Marokkos Machtdemonstration: Die Hand an der Invasionsschleuse

Jetzt sind es also mindestens 60.000 Migranten, die aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta eingedrungen sind. Spaniens Regierungschef Sánchez spricht von einem Angriff – es ist der größte seit Jahren. Es darf angenommen werden, dass Marokko ganz bewusst seine Menscheninvasionsschleusen öffnete.

picture alliance / abaca | Europa Press/ABACA

Den plötzlichen Anstieg führt Pedro Sánchez auf ein Gerücht zurück, das die Schleusermafia gestreut habe. In jedem Fall nimmt der spanische Ministerpräsident den Vorfall so ernst, dass er nach Ceuta gereist ist. Andere führen den Anstieg auf ein wegweisendes Urteil aus jüngster Zeit zurück. Der Oberste Gerichtshof in Spanien entschied nämlich Mitte Juli 2026, dass Migranten, die schwimmend spanischen Boden erreichen, nicht mehr direkt nach Marokko zurückgewiesen werden dürfen. Dies hat eine enorme Sogwirkung ausgelöst, da die Menschen nun eine rechtliche Prüfung ihres Verbleibs in der EU erwarten können.

Auch sonst setzt Marokko gern Menschenmassen als Druckmittel gegen die EU ein. Das Land selbst ist durchaus in der Lage, seine Grenzen wirksam zu schützen. Seine Sicherheitskräfte sind nicht zimperlich.

Doch jetzt berichten Medien, dass Grenzanlagen zeitweise nicht von marokkanischen Sicherheitskräften bewacht wurden. Die Einsatzkräfte hätten sich teilweise zurückgezogen, als die Migrantenmassen die Sperren passierten. Auch jetzt darf also angenommen werden, dass Marokko bewusst die Schleusen öffnete. Erst kürzlich reiste Sánchez nach Algerien, um dortige diplomatische Krisen beizulegen – Algerien und Marokko gelten in Nordafrika als politische Erzfeinde.

Die Nutzung von Migration als politisches und finanzielles Druckmittel hat in Marokko eine lange Tradition. Allerdings ist die Absicht nicht bei jeder Krise gleich gut nachweisbar. Besonders eindeutig sind die Fälle von 2017 und 2021.

Bereits 2003 erklärte die marokkanische Ministerin für Auslandsmarokkaner, Nezha Chekrouni, die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung illegaler Migration hänge letztlich davon ab, dass die EU Marokkos wirtschaftliche Entwicklung unterstütze. Das war zwar Klartext, aber noch keine demonstrative Grenzöffnung, ließ jedoch das Grundprinzip durchscheinen: Geld, Handel und politische Rücksichtnahme gegen Grenzkontrolle.

Nach den Massenanstürmen auf Ceuta und Melilla 2005 setzte sich Spanien wundersamerweise innerhalb der EU für Programme ein, die Marokkos Interessen und Finanzierungswünsche stärker berücksichtigten.

Eindeutig lag der Fall im Februar 2017: Hintergrund war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, nach dem die EU-Handelsabkommen mit Marokko nicht ohne Weiteres auf die besetzte Westsahara angewandt werden durften. Für Rabat standen damit Agrar- und Fischereivorteile auf dem Spiel.

Der damalige Landwirtschaftsminister und heutige Regierungschef Aziz Akhannouch warnte, Behinderungen des Abkommens könnten zur „Wiederaufnahme der Migrationsströme“ führen. In einem Interview fragte er noch deutlicher: „Warum sollten wir weiterhin den Polizisten spielen?“

Prompt kamen 853 Menschen innerhalb von 72 Stunden über die Zäune nach Ceuta, fast halb so viele wie im gesamten Jahr 2016. Am 17. Februar schafften es knapp 500, drei Tage später weitere 359. Einen Tag nach der marokkanischen Warnung versicherte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Rabat, die EU wolle an den Handelsabkommen festhalten. Das ist eine ziemlich klare Abfolge von Drohung, Grenzdurchbruch und europäischer Beschwichtigung.

2018 verlagerte sich die wichtigste Mittelmeerroute nach Spanien. Rund die Hälfte aller Migranten, die damals über das Mittelmeer nach Europa kamen, nutzte die westliche Route. Beobachter vermuteten, Marokko habe seine Kontrollen bewusst gelockert, um mehr europäische Finanzhilfe zu erhalten. Ein staatlicher Befehl zur Grenzöffnung ist nicht belegt; die politische Wirkung liegt dagegen klar auf der Hand.

Die EU stellte zunächst zusätzliche 55 Millionen Euro für das Grenzmanagement in Marokko und Tunesien bereit. Im Dezember folgte für Marokko ein weiteres Paket von rund 140 Millionen Euro. Spanien bewilligte 2019 noch einmal 32,2 Millionen Euro und versprach, innerhalb der EU Marokkos „Stimme“ zu sein. Danach verstärkte Rabat seine Kontrollen, nahm wieder Migranten zurück und verlagerte Menschen aus den Grenzregionen ins Landesinnere.

Eine Untersuchung des College of Europe kommt zu dem Schluss, die Strategie sei offenbar erfolgreich gewesen: Marokko habe die Aussicht auf gelockerte Kontrollen benutzt, um Geld und politische Zugeständnisse zu erhalten.

Parallel zeigte Rabat, dass es nicht nur Menschen, sondern auch Warenströme als Druckmittel einsetzen kann. Im August 2018 schloss Marokko ohne Vorwarnung die seit 1866 bestehende Zollstelle für den Warenverkehr von Beni Enzar bei Melilla. Die legalen Exporte und Importe brachen anschließend um 38 beziehungsweise 53 Prozent ein.

Im Dezember 2019 wurde auch der grenzüberschreitende Handel bei Ceuta unterbunden. Dort wurde das als wirtschaftliche „Erstickungsstrategie“ bezeichnet. Der zuvor abgewickelte formelle und informelle Grenzhandel wurde auf 700 Millionen bis eine Milliarde Euro jährlich geschätzt, was rund 70 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung der Stadt entsprach. Rabat erklärte, es wolle Schmuggel und entgangene Zölle bekämpfen; spanische Beobachter sahen zugleich den Versuch, die beiden Städte wirtschaftlich zu isolieren und den marokkanischen Anspruch auf sie zu unterstreichen.

Im November 2020 erreichten binnen eines Monats mehr als 8.000 Migranten die Kanaren – so viele wie seit der „Cayuco-Krise“ von 2006 nicht mehr. Ein großer Teil der Boote war aus Marokko beziehungsweise der von Marokko kontrollierten Westsahara gestartet.

Spanische Beobachter interpretierten dies als kalkulierten Druck, um Madrid zu einer Anerkennung der marokkanischen Ansprüche auf die Westsahara zu bewegen. Rabat erklärte dagegen, Polizei und Sicherheitskräfte seien wegen der Corona-Pandemie anderweitig gebunden gewesen. Anders als 2017 oder 2021 lässt sich die politische Steuerung deshalb nicht eindeutig nachweisen. Auffällig bleibt, dass ein so stark kontrollierter Staat über Wochen Tausende Menschen mit Booten von seinen Stränden aufbrechen ließ.

Nachdem Spanien den erkrankten Chef der von Marokko heftig bekämpften Terrortruppe Polisario, Brahim Ghali, heimlich zur Behandlung aufgenommen hatte, kündigte Rabat eine „angemessene Antwort“ an. Sogleich verschwanden die marokkanischen Kontrollen an der Grenze zu Ceuta weitgehend. Innerhalb weniger Tage strömten mindestens 8.000 Menschen nach Ceuta, darunter etwa 1.500 bis 2.000 Minderjährige.

Marokkos Botschafterin in Madrid erklärte dazu: „Es gibt Handlungen, die Konsequenzen haben.“ Ein marokkanischer Minister rechtfertigte die gelockerten Kontrollen ausdrücklich mit Spaniens Verhalten im Fall Ghali. Das Europäische Parlament verurteilte daraufhin Marokkos Einsatz von Grenzkontrolle, Migration und Minderjährigen als politischen Druck gegen einen EU-Staat.

Verurteilung hin – Verurteilung her. Das marokkanische Manöver war erfolgreich: Im März 2022 vollzog Pedro Sánchez einen überraschenden außenpolitischen Kurswechsel. Spanien bezeichnete den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara nun als „ernsthafteste, realistischste und glaubwürdigste Grundlage“ einer Lösung. Anschließend normalisierte Rabat die Beziehungen, öffnete Verkehrsverbindungen und verschärfte die Grenzkontrollen wieder.

Wie gut Marokko die Migrantenströme steuern kann, zeigt das Gegenbeispiel. Im September 2024 wurde über soziale Netzwerke erneut zu einem Massenansturm auf Ceuta aufgerufen. Diesmal wollte Marokko die Grenze geschlossen halten: Rund 3.000 Menschen wurden gestoppt und 152 mutmaßliche Organisatoren festgenommen. Niemand gelangte nach Ceuta. Daran zeigt sich, wie wirksam der marokkanische Sicherheitsapparat sein kann, wenn Rabat ihn einsetzen will. Wie gesagt: Marokkanische Truppen sind nicht so zimperlich wie europäische.

Offen bleibt die Frage, warum Europa keines seiner wirtschaftlichen Druckmittel einsetzt. Immerhin importiert die EU aus Marokko Waren im Wert von 25,5 Milliarden Euro und exportiert dorthin Waren im Wert von 36,7 Milliarden Euro. Die EU nimmt rund ein Drittel aller marokkanischen Exporte ab und ist der größte ausländische Investor des Königreichs. Für die EU macht Marokko dagegen lediglich 1,2 Prozent des gesamten Außenhandels aus. Strukturell liegt also die stärkere Karte also eindeutig in Brüssel.

Hinzu kommen erhebliche europäische Zahlungen:

  • 234 Millionen Euro Migrationshilfe wurden zwischen 2015 und 2021 zugesagt.
  • 2022 folgte ein neues vierjähriges Migrationsprogramm über 152 Millionen Euro.
  • Von 2021 bis 2024 sagte die EU Marokko insgesamt 931 Millionen Euro bilaterale Hilfe zu.
  • 2023 wurde ein Paket über 624 Millionen Euro für Migration, Energie, Landwirtschaft und staatliche Reformen aufgelegt.

Europa finanziert damit einen Teil des marokkanischen Grenzapparates, allerdings ohne wirksame Absicherung dagegen, dass eben dieser Apparat bei politischen Streitigkeiten vorübergehend abgeschaltet wird.

Ein überaus wirksamer Hebel läge bei den Agrarimporten. Marokko lieferte in der Saison 2024/25 rund 574.000 Tonnen Tomaten im Wert von gut einer Milliarde Euro in die EU. Hinzu kommen Paprika, Bohnen, Gurken, Beeren, Melonen, Zitrusfrüchte, Avocados und Fischereiprodukte.

Als Gegenmaßnahmen wären wirkungsvoll:

  • die Aussetzung der marokkanischen Zollvergünstigungen;
  • die Senkung oder Streichung der zollbegünstigten Einfuhrquoten;
  • strenge Herkunftskontrollen und die Kennzeichnung von Ware aus der Westsahara;
  • eine konsequente Kontrolle von Pestizidrückständen, Sozial- und Produktionsstandards;
  • der Ausschluss bestimmter Agrarunternehmen von EU-Vergünstigungen.

Der Haken: Ein politisches Einfuhrverbot könnte nur die EU beschließen, nicht Deutschland oder Spanien im Alleingang. Das Problem ist also weniger eine fehlende Macht als fehlende Einigkeit und Geschwindigkeit. So kann Marokko den Druck innerhalb weniger Stunden erhöhen, während eine europäische Handelsreaktion Abstimmungen zwischen 27 Staaten erfordert.

Gut, da ist sie wieder, die Brüsseler Bürokratie.

Überdies haben Frankreich und Spanien große wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in Marokko. So betreibt etwa Stellantis Werke in Marokko, europäische Autokonzerne beziehen Kabelbäume, Elektronik und Fahrzeugteile aus marokkanischen Werken. Die EU ist bei der Terrorismusbekämpfung, beim Drogenhandel und bei der Migration auf marokkanische Informationen angewiesen. Schließlich fürchten europäische Regierungen, dass wirtschaftlicher Druck sofort mit noch mehr Migration beantwortet wird.

Europa ist wirtschaftlich um ein Vielfaches stärker, aber Marokko besitzt das schneller einsetzbare Instrument. Das herrschende Königshaus zeigt dabei wenig Skrupel.

Ein völliges Tomatenembargo hätte allerdings Nebenwirkungen: höhere Winterpreise in Europa, Belastungen für Händler und mögliche Arbeitsplatzverluste in Marokko. Es träfe zunächst Landarbeiter und Produzenten, nicht unbedingt den korrupten königlichen Machtapparat.

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Kommentare ( 13 )

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Raul Gutmann
18 Minuten her

Marokko ist ein Königreich. Daher darf man davon ausgehen, die Regierung weiß was sie tut und dieses Handeln sollte zum Vorteil des Königreiches gereichen.
Wir sehen somit zwei Parteien: Spanien stellvertretend für die irrationale EU resp. zu seinem Nachteil handelnd. Dagegen scheint Marokko jedweder Erpressung des „reichen Westens“ nicht abgeneigt zu sein.
Staaten haben keine Freunde, sondern Interessen.

Brauer
18 Minuten her

Darf ich daran erinnern das „die Raute“ noch immer frei rumläuft und weiter mit Preisen zugeschüttet wird!?

h.milde
19 Minuten her

Inzwischen sind es schon 6 DIVISIONEN von LinksGRÜN willkommener Glücksritter & FREISCCHÄRLER. Man kann wohl in den nächsten Tagen & Wochen von 10-15 ausgehen?
Aber, locker bleiben liebe Leut´ & va. liebe besonders geschätzte „c“DU/SU-Wähler:
„WIR HABEN PLATZ, DENN NU SINNSE HALT DA, KEIN MENSCH IST ILLEGAL & WIR SCHAFFEN DAS!“

Teiresias
37 Minuten her

Gewaltsame Invasoren könnte man auch mit militärischen Mitteln abwehren –
Das Problem aktuell ist der oberste Gerichtshof in Spanien, der jedem Einzelnen, der schwimmend Spanien erreicht, ein Asylverfahren garantiert.
Spanische Gerichte sind sicher ähnlich auf Linie wie die deutschen.
Sehen wir vielleicht ein good-cop, bad-cop Schauspiel, und wir sollen nur an neue Ungeheuerlichkeiten gewöhnt werden?
Arbeiten Marokko und EU wirklich gegeneinander?
Ich habe meine Zweifel.

hjberg
41 Minuten her

In dieser Lage kommen wir nicht daran vorbei, auch über den Einsatz von „non lethal weapons“ zu entscheiden, wenn die deutsche Grenzsicherung ernst gemeint sein soll. Kein schöner Gedanke und vor allem keine „schönen Bilder“ (Merkel), aber unvermeidbar…

Last edited 38 Minuten her by hjberg
Haba Orwell
44 Minuten her

> Es darf angenommen werden, dass Marokko ganz bewusst seine Menscheninvasionsschleusen öffnete.

Marokko ist allerdings mit Trump und Israel verbündet, das sind folglich hier die Guten.

Axel Fachtan
36 Minuten her
Antworten an  Haba Orwell

Die USA haben Nordstream zerstören lassen. Von gut kann keine Rede sein.

AlNamrood
32 Minuten her
Antworten an  Haba Orwell

Die Ummah würde selbstverständlich niemals das dar al-harb mit wehrtüchtigen jungen Männern fluten. Absolut. Islam heißt Frieden, nicht wahr?

MeHere
27 Minuten her
Antworten an  Haba Orwell

Es ist unerträglich… die gesamte politische Führung der EU und von Trottelland fördert diese Zustände durch unterlassen von Maßnahmen

Brauer
17 Minuten her
Antworten an  Haba Orwell

Sie haben sicher eine Quelle dazu. Danke!

AlNamrood
45 Minuten her

Wenn man mit der dritten Welt diplomatische Beziehungen führen will sollte man auch die Gedankenwelt der dritten Welt verstehen. Die Türken machen es doch nicht anders. Nominell freundlich aber bei jeder Gelegenheit provozieren und Grenzen testen. Echte Verträge mit Ungläubigen gibt es übrigens im Islam nicht. Reziprozität erst recht nicht.

Juri St.
45 Minuten her

… und Europa schaut zu und lässt es geschehen. Tatenlose Gaffer bei der feindlichen Landnahme. Es ist kein Unterwerfung und keine Eroberung, es ist eine freiwillige Selbstaufgabe.

MeHere
29 Minuten her
Antworten an  Juri St.

Hauptsache die Pate und der Champagner passen dem Abgeordneten und die Kohle kommt reichlich aufs Konto