Die Dreisparten-Linke – SPD, Grüne, SED – verlässt X. Dort geht es ihnen zu chaotisch zu: Leute haben Meinungen – aber meist nicht die des progressiven Wächterrats
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Auf Märkten geht es oft unerwartet zu, da sie nun einmal per Definition ohne zentrale Steuerungsinstanz auskommen. Das gilt auch für Meinungsmärkte. Wer das Marktprinzip von Angebot und Nachfrage nicht versteht, dem kommt es chaotisch vor. Genau damit begründen nun die Spitzen von Grünen, SPD und Linkspartei in einer konzertierten Aktion ihren Rückzug von der Plattform X: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.“ Die drei Parteien benutzten dafür ein und den gleichen Textbaustein, was die Vermutung nährt, dass es sich heimlich schon um eine Einheitsfront handelt, deren Mitglieder nur noch aus taktischen Gründen unter ihrem abgestammten Namen auftreten.
Interessant wirkt die Formulierung „nicht mehr bespielen“, was ganz danach klingt, dass sie ihre X-Konten eben doch nicht löschen, sondern einstweilen nur brach lassen. Das eröffnet die Möglichkeit, nach einer Weile doch wieder zurückzukehren („wir dürfen X nicht den Rechten überlassen“), denn auf dem Friedhof namens BlueSky geht es nun mal ein bisschen untertourig zu. Und „in den letzten Jahren“ soll offenbar heißen: Seit der Übernahme von X durch Elon Musk, der die dort vorher herrschende Praxis beendete, Verifizierungshaken an politisch genehme Nutzer zu verteilen, „rechte“ Positionen zu löschen oder per Shadow Ban zumindest in der Reichweite zu mindern, und damit den aus Kontrolleursperspektive korrekten Meinungen mehr Gewicht zu geben, als sie in Wirklichkeit auf die Waage brachten. Kurzum: auf einmal gab es keine künstlich geförderte linke Dominanz mehr, keinen zugeschanzten Vorteil, und damit wirklich einen Markt mit ungefähr gleichen Bedingungen für alle. Wer genau das Prinzip aber schon für Güter und Dienstleistungen ablehnt, findet es naturgemäß besonders blöd, wenn es um Meinungen geht. Wodurch X Desinformation fördert, verraten Franziska Brantner, die jeweiligen SPD-Kollegen – Namen fallen dem Autor gerade nicht ein – und Jan van Aken ihrem Publikum nicht. Es scheint sich um eine klassische Desinformation zu handeln.
Einen abgeschlossenen Kurzroman steuerten die Sozialdemokraten bei: Bei ihnen steht gleich unter dem Einheitstext „Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht“ der Hinweis: „Nur einige Accounts können antworten“.

Hier zeigt sich eins von mehreren Problemen der drei Linkskräfte mit X: ließen sie allgemeine Kommentare zu, dann bekamen sie Kritik, aber vielfach auch Spott ab – nicht immer auf freundliche Weise, aber so geht es nun einmal auf Marktplätzen zu. Beschränkten sie die Kommentarfunktion auf den eigenen Anhang, ging die Reichweite ins dritte Untergeschoss. Problem Nummer zwei bestand darin, dass das Internet als Archiv funktioniert, also auch X. Unter die stereotypen, immer gleich gestrickten Posts der Habeckjünger mit dem Text „wir hätten ihn haben können“ packten Nutzen in der Kommentarfunktion oft einfach nur die berühmten Videoschnipsel, die das dreitagebärtige Idol zeigen, wie es sich von einem Moderator die Pendlerpauschale erklären lassen musste. Oder als Wirtschaftsminister, der erläutert, dass Betriebe, die nichts produzieren und verkaufen, deshalb nicht insolvent gehen müssen. Für das Unternehmen Bündnis 90/Grüne stimmt das übrigens sogar. Viele X-Nutzer übernahmen auch einfach Formeln wie „wir hätten ihn haben können“ als ironisches Zitat, etwa hier:
Und hier liegt das dritte Problem: X lebt auch von Spott, Ironie, Persiflage und Memes. Mit diesen Techniken können Poster von Grünen, Linken und SPD nichts anfangen. „The left can’t meme“ – dass dieser Spruch zutrifft, demonstrierten Leute wie Katharina Dröge und Karl Lauterbach jeden Tag neu.
Viertens und letztens: wann und wo hätten die Dreisparten-Linken auf X jemals einen Austausch von Meinungen betrieben? Wann hätten sie sich für etwas anderes interessiert als Bestätigung? Dafür gab es bei ihnen durchaus eine rege Nachfrage – aber eben kaum Offerten.
Die Linkspartei mit Heidi Reichinnek versteht das Internet immerhin. Grüne und SPD verstehen noch nicht einmal, dass sie nichts verstehen.
Übrigens werden die Grünen wegen der zu erwartenden chaotischen Verhältnisse auch den Landtag von Sachsen-Anhalt ab September nicht mehr bespielen. Die SPD überlegt noch, ob sie ihnen folgt.
Jetzt muss nur noch fix eine BluSky-ähnliche Alternative zu den ungesteuerten Parlamenten her.

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Bisher hat der Markt noch jeden geschlagen, der meinte, es besser als der Markt zu wissen.