Die große Zerreißprobe

Man mag das Wort Spaltung gar nicht mehr in den Mund nehmen, so banal ist es zur Beschreibung des Zustands dieser Republik geworden. In welche Richtung man auch schaut: Überall tun sich Risse auf.

Die Linke rutscht immer weiter nach links, die rechte Alternative denkt nicht daran zu rutschen, und die Kanzlerpartei, eher hin- als hergerissen, verliert den Boden unter den Füßen.

I.

Die Linke, nach eigener Einschätzung Klassenpartei, wenn auch ohne Klasse, macht Fehler über Fehler. Sie präsentiert sich auf ihrem Parteitag radikal antisemitisch und wirft Israel „Völkermord“ im Gazastreifen vor. Sie wählt einen neuen Vorsitzenden namens Partisano, pardon: Pantisano, der die CDU „faschistisch“ nennt. Die Anhänger der Mauermörderpartei im Osten halten diese Behauptung bestenfalls für besserwesserisch, schlimmstenfalls für parteischädigend. Hofft sie doch, in der neuen Einheitspartei gegen Rechts mit der CDU regieren zu können.

In der Not frisst der Teufel fliegen, denkt wiederum die CDU. Aber so viele Fliegen verträgt der robusteste Magen nicht. Im Grunde müsste selbst der naivste Christdemokrat jetzt alle Hoffnung fahren lassen, mit dieser Partei jemals gemeinsame Sache machen zu können. Und dass der neue Vorsitzende „jeden zweiten Ostdeutschen“ für einen „Nazi“ hält, kann zumindest im Osten die Wahlchancen der Linken auch nicht verbessern.

II.

Noch aber legt die Linke zu. Sie profitiert davon, dass auch die SPD nach links gerückt ist. Die ehemalige Volkspartei hat den Erfolgsweg des Godesberger Programms verlassen und ist scharf abgebogen Richtung vorgestern. Auch sie hängt dem Irrglauben an, Wohlstand sei durch Umverteilung zu schaffen. Sie muss zugleich davon ausgehen, dass ohne Kompromissbereitschaft in Sachen Sozialstaatsreform (von der Linken als „schlimmste Schandtaten“ bezeichnet) der Untergang der Partei Willy Brandts und Helmut Schmidts unaufhaltsam ist. Die letzten Arbeiter wählen AfD, und die linken Sozialdemokraten wenden sich dem sozialistischen Original zu. So zerlegt es die SPD.

III.

Die Linke aber profitiert nur scheinbar von diesem Trend. Radikalisierte, junge, vom Wohlstand ihrer Eltern verwahrloste Westler drängen in die Partei. Auch sie steht in einer Zerreißprobe. Die Trennlinie verläuft entlang der alten Zonengrenze. Die SED-Ossis wollen den Staat, ihren Staat zurück haben, die West-Kommunisten sind unterwegs auf der Straße. Die Revolution frisst wieder einmal ihre Kinder.

Und die Grünen? Träumen davon, eine linksliberale Alternative für mündige Bürger zu sein, beschwören zugleich das große Wir, und bleiben wie ihr gescheiterter Vordenker Habeck ökonomisch im Nirwana. Macht nichts, solange sie jederzeit mit einer CDU koalieren können, die ja auch von der marktwirtschaftlichen Rolle ist. Ob es die CDU am Ende deshalb zerreißt oder aus einem der vielen anderen Gründe (Politik des Kanzlers) ist schon egal. Sollte sie tatsächlich Gefallen an einem Volksfrontbündnis in Sachsen-Anhalt und anderswo finden, kann sich nur die AfD bedanken. Sie wird die bürgerlichen CDU-Wähler einsammeln, so weit sie noch übrig sind.

IV.

Man mag das Wort Spaltung gar nicht mehr in den Mund nehmen, so banal ist es zur Beschreibung des Zustands dieser Republik geworden. In welche Richtung man auch schaut: Überall tun sich Risse auf. Auch in der AfD. Eigentlich wäre es ja ganz einfach: Sie müsste auf ihrem bevorstehenden Parteitag in Erfurt ja nur die Fliehkräfte in der CDU stärken, indem sie sich selbst geschmeidiger und damit für Kooperation akzeptabler macht. Aber eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Höcke ins Himmelreich, das für ihn vermutlich immer noch aus der Vorstellung besteht, die CDU zu zerstören. Er müsse nur dabei zuschauen, wie sich die CDU in Linkskoalitionen aufreibt, glaubt er. Die Entdämonisierung der AfD wäre für ihn wohl die Pforte zur Hölle. Doch genau das ist die Methode, mit der Meloni in Italien die Macht gewann, was in Frankreich auch der Le-Pen-Partei gelingen könnte, die sich ebenfalls häutete und deshalb mit der AfD in Brüssel nicht zusammenarbeitet. Die deutsche AfD besteht darauf, ihren Schwefelgestank zu konservieren. Riecht auch irgendwie nach Revolution.

V.

So blockiert sich die deutsche Demokratie selbst. Die alten Regeln funktionieren nicht mehr. Und wer gelassen bleiben will, kann sich mit der Einsicht beruhigen: Nicht die Krise der Demokratie ist erklärungsbedürftig, sondern ihre Stabilität. Nichts aber wünschen sich die Wähler hierzulande mehr, als genau dies: Stabilität. Wählen gehen, ohne etwas ändern zu können, ist das Gegenteil von Stabilität. Mit diesem Widerspruch wird Deutschland derzeit nicht fertig.

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Kommentare ( 13 )

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Peter Triller
1 Stunde her

Wer das lange Höcke-Interview gehört hat, weiß, dass dieser Mann nationalkonservativ mit stark sozialetatistischer Ausprägung ist, aber ein Nazi oder Extremist ist er definitiv nicht. Diese Dämonisierung sollte endlich ein Ende finden. Die Hoffnung, dass der BRD-Staat reformierbar ist: zurück zu einem freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Gemeinwesen, habe ich allerdings aufgegeben. Der grün-woke tiefe Staat mit seinen „zivilgesellschaftlichen“ Hilfstruppen von Antifa bis Gesellschaft für Freiheitsrechte kann nur durch einen Bürgeraufstand weggefegt werden. Er geht nicht von allein.

John
1 Stunde her

Das Höcke Bashing entwertet Ihren Artikel.

Ohanse
1 Stunde her

Eine stumpf lineare Betrachtungsweise. „Wählen gehen“ – genau das werden Millionen Altparteienwähler eben schon bei der nächsten Wahl nicht mehr. Aus rein biologischen Gründen. Die Zeit der CDU-Wähler läuft ab. Tick-tack, tick-tack – schaut mal auf die Uhr. Für einige ist es gleich schon soweit.

Juergen P. Schneider
1 Stunde her

„…die rechte Alternative denkt nicht daran zu rutschen…“ Das kann man nur hoffen, denn der Kern der AfD und ihr Programm entsprechen in etwa dem, was die Union vor mehr als 20 Jahren ausgemacht hat. Auch damals gab es in der Union einen rechten Rand, der nicht schlimmer gewesen ist als Herr Höcke. In den ersten Jahren des Deutschen Bundestages haben nicht weniger als 65 Abgeordnete für die Union im Parlament gesessen, die erwiesenermaßen Mitglieder der NSDAP gewesen sind. Der Parteichef dieser Partei, also der Mann mit der langen Nase, besitzt dann auch noch die bodenlose Frechheit, die AfD in… Mehr

Dreiklang
1 Stunde her

Herr Herles, wenn man in der CDU sagen würde : „Wir haben verstanden, wir sind zur Zusammenarbeit bereit “ – dann würde sich die AfD sofort bewegen. Aber dann z.B. könnte ein Voigt in Thüringen nicht Ministerpräsident bleiben ( seine Position ist sowieso unhaltbar…) . Sie unterstellen der AfD eine andauernde Verweigerungshaltung. Statt dessen geht diese von der CDU aus, und das bestätigt sich jeden Tag.

Karl Napp
1 Stunde her

„Die deutsche AfD besteht darauf, ihren Schwefelgestank zu konservieren. Riecht auch irgendwie nach Revolution.“

Den von Ihnen apostrophierten „Schwefelgestank“ nehmen wohl nur Sie und alle anderen AfD-Hasser als einen solchen wahr. In Wahrheit durchdringt zunehmend eine frische angenehme Brise der Hoffnung unser Land, die den gen Himmel stinkenden und inzwischen unerträglich gewordenen Mief des Altparteienkartells, hoffentlich bevor es zu spät ist, hinwegzufegen sich anschicken. Und nichts, wirklich gar nichts, ist für unser Land tatsächlich überlebenswichtig. Sie, Herr Herles, und mit Ihnen viele, noch zu viele, vermögen das allerdings nicht zu erkennen. Sowas bezeichnet man übrigens als unbelehrbar.

Logiker
1 Stunde her

Fußball und VW – die Indikatoren für den Zustand Deutschlands.

Logiker
1 Stunde her

Herr Herles,

einmal sag ich’s noch:

dies ist keine Regierungs- oder Kanzlerkrise – dies ist eine Systemkrise !

Logiker
1 Stunde her

BK Merz hat in seiner BT-Rede frech behauptet, das Volk und das Parlament stünde hinter ihm.

Vorschlag meinerseits:

Merz sollte diese Rede mal in Wolfsburg halten !

Wilhelm Roepke
1 Stunde her

Herr Herles hat einen hervorragenden analytischen Intellekt in seinem Grosshirn. Bis er auf das Thema AFD zu sprechen kommt. Da übernimmt wie üblich das Kleinhirn mit dem „Fight or flight-Reflex“. Er will nicht verstehen, dass eine echte konservative deutsche Partei nicht nur die Subventionen der Radwege in Peru beenden muss, sondern auch die Mitfinanzierung französischer Landwirtschaftssubventionen und Co. Daher werden AFD und RN in Frankreich niemals vollkommen identische Ziele haben können, sehr wohl aber in Teilen wie etwa beim Thema Asyl. Das wird Herr Herles nicht mehr lernen. Macht nichts, die Welt dreht sich auch so weiter.