GKV-Reform: Weniger Kassen allein heilen das kranke System nicht

Die Bundesregierung sucht die Beitragsbremse. Die CDU diskutiert zehn Kassen. Doch bislang hat die Kassen-Fusion keine Einsparungen gebracht. Im Gegenteil: Die Kassen verstecken die wahren Kosten, so der Unternehmensberater Steffen Moldenhauer.

picture alliance / Andreas Gora | Andreas Gora

Wer nur Kassen zählt, übersieht den eigentlichen Hebel: Risiken, Prozesse, IT, Daten – und die verdeckten Systemkosten. Denn der verheimlichte Verwaltungsaufwand ist doppelt so hoch wie angegeben. Darin liegt der eigentliche Reformbedarf. Die geplanten Einsparungen in der Prophylaxe dagegen treiben künftig die Kosten noch weiter an. Damit wird an der falschen Stelle gespart, statt die wirklichen Reserven zu heben.

Die Bundesregierung hat eine Gesundheitsreform beschlossen, die nun im Bundestag diskutiert werden muss. Offiziell geht es um Beitragssatzstabilisierung und Ausgabendämpfung. Das ist nötig, aber zu klein gedacht. Der Entwurf operiert an Symptomen. Er stellt nicht die industrielle Kernfrage: Warum wird ein weitgehend standardisiertes System weiterhin so kleinteilig verwaltet?

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat die Reduktion auf zehn bis zwanzig Kassen ins Spiel gebracht. Als Filter steht eine Mindestgröße von mehr als einer Million Versicherten im Raum. Das klingt entschlossen. Es bleibt aber eine halbe Reform. Zehn große Kassen mit derselben bunten Risikomischung sind am Ende nur zehn große Gemischtwarenläden. Auch hier gilt: Größe allein ist noch keine Strategie.

Der Blick auf die Zahlen ist ernüchternd. Nach dem GKV-Spitzenverband sank die Zahl der Krankenkassen von 1.147 im Jahr 1990 über 420 im Jahr 2000 und 169 im Jahr 2010 auf 93 zum 1. Januar 2026. Das ist eine massive Konsolidierung. Nur: Der erwartbare Effizienzsprung blieb aus. Folgt man den Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des GKV-Spitzenverbandes, gab es 1990 rund 200.000 und Ende 2025 rund 213.000 Mitarbeiter in der GKV. Ein Plus von 13.000 Mitarbeitern gegenüber 1990. Mit anderen Worten: weniger Kassen, aber nicht automatisch weniger Verwaltungskomplexität und Bürokratielogik.

Noch problematischer ist die Kostenoptik. Das Bundesgesundheitsministerium weist für 2024 rund 12,63 Milliarden Euro Netto-Verwaltungskosten und 15,98 Milliarden Euro Brutto-Verwaltungskosten aus. In dieser Bruttorechnung stecken bereits Positionen, die gern übersehen werden: 10,8 Milliarden Euro persönliche Verwaltungskosten, über 640 Millionen Euro Ruhegehälter und Versorgungsbezüge, mehr als 550 Millionen Euro Mieten, Bewirtschaftung und Abschreibungen für Gebäude sowie rund 519 Millionen Euro Mieten für bewegliche Einrichtungen.

Doch selbst diese Bruttorechnung ist nur die enge Krankenkassenrechnung. Daneben existieren Systemkosten: Pflegekassen haben keine eigene Verwaltung und erstatten den Krankenkassen 2024 rund 1,76 Milliarden Euro. Die gematik (Nationale Agentur für Digitale Medizin) plant für 2025 einen Brutto-Ausgabenhaushalt von 126,9 Millionen Euro; nach Angaben aus dem Kassenumfeld tragen gesetzlich Versicherte rund 93 Prozent dieser Kosten. Hinzu kommen Telematikzuschläge für Krankenhäuser, ePA- und TI-Umsetzung, externe IT-Dienstleister, Rechenzentren, Immobilienprogramme und langfristige Versorgungs-/Pensionslasten. Öffentlich sauber zusammengeführt wird dieser Block nicht.

Damit ist die oft genannte Zahl von knapp 13 Milliarden Euro zu niedrig, wenn man die tatsächliche Steuerungs- und Verwaltungslast des Systems verstehen will. Wenn man die Geschäftsberichte der GKVen auswertet und die weiteren öffentlich zugänglichen Daten mit hinzuzieht, kommt man auf einen Verwaltungskostenblock von ca. 30 Milliarden Euro – also doppelt so hoch wie angegeben.

Dies unter der Voraussetzung, dass man die gesetzlichen Krankenkassen wie „normale“ Versicherungen bilanzieren würde. Somit ist der eigentliche Reform-KPI und die damit zugrundeliegende Prüfthese eine andere, als die politisch erzählte: Wenn man enge Verwaltung, erstattete Verwaltung, Digitalinfrastruktur, ausgelagerte IT und langfristige Personalverpflichtungen zusammenführt, entsteht dieser doppelt so hohe Systemverwaltungskostenblock, der politisch transparent gemacht werden muss.

Genau hier liegt der Denkfehler der Zehn-Kassen-Idee. Wer nur nach Versichertenzahl fusioniert, bündelt Bestände, aber keine Gesundheitsrisiken. Alle Kassen behalten dann körperlich schwer arbeitende Menschen, Büro- und Wissensarbeiter, Rentner, Familien und Mischgruppen in einer bunten Masse. Das schafft größere Organisationen, aber keine präzisere medizinische Steuerung.
Das Drei-GKV-Konzept setzt anders an: gleiche Prozesse, gleiches IT-System, gleiche Datenarchitektur – aber drei Risikoklassen. Erstens: hart körperlich arbeitende Berufe. Zweitens: primär sitzend und denkend arbeitende Berufe. Drittens: Mischprofile. Diese Struktur wäre näher an realen Belastungen: Muskel-Skelett-Erkrankungen, Verschleiß und Reha-Pfade auf der einen Seite; Bewegungsmangel, Stress und Stoffwechselrisiken auf der anderen.

Der Vergleich mit den Berufsgenossenschaften liegt nahe. Dort ist Prävention kein Marketingwort, sondern Systemauftrag entlang beruflicher Risiken. Übertragen auf die GKV hieße das: nicht Krankheit verwalten, sondern Gesundheit nach Risikoprofil steuern. Große Datenpools je Risikoklasse könnten schneller zeigen, welche Therapien wirken, welche Präventionsprogramme sich rechnen und welche Behandlungen nur Geld verbrennen.

Die politische Frage lautet deshalb nicht: zehn Kassen oder 93? Die Frage lautet: bloße Fusion oder echte Neuordnung? Zehn Kassen nach Kopfzahl wären ein Verwaltungsumbau. Drei risikoorientierte Kassen mit einheitlicher IT wären eine Reform. Wer Beiträge stabilisieren und volkswirtschaftliche Kosten aus Krankheit auf Sicht deutlich reduzieren will, muss an die Struktur – und an die ehrliche Vollkostenrechnung. Alles andere ist Gesundheitspolitik nach Aktenlage.

Kernthese: Die amtlichen Netto-Verwaltungskosten zeigen nur einen Ausschnitt. Reformfähig wird das System erst, wenn ein erweiterter Verwaltungs- und Systemkostenblock transparent ausgewiesen und anschließend durch Standardprozesse, gemeinsame IT und risikoorientierte Steuerung reduziert wird.

Methodischer Hinweis zur 30-Milliarden-These

Die 30-Milliarden-Größe wird im Text nicht als amtliche Verwaltungskostenquote behauptet. Sie wird als erweiterte Prüfrechnung behandelt, weil öffentliche Quellen die Zusatzhaushalte und ausgelagerten Kostenblöcke nicht konsolidiert ausweisen. Genau diese Transparenzlücke ist Teil der Kritik.

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Kommentare ( 47 )

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JamesBond
2 Tage her

Die Krankenkassen „Reform“ dient doch nur dazu fast alle Beteiligten für die ca. 12 Mrd. € an Kosten weiter zur Ader zu lassen, die für Bürgergeldempfänger vom Staat an zuwenig Zuschüssen geleistet werden. Der Bundeshaushalt soll nicht weiter belastet werden, damit der ÖRR, Entwicklungshilfe und Ukrainrhilfe nicht eingerschränkt werden müssen, eigentlich erfüllt das den Straftatbestand der Untreue.

Last edited 2 Tage her by JamesBond
Karl Schmidt
22 Tage her

Du liebe Güte! Ihr Autor könnte bei der EU anheuern. Natürlich bilden die genannten Risikoklassen bereits kein vernünftiges Bild ab: Schon die genetische Veranlagung, die sehr wesentlich im Bereich der Krankenkassen – anders als bei Arbeitsunfällen und Berufs(!)krankheiten im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung – sind, bleiben unberücksichtigt. Die vorgeschlagene Klassifizierung kann ich schon deshalb nur als untauglich bezeichnen. Doch es ist auch ein Bürokratieungetüm: Es spielt keine Rolle, wie die Risiken innerhalb der GKV verteilt sind: Das sind keine Unternehmen, sondern Behörden. Sie besitzen keine Bestandsrechte und müssen nicht „fair“ behandelt werden. Demgemäß müssen auch Risiken nicht (sach)gerecht verteilt werden.… Mehr

palimpalim2020
25 Tage her

Der rosa Elefant im Raum: Millionen GKV-Hausfrauen zahlen nichts ein, werden trotzdem versorgt.

Riffelblech
26 Tage her

Es ist derartig fad den ganzen Quatsch über KK und deren Kosten zu lesen für jemanden der beruflich mit diesen quasi verbeamteten Institutionen zu tun hatte. Die KK sind ein Geschäftsmodell ,wenn nicht gäbe es sie in dieser Zahl nicht . Die Vorstände und Bereichsleiter und Angestellte verdienen sich die dumm und dämlich . Und Alles auf Kosten der Beitragszahler. Hinten runter fallen die wirklich Kranken . Wieso müssen KK zu Hunderten existieren? Weil es Geld bringt ! Weil von dem eingenommenen Geld so viele Angestellte und Vorständler bestens leben . Tolle Pensionen obendrauf . Dieser ganze Zirkus könnte ,wenn… Mehr

Hans Wurst
27 Tage her

Und wer soll die Verantwortung für diese Dreiklassenkasse übernehmen? Der Staat? Die Verwaltungskosten der GKV lagen 2024 bei unter 4% der Gesamtausgaben. Man zeige mir ein Unternehmen oder eine Behörde, welche mit einer derart geringen Quote auskommen können. Und von diesen 4% geht ein nicht geringer Teil für den verbeamteten Wasserkopf bei der Knappschaft drauf. Der größte Posten sind hier, wie beim öff. Rundfunk auch, die Pensionsrückstellungen. Die anderen Krankenkassen funktionieren so effizient, wie es eben gehtmit zwei Regierungsparteien, die regelmäßig ihren Wahlkamf mit Versichertengeldern finanzieren. M.E. sollte sich der Bund aus der Selbstverwaltung raushalten und seine Eingriffe auf das… Mehr

Reinhard Peda
27 Tage her

Wenn Sie zum Facharzt müssen brauchen Sie eine Überweisung vom Hausarzt. Wenn der Facharzt seine Behandlung durchführt wird das Untersuchungsergebnis nicht automatisch an den Hausarzt übermittelt. Das muss der Hausarzt anfordern. Dabei sollte doch der Hausarzt alles über den Krankheitsverlauf seines Patienten wissen, oder nicht? Wenn Sie früher mit der Krankenkasse zu tun hatten, wurden Sie einem Sachbearbeiter zugewiesen der ihren Krankheitsverlauf im wesentlichen wusste. Heute Anrufen, jedes Mal eine andere Stimme hören, der sich natürlich wieder durch ihre Krankenakte durchkämpfen muss, bis derjenige weis was mit ihnen los ist. Ich will gar nicht wissen wieviel Leeerlauf dadurch produziert wird.… Mehr

Hans Wurst
27 Tage her
Antworten an  Reinhard Peda

Wann war denn dieses Früher?
Das Gesundheitswesen ist mittlerweile so komplex, dass ein Sachbearbeiter allein nicht mehr alle Leistungen bearbeiten kann. Daher haben die Krankenkassen Fachabteilungen, welche die teils hochkoplexe Fallbearbeitung durchführen. Bei einem Elektrorollstuhl z.B. ist u.a.die Fahrtauglichkeit zu prüfen, auch in Zusammenhang mit Medikamenten, Begleiterkrankungen etc.Was den Rollstuhl aus dem Internet angeht, das machen die Kassen nicht zum Spaß,das ist einfach Gesetz(Sachleistungsprinzip SGBV §2 (2))

Reinhard Peda
27 Tage her
Antworten an  Hans Wurst

Bin 74 Jahre alt, das früher können Sie sich selbst ausrechnen. Wenn mein Schwerbehindertenstatus, in Zusammenarbeit von Amtsärzten, von 50% auf 100% angehoben, zum G noch Ag und B kommen, dazu in der Laufzeit unbegrenzt, Anspruch auf einen Schwerbehindertenparkplatz habe, dann kann man das als eine hochkomplexe Fallbearbeitung bezeichnen. Die Bewilligung eines Elektrorollstuhls sollte daher nur eine Formalie sein. Zu dieser Formalie dürfen auch andere TE-Leser ihre Erfahrungen beitragen. Die Beantragung einer Pflegestufe und deren Ablehnung, gehört auch zu den Trauerspielen die die Fachabteilungen den Kranken zumuten. Da erdreisten sich Pflegefachkräfte, ohne Ärztliche Ausbildung, alle vorhanden ärztlichen Befunde zu ignorieren.… Mehr

Judith Panther
27 Tage her

Böse Zungen behaupten ja, es hätte vielleicht auch etwas hiermit zu tun:
https://tkp.at/2026/05/15/heilung-kein-geschaeftsmodell-die-logik-der-medizin-industrie/
Aber das sind nur böse Zungen – böse, rechte, rassistische Querdenkerzungen von notorischen Aluhutträgern sind das.

Last edited 27 Tage her by Judith Panther
Ohanse
27 Tage her

Das Bild zum Artikel: Wie aus einem ABBA-Video. Nur in unhübsch.

humerd
27 Tage her

im Pleite Griechenland werden familien- und sozialpolitische Leistungen, sowie gesamtgesellschaftliche Aufgaben aus Steuermitteln finanziert. Im reichen Deutschland müssen dies die gesetzlichen Sozialkassen und erhalten dafür einen nicht Kosten deckenden Zuschuss aus Steuermitteln.

humerd
27 Tage her

Die Finanzierung der Beiträge von Bürgergeldempfängern aus Steuermitteln ist der Vorschlag mit dem größten Einsparvolumen. Allein dadurch könnte die gesetzliche Krankenversicherung nach Ansicht der Experten um zwölf Milliarden Euro ab 2027 entlastet werden. Lars Klingbeil ist dagegen. „der Haushalt habe jetzt schon Lücken, so Klingbeil. »Die werden nicht kleiner, wenn wir noch mehr Geld herausnehmen.« Der Vorschlag der Expertenkommission zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherungen sei daher keine echte Entlastung, sondern eine »Milchmädchenrechnung«.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/lars-klingbeil-will-kassenbeitraege-fuer-buergergeldempfaenger-nicht-von-steuern-bezahlen-a-a18bfe65-9bb9-44a6-9378-76a08cb24c17 Der Kompromiss: das Almosen dafür aus Steuermitteln an die gKVs wird die nächsten Jahre auf 520 Millionen€ erhöht. Im Gegenzug kürzt der Finanzminister die Zahlungen für die… Mehr