Druschba bedeutet im Chemie-Dreieck nicht mehr Freundschaft

Der französische Energiekonzern Total will in Mitteldeutschland den Hahn für russisches Rohöl zudrehen. Seine Raffinerie in Leuna – eine der fünf großen in Deutschland – soll bis Ende des Jahres auf Tankerversorgung umgestellt werden. Experten bezweifeln, ob das gelingt. Tankstellen, Betriebe und Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.

IMAGO / Olaf Döring
Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH im Chemie-Park Leuna

Weitab von der Bundespolitik fallen für Mitteldeutschland riskante Entscheidungen mit wohl dramatischen Folgen. Erdöl aus Russland soll wegen Putins Krieg in der Ukraine nicht mehr nach Ostdeutschland fließen. Die französische Regierung übte Druck auf seinen Energieriesen Total aus. Nach Protesten von Umweltaktivisten vor der Zentrale, gibt Total diese Woche Forderungen nach, der Konzern solle seine Russlandgeschäfte stoppen. Bislang hatte sich das Management trotz aller Krisen zwischen Russland und der Ukraine geweigert, die Geschäftsbeziehungen zu kappen. Total sieht sich in den vergangenen Wochen von Vorwürfen getroffen, man sei mit den Ölgeschäften Komplize der Kriegsverbrechen Russlands.

Die radikale Entscheidung könnte jedoch gravierende Auswirkungen für viele Unternehmen mit Tausenden von Arbeitsplätzen im ostdeutschen Chemie-Dreieck haben, selbst wenn Total „in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung“ handle, wie der Konzern verbreitet. Widerspruch von Sachsen-Anhalts CDU-geführter Landesregierung kommt jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) kann die Entscheidung des französischen Mineralölkonzerns Total, künftig kein Rohöl mehr aus Russland zu beziehen, sogar nachvollziehen, verkündete er im Morgenfunk von MDR Aktuell. Es sei ja die einheitliche Position von EU und Bundesregierung, dass man auf den Ukraine-Krieg reagieren müsse. Das Putin-Regime müsse unter Druck gesetzt werden, den Krieg zu stoppen.

 

Dafür riskiert Sachsen-Anhalts Regierungschef offensichtlich auch die Zukunft des Chemie-Dreiecks im Mitteldeutschland. „Es geht ja nicht darum Leuna abzustellen, sondern es geht darum, dass man woanders Ölmengen für sich ordert und versucht sie durchzuleiten“, beschwichtigt Haseloff mögliche schlimme Folgen.

Im Gegensatz dazu sind jedoch notwendige Öl-Alternativen und ausreichende Kapazitäten derzeit oft nur theoretisch denkbar. Für Wirtschaft und Gesellschaft stellen sich jetzt ganz existenzielle Fragen: Wie wird die Kraftstoffversorgung in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und sogar bis ins Grenzgebiet nach Polen gesichert? Was wird aus der Belieferung der Betriebe, die Leuna-Produkte weiter verarbeiten?

Total geht volles Risiko – Druschba-Leitung wird abgedreht

Trotzdem kündigt der französische Energiekonzern Total der Erdölleitung „Druschba“ zum Jahresende die Freundschaft auf. Der Hahn wird zugedreht. Es soll kein russisches Öl mehr für die Versorgung einer der größten Raffinerien nach Mitteldeutschland fließen. Einst hat diese Leitung die sozialistischen Bruderländer mit schwarzem Gold aus der Sowjetunion versorgt.

Seit fast 60 Jahren leitet die über 5.000 Kilometer lange Pipeline zuverlässig ihr Öl über Weißrussland und Polen nach Ostdeutschland – zu den großen Raffinerien PCK in Schwedt an der Oder und Leuna in Sachsen-Anhalt, die daraus Benzin und Diesel, Heizöl, Kerosin und weitere Produkte herstellen. Die Total-Raffinerie von Leuna ist beispielsweise bundesweit größter Hersteller von Methanol, einem wichtigen Grundstoff für die chemische Industrie. Zudem verarbeitet die riesige Anlage jährlich bis zu zwölf Millionen Tonnen Erdöl zu vielen chemischen Produkten, die Leuna wiederum an viele andere große Werke im mitteldeutschen Chemie-Dreieck von Sachsen-Anhalt und Sachsen weiter liefert.

Total raffiniert in Leuna vor allem jährlich drei Millionen Tonnen Öl zu Sprit und versorgt damit mehr als 1.300 Tankstellen sogar bis nach Polen hinein. Die Raffinerie besitzt obendrein noch ein großes Tanklager für strategische Vorräte. Total ist der drittgrößte Tankstellenbetreiber Deutschlands.

Dennoch kündigt Total diese Woche an, dass der Konzern „so bald wie möglich“ kein Rohöl mehr aus Russland bis Jahresende kaufen werde: Dann liefen die letzten Lieferverträge aus, so Total. Neue sollen nicht mehr hinzukommen, bestehende würden ab jetzt nicht verlängert. Im vergangenen Jahr kommen laut Wirtschaftsverband Fuels & Energie 34,2 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Rohöls aus Russland und vom russischen Importrohöl wiederum zwei Drittel über die bewährte Druschba-Pipeline, der Rest über den Seeweg. Ostdeutschland wird fast ausschließlich über die Druschba-Leitung mit russischem Öl versorgt.

Stattdessen versucht Total sein Werk in Leuna – immerhin eine der fünf größten Raffinerien Deutschlands – fortan mit teurerem Rohöl über den polnischen Hafen Danzig zu versorgen. Dort könnten grundsätzlich Tanker aus der ganzen Welt anlanden. Das Öl flösse dann ebenfalls per Pipeline nach Ostdeutschland, so der Konzern.

Nur 50 Prozent des Rohölbedarfs über den Seeweg möglich

Doch es wird bestenfalls die Hälfte der heute nötigen Rohölversorgung abdecken. Obendrein ist die Umstellung auf andere Ölsorten kurzfristig höchst schwierig, warnt der Wirtschaftsverband Fuels & Energie. Denn der Transportweg über Danzig biete nur etwa die Hälfte der Kapazität der „Druschba“-Leitung.

Schlimmer noch: Der Vizechef des Ifo-Instituts Joachim Ragnitz sieht zudem Probleme, die Lieferung von Rohöl auf den Seeweg umzustellen. „So viele Öltanker wird es nicht geben, um das in ausreichender Menge zu liefern“, warnt auch er. „Und eine neue Pipeline kann man nicht von heute auf morgen bauen.“ Ragnitz mahnte schon am 1. März im MDR Radio: „Die Raffinerie in Leuna wird ausschließlich mit Öl aus Russland beliefert. Wenn das Öl wegfallen würde, dann können sie auch die Produktion dicht machen. Das bedeutet dann auch, dass die Benzinversorgung in Mitteldeutschland – auch in Sachsen-Anhalt – gefährdet ist.“

Es drohen also trotz alternativer, aber wesentlich geringerer Rohöllieferungen demnächst massive Ausfälle bei der Versorgung von Treibstoff an Tankstellen für Kraftfahrer wie Transportbranche. Obendrein gerät die Belieferung mit raffinierten Leuna-Produkten für viele andere Weiterverarbeitungsbetriebe im mitteldeutschen Chemie-Dreieck in höchste Gefahr. Laut Branchenverband arbeiten hier rund 54.500 Menschen in 160 Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Die Produktionsstandorte liegen in Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt und Böhlen in Sachsen. Die nach 1990 mit EU-Beihilfen in Höhe von 1,4 Milliarden D-Mark neu gebaute Raffinerie Leuna gilt als das Herz des gesamtem 1.300 Hektar großen Industriestandorts Leuna. Nachts leuchtet die Gasfackel weit ins Land. Allein am Chemiestandort Leuna gibt es 100 Firmen mit 12.000 Beschäftigten.

All das scheint den zuständigen Ministerpräsidenten nicht sehr groß zu beunruhigen. Sollten Raffinerien wirklich zeitweise vom Netz gehen müssen, greife nach Angaben von Sachsen-Anhalts CDU-Regierungschef Reiner Haseloff im Morgenfunk von MDR Aktuell eine klare Rangfolge: Zuerst wird die Bevölkerung versorgt und erst in zweiter Linie dann die Wirtschaft. Produktionsausfälle und massiver Verlust von Arbeitsplätzen jedoch könnten die Folge sein. Doch an solche Konsequenzen mag die Politik nicht denken und die Medien erst recht nicht danach fragen. Die Ampel hat doch gerade erst ein Entlastungspaket geschnürt. – Alles klar?

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Kommentare ( 62 )

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mlw_reloaded
1 Monat her

Da können wir hier noch so lange und laut meckern und mahnen, es wird sich nichts nennenswertes ändern bis die Leute wirklich arbeitslos im Kalten und Dunklen sitzen und die Regale leer sind.

Kaktus 61
1 Monat her

„zuerst wird die Bevölkerung versorgt und erst in zweiter Linie dann die Wirtschaft“

Die Erfindung des ökonomischen Perpetuum mobiles. Funktioniert ganz einfach: Der Arbeitslose flüchtet ohne Geld aus seiner kalten Bude in sein warmes Auto, um im im leeren Supermarkt einzukaufen. Offenbar wissen unsere Politiker nicht einmal mehr, das die Wirtschaft die Bevölkerung versorgt. Das hätten sich selbst die Kommunisten nicht zu träumen gewagt!

Teiresias
1 Monat her

Natürlich ergreifen die Franzosen jede Gelegenheit, Deutschland zu schaden, um Europa im napoleonischen Sinne zu beherrschen. Da ist jeder Vorwand recht!

Da helfen nur DEXIT uns Wiedereinführung der DM!

Last edited 1 Monat her by Teiresias
Bernd Schulze sen.
1 Monat her

Auch wenn man trötet, das Öl komme jetzt woanders her. Da es vor allem die Ossis trifft, wird man sich kaum um eine Lösung bemühen und das ganze sindnur Lippenbekenntnisse. Erstmal kann man russisches Öl nicht einfach durch Öl durch die USA ersetzen oder von woanders, dazu sind Millarden an Investitionen notwendig. Wie soll das Öl nach Leuna oder Schwert kommen. Eine Pipelinemüsste erst verlegt werden also bleibt per Achse und wieviel Tanklastzüge müssten da täglich fahren. Dann wären noch der Wasserwerfer wenn genug Wasser in der Elbe und Saale ist und per Schiene. Doch erstmal müssen die Tanker ankommen… Mehr

F.Peter
1 Monat her

Diese Entscheidung des französischen Konzerns trifft weniger die Russen als vielmehr und Deutsche, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens werden uns Mineralölprodukte in hohen Mengen fehlen.Und Zweitens schwächt das die Position Deutschlands in der EU und stärkt die Frankreichs. Macron wird’s freuen – und ausnutzen!

Elki
1 Monat her

„Die französische Regierung übte Druck auf seinen Energieriesen Total aus. Nach Protesten von Umweltaktivisten…“ – So kann man ein Industrieland noch schneller zugrunde richten, neben anderen Vorteilen für eigene Interessen.
Alle reden gerne über (nicht gesicherte) andere Quellen und nebenbei über „höhere Kosten“. Doch wie hoch sind diese? Wieviel wird der m³ Gas oder Öl kosten, wieviel die kWh Strom? Noch bezahlbar für Industrie und Bürger?

H. Priess
1 Monat her

Abhängigkeit deutlich reduziert – Deutschland braucht nur noch zwei Winter Putins Gas Steht in der WELT, na dann ist doch alles Paletti oder Null Problemo. Bis dahin bauen wird locker 4-6 Gasterminals, ein paar Gas und Ölpiplines die nötigen Häfen gleich mit denn irgendwo müssen die Riesentanker mit 250 000 m³ Gas aus USA ja hin. Da können wir ganz beruhigt unsere letzten KKW abschalten und wenn man schon dabei ist die letzten Kohlekraftwerke auch. Als Ausgleich bauen wir Windmühlen mit einer Leistung von mindestens 70 GW und Solarflächen mit noch einmal solcher Leistung. Dann ist kein Platz mehr für… Mehr

hape102
1 Monat her

Super Idee. Schließlich hat Leuna ja einen funktionierenden Hochseehafen. Dann können die Tankschiffe ja direkt anlegen. Deutschland bräuchte ca. 2.000 Tankschiffe mit ca. 140.000 qbm pro Jahr, nur allein für Flüssiggas. Ohne Öltanker. Also bei 352 Tagen pro Jahr wären das etwa 5 bis 6 Flüssiggastanker pro Tag. Und das ohne Hafen für Flüssiggas. Prüfungsfrage: a.) Wieviel Tanklaster werden gebraucht um das Flüssiggas, von Rotterdam aus, im Land zu verteilen? b.) Wieviel km werden von diesen im Mittel gefahren. c.) Wieviel Liter Diesel werden im Mittel, bei einem Verbrauch von ca. 30 l pro 100 km benötigt. Da gab es… Mehr

Last edited 1 Monat her by hape102
RMPetersen
1 Monat her

Ich erinnere mich an die Meldungen um 1990, dass Kohl persönlich dafür gesorgt habe, dass diese Raffinerie und das dazu gehörige DDR-Tankstellennetz an das französische Unternehmen ging.

Norbi
1 Monat her
Antworten an  RMPetersen

Ihre Erinnerungen sind da allerdings etwas löchrig. Die deutschen Mineralölkonzerne wollten 1990 die alte Raffinerie abreißen und in Leuna lediglich ein Tanklager, welches größtenteils bereits vorhanden war aus den „Altbeständen“, für die Versorgung mit Produkten in Ostdeutschland zu betreiben. Da eine Produkten-Pipeline aus Westen nicht vorhanden war wären die Mineralölprodukte wahrscheinlich per Bahn angeliefert worden. Nur der französische Konzern Elf, später Total, war bereit sowohl die alte Raffinerie zeitweise weiter zu betreiben als auch dann eine neue Raffinerie zu bauen. Das die Politik dafür 1,5Mrd DM als Subventionen ausgereicht haben ist ein anderes Thema über das man streiten könnte.

Teide
1 Monat her

Das heißt jetzt Druschba. “Die Ukraine hat ihre Erdgasspeicher zur Einlagerung einer strategischen europäischen Energiereserve angeboten. Der ukrainische Energieminister German Galuschtschenko schrieb am Samstag auf Facebook, sein Land habe die größten unterirdischen Speicheranlagen in Europa. Der Minister begrüßte das Vorhaben der EU, sich von russischen Gaslieferungen zu lösen und gemeinsam bei anderen Anbietern zu kaufen. Die Ukraine könne mit ihren Speichern zu diesem Solidaritäts- und Ausgleichsmechanismus beitragen, erklärte Galuschtschenko.“(Feindsender) Mal nachdenken. Wenn die EU das Russengas boykottiert sind die Pipelines durch die Ukraine leer. Woher bekommt man dann das Gas? Da bieten wie doch den Europäern selbstlos unsere Speicher an.… Mehr