Tatort Hannover – vor den Wahlen lieber ins Demenzdorf als auf den Rummel

„Das Problem spekulativer Hypothesen: Am Ende hält man alles für möglich, selbst den größten Blödsinn“, so der skeptische Chef der ermittelnden Kommissarin. Das könnte man zum Leitmotiv des Krimis machen. Die diesem Tatort aufgebürdete narrative Last ist zu schwer, die kriminalistische Handlung geht unter.

Screenprint: NDR / Tatort

Aus nicht ganz ersichtlichen Gründen hat der NDR die Ausstrahlung des eigentlich zuerst abgedrehten Hannover-Tatorts „Schützenfest“ vertagt und durch die Folge „König in Gelb“ ersetzt. Ein Schelm der unterstellt, dass die ARD den Zuschauern an einem wichtigen Wahlwochenende lieber einen Krimi aus dem Pflegeheim als ein „…Großverbrechen auf dem Riesenrad … ein grauenvolles Spektakel“ (Furtwängler im NDR-Interview) bei dem es „ganz schön zur Sache geht … ein Attentat mit vielen Opfern“ (Volker Bruch, Darsteller des undurchsichtigen Schützenbruders) zumuten will. Wo Volksfestatmosphäre heutzutage doch unschöne Assoziationen wecken kann.

Charlotte Lindholm im Strudel der Vergesslichkeit

Schauplatz ist ein „Demenzpflegedorf“ in Kleinhude, in Sachsen-Anha… nein, Niedersachsen. Dort stürzt die Bewohnerin Dr. Springer-Fayenne (Barbara Krabbe) beim Ausmisten des heimeigenen Kaninchenstalls und stirbt an den Folgen einer Hirnblutung. Kommentar der Notärztin Paula (Birgit Welink): „Die Dementen haut es schneller hin.“ Die sich im Gegensatz dazu noch sehr agil beim Telesport vor dem Fernseher verausgabende Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) wird aus dem Bereitschaftsdienst in Hannover nach Kleinhude zu dem vermeintlichen Routinetodesfall beordert.

Schwer von Kapee, wer die sozialkritischen Töne überhört

Selbstverständlich muss „König in Gelb“ als Versuch gewertet werden, das Thema Demenz unter die Leut’ zu bringen, auch wenn Autor und Regisseur Alexander Adolph dies im Interview mit dem NDR eilig dementiert: Es handle sich in erster Linie „um einen Ermittlerthriller im Gewand eines Polizeifilms“ und eben nicht um ein Demenz-Drama. Das könnte man angesichts der in diesem Tatort zahlreichen Erinnerungslücken, Demenzpatienten und Alterswunderlichkeiten bezweifeln.

Angefangen bei der Polizistin selbst, der ihr Hirn nachts Erscheinungen vorgaukelt und der plötzlich eine Zeugin (Pflegekraft Marketa Olzsiensky, gespielt von Darja Mahotkin) abhanden kommt. Sie wird unfreiwillig selbst zur Pflegehelferin, als plötzlich ihr an galoppierender Demenz erkrankter LKA-Kollege Matthias Vogel (Andreas Lust) hereinschneit und sie davon überzeugen will, dass es sich bei dem Routinefall um die Mordtat eines Serientäters handelt.

Gejagt vom Schatten immer bedrohlicherer Umnachtung ermittelt Vogel weiter, obwohl er offiziell wegen seiner Aussetzer außer Dienst gestellt ist, besessen von dem Verdacht, dass der in Kleinhude vor sich hin dämmernde Gustav König (Thomas Thieme), ein Mitbewohner und Freund der scheinbar verunglückten Seniorin, von 1987 bis 2004 sieben behinderte Menschen auf bestialische Weise getötet und die Opfer mit einem gelben Schal markiert habe.

Staatsanwaltschaft und Vorgesetzte nehmen ihm das nicht ab, Beweise hat er nicht oder sie rutschen ihm wegen seiner Erkrankung durch die Finger. Vogels Wohnung ist vermüllt und total unaufgeräumt, seine Akten führt er dort unerlaubterweise und chaotisch, braucht zunehmend Merkzettelchen und Hinweise, wie er den Alltag noch bewältigen kann.

Kripo in Kleinhude: „Landeier, Anfänger“ (Vogel über die Kollegen)

Lindholm versucht, ihren Kollegen in all seiner Verwirrtheit ernst zu nehmen, ermittelt schließlich trotz ihrer Bedenken weiter, angespornt von kurz aufblitzenden Indizien, die für dessen Theorie sprechen (allen voran ein gelbes Stück Stoff, das sie bei der Leiche der Seniorin findet) und der Nervosität, die ihre Ermittlungen offenbar im Demenzdorf auslösen. „In meinem Kopf wird jeden Tag was gelöscht, da geht einer mit Bunsenbrenner durch“ (Vogel).

Die Überreste einstiger Pracht: Lindholm googelt Kommissar Vogel als jungen Polizisten in Uniform, dekoriert und gelobt. Eine demente Strafrechtsprofessorin, die überall Verbrecher sieht. Ein langsam wegdämmernder berühmter Musikpädagoge aus reichem Haus, dessen wohltätige Mutter sich schon um behinderte Kinder kümmerte, „bevor es das Wort Inklusion gab“, nach der Straßen und Stiftungen benannt sind, die aber ihren eigenen Sohn vernachlässigte. Mutter Lindholm (Kathrin Ackermann), die ihren Anrufbeantworter nicht mehr bedienen kann. Vogel, wie er seinen Laptop mit schiefen Badelatschen zertritt, weil er ihn nicht mehr bedienen kann. Was Dieter Hallervorden in „Honig im Kopf“ mit komödiantischer Note dargestellt hat, spielt Andreas Lust mit brachialer Gestik (fuchtelt Lindholm ständig mit dem ausgestreckten Finger im Gesicht herum) und immer weiter entgleisender Sprache (nennt die Kollegin „Karotte“, ist verliebt in den Satz „Ich sag’s, wie es ist“) quälend realistisch.

Inmitten der verblassenden Hirne: Habgierige Finanzhaie und Erbschleicher

Seltsam genüsslich stellt der Film dar, wie erst der alte König, dann das ganze Heim in das alte Kinderlied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ einstimmt, so als werde da einer ganzen Generation das Abschiedsständchen gegeben. Ein ganz anderes Liedchen singen der windige Anwalt Obrist (Claudiu Mark Draghici) und der Neffe der Toten (Pierre Springer, gespielt von Constantin von Jascheroff) , die am liebsten das beschauliche Demenzdorf in ein Milliardenprojekt Demenz-Park mit 2000 Plätzen verwandeln würden, was angesichts von „3 Millionen Dementen im Jahre 2030“ den Investoren märchenhafte Gewinne sichern würde. Dazu hin seien Demente ja gute Patienten, die „nicht oft übers Essen meckern würden“.

„N’ Demenzpark wär’ schon was für gesetzliche Kassenpatienten“, hat das Drehbuch dem schmierigen Anwalt noch in den Mund gelegt.

Die verunfallte Frau Dr. Springer-Fayenne hatte es dank ihrer „hohen moralischen Ansprüche“ bereits prophezeit: „In echt geht’s um Gewinne, nicht um Menschenwürde.“ In ihrem Testament hat sie der Stiftung des Dorfes eine große Summe vermacht und hätte „nie gewollt, dass aus dem Demenzdorf ein Demenzpark würde“ (Lindholm zum Neffen).

Wie sich letztlich dank der Schläue der Kommissarin herausstellt, steckten die Heimleiterin Anna Mazur (Marina Galic) und der Neffe der Toten unter einer Decke, eine polnische Pflegerin ohne Papiere wurde davon abgehalten, rechtzeitig Hilfe für die gestürzte Dame herbeizurufen. Das Kalkül: Wenn Frau Dr. Springer-Fayenne stirbt, kann ihre Zustimmung zu dem Bauprojekt „Demenz-Park“ juristisch durch den Anwalt nicht mehr hingebogen werden. Obrist zu der Möglichkeit: „Demente haben ja auch das Recht zu wählen, solange sie lebte, hätte man ihre Zustimmung fingieren können.“ Neffe Pierre erbt trotzdem die Grundstücke der Tante.

„Das Problem spekulativer Hypothesen: Am Ende hält man alles für möglich, selbst den größten Blödsinn“ (Lindholms skeptischer Chef, Dr. Kiefer, gespielt von Cornelius Schwalm).

Das könnte man zum Leitmotiv des Krimis machen. Die diesem Tatort aufgebürdete narrative Last ist einfach zu schwer, die kriminalistische Handlung geht unter. Zu hanebüchen der Zufall, dass ein pathologischer Serienmörder dadurch auffliegt, dass seine Mitpatientin von der Pflegeleitung aus dem Weg geräumt wird. Zu konstruiert die Schauergeschichte vom Musikpädagogen, der schwache und hilflose Menschen zusammen mit seinem gehbehinderten Schüler (Musikschulleiter Miller, gespielt von Matthias Bundschuh) hinmetzelt, weil seine Mutter behinderten Menschen mehr Zuwendung gab, als ihm. Zwei, die sich wegen eines „Weltbild-Gedingses“, in dem die „.Schwachen die Bremsen der Gesellschaft sind … der Antichrist, den man zu Tode foltern muss … der Lust am Vernichten … zerstören, gemeinsam jemanden zerfetzen … zu einem Mörderteam zusammenschließen“ (Lindholm und Vogel spekulieren auf der Bettkante).

Unwahrscheinlich diversitätsarm, keiner der Senioren im Haus hat einen Migrationshintergrund, lediglich die meisten Pflegekräfte kommen (erläutert von Pflegeleiterin Mazur) aus „Osteuropa, weil euch Deutschen zu wenig Geld ist, was Du bei Pflege verdienst“.

Unerwartet komisch, wie der Ex-Kollege von Gustav König, Servatius (Gerd Anthoff), der als Star-Komponist in Hollywood lebt, Lindholm online ungefragt Einblick in seine politischen Ansichten gibt: „Jeder Asylant darf 10-mal sein Geschlecht ändern, aber keiner erfindet was gegen Demenz.“

Komplett unglaubwürdig, wie der umnachtete Vogel erst mit der Adresse alleine die Musikschule von Miller erreicht, diesen ungelenk unter Druck zu setzen versucht, und dann angegriffen und von der im letzten Moment eingreifenden Lindholm gerettet wird.

Peinlich, wie dem verletzten Kollegen Vogel eine ehrenvolle Verabschiedung in die selbstgewählte Demenz-WG von den Polizeikollegen erst fast verweigert und dann im Besprechungsraum mit ein paar Lichterketten und Flaschenbier eher unwillig gewährt wird.

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Kommentare ( 1 )

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Haba Orwell
16 Minuten her

> Aus nicht ganz ersichtlichen Gründen hat der NDR die Ausstrahlung des eigentlich zuerst abgedrehten Hannover-Tatorts „Schützenfest“ vertagt und durch die Folge „König in Gelb“ ersetzt.

Aha. Für Publikum unter 80 läuft sonntags auf einem der Privatkanäle „Lucifer„.