EU-Favorit Magyar gewinnt in Ungarn

Viktor Orbán, der renitente Regierungschef Ungarns hat eine verheerende Wahlniederlage eingefahren. Mit ihm fällt eine der letzten Bastionen gegen die Zentralisierungspolitik der EU. Aber noch ist Ungarn nicht verloren.

picture alliance / AP | P. D. Josek, D. Erdos - Collage: TE

In Budapest hatte man sich auf eine lange Wahlnacht eingerichtet: Frühestens um Mitternacht sollte ein Ergebnis feststehen, möglicherweise könnte es Tage dauern. Das war die Erwartung der Orbán-Wahlmaschinisten. Das Ergebnis stand dann schon eine Stunde nach Schließung der Wahllokale fest – gegen 20.00 Uhr war klar: Orbán hat verloren, sein früherer Helfer und jetzt Herausforderer Péter Magyar holt die Mehrheit. Und noch eine Stunde später war es dann eine Zweidrittelmehrheit. Das reicht für eine Art autoritäre Alleinregierung auf Zeit für das Bündnis des Péter Magyar.

Die Gründe liegen zum einen im komplizierten Wahlsystem, das die stärkste Partei klar bevorzugt. Lange war das Orbáns Fidesz-Partei, die Opposition war zersplittert. Nun aber formte Péter Magyar ein Vielparteien-Bündnis: Die Sozialdemokraten verzichteten auf die Kandidatur wie die Grünen. „Jetzt ist die Zeit“, lautete das Motto. Damit standen sich zwei Blöcke gegenüber, und der von Péter Magyar wurde beschleunigt.

Manipulation politischer Regeln kann zurückschlagen

Im künftigen Parlament stehen sich viele Péter-Magyar-Parlamentarier und ein knappes Drittel Orbán-Abgeordnete gegenüber, am Rande sitzen noch ein paar versprengte sehr rechtsradikale Abgeordnete von „Meine Heimat“. Es ist ein Menetekel übrigens auch für Deutschland, wo im Bundestag wie in Landtagen an immer neuen Tricks gearbeitet wird, wie man die AfD aus den Parlamentspräsidien, den Ausschüssen, bei den Richterstellen im Bundesverfassungsgericht etc. pp. fernhalten kann. Kann funktionieren. Erhält aber die AfD möglicherweise in Sachsen-Anhalt oder Thüringen eine eigene Mehrheit, dann schlägt das System zurück: Dann fährt die neue Mehrheit Schlitten mit den früheren Demokratie-Bastlern.

Es gilt das Gesetz des Nobelpreisträgers James Buchanan: Nichts ist so gefährlich wie die Manipulation grundlegender politischer Regeln. Es kann zurückschlagen. Es hat zurückgeschlagen auf Orbáns Fidesz-Partei.

Triumphirat in Brüssel, kleine Länder müssen kuschen

Und es schlägt durch bis Brüssel. Orbán war der personifizierte Kritiker der zunehmenden Zentralisierung der EU. Das ist eine Grundregel, die jetzt auch andere erschlägt. Faktisch wird die EU von den drei Großen regiert: Frankreich, Deutschland, noch ein wenig Italien – Spanien spielt schon keine Rolle. Es ist ein Triumvirat. Die kleineren Länder wissen jetzt: Widerspruch ist gefährlich. Denn Orbán hat den Kampf um nationale Souveränität verloren – nicht nur für Ungarn. Kleine Länder müssen kuschen.

Denn die EU hat den Wahlkampf in Ungarn langfristig beeinflusst: Immer wieder wurden Milliarden-Beträge gesperrt, mit denen Brüssel das Wohlverhalten kleinerer Staaten üblicherweise honoriert, von denen Frankreich und Italien profitieren und für die Deutschland bezahlt oder die Kredite garantiert. Deutschland, das Land mit den tiefen Taschen, das alles ermöglicht, was der Zentralisierung dient.

Die EU kann jetzt durchregieren

Egal ob Verbrennerverbot, Green Deal, Lieferkettengesetz oder Beförderung des LGBTQ+-Lebensstils an Stelle traditioneller Familienwerte – die EU kann jetzt durchregieren. Man ahnt, wie erfreut Ursula von der Leyen den neuen Ton des erklärten Favoriten und neuen Staatschefs Péter Magyar entgegennehmen wird.

Ungarn hat sich gegen die Einwanderungspolitik der EU gewehrt, Polen machte da mit, obwohl die frühere konservative Regierung längst durch EU-Kommissar Tusk ersetzt wurde. Auch Ungarn und Polen werden künftig als Einwanderungsländer Kontingente aufnehmen müssen. Endlich ist also die Verteilung neuer Zuwanderer auch nach Osteuropa möglich. Damit ist der Sieg des Kulturkampfs der EU gegen tradierte Gesellschaften gesichert. Die traditionelle jüdische Minderheit in Ungarn steht dem Ganzen eher kritisch gegenüber.

Orbán hatte noch auf Unterstützung aus den USA gehofft und erhalten; US-Präsident Donald Trump hat den Vertreter des Mini-Ungarn an die breite Brust des Welt-Hegemons gedrückt und seinen Vertreter J.D. Vance eine Woche vor der Wahl nach Budapest in den Wahlkampf geschickt. Es hat Orbán dann wohl eher geschadet als genützt. Ungarn möchte weniger der Flugzeugträger für Trumps Kulturkampf für ein fortbestehendes Europa christlicher Prägung sein. Es will von Brüssel gemocht und dafür honoriert werden.

Ungarn im Abwärtsstrudel Deutschlands

Politik folgt seltsamen Regeln. Den Ungarn geht es wirtschaftlich gut. Aber das wird den Schöpfern des Wohlstands selten gedankt, denn Wohlstand gilt sehr schnell als selbstverständlich. Gute Wirtschaftszahlen werfen sich nach einer gewissen Zeit gegen die Schöpfer ins Gefecht. Noch sehen Ungarns Zahlen gut aus, aber es gerät in den Abwärtsstrudel Deutschlands. Es hängt an der deutschen Autoindustrie und an der E-Mobilität. Unterauslastung ist die Folge, und damit auch die Pleite ungarischer Mittelständler, die als Zulieferer gewachsen sind und jetzt verenden. Die EU-Politik zeigt ihr hässliches Gesicht, indem sie die Autoindustrie als überholt behandelt.

Das wird Péter Magyars kleinstes Problem sein; Länder von der Kleinheit Ungarns werden aus deutschen Kassen lange durchgefüttert, wenn sie nur brav genug sind.

In der Nacht war der Jubel über seinen Sieg in Budapest weithin vernehmbar. Ungarns städtische Wähler feiern Péter Magyars Sieg. Er verspricht Jobs in Staat, Verwaltung und bei NGOs; endlich findet Ungarn den Anschluss an die EU, entledigt sich einiger überkommener konservativer Normen, die einen nebenbei auch von der Verantwortung für Vaterland, Nation und Religion erlösen, denn wer braucht noch dieses christliche Abendland?

Orbán ergeht es wie Kohl

Orbán wirkte zuletzt ein wenig wie Helmut Kohl. Er erdrückte geradezu das Land mit seiner Präsenz. Das war nach 16 Jahren Helmut Kohl der Fall, der unverdient die Wahl gegen Gerhard Schröder verloren hat. Das war nach Angela Merkel der Fall, die man nicht mehr sehen konnte. Das ist nach 16 Jahren Orbán so, der verpasst hat, einen Nachfolger aufzubauen. Überdruss ist eine überaus wirksame Macht in der Politik.

Denn Politik folgt nicht der Logik, nicht einmal der Vorteilsnahme, sondern Stimmungen. Die Ungarn haben ihn satt wie Deutschland Merkel oder Kohl. Seine Nähe zu Putin trug für sehr viele Ungarn dazu bei. In Ungarn haben die sowjetischen Panzer den Versuch niedergewalzt, sich aus dem Ostblock zu befreien. Orbán hat damals Heldenmut gegen die Sowjets bewiesen und deren Abzug gefordert in einem Moment, in dem er dafür hätte gehenkt werden können wie sein Vorgänger. Er hat Ungarn in den Westen geführt – und dass jetzt seine Nähe zu Putin sein politisches Ende befördert, macht ihn zu einer tragischen Figur.

Merz wird die Warnung nicht verstehen

Aber Politik ist eben nicht fair, Dankbarkeit keine Tugend der Völker. Und es gilt: Wenn Macht zu lange in einer Hand bleibt, korrumpiert sie. Die Ungarn sind nicht obrigkeitshörig; sie haben das Regierungsfernsehen durchschaut und sich trotz Medienkontrolle ihre eigene Meinung gebildet. Davor sollten sich auch deutsche Machthaber und Medienkontrolleure fürchten.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Schlimmer als Merz kann’s nicht werden, liebe Ungarn. Man nennt es Demokratie. Und: Auf der Triumph-Party von Péter Magyar hat keiner eine Waffe gezückt, wurde kein Orbán-Anhänger an der Straßenlaterne aufgehängt. Orbán selbst hat, wie einst übrigens Helmut Kohl, seine Niederlage eingestanden und gratulierte Wahlsieger Magyar noch am gleichen Abend. So geht Demokratie. Europa ist friedlich. Das ist ja auch was. Und nicht wenig. Und denkt daran. Es kommt immer anders, als Machtinhaber denken. Sogar in Deutschland.

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Kommentare ( 190 )

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R.Baehr
21 Tage her

Bravo ihr Ungarn, euch ist es scheinbar zu gut gegangen, darum habt ihr so gewählt. Dafür bekommt ihr jetzt hoffentlich offenene Grenzen, Migranten ohne Ende mit all den beliebten Nebenwirkungen, die da wären, Mord und Totschlag u. a. dazu eine EU mit der unbeliebten Kaiserin in Brüssel, Energieknappheit aber macht euch nichts darauf, dafür unterschreibt ihr halt die nächsten zig Sanktionspakete. Mal schauen wo ihr eure Energie in Zukunft herbekommt, richtet schon mal eure Natur für Monsterwindräder bereit, wie so etwas aussieht, könnt ihr von Bratislava aus mit Blickrichtung Burgenland jederzeit begutachten, schöne neue Zeit, freut euch darauf so lange… Mehr

Last edited 21 Tage her by R.Baehr
H. Priess
22 Tage her

Vor einigen Tagen ging es bei einem Film bei Youtube um das auswandern und da wurde Ungarn als das Traumziel für Auswanderer beworben. Mein Kommentar. Wer über Ungarn als Zielland zum Auswandern nach denkt denkt zu kurz. Denn auch Ungarn wird früher oder später unter die Fuchtel der EU kommen mit all seinen schrecklichen Folgen. Da kann man gleich hier bleiben aber das Wetter ist in Ungarn besser, wenigstens etwas. Ich denke, Orban hat es versäumt einen jüngeren Nachfolger ins Rennen zu schicken und die Leute einfach die Nase von ihm voll hatten. Ob der Neue jetzt den ganzen Staat… Mehr

Kassandra
21 Tage her
Antworten an  H. Priess

Es kommt immer auf die „Restlebenszeit“ an – betrachtet man die, kann für manche Ungarn immer noch ein sicheres Domizil werden.

bfwied
22 Tage her

Eine Schlacht ist verloren, aber nicht der Krieg! Den Krieg führt die EU-Bürokratie, die ungewählte, die faktisch eine Dikatur mit Zwangsvereinigung von verschiedenen Völkern und Staaten einrichten will. Aber man sollte eigentlich aus der Geschichte und der Verhaltensforschung lernen, tun die Linken und Vereinigungsträumer – die Völker mit einer Familie mit Kleinkindern verwechseln – jedoch nicht. Jede Gesellschaft, die ein Gemeinwesen haben will, benötigt eine gemeinsame Identität, sie braucht Gemeinsamkeiten, die sie von anderen unterscheidet. Das ist ganz atavistisch. Nach 5 Mio. J. in Kleingruppen – auch um 1900 lebten nur 1,6 Mrd. Menschen, 1960: 3 Mrd., heute: 8,5 Mrd.… Mehr

Haba Orwell
22 Tage her
Antworten an  bfwied

> Wo ist die Identität, wo stecken die identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten?

Ach, die hehren Ideale der 666 Geschlechter, exzessiver Russophobie und SMS-Bestellungen… Es ist Sarkasmus, doch ich fürchte, dass Manche wirklich so gehirngewaschen sind – mit dem von TE kürzlich angesprochenen „Lebensgefühl“. Mittlerweile ist die Wohlstandsverwahrlosung östlich der Elbe angekommen, wie Polen 2023 und Ungarn gestern zeigte.

Dr. Rehmstack
22 Tage her

Es ist noch keine 48 Stunden her da wurden wir von allen unseren Qualitäts Medien darüber informiert, dass Urban ein Diktator sei, dass man fürchte, er würde die Wahl Niederlage nicht anerkennen und nicht friedlich aus dem Amt scheiden, würde staatsstreichähnliche Verhältnisse herbeiführen; am Wahlamt um 20:00 Uhr, es waren noch nicht mal zwei Drittel der Stimmen ausgezählt, gestand der Diktator Urban seine Niederlage ein, gratulierte dem Wahlsieger und sprach sich für eine schnelle Regierungsneubildung aus. So sehen Diktatoren aus! Ein besseres Beispiel für die Glaubhaftigkeit unserer Qualitäts Medien kann es nicht geben.

Ungar
22 Tage her

Liebe Freunde Ungarns! Die Sonne ist auch heute aufgegangen. So hatten wir es uns nicht erhofft, aber das gottgegebene Volk hat im Frühjahr 2026 dies unserem Land auferlegt, 500 Jahre nach Mohács so entschieden … Und damit auch über Europa ein Urteil gefällt: Nationen werden hier nicht gebraucht, die imperiale Idee, deren Hindernis wir bisher waren, ist auch auf diesem störrischen Boden gereift; es gibt keinen Widerstand mehr, wir beugen freiwillig unseren Kopf unter das Brüsseler Joch – mit Migration, Energieblockade und Krieg. Vielleicht bekommen wir dafür als Belohnung vom glücklich gemachten EU-System noch ein paar Euro-Krümel, sofern überhaupt noch… Mehr

Reinhard Schroeter
22 Tage her
Antworten an  Ungar

Besser kann man die Gefühle, die in einem vorgehen nicht beschreiben !

Ecke
22 Tage her

So wie die Linken es traditionell verstehen, das mit der Demokratie.
https://www.youtube.com/watch?v=MUROIxzKhLc

Logiker
22 Tage her

Ich würde mich sehr wundern, nein täuschen, wenn die Ungarn genau das wollen, was ihnen Obama, vdL, KGE u.a. mit Blick auf das Wahlergebnis triumphierend unterstellen.

Antaam
22 Tage her

Tja, so ist das nun einmal: Wenn es dem Esel zu wohl ergeht, geht er aufs Eis tanzen. Die Ungarn werden es zutiefst bereuen, was sie getan haben und wie werden das Ruder nicht mehr wenden können. Ihr Steuergeld wird in die Ukraine gehen, in linke NGOs, ihre Kinder werden im Geiste des Regenbogens in der Schule erzogen mit 60+ Identitäten, der Feminismus und das Gendern wird Einzug halten und nicht zu vergessen: die Migranten. Viel Spaß damit. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ungarn wird also in den Abwärtsstrudel der EU hineingezogen. Korruption wird es mit diesem aus dem… Mehr

Last edited 22 Tage her by Antaam
Riffelblech
22 Tage her

Die allzu hämische Freude über den Machtverlust Orbans in allen ÖR Medien zu ertragen könnte eine deutliche Dämpfungen in der Folgezeit erhalten . VdL und Merz sollten sich wohl nicht zu früh freuen . Erstens braucht auch der neue Machthaber in Ungarn erst mal den notwendigen politischen Tritt um seine Agenda sowohl in Ungarn und in der Eu anzutreten. Dann ist Fides ja nicht weg im ungarischen Parlament. Sie haben schon die Möglichkeit eine sehr kräftige Opposition aufzubieten . Also heißt doch die Devise: Abwarten ,die Entwicklung genau verfolgen . Man darf stolpern ,man darf mal hinfallen aber dann die… Mehr

Berlindiesel
22 Tage her

Dieser Beitrag weist gleich mehrere Widersprüche auf, die aber das Erstaunen nicht über Orbáns Niederlage – die zeichnete sich seit über einem Jahr in den Umfragen klar ab – sondern ihrer Deutlichkeit erklären. 1) Ungarn ist zu klein, um über einen Tag hinaus die Walze des Brüsseler EU-Zentralismus aufhalten zu können. Es hat kaum mehr Einwohner als der Großraum Paris. Wieso wurde das immer verdrängt? 2) Um die EU wirklich zu substantiellen Zugeständnissen zwingen zu können, hätte Orbán schon etwas in der Hand haben müssen, etwas, wofür die EU bereit gewesen wäre, einen echten Preis zu zahlen. Was er de… Mehr