Neymar ist zurück – und Brasilien träumt wieder vom sechsten Stern. Doch wer prägt diese Weltmeisterschaft wirklich? Über Messi, Ronaldo, Mbappé, Dembélé und jene großen Spieler, die mehr sind als bloße Fußballer.
IMAGO / APL
Alle vier Jahre sucht die Fußballwelt ihren neuen König. Nicht unbedingt den besten Spieler, sondern denjenigen, der Kinder hypnotisiert, ganze Nationen elektrisiert und selbst Erwachsene für 90 Minuten wieder zu Achtjährigen werden lässt. Früher hingen Poster von Pelé, Cruyff, Maradona, Rummenigge oder Baggio über den Betten. Heute wechseln die Idole schneller als die Handys. Und trotzdem bleibt eines gleich: Große Turniere brauchen große Helden.
Brasilien erlebt das gerade in Reinkultur. Dabei spielte das 3:0 gegen Schottland fast schon eine Nebenrolle. Vinícius traf doppelt, Cunha machte den Deckel drauf, Alisson hielt erneut die Null. Alles schön und gut. Doch anschließend sprach niemand über das Ergebnis. Ganz Brasilien sprach über einen Mann: Neymar. 981 Tage hatte die Seleção auf ihren verlorenen Sohn warten müssen. Verletzungen, Operationen, Zweifel – viele glaubten bereits, seine Geschichte im Nationaltrikot sei zu Ende erzählt. Dann nominierte Carlo Ancelotti den Superstar.
Allein diese Nachricht ließ nicht nur Brasilien aufjubeln. Lokal wie global herrschte pure Ekstase. Plötzlich war wieder dieses Knistern zu spüren, das nur ganz wenige Spieler erzeugen können.
Kaum betrat Neymar in Miami den Rasen, erhoben sich die Zuschauer wie auf Kommando. Noch interessanter war jedoch, was mit seinen Mitspielern geschah. Die Pässe wurden mutiger, das Spiel leichter, die Körpersprache selbstbewusster. Manchmal verändert ein Fußballer nicht nur eine Partie, sondern den Glauben einer ganzen Mannschaft.
Trainer Ancelotti wusste genau, weshalb er seinen Zehner zurückholte. „Ney hat sich diese Rückkehr verdient“, sagte der Italiener. „Er hat professionell gearbeitet und kann uns bei dieser Weltmeisterschaft enorm helfen.“ Der Mann aus Reggiolo wirkt inzwischen fast brasilianischer als die Brasilianer selbst. Er tanzt zwar keinen Samba. Aber er hat begriffen, dass Brasilien Fußball nicht verwaltet. Brasilien zelebriert ihn. Nach Toren wird getanzt, nach Siegen gesungen.
Ancelotti lässt eine gewisse Lockerheit zu, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren: den WM-Titel. Im Sechzehntelfinale warten allerdings die unbequemen Japaner. Doch auch in Japan lieben sie Neymar. Und nach seiner Rückkehr träumt plötzlich wieder ein ganzes Land vom sechsten Stern.
Dabei stellt sich zwangsläufig eine andere Frage: Wer sind eigentlich die wirklichen Stars dieser Weltmeisterschaft?
Lionel Messi gehört längst in jene Kategorie, die keiner Vorstellung mehr bedarf. Er muss nicht einmal ein Tor erzielen, was er allerdings mit einer Leichtigkeit tut. Schon seine bloße Anwesenheit verändert ein Spiel.
Cristiano Ronaldo hat sich ohnehin längst vom normalen Alterungsprozess verabschiedet. Während andere mit vierzig an den Ruhestand denken, diskutiert CR7 lieber über den nächsten Titel.
Erling Haaland bleibt das athletische Wunder des Weltfußballs. Kraft, Tempo, Instinkt – alles vorhanden. Umso erstaunlicher wirkte es, dass Norwegens Trainer ihn gegen Frankreich nahezu demonstrativ schonte. Die Franzosen bedankten sich höflich mit einem souveränen 4:1. Mbappé war überragend.
Fast noch spannender ist jedoch die Geschichte seines Nebenmannes Ousmane Dembélé. Der Franzose verließ Borussia Dortmund einst wie ein junger Messi in Richtung Paris. Zurück blieben nicht nur enttäuschte Fans, sondern angeblich auch mehr als hundert leere Pizzakartons in seinem Haus – Sinnbild eines genialen Chaoten, der lieber dribbelte, als Ordnung zu halten.
Heute wirkt Dembélé wie ausgewechselt. Aus dem ungestümen Talent ist ein erstaunlich gelassener Weltspieler geworden. Keine Allüren, keine großen Gesten. Nur Tempo, Technik und Effizienz. Vielleicht ist genau das seine größte Entwicklung.
Und Deutschland? Deniz Undav besitzt ohne Zweifel Qualität. Aber vielleicht ist es noch zu früh. Es fehlt noch diese geheimnisvolle Aura, die große Fußballer von echten Legenden trennt. Nach dem 1:2 gegen Ecuador hörte man vielerorts nur ein Achselzucken: „Ach, nicht ganz so schlimm.“ Undav unter Nagelsmann weichgespült.
Genau darin liegt das Problem. Über Maradona sagte nie jemand: nicht ganz so schlimm. Über Cruyff erst recht nicht. Große Stars erzeugen keine Gleichgültigkeit. Sie erzeugen Sehnsucht. Sie polarisieren. Sie hypnotisieren.
Das italienische Wirtschaftsblatt „Il Sole 24 Ore“ erinnerte dieser Tage mit einer Besprechung des Buches „I Mondiali immaginari“ daran, dass Fußball schon immer weit mehr war als Tabellen und Statistiken. Dort begegnen sich die Helden verschiedener Generationen in imaginären Gesprächen.
Johan Cruyff diskutiert mit Roberto Baggio, Maradona trifft Pelé. Albert Camus philosophiert über den Sinn des Spiels. Jorge Luis Borges taucht ebenso auf wie der große Arrigo Sacchi. Eine wunderbare Idee.
Denn die größten Fußballer waren nie bloß Sportler. Sie wurden zu Erzählungen. Johan Cruyff brauchte weder Instagram noch TikTok. Eine einzige Drehung reichte, um Generationen von Trainern zu beschäftigen. Er spielte Fußball wie ein Schachmeister mit Stollenschuhen.
Roberto Baggio? Sein verschossener Elfmeter von 1994 gehört bis heute zu den traurigsten Bildern einer Weltmeisterschaft. Gerade deshalb blieb er unsterblich.
Und Diego Maradona? Er war weit mehr als der Mann mit der „Hand Gottes“. Er war Revolte in Fußballschuhen. Für Millionen Menschen in Lateinamerika war sein Sololauf gegen England 1986 keine gewöhnliche Fußballszene. Er war ein Stück kollektiver Erinnerung.
Pelé wiederum machte den Fußball weltweit salonfähig. Aus einem Spiel wurde eine universelle Sprache.
Damals verbreiteten sich diese Geschichten ohne soziale Medien. Keine Livestreams, keine Influencer, keine Algorithmen. Nur Fernsehbilder, Zeitungen und das Erzählen am nächsten Morgen.
Und trotzdem kannten Kinder in Buenos Aires, Dortmund oder Neapel dieselben Helden. Vielleicht sogar gerade deshalb. Heute entscheidet oft ein Algorithmus, wer Aufmerksamkeit bekommt. Damals entschied allein das Genie.
Alle vier Jahre beginnt die Suche von Neuem: nach dem nächsten Mythos, nach dem Spieler, dessen Trikot Kinder unbedingt haben wollen, und nach jenem einen Moment, der sich für immer ins Gedächtnis einbrennt.
Messi gehört noch dazu. Cristiano ebenfalls. Mbappé übernimmt langsam den Staffelstab. Dembélé ist vom ewigen Talent zum Weltstar gereift. Haaland bleibt eine Naturgewalt.
Und Neymar? Der hat Brasilien mit einer einzigen Einwechslung wieder zum Träumen gebracht. Manche Fußballer gewinnen Spiele. Die ganz Großen verändern den Herzschlag einer Nation.

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