerte sich die Irin auf ihrer eher privaten Facebook-Seite zum anhaltenden Transgender-Trend. Ihr Kommentar gelangte durch Screenshots an die „Außenwelt“, und so war auch angesichts des Themas unmittelbar mit einigen Reaktionen zu rechnen. Murphys ursprünglicher Post wird so überliefert: „Pubertätsblocker sind bescheuert (fucked), absolut desolat, Big Pharma lacht sich ins Fäustchen. Kleine verwirrte Kinder sind verletzlich und müssen beschützt werden, das ist einfach wahr. Bitte nennen Sie mich nicht eine TERF, bitte wenden Sie dieses Wort nicht mehr gegen Frauen.“

Die eigene klaustrophobische Blase auf die Menschheit ausdehnen

Eigentlich ist das gar keine kontroverse Aussage mehr, seit sich der Wind international zu drehen beginnt und Pubertätsblocker in einigen Ländern als normalerweise nicht zulässig gelten – so etwa in Großbritannien, wo es aber wohl weiterhin unschöne Schlupflöcher geben wird. Doch das besagt noch nichts über den mentalen Zustand der Menschen. Es gab jedenfalls mediale Reaktionen und auch ein paar reale: Zwei Auftritte in London wurden kurzfristig und ohne Begründung abgesagt. Das fühlt sich schon beim Lesen brutal an, für den Künstler selbst besitzt es einen anderen Grad der Intensität. Angeblich wollte auch Murphys Label die Werbung für ihr neues Album einstellen. Und noch angeblicher wollte das Label die Einnahmen aus ihrem Album mit Pro-Trans-Gruppen teilen. Doch das blieben unbestätigte Gerüchte, die dennoch zeigen, was für ein heißes Eisen das ganze Thema ist.

Der links-woke Guardian machte aus seiner Berichterstattung zu „Hit Parade“ prompt ein politisches Fanal und schrieb: „Hit Parade – ein meisterliches Album, mit einem hässlichen Fleck“. Der Rezensent hält es für unmöglich, dass man dieses wunderschöne Album nun noch hören könne, ohne an Murphys Pubertätsblocker-Kommentar zu denken. Das ist genauso klaustrophobisch in der eigenen Blase steckengeblieben wie maßlos im Ausdehnen dieser Blase auf alle Menschen.

Es ist außerdem so ähnlich argumentiert wie die Einstellug einiger Harry-Potter-Fans zur bekannten Trans-Kritikerin J. K. Rowling: Man liebt ihre Bücher, glaubt ihnen aber entsagen zu müssen, weil die politischen Ansichten der Autorin gar zu fürchterlich seien. Rowling war wohl die erste, öffentlich weithin bekannte TERF (kurz für trans-exklusive radikale Feministin), seit sie sich mit der geschassten Buchhalterin Maya Forstater solidarisiert hatte, die auszusprechen gewagt hatte, dass eine international bejubelte und preisgekrönte „Bank-Managerin“ nur gelegentlich Frauenkleider anzog, wenn ihr oder ihm der Sinn danach stand. Außerdem kritisierte Rowling die Labour-Partei für ihr Kuscheln mit der Transgender-Industrie.

Ein Sorry an die Überrumpelten und dann der Rückzug

Seitdem ficht Rowling ihren Streit mit den Trans-Aktivisten beharrlich und mit Standfestigkeit aus. Bei Róisín Murphys Facebook-Post hätte man denken können, dass die Irin in die Fußstapfen der Britin tritt. Doch Murphy zuckte mitten in ihrer PR-Tour für das neue Album ganz leicht und elastisch zurück, was wiederum belegt, wie groß der Druck in der internationalen Musik- und Kulturszene inzwischen sein könnte.

Murphy reagierte darauf, indem sie sich in einem wortreichen Text dafür entschuldigte, aber auch rechtfertigte. So tut ihr leid, dass ihr Kommentar „in unmittelbarer Weise verletzend für viele von euch“ gewesen sei. Sie versteht angeblich den Schock ihrer Fans, die von ihren Kommentaren „überrumpelt“ worden seien, äußert Verständnis auch noch für diejenigen ihrer Fans, die sie nun „verlassen“ haben oder das noch tun werden. Nun ja, warum sollte man solchen Opportunisten auch eine Träne nachweinen? Aber in Wahrheit ist Murphy damit auch genau so weit zu Kreuze gekrochen, wie es die üblen Konzertabsager und Canceller von ihr verlangten.

Dennoch beharrt Murphy darauf, „aus Liebe zu uns allen“ gesprochen zu haben, und stellt fest, dass sie gar nichts von „festgefügten Ansichten“ hält. Sie habe in ihrem ganzen Leben die Vielfältigkeit der Menschen (diversity), aber auch unterschiedliche Standpunkte gefeiert und habe mit ihrer Musik nie „zynisch auf eine bestimmte demographische Gruppe gezielt“. Nun werde sie diese politische Diskussion meiden, weil es ihr in Wahrheit nur um Musik geht. Und klar, es waren ja eigentlich nur ein paar (halb) private Kommentare, gerichtet an ihre Facebook-Freunde.

Murphy bleibt also bei ihrem Standpunkt, will ihn nur nicht mehr öffentlich kundtun. Das ist natürlich kein Gewinn für ein offenes Meinungsklima, aber immerhin kassiert die stolze Irin so auch einen Teil ihrer Entschuldigung wieder oder stellt klar, was sie damit meint. Es ist der Rückzug aus einer verkorksten Diskussion. In einer neuen Story in der deutschen Vogue https://www.vogue.de/artikel/roisin-murphy-hit-parade-interview gibt Murphy eine grimmige Wahrheit über sich preis: „Ich war noch nie jemand, mit dem zu spaßen war. Niemand hat je versucht, mich zu verarschen.“ War also vielleicht alles nur Mache? Und sollen nun die jeweils Geneigten annehmen, dass Murphy eine starke Kämpferin an der Seite Rowlings ist, während alle anderen wissen dürfen, dass Róisín auch sie noch immer liebt?

In den alten Stand der ‚Unschuld‘ kommt Murphy wohl nicht mehr

Der Journalist Andrew Neil vom Spectator und GB News machte darauf aufmerksam, dass sich Murphy nun so unterwürfig, wie sie auch wolle, „für ihre Abtrünnigkeit“ in Sachen Pubertätsblockern entschuldigen könne. Sie werde „schnell herausfinden, dass die Extremisten, die sie beleidigt hat, niemals besänftigt werden können“.

— Andrew Neil (@afneil) September 13, 2023

Derweil hat die BBC eine für nächste Woche angesagte „lange Nacht“ mit Murphy-Songs und Interviews abgesagt. Viele wittern hier den nächsten Schritt der allgemeinen Cancel Culture. Doch die BBC bestreitet, dass das so sei. Hier gehe es um „senderweite Initiativen“, die dazu führten, dass Programme teilweise geändert werden. Das klingt schon etwas merkwürdig und erinnert an die Mitarbeiter-Aufstände in anderen Medienhäusern wie etwa der New York Times, in denen sich regelmäßig die „Wokisten“ gegen klassisch-liberale Positionen auflehnten.

Bei der BBC will man nun mit dem Schaffen der Nachwuchs-Rapperin Little Simz „Poesie, Rap und dass gesprochene Wort feiern“, passend zum National Poetry Day – von dem man sicherlich schon ein paar Tage eher ahnen konnte, dass er kommen würde. Angeblich will man Róisín Murphy aber bald wieder spielen, wie auch BBC-Skeptiker nun hoffen. Aber vor allem wird sich vermutlich zeigen, dass auch die besten Worte der Entschuldigung Róisín Murphy nicht wieder in jenen Stand der ‚Unschuld‘ versetzen können, den sie vor ihrem Pubertätsblocker-Kommentar besaß. Von nun an wird sie wohl von allen mehr oder weniger einem Lager zugeordnet werden. Damit hatte der Guardian-Rezensent wohl Recht.


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