Erdogan und türkische Blut- und Boden-Ideologie

Der türkische Präsident Erdogan entwickelt sich im Eiltempo zu einem islamischen Despoten. Sein Einfluss greift bis tief in die deutsche Politik – und nicht erst seit der Armenien-Erklärung des Deutschen Bundestages dient ihm dazu eine irreale Blut- und Boden-Ideologie, die erschreckende Parallelen zum nationalsozialistischen Denkmodell aufweist.

© Sascha Schuermann/Getty Images

Die Masse der Türken sind keine Turkmenen

Wie absurd diese Blut-und-Boden-Ideologie der türkischen Herrenmenschen ist und weshalb sie einen Völkermord niemals wird eingestehen können, liegt bei logischer Betrachtung unweigerlich auf der Hand. Denn das Eingeständnis des Genozids würde nicht nur die einmaligen Schandtaten des Ersten Weltkriegs auf das kollektive Gewissen der Türken legen – es würde ihr nationales Selbstverständnis vernichten müssen.

Warum? Weil dann als erstes der türkischen Nation die Frage gestellt werden müsste, wie es zu dieser Nation dereinst überhaupt kommen konnte. Denn wenn die gedachte Legende einer blutreinen Nachkommenschaft turkmenischen Ursprungs der historischen Wahrheit entsprechen soll, dann muss die Geschichte der Türkei mit einem der größten Völkermorde der Geschichte begonnen haben. So das Selbstverständnis der heutigen, reinblütigen Nationaltürken stimmt, dann haben ihre genetischen Vorfahren mit der Eroberung des antiken Asia die dort lebenden, christlich-anatolischen Völker mit Stumpf und Stiel vernichtet. Auch Frauen und Kinder dürften diesen zu den größten Genoziden zählenden Massenmord nicht überlebt haben – denn andernfalls wäre ihr unreines, untürkisches Blut heute fester Bestandteil des reinrassisch-türkischen. Und die Legende der türkischen Blutreinheit müsste allein schon deshalb platzen wie eine Seifenblase.

Wäre die Türkei tatsächlich auf diese Weise entstanden, dann könnte sie mit Fug und Recht als ein Land des konstitutionellen Völkermordes bezeichnet werden.

Faktisch allerdings sieht die Situation deutlich anders aus. Denn jene damaligen, turkmenischen Eroberer, auf deren barbarischen Kampfesmut sich die heutige Türkei in ihrem nationalen Selbstverständnis beruft, waren eben keine Völkerwanderung, die ein überlebensunfähiges, anatolisches Volk ersetzte – sie waren lediglich eine elitäre Kampfgemeinschaft, die an der Spitze einer islamischen Streitmacht stand, welche seit Anbeginn des mohamedanischen Eroberungskrieges die jüdischen, christlichen, zoroastrischen, hinduistischen und sonstigen Gemeinden zwischen Atlantik und Indus überrannt hatte.

Die heutigen Nationaltürken – das ergibt sich nicht nur aus der Logik historischer Abläufe, sondern ist mittlerweile durch die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Haplogenetik bestätigt – sind eben nicht die Nachkommen jener turkmenischen Herrschaftselite, sondern jener schwachen Anatolier, die dereinst vom islamischen Sturm überrannt wurden und sich derart assimilierten, dass sie in ihren Köpfen zu Nachfahren ihrer Unterdrücker mutierten. Im psychologisch-klinischen Sinne könnte man mit Fug und Recht von einem kollektiven Stockholm-Syndrom sprechen: Eine Assimilation bis zur Selbstverleugnung in dem Bestreben, die Schmach der eigenen Niederlage niemals eingestehen zu müssen. Und so entstand die eine Komponente der von Erdogan und seinen Nationaltürken islamischer wie säkularer Prägung getragenen Blut-und-Boden-Ideologie. Tatsächlich aber sind anatolische Türken, Kurden und Armenier sämtlichst die in ihrem historischen Anspruch gleichberechtigten Nachkommen jener Völker, die dort bereits lebten, lange bevor Mohamed mit seinem Islam ein Welteroberungskonzept schuf.

1.400 Jahre ideologisch begründeter Völkermord

Womit wir uns nun der zweiten Komponente dieser türkischen Nationallegende zuwenden. Legt man die von den Vereinten Nationen definierten Kriterien eines Völkermordes zugrunde, so ist der Weg zu der Erkenntnis nicht weit, dass jenes im siebten nachchristlichen Jahrhundert von Mohamed erdachte Philosophiekonzept die Grundlage eines nunmehr 1.400-jährigen Genozids ist. Beginnend mit jenem jüdischen Stamm der Quraiza im Jahr 627 erfüllt der Eroberungsfeldzug des Islam bis heute die Genozid-Kriterien der Vereinten Nationen. 1948 definierten die UN diese wie folgt:

„In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

(b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;

(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;

(d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;

(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“

All diese Kriterien hat der Islam immer und immer wieder erfüllt – und es unterscheidet ihn seine Ideologie von den abrahamitischen Vorgängerphilosophien dadurch, dass sein genozider Ansatz bereits im Koran selbst festgeschrieben wurde, während Mosaismus und Christentum zwar auch ab- und ausgrenzende Identitätskriterien definieren, aber die kollektive Ausgrenzung und Unterdrückung bis hin zur physischen Vernichtung der Ausgegrenzten in ihren Philosophiewerken nicht vorgesehen ist (was nichts daran ändert, dass auch im Namen des Christentums Genozide beispielsweise an der indigenen Bevölkerung Amerikas zu beklagen sind – nur resultierten diese auf einer klerikal-politischen Fehlinterpretation des Glaubenswerkes und nicht auf dem Wortgebot desselben).

Der Islam vernichtete gezielt die nicht-islamischen Kulturen und Zivilisationen bis tief hinein nach Asien und Schwarzafrika. Wer nicht bereit war, seine ethnisch-kulturelle Identität zu Gunsten des Islam aufzugeben – und damit seine eigene Geschichte zu verleugnen – war ständiger Repression bis hin zur Völkervernichtung ausgesetzt, wie dieses beispielsweise aktuell wieder bei den Ezidi zu konstatieren ist.

Die explosive Mischung aus Stockholm-Syndrom und religiösem Eiferertum

In der Person des Recep Tayyip Erdogan nun verbinden sich beide Komponenten zu einer faschistoid-klerikalen Hybris.

Während sich die Kemalisten noch darauf beschränken mussten, das Nicht-Vorhandensein eines turkmenisch-elitären Stammbaumes mit eben jener gedachten, türkischen Blutreinheit zu begründen, so verknüpft der Muslimbruder Erdogan in seinem Bewusstsein diese biologistische Identität mit seiner islamischen – der scheinbar säkulare Brudermord an den Armeniern findet seine Legitimation in der islamischen Überhebung über den „Ungläubigen“.

Auch 1915 waren Europa und Amerika mitschuldig
Genozid oder nicht – wir sind mitschuldig am türkischen Massaker
Tatsächlich definiert kaum ein Ereignis der jüngeren osmanischen Geschichte diese Emulsion biologistischer, pseudo-ethnischer Vorstellungen mit religiös verbrämtem Alleinherrschaftsanspruch derart perfekt wie der Genozid der Jungtürken an den Armeniern. Der säkulare Vorwurf lautete Verrat am türkischen Staat und dessen türkischem Volk aufgrund der Kollaboration mit dem russischen Feind. Er wurde vermengt mit dem islamischen Ziel der Vernichtung der Ungläubigen – was dem ungebildeten, anatolischen Muslim mehr noch als die damals noch nicht vorhandene Vorstellung eines türkisch-blütigen Volkes die Legitimität seines Handeln im Namen seines Gottes und dessen Propheten gab.

Erdogan selbst verknüpft in sich diese anatolische Melange des armenischen Genozids in perfekter Weise. Er IST die biologistische Blut-und-Boden-Ideologie eines real-ethnisch nicht vorhandenen türkischen Volkes. Und er IST der Anspruch Mohameds, die Ungläubigen unter das Diktat seines Islam zu zwingen.

Wie kaum einer anderer steht dieser Erdogan mit allem, was er ist und was er tut, für das, was den Genozid an den Armeniern erst möglich machte. Und für das, was das gegenwärtige genozidoide Vorgehen gegen die eigene, kurdische Bevölkerung zu legitimieren scheint.

Erdogans scheinpolitischer Anspruch ist eben nicht nur von dieser Welt. Er emulgiert eine nationaltürkische Gründungslegende mit dem islamisch verursachten Stockholmsyndrom seiner Herkunft, bei der es am Ende auch keine Rolle spielt, ob er selbst nun anatolischen Ursprungs oder – wie einmal von ihm selbst behauptet – georgischen Ursprungs oder – wie von anderen behauptet – tscherkessischen oder jüdischen oder griechischen Ursprungs ist. Als klassisches Ergebnis einer über Jahrtausende gehenden Genvermengung unterschiedlichster Eroberungs- und Vertreibungsgeschichten rettet sich der Genmix Erdogan in der Erkenntnis seiner eigenen „Blutunreinheit“ in die Phantasie einer Blut-und-Boden-Ideologie und tritt damit in die Fußstapfen jener ebenso absurden arischen Blutreinheitsphantasien deutscher Nationalsozialisten.

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Kommentare ( 2 )

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Ibrahim Akyuez
3 Jahre her

Also ich muss immer lachen, wenn Deutsche kein türkisch können und dann etwas rational und wortwörtlich übersetzen, was dann eine Umdeutung des Begriffs und seines gebrauches bedeutet! Stimmt Herr Spahn, wir Türken sind nicht reinrassig und definieren uns auch nicht so! Es gibt unter den „grauen Wölfen“ eine Minderheit, die sich über ihr Blut definieren, aber sie sind eine Minderheit unter einer Minderheit, den Turanisten, die sogar die osteuropäischen Juden (Kahzaris) mit einbezieht. Etwa 20% der Bevölkerung der heutigen Türkei sind die nachkommen der Balkan Muslime, die auf dem Balkan ermordet wurden, beraubt und ihrer Identität beraubt wurden. Ca. 2,5… Mehr

hen
2 Jahre her
Antworten an  Ibrahim Akyuez

Die Vertreibung der Balkan-Muslime wird im Vergleich zum Völkermord an den Armeniern nicht verleugnet. Der Vergleich mit der Nazi-Ideologie ist dahingehend zutreffend, als das eine ehrliche Selbstreflexion bei beiden ausleibt. Also was Sie hier behaupten, dass die Türken sich nicht als Ethnie sehen ist Augenwischerei. Man muss nur einen Blick in türkische Schulbücher werfen um sich bewusst zu werden das sich der gegenwärtige Türke eine unhistorische Identität aufsetzt. Sie behaupten das Türkentum wäre schlichtweg eine Bekenntnis zum Islam und eine Sympathie für die damaligen zentral-asiatischen Herrscher Anatoliens. Doch im Gegensatz zur Bekenntnis als Amerikaner, wo man sich über Demokratie und… Mehr