Handwerk: Keine Angst vor Wettbewerb!

Koalitionspolitiker aus Union und SPD haben vorgeschlagen, die Reformen aus der Agenda-Zeit beim Meisterzwang in der Handwerksordnung wieder rückgängig zu machen. Damals wurde die Meisterpflicht von 94 auf 41 Gewerke gesenkt und auf „gefahrgeneigte“ Tätigkeiten beschränkt.

© Carlos Andre Santos/Getty Images

Es gab früher Zeiten, da hat sich in diesem Land noch etwas bewegt. Die Jüngeren werden sich nicht mehr daran erinnert, weil es schon so lange her ist. Aber bei den Menschen, die in den 1980er Jahren und früher politisch sozialisiert wurden, ist es vielleicht noch im Langzeitgedächtnis abgespeichert.

Die Errungenschaften der Agenda 2010

Es war die Zeit der Agenda 2010. Heute blicken viele Sozialdemokraten mit Gram auf diese Zeit, Anfang der 2000er Jahre. Trug die damalige Wirtschaftspolitik der Regierung Schröder doch entscheidend dazu bei, dass die Sozialdemokratie sich anschließend gespalten hat, und der damalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine zur Linkspartei wechselte. Die verbliebenen Sozialdemokraten machen diese Regierungszeit bis heute für den Beginn ihres Niedergangs verantwortlich. Daher verteidigen nur noch wenige die damalige Wirtschaftspolitik. Im Gegenteil versucht die SPD seitdem, die Reformen von damals möglichst rückgängig zu machen, und hofft so, ihre verunsicherten Wähler wieder zurückzugewinnen. Doch strategisch machen die Sozis damit einen schweren Fehler. Sie haben nicht nur die unter Gerhard Schröder neu gewonnenen Wähler enttäuscht, sondern sie können die verloren gegangenen nicht wieder zurückgewinnen. Am linken Rand gibt es mit den Grünen und insbesondere der Linkspartei politische Alternativen, deren Glaube an den allumfassenden Sozialstaat von der SPD nicht überboten werden kann – insbesondere nicht in der Regierung.

Dabei war diese Zeit sehr erfolgreich, und von den in diesen Jahren geschaffenen Rahmenbedingungen, profitiert Deutschland noch heute. Die Flexibilität des Arbeitsmarktes durch die Zeitarbeit, die Abschaffung des Arbeitslosengeldes II und die Entrümpelung der Handwerksordnung, ermöglichte frischen Wind am Arbeitsmarkt und für Existenzgründer. Das Beschäftigungswunder, das Deutschland heute erlebt, hat seine Basis in der Agenda 2010. Wahrscheinlich ist das mangelnde Bekenntnis der Sozialdemokraten zu dieser Wirtschaftspolitik ihr heutiges Problem. Die SPD war immer dann stark, wenn es ihr gelungen ist, auch die Mitte der Gesellschaft zu erreichen. Also diejenigen, die den Sozialstaat mitfinanzieren.

Gerhard Schröder war die Inkarnation eines Aufsteigers sozialdemokratischer Prägung. In ärmlichen Verhältnissen im lippischen Kalletal aufgewachsen, hat er sich über den zweiten Bildungsweg erst zum Rechtsanwalt und später zum Bundeskanzler hochgeboxt. Die Geschichte, dass er als junger Sozialdemokrat vor dem Gitter des Kanzleramtes stand, daran rüttelte und sagte: „Da will ich rein“, war bezeichnend für seinen Ehrgeiz. Müsste man eine sozialdemokratische Biographie erfinden, wäre Gerhard Schröders Werdegang idealtypisch. Und auch sein Wirtschaftsminister Wolfgang Clement entsprach diesem Typus des Sozialdemokraten, der weit in bürgerlich liberale Milieus hinein vermittelbar war.

Heute hat die Sozialdemokratie keine Gerhard Schröders und Wolfgang Clements mehr. Das ist ihr Problem und womöglich ihr Untergang. Die SPD wäre allerdings nicht die erste sozialdemokratische Partei in Europa, die sich aus diesem Grund marginalisiert.

Wiedereinführung Meisterzwang in der Handwerksordnung

Jetzt haben Koalitionspolitiker aus Union und SPD vorgeschlagen, die Reformen aus der Agenda-Zeit beim Meisterzwang in der Handwerksordnung wieder rückgängig zu machen. Clement hatte damals die Meisterpflicht von 94 auf 41 Gewerke gesenkt und auf „gefahrgeneigte“ Tätigkeiten beschränkt. Schon das war damals ein Kompromiss, den die Monopolkommission der Bundesregierung seit vielen Jahren kritisiert. Wolle man als Gesetzgeber die Qualität einer Dienstleistung von staatlicher Seite sichern, dann genüge es nicht, einmal den Befähigungsnachweis zu erbringen, sondern man müsse dann schon regelmäßig Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen verpflichtend einführen. Und auch die Privilegierung des Marktzugangs mit der Ausbildungsleistung zu begründen, sei ein politisch-korporatistischer Ansatz. Selbständige Handwerksbetriebe vor einem intensiven Wettbewerb zu schützen, sei dadurch nicht gerechtfertigt. Insbesondere über die Handwerkskammer und ihre Mitwirkungsmöglichkeiten dort erhielten die Handwerker selbst die Kontrolle über den Marktzutritt, und damit die Intensität des Wettbewerbs in ihrem Sektor. Nach Auffassung der Monopolkommission sind solche Übereinkünfte zu Lasten Dritter abzulehnen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Zentralverband des Handwerks den Vorstoß begrüßt und dies sogar als wichtigen Beitrag für den Verbraucherschutz bezeichnet. Immer dann, wenn betroffene Anbieter oder Berufsverbände von Verbraucherschutz reden, ist Vorsicht an der Bahnsteigkante geboten. Meist ist das Argument vorgeschoben, um unter sich bleiben zu können. Wer auch morgen noch einen Fliesenleger und andere Handwerker zu akzeptablen Preisen beauftragen will, sollte sich für die Abschaffung des Meisterzwangs auch bei anderen Gewerken einsetzen. Ein Wolfgang Clement würde das tun. Ein Peter Altmaier wohl nicht. Das macht den Unterschied aus zwischen Reden und Handeln, gestern und heute.

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Kommentare ( 31 )

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Interessante Diskussion. Das Problem ist doch, dass es den Meister ja weiterhin geben darf, allerdings nicht den Zwang! Dann kann jeder Kunde selbst entscheiden, wo er einkauft. Warum ist das so schwer zu verstehen? Die Bismarcksche Gewerbeordnung war ein Geniestreich, der unter anderem Deutschland ermöglicht hat, wirtschaftlich England zu überflügeln. Die mittelalterlichen Zünfte wollen jetzt wieder eingeführt werden. Das Qualitätsargument zieht nicht, weil, wie gesagt, der Meister ja bestehen bleiben kann. Deshalb: weg mit dem Meisterzwang. Vorrang für das Vertragsrecht. Auch bei Anwälten, Ärzten usw. muss darüber diskutiert werden. Die sogenannten „freien“ Berufe sind die wohl reguliertesten überhaupt.

Ich wünsche all jenen viel Glück, wenn sie zuhause mal einen kompetenten Handwerker brauchen. Aus eigener Erfahrung als ehemalige Arbeitgeberin im Handwerk kann ich nur sagen:
Der Leistungsniedergang in den Schulen und Universitäten zieht sich nahtlos durch bis in jeden Beruf. Und das staatlich forciert.
Die Abschaffung der Qualifikationsbedingungen in vielen Bereichen hat uns zu einem von Laienschauspielern durchdrungenen Komplex gemacht, der dringend Glück bei der Auswahl des benötigten Personals erfordert. Laienschauspielern, die zusätzlich auch nicht ausbilden dürfen. Kein Wunder, dass nun allerorten mangels konsequenter Ausbildung qualifiziertes Fachpersonal fehlt.

Sehr geehrter Herr Schäffler, endlich haben auch andere gemerkt, daß Bologna-Ausbildung, Abschaffung des Meistertitels, Abschaffung der guten alten Diplome und deren Ersatz durch windige, aus dem anglo-amerikanischen System plagierte Abschlüsse nicht das Richtige sind; letztere senken nur massiv das Niveau und haben mit dem Humboldt´schen Ideal nichts, aber auch nichts zu tun. „Umkehr nach Erkenntnis“ ist eine konservative Eigenart und führt sachlich und behutsam in die Zukunft. Sie halten aber weiterhin starr an der anglo-ameikanischen Neo-Lib Ideologie fest. Daher hat Ihre Partei u.a. auch keine große Zukunft mehr; Wasser ist flüssig und findet seinen Weg – der Wähler strömt zur… Mehr

Die Ausbildungen, sei es nun zum Facharbeiter oder Meister werden bislang von den Industrie- und Handelskammern sowie den Handwerkskammern koordiniert und durch entsprechende Prüfungen abgeschlossen. Dadurch wird sichergestellt, daß bei den Facharbeitern ein gewisser Standard an Sachkunde und bei den Meistern zusätzlich die Fähigkeit zur Ausbildung und Betriebsführung vorhanden ist. Es war über Jahrzehnte hinweg ein funktionierendes System, welches überall auf der Welt anerkannt wurde. Mir leuchtet wirklich nicht ein, wieso man dieses vorbildliche System seit Jahren vor die Wand fährt!?
Warum verzichten wir nicht gleich auf die Ausbildung zum Facharbeiter? Das Abitur bekommt schließlich auch schon jeder hinterhergeworfen!

Mit meinem IHK Zwangsbeiträgen könnte ich mehrere Ausbildungsplätze oder Angestellte beschäftigen. So finden
finanziere ich abgehobene Funktionäre, die außer großkotzig Geld zu verballern zu nichts in der Lage sind. Im Gegenteil sie sind auch ganz stromlinienförmig auf Regierungskurs.
Dank GEZ Kirchhof würde auch dies Klage gegen IHK Zwangsmitgliedschsft beim BVG abgebügelt.

Der Meisterbrief wurde nachdem Bismarck die Gewerbefreiheit ermöglicht hatte, von Adolf Hitler wieder eingeführt. Sonst fürchten sich die Eliten manchmal vor Adolf. Aber bei der Handwerksordnung offenbar nicht…

Die Linken heutiger Zeit fürchten nur die Symbolik von Adolf, seiner Methoden bedienen sie sich nach Herzenslust.

Akzeptable Handwerkerpreise haben eigentlich wenig mit der Abschaffung des Meisterzwangs zu tun. Wenn sie heute ein Problem mit ihrem Auto haben, dann wird es nicht vom Meister repariert, sondern vom Spezialisten, der sich mit dem Typ des Fahrzeugs auskennt, und darauf geschult ist. An einem Fahrzeug mit diversen Assistenzsystemen schraubt heute niemand mehr rum, der mal irgendwann seinen Meisterbrief gemacht hat, oder als Schrauber etwas Sachkenntnis besitzt. Anschließend werden sie sich natürlich wundern, wenn sie um die 100,-Euro pro Stunde zahlen, und dafür tief in die Tasche greifen. Aber der Luxus einer modernen Vollausstattung, mit immer schadstoffärmeren Motoren hat eben… Mehr

Den Ausbildereignungsschein bekommt man im Handumdrehen, einen Meistertitel eben nicht. Und ich würde mal behaupten, dass der Meister für die Ausübung des jeweiligen Handwerks und auch die Ausbildung der Azubis deutlich qualifizierter (und motivierter, weil besser vorbereitet?) ist.
Azubis sind ein knappes Gut und es spricht sich schnell herum, wenn eine Ausbildung nur so hingepfuscht wird, so dass man versucht mit einem möglichst guten, motivierten Ausbilder zu punkten.
Ein Problem ist es eher, überhaupt gute und geeignete Azubis zu finden und nach Abschluss der Ausbildung möglichst auch zu halten.
Kaum möglich, wenn IHK-Redenschwinger bei der Freisprechung zum Studium raten.

Der Betrieb bei dem ich ausgebildet wurde müsste seine Ausbildungsgenehmigung eigentlich entzogen bekommen weil dort nichts dem Rahmenplan entsprach. Wüsste die örtliche IHK, interessierte sie aber nicht.

Ein Hauptschulabschluss können Sie auch in sechs Wochen bekommen………..

Wenn sich jeder „Meister“ nennen darf ohne je eine entsprechende Ausbildung durchgelaufen zu sein, dann weiss man warum man so viel Pfusch vorfindet. Ich werden den Verdacht nicht los, dass die Abschaffung der Meister-Ausbildung von langer Hand geplant war, um den Syrischen Fliessenleger Meister in den Deutschen Berufsalltag zu integrieren. Das Handwerk war früher mal ein angesehener Berufszweig, heute durch sinnlose Gesetze aber verteufelt. Es sieht so aus als will man einfach keine jungen Deutschen für den Beruf „Handwerker“ gewinnen. Na ja, das Ziel zu 100 % erreicht!

Die Abschaffung der Meisterpflicht hat zu immer mehr Pfusch geführt. Wem nützt ein Beschäftigungswunder in prekären Beschäftigungsverhältnissen doch nur den Anbietern somit konnten sie Lohndumping betreiben. Die andere Seite ist, die Beschäftigten können von einem Job nicht mehr leben, ganz zu Schweigen von den Auswirkungen auf die Rente. Ihre Lobhudelei auf die Agenda 2010 kann man nur als Arbeitgeber für gut empfinden.

Raten Sie mal, was im Rahmen des Zivilrechts bei Pfusch möglich ist.

Eine ganze Menge. Wenn ein Betrieb Pfusch am laufenden Band abliefert, ist er pleite. Der Markt reinigt sich selbst.

Na ja, Meisterbetriebe haben auch noch nie Pfusch abgeliefert, ich schwör!

Und Sie sollten sich mal dringend fragen, woher dieses Land seinen immer noch vorhandenen Reichtum bezieht. Alle sozialistischen Experimente sind weltweit bisher immer und ohne Ausnahme gescheitert – selbst der „dritte Weg“ in Schweden führte mittelfristig in den 90er Jahren dort fast zum Zusammenbruch, von dem man sich nun inzwischen erholt. Einzig eine marktwirtschaftlich aufgestellte Volkswirtschaft kann den breiten Massen zu Wohlstand verhelfen. Und jeder sollte sich stattdessen fragen, ob unser Bildungssystem einerseits und seine eigene Einstellung zu beruflichem Erfolg nicht eher der Schlüssel zu Wohlstand ist. Wir versagen auf ganzer Linie beim Thema Bildung und senken die Standards immer… Mehr