Trecks in der Wüste? Warum der Druck auf Ceuta und Melilla steigt

Der Druck auf Ceuta und die spanischen Balearen ist nicht beendet. Zu den Faktoren, die eine Invasion begünstigen, gehören auch Konflikte in der breiteren Region. In Mali verschärfen sich gerade die Kämpfe mit Dschihadisten. Die EU zeigt erneut auf Russland, doch die Europäer haben zuvor selbst das Feld geräumt.

picture alliance / abaca | Europa Press/ABACA

Für den erhöhten Invasionsdruck auf die spanischen Exklaven in Nordafrika wie auch die Balearen, der schon im ersten Halbjahr 2026 festzustellen war, wurden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht.

Zunächst wandte sich der Blick naturgemäß auf die inneren Verhältnisse in Marokko: Ein König, dem vielleicht die spanische Außenpolitik in der Region nicht gefiel? Zudem feierte König Mohammed in derselben Woche sein Thronjubiläum – war er selbst Hintergangener oder ein besonders raffinierter (hybrider) Angreifer? Zur Wahl stehen weiterhin die „desillusionierte“, in Wahrheit verwahrloste, drogensüchtige, arbeitsunwillige Jugend Marokkos, das örtlich vorhandene Migrantenheer, namenlose „islamistische“ Gruppen, gar Dschihadisten, die sich so den Weg nach Europa ebnen wollen.

Angesichts der Ignoranz in Madrid gegenüber den Warnungen des ceutensischen Stadtpräsidenten kommt außerdem ein Komplott oder Fait accompli der Regierenden in Frage, die hier erneut Fakten für die postmoderne Migrationsgesellschaft schaffen wollten. In diesem Szenario hätte die spanische Regierung das eigene Volk und die übrigen Völker Europas hintergangen.

Daneben lohnt ein Blick auf die weiteren Zusammenhänge. Für die Monatsmitte (15. August) ist ein weiterer Sturm angesagt, nun nicht mehr nur auf Ceuta, sondern auch auf Melilla, die zweite spanische Exklave in Nordafrika, auch sie umgeben von marokkanischem Staatsgebiet, aber zugleich näher an Algerien.

Algerien gilt im Gegensatz zu Marokko, dem der Westen und die EU heute zugewandt sind, als „rogue player“, als Schurkenstaat, der sich mit den Gegenmächten Russland, China und Iran arrangiert hat. Und nun gibt es eben dieses Video, das laut einer Analyse aktuell sein dürfte. Es zeigt einen Treck wohl von Schwarzafrikanern, die unter dem Schutz von Jeeps durch die Wüste ziehen. Das Video wurde von mehr als einem Account geteilt, darunter Herausgeber, die nicht jede Information ungefiltert weiterreichen.

Vorspiel im Juli: Tuaregs und Dschihadisten vereinen ihre Kräfte

Laut Recherchen kann das Video als aktuell gelten. Es zeigt demnach Szenen aus dem Grenzgebiet zwischen Mali und Algerien, in dem es Ende Juli 2026 zu fluchtartigen Bewegungen kam. Der vermutete Grund: Drohnenangriffe der malischen Zentralregierung und des russischen Africa-Corps im Norden des Landes im Juli.

Diese Angriffe zielten laut den Open-Source-Analysen von Bellingcat und dem Wochenmagazin Jeune Afrique auf die nordmalische Grenzregion zu Algerien namens Azawad, wo sich seit mehr als zehn Jahren Widerstandsnester gegen die Zentrale gebildet haben – einerseits von Tuareg-Rebellen, andererseits von Dschihadisten. Jüngste Nachrichten legen nahe, dass beide sich im Kampf gegen die Zentrale verbündet haben könnten. Wie dem auch sei, zielten die Drohnenschläge vermutlich auf eine der Gruppen oder auf beide und auf die Goldminen, die sie – die Tuareg und Dschihadisten – ausbeuten.

Vorausgegangen war eine koordinierte Großoffensive der Befreiungsfront von Azawad (Azawad Liberation Front, FLA), das sind vornehmlich Tuareg-Rebellen, und der Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn (Jama’at Nasr al-Islam wal Muslimin, kurz JNIM), dem nordwestafrikanischen al-Qaida-Ableger.

Dabei wurde auch der russische und malische Stützpunkt in Anéfis angegriffen, was in schweren Kämpfen resultierte. Die malische Armee und das Africa-Corps gerieten unter massiven Beschuss. Das Africa-Corps dementiert eigene Verluste und setzt vermehrt Drohnen in der Region ein. Im Ergebnis scheinen diese Kämpfe zu der beschriebenen und gesehenen Destabilisierung geführt zu haben. Und die führt auch dazu, dass die Schlepper und einfachen Reisenden auf den nordwestafrikanischen Knotenpunkten der illegalen Migration leichteres Spiel haben.

Quelle: wikimedia commons / Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nun bleibt die Frage, ob Algerien solche „Flüchtlingsströme“ oder Minenarbeiterverlagerungen zurückweist und ob es sie gar noch nach Norden eskortiert, wie in manchen Tweets nahegelegt wird. Die zweite Variante hat vieles gegen sich, da man so auch eigene Probleme schafft und verschärft. Auf der anderen Seite gehen die EU und andere Beobachter von „hybriden Angriffen“ mit der Migrationswaffe, der „Waffe Mensch“, aus, für die man ja auch Nachschub schaffen muss.

— هشام السنوسي (@Pirana_dusahara) August 5, 2026

Einige Gegenargumente beißen sich also in den eigenen Schwanz. Daneben: Selbst wenn die Algerier versuchen, sich vor solchen „Kontrollverlusten“ auf malischer Seite zu schützen, würden sie es vermutlich nicht zu 100 Prozent schaffen. Der durch eine Vielzahl von Faktoren entstandene Druck greift Raum und schafft sich seinen Platz.

Das Scheitern Europas im Sahel und der Finger, der auf Russland zeigt

Bedeutet all dies nun, dass Russland in der Sahel-Zone den Migrationskonflikt an der Südgrenze der „EU“, eigentlich der Südgrenze Spaniens anheizt? Das lässt sich eben nicht sagen, weil die Russen ja in dieser Region nur die Stelle von Frankreich und Vereinten Nationen eingenommen haben, die sich im August 2022 aus Mali zurückzogen, nachdem sich die westlichen Hoffnungen auf erneute Wahlen und eine quasi-demokratische Regierung zerschlagen hatten. Lag es am Ende vielleicht auch an den westlichen Mächten, die sich an dieser Stelle einer pragmatischen Zusammenarbeit verweigerten? Frankreich verlegte seine Truppen zunächst nach Niger und beendete seine Mission im November 2022. Im Niger kam im Juli 2023 eine Militärjunta an die Macht, die sich ebenfalls verstärkt nach Moskau ausrichtete.

Deutschland zog ein bis zwei Jahre später nach, nachdem die MINUSMA-Operation und die „EU-Trainingsmission“ gänzlich sinnlos geworden waren. Man übt eben nicht erst auf dem Schlachtfeld und wundert sich dann über Ungemütlichkeit und die eigene Ineffizienz. Aber die Frage stellt sich schon, wie gut der neue (nur halblaut ausgesprochene) Vorwurf gegen Russland als Initiator von Migrationswellen in Nordwestafrika tragen kann, wenn Europa zuvor so gründlich an eben derselben Stelle versagt hat.

Man hatte das Feld ja quasi ‚kampflos‘ geräumt und sollte sich dann nicht wundern, wenn eine Großmacht an dieser Stelle zugreift. Irgendeiner musste offenbar den fragilen Staat Mali gegen Rebellen und Dschihadisten unterstützen. Das rückt bei solchen Diskussionen regelmäßig in den Hintergrund. Im Übrigen könnte auch diese neue Diskussion über den „russischen Einfluss“ am Ende nur erneut in Online-Zensur enden. Denn es geht laut regierungsnahen Links- und Leitmedien auch darum, „wie die EU gegen Desinformation vorgeht“. https://www.sueddeutsche.de/dossier/tiefgaenge/ceuta-wie-die-eu-in-krisensituationen-gegen-desinformation-vorgeht-1b91d49a Aber vielleicht will die Süddeutsche nur ihr eigenes Desinformationsmodell vor Konkurrenz schützen.

Die EU erzeugt selbst den Invasionsdruck

Fazit: Der Invasionsdruck auf Ceuta, Melilla und die Balearen ist real. Spanien hat durch seine permissive Migrationspolitik, die immer mit den vielen Südamerikanern begründet wird, ein Einfallstor für Nord-, West- und Ostafrikaner geschaffen, daneben für versprengte Afghanen und Gaza-Palästinenser. Aber warum braucht man voraussetzungslose Massenlegalisierungen, wenn sich die Südamerikaner so vorbildlich integrieren? Dann muss man diese Integration zum Kriterium der Legalisierung machen. Das Südamerikaner-Argument hinkt. Es war der Wunsch und Wille der spanischen Sozialisten und von Pedro Sánchez, ihr Land zum Vorreiter in Sachen Legalisierung des Illegalen und äußerster Laxheit gegenüber der Invasion Europas zu machen.

Dass alle Maßnahmen in diese Richtung von wem auch immer – nordafrikanischen Akteuren, Dschihadisten, Schleppern, den EU-Invasoren selbst – ausgenutzt würden, war absehbar. Und es wird weitergehen, auf welcher Route auch immer. Zudem handelt es sich um ein „natürliches“ Phänomen wie bei jeder anderen Osmose auch. Wo ein Unterdruck durch massenhafte Legalisierungen und leichtesten Zugang zu Sozialleistungen plus Schwarzarbeit erzeugt wird, da rückt Materie nach.

Insofern können es sich die EU-Staaten auch wieder leichter machen, müssen nicht aufwendig nach „internationalen Akteuren“ suchen, die für die Misere mitverantwortlich sind. Sie können sich auf das Eigene und die eigene Reaktion konzentrieren. – und müssten Sánchez’ laxe Politik insofern scharf sanktionieren, wozu vor allem Giorgia Meloni blies. Melonis Position ist dabei fragiler, als manche glauben: Denn Italien hat zwar seine illegalen Einreisen im laufenden Jahr erneut um die Hälfte reduziert, liegt aber noch immer bei 17.000 Einreisen seit dem 1. Januar. Das sind 2.500 mehr, als Spanien dieses Jahr mit offenen Armen empfing. Dennoch darf man sagen, dass auch Meloni mit einigen inländischen Faktoren zu kämpfen hat, etwa jenen Richtern, die ihr Albanien-Modell torpedierten.

Bundesregierung müsste sich selbst sanktionieren

Daneben müsste sich insbesondere die deutsche Bundesregierung auch selbst sanktionieren, weil sie mit dem deutschen Wohlfahrtsstaat für Alle den wichtigsten Pull-Faktor in der EU und in Europa bildet.

Erinnernswert bleibt: Die autonome Stadt Ceuta konnte die Mehrheit der Eindringlinge nur dank einer Sondergesetzgebung abschieben, die auf dem EU-Festland nicht fraglos gilt. Trotzdem bevölkern noch immer Tausende marokkanischer Invasoren die Straßen Ceutas, sammeln sich fordernd oder drohend vor der Polizeizentrale an. Zeltstädte, wahre Favelas haben sich an den Stränden Ceutas gebildet, und die Ceutaner werden zunehmend unduldsam mit ihrer Regierung und der Polizei.

Doch in Ceuta erklingt inmitten dieser Krise noch die spanische Hymne und wird, was nicht immer üblich ist, auch gesungen – ganz gleich, aber auch zum Trotze dessen, was darum herum noch vor sich geht.

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