Sigmar Gabriel, Ex-Vorsitzender und -Wirtschaftsminister, rechnet mit der SPD ab: „Die Sprache und Kultur vieler Normalbürger ist uns fremd geworden“. Das trifft die SPD ins Mark, die in jeder Umfrage weiter absackt.
Screenshot ARD / Hart aber Fair
Es sind Sätze, die man heute eher von einem AfD-Politiker oder einem konservativen Gesellschaftskritiker erwarten darf. Gesagt hat sie ausgerechnet Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Vorsitzender, Vizekanzler und Bundesminister. Und gerade deshalb verdienen sie Aufmerksamkeit.
Denn Gabriel beschreibt schonungslos ein Problem, das die politische Klasse seit Jahren verdrängt: Die Parteien des etablierten Betriebs haben sich sozial und kulturell von einem erheblichen Teil der Bevölkerung entfernt.
Die ferne Bevölkerung
„Das gilt praktisch für alle Parteien außer der AfD“, sagte Gabriel. In den Parlamenten herrsche eine „totale Akademisierung“. Handwerksmeister, Facharbeiter und Selbständige seien bei CDU, SPD, Grünen und FDP immer seltener vertreten. Die Parteien bildeten nicht mehr die gesellschaftliche Wirklichkeit ab, sondern zunehmend die Lebenswelt akademischer Funktionäre.
Besonders bemerkenswert ist, wie Gabriel über die eigene Partei sprach. Was geschehe eigentlich, fragte er rhetorisch, wenn sich bei der SPD jemand melde, „der raucht, gerne Fleisch isst, All-inclusive-Urlaub auf Mallorca macht und RTL-Soaps schaut?“ Einer also, der nicht in die kulturellen Vorlieben des urbanen Milieus passt.
Würde man ihn sofort hinauswerfen oder zunächst „Pädagogisierungsversuchen“ unterziehen?
Die Pointe folgte unmittelbar: Solche Menschen kämen heute gar nicht mehr zur SPD. Sie wüssten längst, dass ihre Sprache und ihre Kultur dort fremd geworden seien. Härter kann die Diagnose kaum ausfallen.
Gabriel beschreibt damit nicht einfach einen Verlust von Wählerstimmen. Er spricht von einer kulturellen Entfremdung. Viele Bürger haben den Eindruck gewonnen, dass ihre Lebensweise, ihre Wertvorstellungen und ihre Alltagserfahrungen von den politischen Eliten nicht mehr geteilt werden. Wer über steigende Lebenshaltungskosten, überforderte Schulen, Wohnungsnot oder die Folgen unkontrollierter Migration spricht, fühlt sich oft belehrt statt vertreten.
Dabei erinnert Gabriel an eine andere SPD. Als er in die Partei eintrat, saßen im Ortsverein nach seinen Worten noch 150 Bürger zusammen. Sie stritten heftig. Eine Krankenschwester, ein Betriebsratsvorsitzender, ein selbständiger Elektromeister, ein Polizist. Die gesellschaftliche Breite war selbstverständlich.
Heute, so sein Befund, ist davon wenig geblieben.
Nicht die Deutschen sind radikal – die Politik ist es
Die AfD profitiert nicht deshalb, weil Millionen Deutsche plötzlich radikal geworden wären. Sie profitiert, weil sich Millionen Menschen politisch heimatlos fühlen.
Genau darin liegt die Brisanz von Gabriels Analyse. Sie kommt nicht von einem Oppositionspolitiker, sondern aus dem Inneren des Systems, der Partei. Ein ehemaliger SPD-Chef bestätigt, was viele Bürger seit Jahren empfinden: Die politische Klasse ist sozial homogener, akademischer und lebensweltlich enger geworden und hat mit der breiten Bevölkerung nichts mehr gemein. Die Klasse der Vorschreiber hat sich radikalisiert: In ihrer Forderung und in ihrer entschiedenen Abkehr vom Volk, das als solches gar nicht benannt werden darf.
Dass diese Erkenntnis heute bereits als mutige Wahrheit gilt, sagt vielleicht mehr über den Zustand der Parteien aus als jede Umfrage.
Besonders eindrucksvoll war sein Hinweis, dass Bürger nicht ständig hören wollten, weshalb etwas nicht geht. Sie erwarteten von Politik, Probleme zu lösen. Wo dieser Eindruck verloren gehe, entstehe Misstrauen.
Immer wieder kehrte Gabriel zu einem Gedanken zurück: Die gesellschaftlichen Spannungen seien weniger ein Zeichen von Bosheit oder Radikalisierung als von Entfremdung. Menschen wollten ernst genommen werden. Wer jede Kritik sofort in die falsche Ecke stelle, verschärfe die Spaltung nur.
Damit traf er einen Nerv der Sendung. Denn die eindrücklichsten Momente kamen nicht von Politikern, sondern von Bürgern, die über steigende Kosten, Bürokratie, Unsicherheit und das Gefühl berichteten, nicht mehr gehört zu werden. Gabriel nimmt diese Berichte nicht als Anlass zur Belehrung, sondern als Warnsignal.
Seine stärkste Botschaft des Abends lautete letztlich: Zusammenhalt entsteht nicht durch Appelle. Er entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, dass ihre Sorgen legitim sind und ihre Stimme noch Gewicht hat.
Der Rest der Sendung war das Erwartbare. Jetzt aber zeigen sich die Brüche im Parteiensystem. In den jüngsten Umfragen ist die SPD dabei, auf Platz fünf hinter CDU, AfD, Grünen und Linken abzustürzen. Man kann das Verenden einer früheren Volkspartei live beobachten, fast wie bei Timmy, dem Wal.



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> „Das gilt praktisch für alle Parteien außer der AfD“, sagte Gabriel.
Kann man bereits wetten, dass die Brandmauer doch noch nicht abgeschafft wird und die SPD etwa dem Klima-Glauben nicht abschwört?