NRW steht repräsentativ für Lehrermangel in Deutschland. Der ist Folge eklatanten Personalversagens der Schulminister. Nun will das Land verbeamtete Lehrer im Pensionsalter mit einem Gehaltszuschlag von 15 Prozent fürs Weiterarbeiten gewinnen. Die NRW-Ministerin Dorothee Feller spricht von Erfolg ihres Handlungskonzepts – gewirkt hat bislang fast nichts.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
Die – vormalige – Bildungsnation Deutschland leidet gewaltig unter hausgemachten und unter importierten Problemen. „Importiert“ heißt: Es sind Zigtausende Schüler mehr zu beschulen, und viele dieser Schüler belasten die Schulen wegen ungenügender Sprachkenntnisse sowie mangelnder Integrationsbereitschaft.
Die hausgemachten Probleme bzw. deren Ursachen reichen oft Jahre und Jahrzehnte zurück: Dazu gehören unsinnige Schulexperimente, die Aufblähung gymnasial-akademischer Bildungswege, die Vernachlässigung der beruflichen Bildung und der Abbau von Leistungsansprüchen bei gleichzeitig immer großzügigerer Notengebung.
Zu den hausgemachten Problemen gehört auch der von Jahr zu Jahr eklatantere Lehrermangel, den die „hohe“ Politik hätte voraussehen können und dem man frühzeitig hätte begegnen müssen. TE hat darüber immer wieder berichtet.
Das bevölkerungsreichste Bundesland NRW mit seinen rund 5.400 Schulen, 2,5 Millionen Schülern an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen sowie 222.000 Lehrern auf rund 180.000 Lehrerstellen steht repräsentativ für das Personalproblem. Dort verlassen immer mehr Lehrer vor Erreichen der Altersgrenze ihren Beruf und geben sogar den Beamtenstatus auf. Hinzu kommen viele Sozialarbeiter und Verwaltungsmitarbeiter, die den Schuldienst quittieren.
2025 haben 650 NRW-Lehrer ihren Beruf aufgegeben: 283 verbeamtete und 367 tarifbeschäftigte. Im Vergleich zu 2024 ist die Zahl leicht rückläufig: 2024 waren es noch insgesamt 734 Lehrkräfte gewesen, davon 297 im Beamtenstatus. Nur bei den Tarifbeschäftigten gab es 2025 viele Kündigungen in der Altersgruppe ab 61 Jahre, zumeist quittierten deutlich jüngere Lehrkräfte den Dienst. Insgesamt waren mehr als zwei Drittel von ihnen unter oder maximal 60 Jahre alt. Diese Zahlen lieferte das Schulministerium von Dorothee Feller (CDU) auf Anfrage der FDP-Landtagsfraktion.
Folge: In der Summe sind an den NRW-Einrichtungen nach wie vor fast 7800 Stellen unbesetzt. Welche Schulformen die Beschäftigten verließen oder ob sie im Zusammenhang mit Versetzungen oder befristeten Abordnungen aufhören wollten, wurde nicht erhoben. Die NRW-Landesregierung erfasst auch die Gründe für die Weggänge nicht. Man darf vermuten, dass es nicht nur die Bequemen sind, die die Schule verlassen, sondern dass es vormals Engagierte sind, die sich den Irrwegen der Schulpolitik und der importierten „Vielfalt“ der Schülerschaft mit all ihren Disziplinproblemen nicht mehr stellen mögen.
Nun greift NRW zu einem Strohhalm. Das Land will Beamte im Pensionsalter mit einem Gehaltszuschlag von 15 Prozent für das Weiterarbeiten gewinnen. Das berichtet die „Rheinische Post“ unter Berufung auf das Schulministerium.
Beamte, die ihren Ruhestand aufschieben, können zum Beispiel ihre Versorgungsansprüche um jährlich 1,8 Prozent erhöhen. Wer den Höchstruhegehaltssatz bereits erreicht habe, erhalte stattdessen einen Besoldungszuschlag in Höhe von zehn Prozent des Grundgehalts. Nach dem Willen der Landesregierung solle dieser Zuschlag in Zukunft auf 15 Prozent erhöht werden.
Stand derzeit: Im Schuljahr 2025/26 arbeiten an den NRW-Schulen mehr als 1.340 Lehrer, die mindestens 67 Jahre alt sind. Im Jahr 2016 waren es noch 473 Lehrkräfte, die 66 Jahre und älter waren und damit die damalige Regelaltersgrenze überschritten hatten. Damit hat sich die Zahl nahezu verdreifacht.
Allerdings lügt sich die NRW-Landesregierung nach wie vor in die Tasche. Am 2. Juni 2026 verkündete das dortige Schulministerium: „Rund 9.500 Menschen im Schuldienst mehr seit Ende 2022 / Ministerin Feller: Jede und jeder einzelne ist ein großer Gewinn. Unser Handlungskonzept wirkt.“
Nun ja, gewirkt hat bislang fast nichts. Es ist Flickwerk, was hier betrieben wird. Die Schulminister haben in puncto Personalplanung versagt, und sie versagen mit Blick auf die kommenden Jahre wieder. Dabei weist das Schulwesen sehr verlässliche Planzahlen aus: Die Schülerzahlen sind auf ein bis zwei Jahrzehnte hinaus recht zuverlässig prognostizierbar. Der Grundschüler des Jahres 2032 ist schon geboren, der Berufsschüler des Jahres 2042 und der Abiturient des Jahres 2044 ebenso. Darüber hinaus kennt man – auch fachspezifisch – die Altersstruktur der Lehrerschaft recht exakt und weiß, wie viele Lehrer 2030 oder 2040 aus Altersgründen aus dem Dienst ausscheiden werden.
Will sagen: Das Problem des Lehrermangels ist aktuell allenfalls mit Einzelmaßnahmen zu lindern: mit Quereinsteigern, mit Reduzierung der Teilzeit, mit attraktiver Gestaltung der Bedingungen über die Altersgrenzen hinaus, mit Arbeitszeitkonten usw. Darüber hinaus gilt es im Interesse der „Bildungsnation“, jetzt schon für die Jahre 2033 und folgende für Lehrernachwuchs zu sorgen. Denn einen Abiturienten des Jahres 2026 bekommt man frühestens 2033 als „fertigen“ Lehrer.




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein