Kriege nur im Namen der Moral? Besser nicht

Horst Köhler hatte wohl recht. Wenn über Kriege und ihre Führung ausschließlich in moralisierenden Kategorien gesprochen und eigene Interessen verteufelt werden, ist nichts gewonnen. Dafür geht der Wirklichkeitssinn verloren.

IMAGO / Eckehard Schulz
Der frühere Bundespräsident Horst Köhler im Gespräch mit Soldaten 2009

Horst Köhler, deutscher Bundespräsident ab 2004, trat während seiner zweiten Amtszeit im Mai 2010 zurück. Er hatte auf dem Rückflug nach einem Besuch bei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan einem Journalisten gegenüber erklärt, dass zur Wahrung der eigenen Interessen etwa an freien Handelswegen auch militärischer Einsatz notwendig sein könne, das müsse zumindest diskutiert werden.

Nun, es wurde nicht diskutiert. Es wurde skandalisiert. Krieg – schnöder wirtschaftlicher Interessen wegen? Also so eine Art „Blut für Öl“? Das skandierten empört die deutschen Pazifisten 1991, als eine internationale Koalition unter Führung der USA die völkerrechtswidrige Annexion Kuweits durch Iraks Saddam Hussein beendete, der zudem Israel mit der Ausradierung drohte. Ja, es ging auch um Öl – aber auch darum, keiner Macht die eigenmächtige Korrektur von Grenzen zu gestatten. Die Gegenaktion war durchaus legitim – sie beschränkte sich übrigens (damals noch) auf dieses Ziel, ohne etwa ein Ende des Diktators anzustreben, wie man sich das als Menschenfreund vielleicht wünschen mochte.

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Was ist so empörend am Verweis auf Interessen? Weil es beim Einsatz von Gewalt um etwas wirklich Großes gehen müsse, mindestens ums Menschenrecht oder noch weit Größeres? Joschka Fischer beschwor 1999 die höchsten Werte, als es um den ersten deutschen Kriegseinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg im Kosovo ging: „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus“, das seien die ihn leitenden Grundsätze, die für die Intervention sprächen. Also: alternativlos! Das musste er wohl so hochhängen, denn die völkerrechtliche Legitimation einer solchen „humanitären Intervention“ war alles andere als felsenfest. 

Der freie Zugang zu Ressourcen ist für alle Nationalstaaten überlebensnotwendig. Nicht ein vitales Interesse ist das Skandalon – sondern vielmehr dessen moralische Aufladung. Die aber kommt immer dann, wenn es am legitimen Interesse hapert. US-Präsident Woodrow Wilson etwa begründete die Intervention der USA im ersten Weltkrieg damit, man wolle die Welt „safe for democracy“ machen.  Klingt gut, gehört aber nicht zu einem legitimen Kriegsziel: Keine der kriegsführenden Parteien ist legitimiert, der unterlegenen Seite eine wie auch immer sympathische Staats- oder Regierungsform oder ein bestimmtes Wirtschaftssystem aufzunötigen. 

Meistens hat etwas zu verbergen, wer solche hohen Töne anstimmt. Dies sei ein Krieg gewesen, „um alle Kriege zu beenden“ – wieder Woodrow Wilson 1917: Ein bescheideneres, legitimeres Interesse vermochte er wahrheitsgemäß nicht zu benennen. Auch die Briten mussten 1914 den „Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei“ bemühen, um ihr Eingreifen in einen lokalen Konflikt zu legitimieren – in Christopher Clarks Buch „Schlafwandler“ nachzulesen. Die Behauptung einer solchen moralischen Mission machte den Gegner, ganz nebenbei, zu einem „Barbaren“, demgegenüber die Gesetze der Mäßigung nicht gelten. 

Je weniger „legitim“ einer demokratischen Öffentlichkeit ein Krieg erscheint, je weniger sie bereit ist, eine militärische Auseinandersetzung als Konfliktlösungsinstanz hinzunehmen, desto eher müssen Menschheitsanliegen bemüht werden, wo es doch womöglich “nur“ um die Machtbalance oder um den Zugang zu Ressourcen geht. 

Moralisieren entgrenzt. Die Fiktion, es gebe eine gute, eine „richtige“ Seite macht den Gegner zum absoluten Feind. Dabei entscheidet nicht die richtige Moral über den Sieg, sondern das durchaus unzuverlässige Kriegsglück.

Sackgassen muss man verlassen
In Afghanistan begräbt der Westen seinen Wahn vom Demokratie-Export
„Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, verkündete Verteidigungsminister Peter Struck 2004, als es um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ging. Der wurde den eher pazifistisch gesonnenen Bundesbürgern verkauft als lediglich menschenfreundliches Engagement der Soldaten beim Brunnenbauen und der Begleitung kleiner Mädchen zum Schulbesuch. Den Rückkehrern aus Afghanistan wurde für ihren ganz und gar nicht harmlosen Einsatz noch nicht einmal öffentlich die Hand geschüttelt.

Auch hier wieder der hohe Ton, der im Grunde das jetzt eingetretene Desaster vorwegnimmt. Angela Merkel aber scheut sich nicht, die Anmaßung der „Mission“ auch jetzt noch hochzuhalten: „Wir wollten ein Land aufbauen mit demokratischer Struktur, das ist nicht gelungen. Es gab keine Bindung der afghanischen Streitkräfte zum Volk, es hat nicht so funktioniert, wie wir uns das gedacht haben.“ Ihre Schlussfolgerung: „Wir müssen auch woanders schauen: Was kann man erreichen durch ein solches Eingreifen? Wie können wir politische Ordnungen in anderen Ländern implementieren?“

Warum sollten „wir“ das tun? Womöglich war die Bindung der mit Millionen von (deutschen) Steuergeldern ausstaffierten afghanischen Streitkräfte ans Volk ganz im Gegenteil stärker, als man geglaubt hat – sonst hätten die Taliban nicht so locker durchmarschieren können. Ein Volk, das womöglich auch von Angela Merkel keine hierzulande bevorzugte „politische Ordnung“ verschrieben bekommen möchte.

Ja, man könnte heulen, wenn man sieht, was jetzt geschieht. Nicht nur der Frauen wegen, die ihre Freiheit nur kurz haben genießen können. Eine „Sandalenarmee“ hat den Beweis angetreten, dass Demokratieexport nicht funktioniert, „wenn hochgerüstete Armeen in fremden Kulturen einen Krieg ohne militärisches Ziel und ohne Bereitschaft zum Sieg kämpfen.

Kriege, die nicht gewonnen werden können, sollte man gar nicht erst anfangen.

Doch wenigstens einer lacht: China. Peking erkennt die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan an, „respektiert die Entscheidung der Menschen in Afghanistan, und hofft auf einen ruhigen Übergang.“ http://www.dernewsticker.de/news.php?id=415508


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Kommentare ( 89 )

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Peter Mueller
1 Monat her

Dazu ein paar Stichpunkte: – Afghanistan: TAPI-Pipeline (als Seidenstraße des 21. Jahrhunderts bezeichnet; Kriegsbeginn unmittelbar nach Verhandlungsabbruch durch die Taliban, Fertigstellung 2021 (!), Taliban sind inzwischen wieder mit einbezogen) – Jugoslawien: AMBO-Pipeline, Camp-Bondsteel, Zerschlagung eines Verbündeten Rußlands und Vordringen in den postsowjetischen Raum – Mali: Areva-Uran der Franzosen (siehe auch Aufbereitungsanlage Gronau) – Irak: die in den 70ern verstaatlichte Ölindustrie wurde nach dem letzten Golfkrieg wieder privatisiert, und die alten westlichen Ölkonzerne, die man damit seinerzeit rausgeschmissen hatte, kehrten wieder zurück. (sh. auch Verfilzung BP/ Tony Blair) usw. usf… Köhler hat bei seinem Verplappern also nicht einen Wunsch beschrieben, sondern… Mehr

Last edited 1 Monat her by Peter Mueller
egal1966
30 Tage her
Antworten an  Peter Mueller

Seien wir doch mal ehrlich:

Es ging bei Kriegen nie um „Demokratie“ „Moral“ oder anderen Begriffen, die den Menschen als Begründung für den Eintritt in einen Krieg von der Politik vorgeworfen wurde, weder in ersten Weltkrieg, noch in zweiten Weltkrieg und auch nicht in den folgenden.

Immer waren es entweder der „Kampf“ um Ressourcen, wirtschaftliche oder von Finanzmagnaten angezettelte Kriege.

Wer sich deren „Interessen“ nicht unterwarf oder gar wirtschaftlich zu stark wurde, siehe erster Weltkrieg, der wurde dann quasi in einen Krieg gedrängt, wobei in Hintergrund meist die „Wall Street“ die Fäden gesponnen hat und auch noch immer tut…

November Man
1 Monat her

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan war geplant. Die Amerikaner könnten gesagt haben, dass in Doha beschlossen wurde, dass die Taliban kommen, dass der Widerstand also nicht stattfinden darf. Der Vertreter von Trump in Doha wurde von Biden übernommen. Der afghanischstämmige Amerikaner war zuvor schon Botschafter in Afghanistan, im Irak, war UN-Botschafter und hat auch schon im Pentagon gearbeitet. Dieser Mann hat sogar mit Ashraf Ghani gemeinsam studiert. Das ist eine Elite, die von den Amerikanern in Beirut erzogen worden ist. Angela Merkel – wer auch immer – sie lügen alle. Die Vertreter waren alle in Doha, die Amerikaner, Russen,… Mehr

Fsc
1 Monat her

Das Scheitern der Afghanistan-Politik unserer weltfremden Träumer war doch von vorneherein klar.
Mein afghanischer Bekannter Wahid (in Deutschland seit dem Einmarsch der Sowjets) erklärte mir, daß das Gros der Bevölkerung genauso tickt wie die Taliban. Einziger Unterschied: die Einen sind militant, die Anderen nicht.

Die westlichen Soldaten waren nicht als Garanten von Freiheit & Demokratie willkommen sondern ausschließlich als Geldquelle!

Ein einziges Gutes kann ich der Machtergreifung der Taliban aber doch abgewinnen:
An der Universität Kabul kann man nun keinen Master-Abschluss in Gender Studies auf Steuerzahlers Kosten mehr machen…

Last edited 1 Monat her by Fsc
Fuerstibuersti
1 Monat her

Zitat: „Wir wollten ein Land aufbauen mit demokratischer Struktur, das ist nicht gelungen. “ Wenn ich den Hosenanzug von Demokratie nuscheln hör, fällt mir glatt der Drink aus der Hand.

So gehört ’s: „Ich wollte ein Land aufbauen ohne demokratische Struktur, das ist mir gelungen.“

Juergen Waldmann
1 Monat her

Es war K.T. zu Guttenberg , der als Verteidigungsminister zuerst von “ Krieg “ sprach , dafür wurde er fast aus dem Amt gemobbt . Aber er war ein sehr guter Minister gewesen , den ich mir als Kanzler sehr gut vorstellen konnte .

Michaelis
1 Monat her

Die Taliban sind keine Dummköpfe!!

Michaelis
1 Monat her

„Keine der kriegsführenden Parteien ist legitimiert, der unterlegenen Seite eine wie auch immer sympathische Staats- oder Regierungsform oder ein bestimmtes Wirtschaftssystem aufzunötigen.“
Danke für diesen großartigen Beitrag!! Er zeigt, dass es bei TE auch anders gehen kann!

Juergen P. Schneider
1 Monat her

„Kämpfe nicht, wenn Du nicht gewinnen kannst.“ (aus „Die Kunst des Krieges“ von Sun Zi). Klingt wie eine Banalität, aber wie oft wird dagegen verstoßen.

fatherted
1 Monat her

Man sollte bei Herrn Köhler nicht vergessen, dass dieser sich wie ein beleidigte Leberwurst aus seinem Amt „empfohlen hat“ nachdem der Links/Grüne Herr Trittin ihn auf diese Äußerung hin angegangen ist. Wer so wenig Rückgrat besitzt die eigene Position zu vertreten und diese auch zu begründen, sollte ein solches Amt nicht bekleiden….aber die Nachfolger waren ja nicht besser.

November Man
1 Monat her
Antworten an  fatherted

Merkel-Mobbing: Warum Köhler wirklich zurückgetreten ist Als Grund für den völlig überraschenden Rücktritt Horst Köhlers am 31. Mai 2010 galt bislang die harte Kritik am Präsidenten wegen seines Interviews auf dem Rückflug aus Afghanistan. Damals hatte er gesagt, die Bundeswehr müsse im Notfall auch für „freie Handelswege“ sorgen. Das stimmt allerdings nicht. „Hütchenspiel ums höchste Staatsamt“ Welche Rolle spielt das Euro-Rettungsgesetz bei Köhlers Rücktritt? Köhler wollte das Gesetz in Ruhe prüfen. Das Bundespresseamt meldete jedoch, er habe es schon unterschrieben, als Köhler noch auf dem Rückflug von Afghanistan war. Köhler sah die No-Bail-Out-Klausel, also den im Euro-Vertrag festgeschriebenen Verzicht auf die… Mehr

Dozoern
1 Monat her

Immanuel Wallerstein hat in seinem Essayband „Die Barbarei der Anderen“ sehr gut beschrieben, wie Spanien im Mittelalter zusammen mit der Katholischen Kirche die Raubzüge in Südamerika mit der Parole verbrämte „Den Ungläubigen den Glauben bringen“. Mit dieser Parole haben sie die scheußlichsten Verbrechen an Menschen gerechtfertigt. Dabei ging es nur um Macht und Geld. Nichts anderes passiert heute. Die Parole heißt nur anders: „Den Menschen die Demokratie bringen.“ Auch damit werden die scheußlichsten Verbrechen des Imperiums und seiner Miläufer rund um die Welt gerechtfertigt und von den Medien weiß gewaschen. Es steckt allerdings nichts anderes dahinter, als dass die Klasse… Mehr