Über 40 Prozent der Medikamente im subsaharischen Afrika gelten als gefälscht. Das heißt, dass beispielsweise jede dritte Tablette entweder wirkungslos oder sogar gefährlich ist. Nirgendwo sonst ist das Problem so gravierend.
picture alliance / imageBROKER | Roland Marske
Ingrid Aouane, die Gründerin von Africa-Live.de, einem Magazin für Nachrichten aus und über Afrika, berichtete am 8. Mai 2026 auf ihrer Homepage von einem Afrikaner, der Fieber, Schüttelfrost und Bauchschmerzen hatte und sich deshalb von einem Straßenhändler „Medikamente“ besorgte. Da er weiterhin starke Schmerzen hatte, bat sie ihn, ihr die Medikamente zu zeigen. Die Symptome deuteten eindeutig auf Malaria hin, allerdings hatte ihm der Straßenhändler auf den Rat eines Krankenpflegers ein Mittel gegen Darmwürmer (laut Packung angeblich von einem italienischen Hersteller), ein Anti-Rheumamedikament (angeblich von Pfizer) und ein Antibiotikum, das bei Vaginalinfektionen angezeigt ist (angeblich von Sandoz) verkauft. Sie berichtet, dass er rund 8 Euro für diesen Molotow-Cocktail bezahlt hat.
Diese Geschichte erinnert mich an gefälschte Medikamente an fast jedem meiner Dienstorte in Afrika. Mir wurde von seriösen Ärzten erzählt, dass die gefährlichen Tabletten oft in Hinterhöfen in Nigeria hergestellt und auf informellen Märkten verkauft werden. Wie Radio France International (RFI) kürzlich berichtete, hat Interpol in diesem Jahr weltweit bereits gefälschte Produkte im Wert von 15,5 Millionen Dollar beschlagnahmt. Besonders in Afrika wurden Fälschungen von Schmerzmitteln, Antibiotika und Malariamitteln verkauft.
Medikamentenfälschung ist eine immense Gefahr. Für viele Afrikaner sind Arzneimittel unerschwinglich. Deshalb greifen sie auf billige, oft gefälschte und deshalb gefährliche Heilmittel zurück. Tagtäglich werden Unmengen minderwertiger Medikamente durch Afrikas Häfen geschleust. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen an gefälschten Medikamenten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dahinter steckt viel kriminelle Energie. Wer Medikamente bei Straßenhändlern kauft, kann davon ausgehen, Fälschungen zu erwerben. Kriminelle haben leichtes Spiel. Ihre Kundschaft ist groß und leichtgläubig. Die Organisation „Apotheker ohne Grenzen“ berichtete, in Tansania seien im Straßenhandel Schmerzmittel als Malariamedikamente umetikettiert und teuer verkauft worden.
Es gibt kaum Überwachungssysteme und Strafverfolgung durch die Behörden. Lebenswichtige Medikamente gegen Malaria, Krebs und HIV und auch Antibiotika werden in Afrika nach wie vor am häufigsten gefälscht. In vielen Fällen enthalten gefälschte Präparate keinen Wirkstoff – oder die Zusammensetzung weicht vom Original ab. Medikamentenfälscher verdienen mit ihren Mitteln oft mehr Geld als Drogenhändler. Laut WHO mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Durch mangelhafte Hygiene in den Produktionsanlagen (meist Nigeria ) können Bakterien oder Reste anderer Wirkstoffe, die zuvor in der Anlage produziert wurden, in ein Medikament gelangen. Bei Antibiotika werden Bakterien resistent und verbreiten sich schnell.
Gefährlich sind aber nicht nur verunreinigte Arzneimittel oder solche mit gefährlichen Zusätzen. Ein mindestens so großes Problem ist die falsche Dosis. In Nigeria sollen bis zu 60 Prozent der Medikamente den falschen, gar keinen oder die falsche Menge Wirkstoff enthalten. Die Fälscher nehmen skrupellos in Kauf, Gesundheit und Leben der Patienten zu gefährden. Eine weitere Gruppe mangelhafter Arzneimittel geht auf schlechte Lagerung zurück. Schätzungen zufolge sterben bis zu eine Million Menschen jedes Jahr an gefälschten und gepanschten Medikamenten.
Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nimmt das Thema in ihrem Erzählband „Heimsuchungen“ (2009) auf: „Vielleicht hatte Ikenna gehört, wie Ebere im Krankenhaus gelegen hatte und immer schwächer geworden war, wie der Arzt sich gewundert hatte, wieso sie sich nach der Verabreichung von Medikamenten nicht erholte, wie verzweifelt ich gewesen war, wie keiner von uns wusste, dass die Medikamente nutzlos waren, bis es zu spät war“ (Seite 96).
In vielen Fällen bleibt die Kriminalität unentdeckt. Der Kampf gegen Fälscher ist schwierig – vor allem, weil viele Behörden kaum in der Lage sind, einzugreifen. Schmuggler in Afrika kommen meist milde davon. „Die Gerichte verhängen oft lächerliche Strafen, weil sich das Gesetz auf den Verstoß gegen intellektuelles Eigentum bezieht, anstatt auf die gesundheitliche Gefährdung durch den Schmuggel“, meint Ana Hinojosa von der Weltzollorganisation (WZO). Letztlich helfen aber gegen die Fälschungen nur mehr Investitionen in die Gesundheitssysteme und eine funktionierende und korruptionsfreie Arzneimittelaufsicht, die mit Zoll, Polizei und Ärzten zusammenarbeitet. Nur so kann der Sumpf der Arzneimittelfälschungen trockengelegt werden.
Vorbild Ruanda
2018 wurde die Rwanda Food and Drugs (Rwanda FDA) als zentrale Instanz gegründet, um die Bevölkerung durch strenge Regulierung und Überwachung von Arzneimitteln, Lebensmitteln und chemischen Produkten zu schützen. Sie gilt als die modernste und effizienteste Regulierungsbehörde auf dem Kontinent. Ruanda kauft wichtige Medikamente (zum Beispiel gegen Malaria, HIV oder Tuberkulose) nur bei den zertifizierten Herstellern in Europa oder den USA ein. An den Grenzen und am Flughafen prüfen Mitarbeiter der Rwanda FDA alle Medizin-Importe. Der Verkauf wird über staatlich kontrollierte Apotheken und Krankenhäuser verteilt. Die Rwanda FDA genießt Vertrauen in der Bevölkerung, da sie die Produkte auf Qualität, Sicherheit, Verfallsdatum und Wirksamkeit regelmäßig prüft. Experten bewerten bei Vor-Ort-Kontrollen die Lagerung in den Apotheken. Probleme mit Medikamenten müssen die behandelnden Ärzte melden.
Schätzungen zufolge sterben in Subsahara-Afrika jährlich bis zu 400.000 Menschen durch gefälschte oder minderwertige (zu wenig oder falschen Wirkstoff) Medikamente. Durch die konsequente staatliche Regulierung gilt Ruanda auf dem Kontinent heute als Vorbild im Kampf gegen Arzneimittelkriminalität. Während in anderen Ländern das Vertrauen in das Gesundheitssystem und die schwachen Kontrollbehörden gesunken ist.


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Wir hätten alle mehr davon, wenn nur Foristen kommentieren würden, die etwas zu Sache beitragen können. Also in diesem Fall geht es um Medikamentenfälschungen in Afrika. Zwar geschieht dies vorwiegend in Afrika, aber auch weltweit. Deshalb wäre es interessant wenn jemand Kenntnisse dieses Verbrechens aus anderen Kontinenten hätte.
Ruanda gilt als eines der am stärksten von Entwicklungshilfe abhängigen Länder, wobei ausländische Hilfe zeitweise über 40 % des Staatshaushalts ausmachte. Zusätzlich zu den Entwicklungshilfezahlungen, zahlte auch das Gesundheitsministerium z.B. für den Aufbau einer Krankenversicherung in Ruanda.
Werter Herr Botschafter a.D. Seitz, was wollen Sie tun? Blauhelmtruppen flächendeckend nach Afrika schicken? Wo sollen die herkommen? Das sähe auch wieder arg nach Kolonialismus aus. Wo ist Ihr Lösungsansatz?
Ruanda hat den richtigen Lösungsansatz. Warum uns das interessieren sollte? Dazu hat Herr Wolfgang Kolb in seinem Kommentar das Richtige geschrieben.
Ich hatte Ruanda schon mit Herrn Botschafter a.D. Seitz unter einem entsprechenden Ruanda-Seitz-Artikel auf der Achse debattiert. Herr Kolbs Vorschlag soll ein Lösungsansatz sein? Wie denn? Wenn Sie keine Kanonenboot-Politik betreiben wollen? Und gerade Kanonenboote des Westens sind extrem teuer. Sie, Herr Gladwell, faseln auch nur.
Ein trostloser Dauerzustand belegt einmal wieder, daß wohl doch nicht der Kolonialismus an allem schuld ist: ob Kamerun, Kenia, Nigeria oder Kongo, die Verhältnisse sind mit geringen Unterschieden überall… schwarzafrikanisch.
Irrtum – auch dieses „Elend“ ist Folge des unsäglichen europäischen Kolonialsmus‘ in Afrika – besonders des Jahrhunderte tobenden der Deutschen.
Die brauchen sowas auch nicht, vermehren sich trotzdem auf Teufel komm raus, aus natürlicher Vitalität. Wir: Draußen halten.
Lieber Herr Seitz, vielen Dank für den Artikel. Ihre Beiträge sind immer ein Genuss – informativ und auf den Punkt gebracht. Staatliche Kontrolle scheint der Schlüssel zur Lösung des Problems zu sein; es stellt sich nur die Frage, welche Regierungen in Afrika willens und in der Lage sind, ein funktionierendes Pharma-System zu errichten. Und für alle Foristen, die das Kernproblem nicht erkennen (wollen): Es ist nur ein Katzensprung von Afrika nach Europa. Die im Zuge der Corona-Krise entstandene Medikamentenknappheit – auch in Deutschland – hat internationale Aufkäufer gezwungen, sich auf internationalen Märkten nach Ware umzusehen. Nach meinem Dafürhalten ist es… Mehr
Wenn man Kontrolle ernst nimmt und fähige Personen an den richtigen Stellen sitzen hat, wird es sehr sehr schwer gefälschte Medikamente unter den Mann zu bringen … es steht ja im Artikel dass selbst Ruanda, was ja nun noch nicht zu den führenden Industriestaaten der Welt zählt, bereits in der Laage ist seine Bevölkerung ausreichend vor all dem Gemurks aus den Umliegenden Ländern zu schützen…
Ich schätze die Beiträge von Volker Seitz. Aber dieser lässt mich ratlos zurück: Was soll ich jetzt mit so einer Information anfangen?
Ein Kontinent, in dem es drunter und drüber geht was Regierungsführung, Recht und Gesetz angeht, in dem magisches Denken herrscht und Bildung fehlt, wird auch die Arzneimittelüberwachung nicht hinkriegen. Die traditionelle afrikanische Kultur ist insgesamt mit Technik- und Wissenschaft überfordert. Dies zu ändern ist schwierig; es ist unmöglich, wenn die Machthaber selbst das oft gar nicht wollen. Wirksame europäische Intervention wäre Kolonialismus. Also, ähh, das mit den Medikamenten tut mir jetzt echt leid für Afrika… und was jetzt?
Ich kann mir schon vorstellen, daß dort solche Dinge geschehen.
Erscheint es jedoch verwunderlich, daß ich nach den Erfahrungen seit 2020 dem Thema Pharmaindustrie kritisch gegenüber eingestellt bin?
Wie wäre es mit einer Artikelreihe über die Impfgeschädigten der letzten Jahre?
Es ist nicht die Pharmaindustrie, die in Afrika gefälschte Medikamente in Umlauf bringt. Die hat mit dem im Artikel geschilderten Problem NICHTS zu tun.
„Gefälscht“ heißt Patentverletzung!
Was wäre denn wenn man das Urheberecht gar nicht mehr beachtet?
Als eine art Gegensanktion?
Schlimme Sache. Um was kümmert man sich im subsaharischen Raum eigentlich selber, ohne dass es dysfunktional wird?