Gasspeicher nur halb voll: Warum sich die Wintervorsorge nicht mehr rechnet

Deutschlands Gasvorräte sind nur zu rund 56 Prozent gefüllt. 2025 waren es zum selben Zeitpunkt bereits 75 Prozent. Die Versorgungssicherheit in Deutschland wackelt – bleibt nur, auf einen milden Winter zu hoffen?

picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Der Winter rückt näher, doch Deutschlands Gasvorräte wachsen nur langsam. Am 16. September waren die Speicher – so der offizielle Stand – zu rund 56 Prozent gefüllt. Mitte September 2025 waren es bereits etwa 75 Prozent. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht deshalb mit den bundeseigenen Energiekonzernen Sefe und Uniper über zusätzliche Einspeicherungen. Außerdem sollen sogenannte Long Term Options stärker genutzt werden: Händler erhalten eine Vergütung dafür, Gas für einen möglichen späteren Abruf vorzuhalten. Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller hält einen Füllstand von 80 Prozent bis Anfang November inzwischen für unerreichbar.

Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgung aktuell dennoch als stabil. Der Speicherverband INES warnt dagegen vor Risiken bei extremer Kälte. Seine September-Modellrechnung zeigt: Selbst mit 77 Prozent Füllstand zum November könnten an einzelnen Januartagen mehr als 25 Prozent des Bedarfs ungedeckt bleiben.

Das ist ausdrücklich keine Vorhersage sondern ein Stressszenario. Es zeigt aber, wie stark die Winterversorgung von Temperaturen und laufenden Importen abhängt.

Warum funktioniert die vertraute Vorsorge – im Sommer einkaufen, im Winter verbrauchen – nicht mehr zuverlässig? Christian Loose, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen, beschreibt im Gespräch mit dem TE Wecker einen grundlegenden wirtschaftlichen Mechanismus: Früher konnten Händler vergleichsweise günstiges Sommergas kaufen und gleichzeitig den Verkauf für den Winter absichern. Die Preisdifferenz machte die Lagerung attraktiv. Für die Jahre 2013 bis 2018 nennt Loose Spannen zwischen etwa 1,3 und 2,4 Euro je Megawattstunde.

Hinzu kamen jedoch langfristige Lieferverträge mit Russland und relativ gleichmäßige Gaslieferungen über das Jahr. Im Sommer wurde weniger verbraucht, der Überschuss eingespeichert. Im Winter ergänzten die Vorräte die laufenden Lieferungen. Damit ließ sich eine gleichmäßige Förderung mit einem stark schwankenden Heizbedarf verbinden. Denn für die Erdgasfelder ist eine gleichmäßige Entnahme wichtig, die sich aber mit einem niedrigeren Verbrauch im Sommer und einem höheren Verbrauch im Winter nicht deckt. Das war der eigentliche Grund für die Errichtung der Speicher, nicht die vollständige Versorgung.

Bei anhaltend hoher Entnahme würden die heutigen Vorräte rechnerisch nur etwa zwei Monate reichen.

Heute fehlt der wirtschaftliche Anreiz – niedrige Preise im Sommer, hohe im Winter. Wer Sommergas teurer einkauft, als er es für den Winter verkaufen kann, handelt sich bereits vor Lager- und Finanzierungskosten einen Verlust ein. Loose: „Es gibt in den letzten zwei Jahren keinen eigenen Anreiz mehr“. Der Verband bestätigt aber einen teilweise negativen Sommer-Winter-Preisabstand und verweist zusätzlich auf die durch die Sperrung der Straße von Hormus gestiegenen Gaspreise.

Loose sieht im stärkeren Rückgriff auf Flüssiggas eine Ursache der veränderten Marktbedingungen. LNG kann weltweit verschifft werden; europäische Käufer konkurrieren damit stärker um verfügbare Ladungen. Deutschland erhält allerdings weiterhin Gas über Leitungen, unter anderem aus Norwegen und den westlichen Nachbarländern.

Für die Industrie sieht Loose erhebliche Risiken. Müssen Unternehmen kurzfristig teuer zukaufen, geraten vor allem gasintensive Produktionen unter Druck. Er befürchtet Kurzarbeit, Produktionskürzungen und Stilllegungen. Seine zentrale Warnung: Versorgungssicherheit allein genügt nicht, wenn der Preis eine wirtschaftliche Produktion verhindert.

Als Auswege nennt er eine Rückkehr zu russischen Pipelineimporten nach einer politischen Verständigung und vor allem die Förderung heimischer Gasvorkommen. Denn unter der norddeutschen Ebene liegen noch erhebliche Gasvorkommen, die je nach Schätzungen mehrere Jahrzehnte die Versorgung mit Erdgas sichern könnten.

Eine Wiederaufnahme der Lieferungen aus Russland hält er technisch für vergleichsweise schnell machbar: „Aber es fehlt natürlich der politische Wille!“
Loose: „Im Augenblick verdienen die USA gerade enorm durch den Verkauf ihres Flüssiggases nach Deutschland. Das Frackinggas in den USA wird beispielsweise für 10 Euro pro Megawattstunde aus dem Boden gezogen und dann hier in Deutschland für 80 Euro verkauft.“ Das Gas müsse zwar noch verflüssigt und transportiert werden, aber dies ist ein hervorragendes Geschäft – für die USA.

Loose stellt die entscheidende Frage: Wie will Deutschland dauerhaft ausreichend und bezahlbar Gas beschaffen, und wer finanziert die Winterreserve, wenn ihre Befüllung für Händler zum Verlustgeschäft wird? Beim Fracking kritisiert er den Widerspruch: Deutschland lehne die Förderung von Gas im eigenen Land ab, importiere aber amerikanisches Frackinggas.



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