René Stadtkewitz gewinnt in Zehdenick die Bürgermeisterwahl mit 58,4 Prozent. Brandenburg hat nun den ersten direkt gewählten AfD-Bürgermeister. Die Warnrhetorik der etablierten Parteien verfängt vor Ort nicht mehr.
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In Zehdenick ist passiert, was nach jeder neuen Brandmauerrede angeblich verhindert werden soll: Ein AfD-Kandidat hat eine Bürgermeisterwahl klar gewonnen, im ersten Wahlgang, ohne Stichwahl, ohne Zittern. René Stadtkewitz kommt nach dem vorläufigen Endergebnis auf 58,4 Prozent. Sein nächster Konkurrent, Stephan von Hundelshausen von der FDP, bleibt bei 28,6 Prozent stehen. Der parteilose Wolf-Gernot Richardt erreicht 7,8 Prozent, Dennis Latzke von der Partei des Fortschritts 5,2 Prozent.
Damit stellt Brandenburg erstmals einen direkt gewählten hauptamtlichen AfD-Bürgermeister. Der Hinweis ist wichtig, weil es in Jüterbog bereits Arne Raue mit AfD-Parteibuch gab. Raue wurde jedoch als parteiloser Einzelbewerber gewählt und trat erst später der AfD bei. Stadtkewitz dagegen trat als AfD-Kandidat an und gewann. Das ist der Unterschied, den man in den Parteizentralen nun vermutlich kleinzureden versuchen wird.
Die Wahlbeteiligung lag bei 52,8 Prozent. Von 11.254 Wahlberechtigten gingen 5.942 zur Wahl, gültig waren 5.845 Stimmen. Stadtkewitz erhielt 3.411 Stimmen. Für eine Stadt dieser Größe ist das keine demoskopische Fußnote, sondern ein kommunalpolitischer Machtwechsel mit Ansage.
Bemerkenswert ist auch, wer gar nicht erst auf dem Wahlzettel stand: CDU, SPD, Linke und Grüne traten nicht mit eigenen Kandidaten an. Genau jene Parteien, die dem Land seit Jahren erklären, sie seien der letzte Schutzwall gegen die AfD. Am Ende blieb ausgerechnet die FDP als sichtbarster Gegenkandidat übrig.
Die Vorgeschichte ist ein Lehrstück über zerstörtes Vertrauen. Im März 2025 hatte Alexander Kretzschmar, parteilos, die Stichwahl gegen Stadtkewitz noch mit 63 zu 37 Prozent gewonnen. Elf Tage nach Amtsantritt meldete er sich krank. Danach blieb er dienstunfähig. Im Januar dieses Jahres wurde Kretzschmar mit 97,2 Prozent der Stimmen abgewählt. Wer Bürger so lange mit politischer Hängepartie, Amtsausfall und Verwaltungsunklarheit zurücklässt, darf sich anschließend nicht wundern, wenn sie beim nächsten Mal sehr anders abstimmen.
Stadtkewitz ist kein politisches unbeschriebenes Blatt. Er war früher CDU-Abgeordneter in Berlin, brach 2010 mit den Christdemokraten, gründete die Partei „Die Freiheit“ und wurde 2024 AfD-Mitglied. Die WELT verweist auf seine Vergangenheit bei Pegida. Das alles war den Wählern offenkundig bekannt. Sie haben ihn trotzdem gewählt. Oder gerade deshalb, weil die übliche Abschreckungsmechanik nicht mehr funktioniert.
Die Wahl in Zehdenick ist ein Signal an eine politische Klasse, die seit Jahren glaubt, Wahlergebnisse seien vor allem Kommunikationsprobleme. Wenn Bürger anders wählen als gewünscht, wird nicht die eigene Politik überprüft, sondern der Bürger moralisch vermessen. Dann kommen die üblichen Wörter: Verunsicherung, Protest, Wut, Desinformation. Nur eines kommt selten: die nüchterne Frage, warum sich immer mehr Menschen von den alten Parteien nicht mehr vertreten fühlen.
„Zehdenick ist ein Vorgeschmack auf das, was in Brandenburg noch kommen wird“, kommentierte Brandenburgs AfD-Landeschef René Springer. „Immer mehr Bürgermeister und Landräte von der AfD. In unserem Land muss sich etwas ändern – und nur mit der AfD wird sich etwas ändern. Genau das erkennen immer mehr Bürger.“
Die Antwort liegt auf der Hand. Wer Kommunen im Stich lässt, wer Verwaltung und Infrastruktur verkommen lässt, wer politische Verantwortung hinter Phrasen versteckt und dann noch erwartet, dass die Bürger brav die gewünschten Kandidaten wählen, verwechselt Demokratie mit betreuter Stimmabgabe. Zehdenick hat nun anders abgestimmt. Mit 58,4 Prozent.

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