Einer der größten evangelischen Liederdichter, der wie der Autor dieser Kolumne von seiner Kirche des Amtes enthoben wurde, hat im Leben schwerstes Leid durchmachen müssen. Der christliche Glaube schenkte ihm einen Gegenpol gegen alle Schicksalsschläge. Mit seinem schweren Lebensrucksack dichtete er Lieder mit tiefer seelsorgerischer Kraft.
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Paul Gerhardt wurde 1607 in Kursachsen in einer Gastwirtschaftsfamilie geboren. Im Alter von 14 Jahren war er bereits Vollwaise. Es waren Verwandte, die ihm trotzdem eine optimale Schulbildung auf der Fürstenschule in Grimma ermöglichten. Danach studierte er Theologie an der kursächsischen Universität in der Lutherstadt Wittenberg. Eines seiner bekanntesten Lieder lautet:
Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege,
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.
Von seinem 11. bis 41. Lebensjahr tobte vor allem in Deutschland der Dreißigjährige Krieg. Seine sächsische Geburtsstadt Gräfenhainchen wurde 1637 von schwedischen Soldaten vollständig zerstört. 1643 ging Gerhardt als Hauslehrer nach Berlin ins Kurfürstentum Brandenburg. Brandenburg verlor von 1618-1648 50% seiner Einwohner. Berlin schrumpfte gar von 12.000 auf 5.000 Einwohner.
Ach, edle Friedequelle,
schließ die Tore auf
und gib dem Frieden schnelle
hier wieder seinen Lauf.
Halt an die große Flut,
die tobt vor den Kulissen,
so dass man siehet fließen
wie Wasser Menschenblut.
1655 heiratete er auf seiner ersten Pfarrstelle im brandenburgischen Mittenwalde seine geliebte Frau. Von den gemeinsamen fünf Kindern überlebte nur eines das erste Lebensjahr.
Ach, es ist ein bitt‘res Leiden
und ein rechter Myrrentrank,
sich von seinen Kindern scheiden
durch den schweren Todesgang!
Hier geschieht ein Herzensbrechen,
das kein Mund recht kann aussprechen.
Nach nur 13 Jahren Ehe musste Paul Gerhardt 1668 seine 45-jährige Frau zu Grabe tragen. In diese Zeit fiel auch seine Amtsenthebung (1666/67). Der brandenburgische Kurfürst verfolgte die Politik, die starken Bevölkerungsverluste infolge des Dreißigjährigen Krieges durch calvinistische Flüchtlinge aus Frankreich und den Niederlanden auszugleichen. Der Kurfürst verbot darum allen Geistlichen, Kritik am Calvinismus zu äußern. Paul Gerhardt, der lutherisch ordiniert war, verweigerte die Unterschrift unter diese staatliche Anweisung.
Heute würde der Mainstream Paul Gerhardt „Calvinistophobie“ unterstellen. Gerhardt betonte, dass inhaltlich-theologische Differenzen nicht durch politische Vorgaben aufgehoben werden könnten. Eine politisch erzwungene Ökumene ohne echte inhaltliche Versöhnung sei eine Suggestion.
Paul Gerhardt dichtete folgende scharfen Zeilen über schlechte Politiker und übergriffige Fürsten:
Die Zunge, dein schädliches Glied,
du falscher verlogener Mund,
tut manchen gefährlichen Schnitt,
schlägt alles zu Schanden und wund.
Was unrecht, das sprichst du mit Freuden,
was recht ist, das kannst du nicht leiden,
die Wahrheit verdrückst du, die Lügen
muss Oberhand haben und siegen.
Dein Dichten, dein Trachten, dein Tun
ist einzig auf Schaden bedacht;
da ist dir unmöglich zu ruh‘n,
du habest denn Böses vollbracht.
Dein Rachen sucht lauter Verderben,
und wenn nur viel Fromme ersterben
von deiner vergälleten Zungen,
so meinst du, es sei dir gelungen.
Trotz sei dir, du trotzender Kot!
Ich habe den Höchsten bei mir;
wo der ist, da hat es nicht Not,
und fürcht‘ ich mich gar nicht vor dir.
Paul Gerhardt verlor durch seine Geradlinigkeit seine gut dotierte Stelle in Berlin und alle seine Einkünfte. Mit dem Stärkerwerden des Calvinismus durch die hugenottischen Flüchtlinge in Brandenburg verstärkte sich im deutschen Protestantismus weiter die Neigung zum Moralismus, der heute die Evangelische Kirche in Deutschland fest im Klammergriff hat (Klimamoralismus, Gendermoralismus, Impfmoralismus, Anti-Rechts-Moralismus, No-Border-Moralismus, Pro-Islam-Moralismus).
Von 1669-1676 kehrte Paul Gerhardt ins lutherische Kursachsen zurück und nahm seine dritte Pfarrstelle im ärmlichen Lübben/Spreewald an. Nach dem Tod seiner Frau dichtete Gerhardt keine Lieder mehr. Er war finanziell, körperlich und seelisch ausgelaugt. Er setzte seine Hoffnung auf das neue Leben bei Gott nach seinem Tod.
Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt Du’s uns so lieblich geh‘n
auf dieser armen Erden:
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden.
Am 6. Juni 1676 (nach dem julianischen Kalender am 27.5.1676) verstarb Paul Gerhardt in Lübben. Dort heißt es in der Kirche neben einem großen Bild von ihm überschwänglich: „Sing seine Lieder oft, o Christ, in heil’ger Lust, so dringet Gottes Geist durch sie in deine Brust.“
Wer selig stirbt, stirbt nicht!
Ein guter Tod gedeiht zum Leben,
und macht die Seel in Freuden schweben
vor Gottes Angesicht.
Lass alles fallen und vergehen,
wer in Christus stirbt, bleibt ewig steh’n.
PS: Achijah Zorn hat es gewagt, die wunderbaren Texte von Paul Gerhard im Dienste der Lesbarkeit minimalinvasiv dem gegenwärtigen Sprachgebrauch anzunähern, damit sie auch Menschen zum Schwingen bringen können, die im Lesen barocker Texte ungeübt sind.


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