DER SPIEGEL Nr. 29 – Unsere Griechen

Es ist schon ein Zeichen von Größe, dass nach Jahren antigriechischen medialen Dauerfeuers Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die innere Zerrissenheit des Hamburger Mediums beim Thema Grexit konstatiert. Die Diskussionen stacheln die Ressorts zu überdurchschnittlichen Leistungen an. Das tut dem Heft gut und man entdeckt selbst als Mediendauerkonsument neue Aspekte. Übrigens auch im Titelbild, das mit vielen Details eine Story für sich erzählt, die es wert ist, „gelesen“ zu werden.

In der hervorragenden Titelgeschichte „Kein Weg, kein Wille“ malen Ullrich Fichtner, Nils Minkmar und Alexander Smoltczyk brillant und genüsslich das romantische und von Generationen humanistischer Gymnasien verklärte Bild der Deutschen von Griechenland aus. Das Highlight ist sicher der Kommentar „No Grexit“ von Mathieu von Rohr, in dem der angeblich ach so kühle Spiegel-Matador Angela Merkel auffordert, „staatsmännisches Format“ zu zeigen und die Griechen bei Europa zu halten. Der Leitartikel „Die Logik des Pokerspiels“ des volkswirtschaftliche Spiegel-Vordenkers Michael Sauga ist dagegen eher technokratisch und maßgeblich von den holzschnittartigen Ansichten des Münchner Marktwirtschaftlers Hans-Werner Sinn inspiriert.

Schmackhafter Lesestoff ist wie immer die Kolumne Jan Fleischhauers „Das Geld der anderen“, diesmal zum „Syriza-Sozialismus“.
Nicht ganz harmoniert mit dem ansonsten hochkarätigen Griechenland-Kaleidoskop das Interview von Thomas Hüetlin mit Politrentner Oskar Lafontaine.

Auch jenseits von Grexit bietet das Heft zahlreiche anregende Berichte und Reportagen.

…und das sind unsere Sonntags-Noten von 1 bis 6:

1.  Sofort abonnieren | 2.  Sofort zum Kiosk und kaufen | 3.  Reicht auch nächste Woche noch | 4.  Ignorieren | 5.  Abo kündigen/kommt mir nicht ins Haus | 6.  Braucht man nicht

Die-Rente-ist-sicher-Norbert-Blüm telefoniert sich durch sein Leben. Er ruft an, unentwegt, alte Weggefährten, Wichtige von einst, Gegner und Weggefährten, nicht nur Politiker – „eine Zeitreise in die Bundesrepublik der Achtziger- und Neunzigerjahre“. „Hallo, hier ist Norbert“ von Britta Stuff ist ein feines Lehrstück über einen, der mit seinen 80 Jahren gerne noch mitspielen würde, aber auch Zweifel hat, ob er wirklich wichtig war.

Nach den Helikopter-Eltern kommen jetzt die Drohnen-Eltern, die mit neuen Apps ihre Kinder jederzeit im Griff haben wollen. Ein sehr unterhaltsames Stück von Wolf Wiedmann-Schmidt und mit Miriam Olbrisch von DEIN SPIEGEL.

Leichte und amüsante Unterhaltung bietet Jonathan Stock mit „Touché“ über den Polen Jan Zylinski, der tumbe Emigrantenhetzer mit Forderungen zum Duell überzieht.

Grandios die Reportage von Juan Moreno und Thomas Grabka (Fotos) über den Rumänen Viktor Talic, dem die europäische Einigung das Tor zu einem menschenwürdigen Leben geöffnet hat.

„Lesen und Shoppen“ von Ann-Kathrin Nezik zeigt eine neue Verbindung zwischen Content und Commerce, die der Presse neue Nischen zum Überleben eröffnen: Ein Bericht, aus dem Medienmacher und Marketer lernen können.
Das Spiegel-Gespräch mit dem russischen Schriftsteller und früheren Leningrad-Verteidiger Granin ist historisch wichtige und interessante Pflichtlektüre.

Gesamturteil: Gutes Heft und direkt am Kiosk kaufen.

 

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Kommentare ( 1 )

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