Fast 1.000 Meldungen: Anti-Mobbing-Stelle der EU-Kommission überlastet

Das spricht nicht für ein gutes Betriebsklima: Seit der Einführung eines neuen Beratungssystems im Herbst 2024 haben sich fast 1000 Mitarbeiter der Europäischen Kommission an das interne Anti-Mobbing-Team gewandt. Die Meldungen betreffen vor allem überlange Arbeitszeiten und toxisches Führungsverhalten.

picture alliance / AP Photo/Marius Burgelman | Marius Burgelman

Die EU-Kommission, die 32.000 Beamte und Vertragsbedienstete beschäftigt, hatte im Mai 2024 die dänische Juristin Lene Naesager zur Chief Confidential Counsellor ernannt. Sie leitet ein Netzwerk von 40 vertraulichen Beratern in der Kommission und ihren Exekutivagenturen und berichtet an den für den Haushalt zuständigen EU-Kommissar Piotr Serafin. Seit September 2024 registrierte das Team 960 Anfragen von Betroffenen, mutmaßlichen Tätern, Zeugen, Führungskräften und Personalverantwortlichen – die Zahlen liegen nun dem Politik-Magazin POLITICO vor.

Neue Meldestelle mit 41 Mitarbeitern

Allerdings dürfen die insgesamt 41 Berater keine förmlichen Untersuchungen einleiten und auch nicht rechtsverbindlich feststellen, ob es sich um Belästigung im Sinne des Beamtenstatuts handelt. Für offizielle Beschwerden müssen Betroffene das Untersuchungs- und Disziplinaramt (IDOC) oder das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) einschalten. Dort gehen jährlich lediglich 20 bis 25 formelle Klagen ein – also ein Bruchteil der informellen Meldungen.

Die Führung der EU-Kommission verweist auf umfassende Präventionsmaßnahmen: 14.000 Mitarbeiter hätten Präsentationen zur Anti-Belästigungs-Politik besucht, 2.400 Führungskräfte seien in den vergangenen zwei Jahren verpflichtend geschult worden. Dieses gesteigerte Problembewusstsein habe zu der relativ hohen Zahl an Anfragen geführt.

Eine interne Umfrage zeige zudem, dass 74 Prozent der Beschäftigten die Kommission als attraktiven Arbeitgeber bewerten – sechs Prozentpunkte mehr als 2023. Präsidentin Ursula von der Leyen hat zwar nun eine Überprüfung der Arbeitsabläufe angestoßen, diese werde sich jedoch laut einem hochrangigen Beamten aber nicht mit der Anti-Belästigungs-Politik befassen, da das Thema außerhalb ihres Auftrags liege.

Kritiker sehen in der Diskrepanz zwischen informellen Meldungen und formellen Verfahren ein strukturelles Problem: Frühere Berichte, etwa von Transparency International EU und internen Dokumenten, deuten darauf hin, dass viele Beschäftigte aus Angst vor Nachteilen im Job oder aufgrund eines mangelnden Vertrauens in den Schutz von Hinweisgebern formelle Wege scheuen. Ähnliche Probleme gibt es auch in anderen EU-Institutionen.

Insgesamt arbeiten in den EU-Institutionen und Agenturen nach verschiedenen Schätzungen zwischen 60.000 und 80.000 Personen – die Kommission stellt davon den mit Abstand größten Anteil. Obwohl die Kommission betont, sie wolle ein „modernes, respektvolles und attraktives Arbeitsumfeld“ schaffen, zeigen die hohen Zahlen der vertraulichen Beratungsstelle, dass der Druck auf die Beschäftigten in der Brüsseler Zentrale offenbar weiterhin hoch ist.

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