Warum der „Gründler“ sich an der Börse so schwertut

Einer der Gründe, warum so viele ansonsten kluge und gebildete Anleger sich an der Börse so schwertun, ist die Suche nach Sicherheit, wo es auf schwankendem Grund keine geben kann. Man verliert sich dabei im Detail, wo doch die großen Linien viel wichtiger wären.

Das Besondere am Markt ist, dass es so furchtbar viele kluge Leute gibt, die dazu eine Meinung haben. Gleichzeitig produziert der Markt aus diesen vielen, furchtbar klugen Anlegern so wenige, die darin wirklich Geld verdienen, dass man sich doch mal fragen muss, woher diese auffällige Diskrepanz kommt?

Die einen ergehen sich dann im Verhalten des Fuchses, der die für ihn zu hoch hängenden Trauben für zu sauer erklärt und sagen zum Markt „Zockerbude“, „Random Walk“ und anderes, weil wenn der nicht macht, was er nach eigener Meinung machen sollte, muss es ja Zufall, Manipulation oder was auch immer sein – das Spiegelbild zu erkennen, wäre eben schmerzhaft.

Die anderen aber gehen mit offenem Geist auf die Suche nach Gründen und das wollen wir hier und heute auch mal tun und einen Teilaspekt beleuchten, der in uns, in unserer Psychologie begründet liegt.

Denkstrukturen, die sich am Markt schwertun

Denn es gibt eine gewisse Art von Denkstrukturen, die sich ganz besonders schwer in einem selbstreferentiellen Markt tun. Wir nennen das bei Mr-Market immer den „Gründler“, der den Dingen ganz tief „auf den Grund gehen will“. Das ist der durchweg gebildete, gut ausgebildete Anleger, der aber in Fachdisziplinen zu Hause ist, in denen man die Dinge exakt „messen“ kann und in denen die Investition in eine noch tiefergehende, feingliedrige Analyse, zusätzliche Erkenntnisse verschafft.

Das ist auch bei allen „Dingen“ und Fachgebieten so, die nach replizierbaren und berechenbaren Gesetzen funktionieren. Die Charakteristika eines Automotors kann man messen. Und wenn man dann am Folgetag wieder zur Testinstallation tritt und die Messung erneuert, nur im Detailgrad vertieft, wird man – von geringen und auch wieder replizierbaren und berechenbaren Umwelteinflüssen wie Temperatur abgesehen – wieder zum nahezu identischen Ergebnis kommen, nur eben mit einem höheren Detailierungsgrad.

So kann man die Analyse immer weiter verfeinern und kommt zu besseren Ergebnissen. Gerade in Deutschland ist dieser Typus des „Tüftlers“ oft vorhanden und sehr erfolgreich, es ist ja auch eine wichtige Fähigkeit und viele Innovationen beruhen darauf.

Dieses Prinzip aber, durch tiefere Analyse zu besseren Ergebnissen zu kommen, weil das Objekt der Untersuchung eben ein zuverlässig replizierbares Verhalten nach festen Gesetzen zeigt, ist bei diesen Zeitgenossen oft so tief in die Denkstrukturen eingegraben, dass es unreflektiert auf den Aktienmarkt übertragen wird.

Über Benjamin Grahams Methoden ist die IT-Entwicklung teilweise hinweggegangen

Aufgrund dieser verständlichen Denkstrukturen des „Gründlers“, der hofft, durch tiefere Analyse im Markt höheren Ertrag erzielen zu können, ist auch ein gerade in Deutschland gerne verbreitetes Trivial-Bild des „Value-Investing“ so beliebt, als ob ein normaler Anleger sich nur durch Studium öffentlicher Indikatoren wie KGV und KBV einen Vorteil verschaffen könnte.

Gerne wird dann Benjamin Graham als Testimonial benutzt und sein Buch „The intelligent Investor“, ist immer noch ein lesenswerter Meilenstein der Börsengeschichte und Pflichtlektüre. Aber die darin dargestellten Methoden können im Jahr 2018 wenn überhaupt nur einen viel kleineren Edge als damals generieren, weil all das für jeden Marktteilnehmer mit einem Fingerklick verfügbar ist, wofür ein Graham viel Fleiß in staubigen Bibliotheken aufbrachte und sich damit einen Vorteil durch Fleiß gegenüber dem Rest der Herde verschaffte.

Die Illusion, durch intensives Studium der öffentlichen Zahlen eines Unternehmens sich einen Vorteil am Markt zu verschaffen – das was zu Grahams Zeiten ohne Computer noch real funktionierte – ist für die Denkstrukturen des Gründlers aber so attraktiv, dass er von diesen Logiken geradezu angezogen wird – und deshalb werden sie natürlich auch vermarktet.

Nur dummerweise funktioniert der Markt nicht mehr so und was dank IT-Entwicklung nun jeder mit einem Klick zur Verfügung hat, verschafft kaum einen Vorteil mehr. Der Markt ist ein reflexives, selbstreferentielles, soziales System was bedeutet, dass wenn man zu lange „misst“, die Messung unsinnig wird, weil der Markt sich schon längst weiterbewegt hat.

Es geht eben beim Erfolg an der Börse nicht um die Tiefe der Messung – außer man ist Profi-Investor oder echter Insider und hat Zugang zu Informationen, die andere nicht besitzen. Es geht für den normalen Anleger primär darum, die systemischen Tendenzen und Richtungen schnell und grob zu erfassen, so dass man daraus mit Wahrscheinlichkeit einen profitablen Schluss ziehen kann.

Das chaotische System Wetter

Lassen Sie mich das Prinzip des Marktes als Metapher an einem weiteren, chaotischen System beschreiben, das *weniger* komplex als der Aktienmarkt ist und trotzdem immer noch zu komplex ist, um vollständig „berechenbar“ zu sein: Das Wetter. Stellen wir uns vor, wir stehen auf einer Wiese und über uns ziehen die Wolken an uns vorbei. Der Wind frischt auf und die Frage ist, wie wird das Wetter?

Der „Gründler“ würde im übertragenen Sinne hingehen, von den Wolkentürmen Schnappschüsse machen und diese aufwändig vermessen. Eine halbe Stunde später macht er wieder Schnappschüsse, vermisst diese wieder und wundert sich, dass diese so völlig anders sind. Dann fängt er an zu theoretisieren, warum die einen Wolkentürme zu den anderen geworden sind und was das bedeuten könnte. Während er theoretisiert, ist das Wetter aber schon wieder ganz anders geworden. Der Wind hat nachgelassen, die Wolkendecke ist geschlossen und ein leiser Nieselregen hat eingesetzt.

Was hat es dem „Gründler“ nun gebracht, die Wolken im Detail zu vermessen? Ich sage es Ihnen, er wurde nass. 😉

Wetter ist keine exakte Wissenschaft und Börse auch nicht!

Ein alter, knorriger „Bauer“ steht neben ihm. Er hebt seinen Daumen in den Wind, schnuppert herum, schaut zum Horizont und sagt das Wetter wird so und so und wendet sich ab. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Bauer die Wetterentwicklung besser voraussagt, ist verdammt hoch.

Was ist der Unterschied? Der Bauer erkennt die großen systemischen Linien, weil er Erfahrungs-Muster, die in mehreren Jahrzehnten gewachsen sind, auf die Wetterlage anwendet. Die Details interessieren ihn dabei nicht. Er muss nicht wissen, wie groß die Wolken nun genau sind, er muss auch nicht die exakte Windstärke und Richtung kennen und auch nicht den auf einen Kommapunkt berechneten Feuchtigkeitsgehalt.

Es reicht, die großen Linien der Entwicklung, die Muster einer typischen Wetterentwicklung, schnell zu erkennen und man erreicht damit eine hohe Prognosegüte mit minimalem Aufwand und kann sofort handeln, während der „Gründler“ noch rechnet. Natürlich kann auch mal etwas passieren, was nicht in das Muster des Bauern passt, aber damit muss man leben.

Wetter ist eben keine exakte Wissenschaft und Börse auch nicht! Erfolg darin bedeutet, sich um stochastische Annäherungen zu bemühen und nicht um Exaktheit. Das Ziel ist nicht eine 100% Exaktheit der Analyse und Prognose zu erreichen, das ist sowieso nicht möglich, weil der Markt sich permanent weiterbewegt.

Die 80/20 Regel und die Markttechnik

Das Ziel ist, mit 20% des Aufwands 80% der weiteren Entwicklung halbwegs passend zu antizipieren. Und nicht anders herum! Und dafür ist Mustererkennung und sind Mechanismen hilfreich, die auch der Bauer anwendet. Auf Beobachtung basierende „Bauernregeln“ sozusagen, die zu 80% eintreffen und auf die man sofort und elegant handeln kann.

Und wenn Sie nun an den Bauern denken, wie er sein Erfahrungswissen einsetzt, dann haben Sie auch verstanden, was die Markttechnik liefert. Lustig ist immer, wenn wortgewaltig argumentiert wird, dass Charts ja nicht die Zukunft kennen würden und das deshalb alles „Hokuspokus“ und „bunte Linien“ sei. Lustig, weil natürlich tun sie das nicht, keiner mit Verstand behauptet das – niemand kennt die Zukunft, niemand! Was sagt es aus, wenn jemand massiv gegen etwas argumentiert, das gar nicht Thema ist?

Die Markttechnik liefert aber einen kompakten Blick auf den Marktzustand in der Gegenwart, im Hier und Jetzt und darauf kann ein erfahrener „Bauer“ sein Erfahrungswissen anwenden. Es ist sozusagen wie der kundige Blick zum Himmel und das Schnuppern in der Luft. Und das ist eine Menge wert, verschafft aber immer noch keine Garantien für die Zukunft.

Wenn Sie mal wissen wollen, was die Markttechnik leistet und was nicht, dann lesen Sie genau was ich im Juni 2016 zum Tiger auf dem Sprung geschrieben habe und schauen dann mal, wie es danach an den Märkten 2 Jahre weiter gegangen ist. Das leistet kundige Markttechnik und das ist für sich wertvoll genug. Das funktioniert aber wie beim Bauern nur mit Erfahrung und Übung und nicht nur deshalb, weil man auch eine bunte Linie zeichnen kann.

Der Jäger und die Steinzeit

Lassen Sie mich das Prinzip der erfahrungs- und übungsbedingten Treffer auch anhand der steinzeitlichen Jagd erklären. Jagen in der Steinzeit bedeutete warten. Und warten. Und warten. Und warten. Manchmal über Tage. Denn das Wild lässt sich, wie die Börse, zu nichts zwingen – außer man hat genügend Leute für eine Treibjagd. Hier aber geht es um den einzelnen Jäger.

Wenn das Wild nach langem Warten dann endlich vor dem steinzeitlichen Jäger aus dem Gebüsch bricht, steht dessen Gehirn ja vor der immens schwierigen Aufgabe, den Speer in Sekundenschnelle auf ein bewegtes Ziel so zu werfen, dass er auch trifft.

Auch der Jäger kann und wird da nicht mathematisch exakt heran gehen können und erst Winkel, Geschwindigkeit, Wind, Armkraft, Wahrscheinlichkeit eines Hakens des Wildes usw. in eine Formel gießen, aus der er dann eine exakte Berechnung des Wurfwinkels seines Arms ableitet. Wäre Jagd so abgelaufen, wäre die Menschheit früh ausgestorben.

Stattdessen wirft der Jäger in einer Zehntelsekunde aus einer Mischung von Instinkt, Daumenregeln und Übung so, dass die Trefferwahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Letztlich ist auch das eine Form von Mustererkennung und darin ist unser Gehirn ganz ausgezeichnet und auch heute noch allen Computern weit überlegen, die „exakt rechnen“ müssen.

Ein Wort der Leser

Diese Fähigkeit unseres Gehirns, große Muster schnell zu erkennen, müssen wir also an der Börse zur sinnvollen Anwendung bringen. Die Fähigkeit am Detail zu tüfteln, würde aber nur dann helfen, wenn man wirklich exklusives Wissen im Sinne „Insider“ besitzt oder die Zeit und Informationsquellen eines Profi-Investors – was bei normalen Anlegern höchst selten der Fall ist.

Das ist also einer der Gründe – nicht *der* Grund, sondern nur einer unter vielen – warum so viele ansonsten kluge und gebildete Anleger sich am Markt so schwertun. Sie suchen nach Sicherheit, wo es auf schwankendem Grund keine geben kann und verlieren sich auf der Suche im Detail – sie „gründeln“ – wo doch die großen Linien zu erkennen, für sie viel wichtiger wäre, ebenso wie eine ruhige Hand.

An dieser Stelle will ich mit den Worten von einem von Ihnen aus dem Leserkreis schließen. Der Leser mit dem Pseudonym „Alexis de Tocqueville“ sagte in einem auch ansonsten wunderbaren Kommentar zu meinem Artikel auf TE Wird künstliche Intelligenz je die Börsen beherrschen? 

Wer ist denn heute der „bessere“ Investor? Es gewinnt doch nicht automatisch der Intelligentere, Klügere oder der bessere Rechner. Derjenige, der z.B. ganz tolle, superakkurate Discounted Cashflow Analysen macht. Entweder ist der Korridor zu weit und unnütz, oder zu eng und damit vielleicht falsch, dann bringt die tollste Rechnerei nichts. Es gewinnt derjenige, der sich die bessere Vorstellung von der Zukunft des Unternehmens macht, auch wenn er dann Pi mal Daumen rechnet. Gauss sagte einmal: „Nichts kennzeichnet mathematisches Unverständnis mehr, als übertriebene Akkuratesse mit Zahlen.“ Ich füge hinzu: Für die Börse gilt das genauso.

Sic! Welch passendes Schlusswort zu diesem Artikel.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Kommentare ( 6 )

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Meine Prognose ist, dass man morgens ruhig liegen bleiben kann. Richtig Leben in die Bude kommt mit den Amerikanern erst am Nachmittag. Und dann besonders, wenn Wirtschaftszahlen veröffentlicht werden. Arbeitsmarkt, Verbraucherpreise, Einzelhandelsumsätze,…., bei denen es sich lohnt den Index, oder Dollar zu handeln. Das reicht dann auch. Und richtig, der veröffentlichte Zahlensalat hat oft nichts mit der Richtung der Kursbewegungen zu tun. Dann heißt es wie immer, die Zahlen waren zwar gut, aber…..

Wiedermal SEHR schön ‚Hari‘ 😉
Erkenne mich selbst – damals – wieder. Als ich – um besser gründeln zu können – vor reichlich 20 Jahren mit bald 50 – nebenher – sogar noch den nicht ganz einfachen CBA machte. –
Mich heute weit eher wieder an Kosto-Sprüche erinnere als zu versuchen all zu tief zu graben. – Ich wollte, es wäre die „Weisheit des Alters“ 😉

Im Zusammenhang mit dem Artikel kommt WIEDER Daniel Kahnemanns „Schnelles Denken, langsames Denken“ ins Spiel. Die – auf DIES Thema bezogen – Übertreibung in Richtung „langsames Denken“. Im Gegensatz zum ansonsten so oft gedankenlosen „Schubladen-Bauchgefühl“. –

Danke, immer wieder gerne. Und ja, was die Beschäftigung mit der Börse erstaunlicherweise am meisten fördert, ist unsere Persönlichkeitsentwicklung. Aber nur, wenn wir den Mut haben in den Spiegel zu schauen und den Affen zu sehen, der uns da anstarrt. 😉

„Lustig ist immer, wenn wortgewaltig argumentiert wird, dass Charts ja nicht die Zukunft kennen würden und das deshalb alles „Hokuspokus“ und „bunte Linien“ sei. Lustig, weil natürlich tun sie das nicht, keiner mit Verstand behauptet das – niemand kennt die Zukunft, niemand!“
Nun ja, werter Herr Schulte, Bilanz-und vor allem die Chartanalysten der Banken, Fonds und Ratingagenturen behaupten bzw. suggerieren aber genau das. Wobei sie sich dann auch noch teils widersprechen, aber umso vehementer behaupten, daß ihre Prognose die richtige ist.

Da ist was dran. Aber fragen Sie sich auch mal, warum das so ist! Die Antwort ist einfach, weil die Kunden genau nach jemandem suchen, der Ihnen sagt wie die Welt Morgen sein wird. Wer bei dieser Schauveranstaltung der „Prognosiritis“ nicht mitmacht, zu dem kommen die Kunden nicht bzw dem verrauen sie ihr Geld nicht an. Sie müssen einfach nur mal schauen, wo die Mehrzahl der Anleger in Abertausenden hinrennt. Es sind die, die mit dem „hat den XYZ-Crash vorher gesagt“ werben, die so tun, als würden sie die Zukunft kennen. So bekommen die Anleger genau das, was sie suchen.… Mehr
In der Tat, die Glaskugelgucker und Marktschreier insbesondere der Banken haben es leider geschafft, durch die „Mystifizierung“ und Verkomplizierung der Börse und des Thema Aktien, die Menschen zu verunsichern und sich dabei gleichzeitig eine Position als eine Art „seriöse Finanzwissenschaftler“ verschafft und ihren Geldscheffel-und Vermehrungsinstituten diesen Status gleich mit. Letztlich bleiben sie eben doch hochbezahlte Rater und Deuter, auch wenn sie sich selbst für „Seher“ halten! 😉 Leider fallen eben noch immer zu viele Menschen darauf hinein und scheuen die durchaus vorhandene Mühe, aber eben auch mögliche große Freude und Befriedigung, ihre Finanzen in die eigene Hand zu nehmen. Auch… Mehr