Frankreich: Tankstellen-Beschäftigte drohen mit Streik wegen Spritpreisen

Seit dem Iran-Krieg schießen Öl- und Spritpreise in immer neue Höhen. In Frankreich drohen nun selbst Beschäftigte von TotalEnergies mit Streik, weil ihr Arbeitsweg den Lohn auffrisst. Droht in Frankreich die Rückkehr der Gelbwesten?

picture alliance / Hans Lucas | Thibaut Durand

Es ist eine jener Meldungen, die den ganzen Irrsinn europäischer Energiepolitik in einem einzigen Bild zusammenpressen. In Frankreich drohen Beschäftigte von Argedis, dem Tankstellennetz von TotalEnergies, mit Streik, weil sie sich den Weg zur Arbeit kaum noch leisten können. Sie verkaufen Treibstoff und haben zugleich immer weniger Mittel, das eigene Auto zu betanken. Das ist nicht bloß eine bittere Pointe. Das ist der Offenbarungseid eines Systems, das seine eigenen Leute auffrisst.

Der Preisschub fällt dabei nicht vom Himmel. Seit dem Krieg gegen Iran und den Verwerfungen rund um die Straße von Hormus steht der Energiemarkt unter Schock. Reuters berichtete am 31. März, dass Analysten ihre Brent-Prognose für 2026 auf 82,85 Dollar je Barrel anhoben, nach 63,85 Dollar im Februar. Zugleich waren die Öl-Benchmarks seit Kriegsbeginn Ende Februar um rund 60 Prozent gestiegen. Selbst dort, wo der Markt heute auf Deeskalation hofft, warnen Händler und Analysten weiter vor anhaltenden Störungen und Nachwirkungen auf die Versorgung.

Genau dieser geopolitische Schock schlägt nun an der Zapfsäule durch. Nach den Angaben aus dem Bericht stieg der Dieselpreis binnen weniger Wochen von 1,675 Euro je Liter Ende Februar auf 2,25 Euro. TotalEnergies begrenzt den Preis an den eigenen Stationen zwar auf 2,09 Euro, aber auch das hilft nur denen, die überhaupt in Reichweite einer solchen Tankstelle wohnen. Für viele andere gilt der offene Markt, und der kennt weder Rücksicht noch soziale Balance.

Fast 80 Prozent der Argedis-Beschäftigten verdienen netto rund 1.600 Euro im Monat. Gleichzeitig liegen die monatlichen Kraftstoffkosten laut Bericht inzwischen bei etwa 400 Euro. Der Arbeitsweg frisst damit ein Viertel des Nettolohns. Das ist keine kleine Zusatzbelastung mehr, kein lästiger Nebeneffekt steigender Preise, kein Jammern auf mittlerem Niveau. Das ist ein Zustand, in dem reguläre Arbeit für viele zur wirtschaftlichen Selbstbeschädigung wird. Wer morgens ins Auto steigt, fährt nicht mehr bloß zur Schicht, sondern direkt in die eigene Entwertung.

Besonders deutlich ist die Aussage eines Beschäftigten, er arbeite für TotalEnergies und habe trotzdem nicht mehr die Mittel, das Auto zu füllen, um überhaupt zur Arbeit zu kommen. Treffender lässt sich der Befund kaum formulieren. Die Gewerkschaft CGT warnt bereits, einige Beschäftigte gingen lieber in den Krankenstand, weil es finanziell sicherer sei, zu Hause zu bleiben, als zur Arbeit zu fahren. Auch dieser Satz sitzt wie ein Schlag.

Und natürlich sitzt auch in Frankreich der französische Staat kräftig mit an der Zapfsäule. In Frankreich fallen auf Kraftstoffe die Energiesteuer TICPE und zusätzlich 20 Prozent Mehrwertsteuer an, wobei die Mehrwertsteuer auch auf den bereits besteuerten Preis erhoben wird. Das französische Umweltministerium weist für 2024 beim Diesel eine Energiesteuer von 0,61 Euro je Liter aus und beziffert den gemeinsamen Anteil von Energiesteuer und Mehrwertsteuer am durchschnittlichen Dieselpreis auf 53 Prozent. Das Finanzministerium beschreibt die TICPE ausdrücklich als zentrale Verbrauchsteuer auf Kraftstoffe. Der Staat ist also nicht nur ohnmächtiger Beobachter der Preisexplosion, er verdient an jeder Tankfüllung mit.

Im Vergleich zu Deutschland fällt das nicht milder aus. Der ADAC bezifferte Ende März 2026 den Steuer- und Abgabenanteil in Deutschland auf rund 51 Prozent bei E10 und rund 44 Prozent bei Diesel. Frankreich lag beim Diesel laut Regierungsangaben zuletzt also sogar höher. Die Explosion wird von außen durch Krieg, Angebotsrisiken und Marktpanik befeuert. Der Staat legt innen jedoch seine Hand weiter auf denselben Liter. Genau diese Mischung aus äußerem Schock und innerem fiskalischem Zugriff macht den Vorgang politisch hochexplosiv. Allerorten versucht man die Schuldkarte an die Mineralölkonzerne zu schieben. Der normale Verbraucher hat allerdings genau verstanden, wie unverfroren und gierig der Staat hier die Bürger abschöpft und abpresst.

Die CGT fordert deshalb gezielte Kraftstoffhilfen, Sonderprämien und eine Neubewertung der Arbeitgeberbeiträge zu den Pendelkosten. Falls das Management nicht reagiere und die Preise weiter stiegen, müsse man gemeinsam handeln, heißt es. Das ist kein belangloses Tarifritual. Das ist die logische Drohung einer Belegschaft, die merkt, dass die offizielle Erzählung von abgefederten Krisen mit ihrem eigenen Leben nichts mehr zu tun hat. Erst steigen die Preise. Dann bleiben die Löhne zurück. Danach kommen Preisdeckel, Hilfspakete und Notmaßnahmen, die das System nicht heilen, sondern nur notdürftig am Laufen halten.

Damit stellt sich in Frankreich zwangsläufig die Frage, ob hier nicht der nächste Gelbwesten-Moment heranwächst. Die Parallele drängt sich auf, weil auch diesmal nicht bloß der Benzinpreis das Thema ist. Es geht wieder um das Gefühl, dass oben regiert, moralisiert und kassiert wird, während unten jene zahlen, die auf das Auto angewiesen sind und nicht in den Komfortzonen urbaner Politik leben. Wenn selbst Beschäftigte eines Energiekonzerns erklären, dass Sprit ihren Lohn verschlingt, dann ist das eine Nachricht weit über die eigene Firma hinaus. An Pendler. An Arbeiter. An Familien außerhalb der Zentren. An all jene, die schon lange ahnen, dass die Rechnung dieser Politik nie oben landet, sondern immer unten.

Frankreich steht deshalb nicht einfach vor einem Arbeitskampf bei einer Tankstellenkette. Das Land steht vor der Rückkehr einer alten Wahrheit. Wer die Kosten des täglichen Lebens hochtreibt, den Staat an jeder Zapfsäule mitverdienen lässt und dann so tut, als sei das alles nur ein bedauerlicher Markteffekt, züchtet politischen Zorn. Der Iran-Krieg hat den Zünder geliefert. Die Steuerlast und die ausbleibende Entlastung halten die Lunte brennend. Und irgendwann reicht in Frankreich bekanntlich ein Funke, damit aus sozialem Druck wieder offener Aufruhr wird.

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Kommentare ( 22 )

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22 Comments
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Reinhard Peda
18 Tage her

Es ist wie fast überall auf der Welt, den Anbieter von Waren kann ich wechseln, die Steuern die die Staaten auf das Angebot erheben nicht. Erst wenn das Parteienkartell abgeschafft, und der Bürokratismus eingehegt ist, wird es den Menschen besser gehen. Dazu gehört auch eine Reform der Gerichtsbarkeit, und die Alimentierung von Beamtenpensionen. Es sind zur Zeit immer nur Minderheiten, welche gegen die ureigensten Interessen der Völker entscheiden. Für mich ist die AFD nur da, den Umbau in die direkte Demokratie zu gewährleisten. Ansonsten gibt es keinen Neuanfang, und erst recht keine Reparatur des Gesamtsystems zum Vorteil des Volkes. Nach… Mehr

Last edited 18 Tage her by Reinhard Peda
humerd
18 Tage her

die Franzosen streiken und demonstrieren FÜR ihr Leben, ihre Renten, ihre Sozialsysteme.
Die Deutschen applaudieren üppigst versorgten Abgeordneten, Top Ökonomen und Wirtschaftsweisinnen mit Professur zu deren Forderungen nach Rentenkürzungen, Abschaffung Ehegattensplitting und kostenloser Mitversicherung des Kinder betreuenden Ehepartners.

palimpalim2020
18 Tage her
Antworten an  humerd

Die Franzosen streiken und demonstrieren wieder einmal für ihren überzogenen Sozialstaat. Rentenbeginn vieler liegt unter 60, man hat deutlich über 20% Staatsangestellte (D 12%), Staatsverschuldung doppelt so hoch wie D, aber null Einsicht. Die Deutschen sollen es zahlen per Schuldenunion, meint der Franz ganz offensichtlich.
Bleibt die Hoffnung, daß sich die anderen Autofahrer diese zusätzliche Schikane nicht gefallen lassen.

AlNamrood
19 Tage her

Dem Klischee entsprechend ist die erste Lösung für alles in Frankreich erstmal ein Streik. Hilft aber auch nicht.

humerd
18 Tage her
Antworten an  AlNamrood

doch, hat geholfen: Macron musste seine Rentenpläne einpacken.

Tobias Koch
18 Tage her
Antworten an  humerd

Allerdings ist Frankreich unreformierbar und steht infolge dessen am fiskalischen Abgrund.

niezeit
19 Tage her

An dieser Miserere ist für mich nur einer schuld: Russland mit seinem überumfänglichen, vollspiralisierten Aggressionsangriffskrieg.

humerd
18 Tage her
Antworten an  niezeit

wie praktisch aber auch: Putin ist schuld.

Fatmah
19 Tage her

Nötig wäre es, die Steuern bei einem Preis auf Vorkriegsniveau zu deckeln, dann gäbe es eine viel größere Akzeptanz als wenn der beste Finanzministernde seit Lindner sich die Taschen vollmacht und dann mit dem Finger auf die Ölindustrie zeigt, die das Öl tatsächlich fördern, verarbeiten und transportieren muss. Aber Autofahren ist ja Teufelszeug wofür man das Volk guten Gewissens bestrafen kann.

Mausi
19 Tage her

Und das haben Unterstützer der freien Wirtschaft nicht vorhergesehen?
Dass unserePolitiker haben noch nicht mal eine Ahnung haben, wie Planwirtschaft richtig funktioniert, das war ja abzusehen. Obwohl sie das Beispiel DDR in der Nachbarschaft hatten. So jedenfall nicht: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Neue-Tankregel-Preise-schnellen-auf-bisheriges-Jahreshoch-id30673978.html
Dem Vorschlag eines bekannten Bloggers werden unserePolitiker bestimmt nicht folgen.
Es gilt: Jetzt ist die Regel halt da.

Fatmah
19 Tage her
Antworten an  Mausi

Wobei wir noch Glück haben das die Minderalölindustrie nicht einfach mal 2 Wochen Streik hinlegt. Dann dreht sich hier kein Rad mehr und die veganen Fleischpflanzerl sind dann auch aus.

Raul Gutmann
19 Tage her

Das ist der Offenbarungseid eines Systems, das seine eigenen Leute auffrißt.

Bekannt: Jeder Finanzminister des Absolutismus dreht sich angesichts gegenwärtiger Steuer- und Abgabenbelastung im Grabe um.
Erweitert: Ähnliches gilt für absolutistische Monarchen, wüßten sie, wie demokratisch Gewählte ihre „freien“ Bürger behandeln. Oder sollte man ‚behandeln’ durch ‚kujonieren’ und ‚schädigen’ ersetzen?
Quintessenz: In Demokratien werden wir genau so schlecht regiert, wie wir es verdienen. Zyniker könnten urteilen: Die Menschen erhielten das Wahlrecht, dafür nahm man ihnen die Würde.

BKF
18 Tage her
Antworten an  Raul Gutmann

Im Deutschen Kaiserreich zBsp lag die Staatsquote auch nur zwischen 15% und 20%.

Last edited 18 Tage her by BKF
Raul Gutmann
18 Tage her
Antworten an  BKF

Sehr geehrter Herr „BKF“, danke für Ihre bedeutsamme Ergänzung, welche die Vermutung aufruft, zwischen Staatsquote und Liberalität bestehe ein reziproker Zusammenhang.
Hochachtungsvoll

Bernd Simonis
19 Tage her

Bei uns triumphieren zur Zeit die E Auto Fahrer mit überheblichen Kommentaren. Wer auf dem Land lebt kommt mit Öffis nicht weit. Ich starte froh morgens vor 6 Uhr, mit Bahn und Bus nicht zu schaffen, außer ich übernachte vor Werkstoren. Langreichweites E Auto kann ich mir nicht leisten. Mal sehen, wer mittel- und langfristig noch die Arbeit macht!

Bernd Bueter
19 Tage her
Antworten an  Bernd Simonis

Die mit den Fernverbrennern lügen sich ihren E-Schrott schön

Fatmah
19 Tage her
Antworten an  Bernd Simonis

Ich fahre auch ein E Auto aber ich triumphiere nicht. Der Strom ist auch politisch gewollt auf dem 3-fachen Preis, so das bisher das E Auto für Viele gar keine Alternative ist.

Dundee
19 Tage her
Antworten an  Bernd Simonis

Einfach mal die Abschleppkosten für einen liegengebliebenen Vollverbrenner (E-Auto) und ein Auto mit Verbrennermotor vergleichen. Das öffnet die Äuglein bis zur Augenbraue.

Haba Orwell
19 Tage her

> Der Preisschub fällt dabei nicht vom Himmel. Seit dem Krieg gegen Iran und den Verwerfungen rund um die Straße von Hormus steht der Energiemarkt unter Schock.

Ein Grund mehr, sich am Krieg auf gar keinen Fall zu beteiligen. Es heißt, Frankreich sperrte wie Spanien den Luftraum für US-Flugzeuge – zumindest teilweise auch Italien.

J. Braun
19 Tage her
Antworten an  Haba Orwell

In Ihrem Hass können Sie die Logik natürlich nicht erkennen: Je schneller das Mullah-Regime beseitigt bzw. liquidiert ist, desto schneller beruhigt sich die Lage. Die Bremsermentalität der Juden- und Amerikahasser in Europa führt zur Verlängerung des Kriegs und damit unweigerlich zum Anheizen der Preise.
Und wer Angst vor Aufständen der iranisch-palästinensischen Massen hier hat, sollte sich ernsthaft überlegen, wie er schnellstens diese ganzen Leute in ihre Heimatländer ausschafft. Denn einer von denen der nicht mehr hier ist, kann hier auch kein Unheil anrichten.

Haba Orwell
19 Tage her
Antworten an  J. Braun

Ich glaube nicht, dass der prominente US-Ökonom Michael Hudson ein „Amerikahasser“ ist: >>>“Die Welt wird nach dem Krieg gegen den Iran nicht mehr dieselbe sein – uncut-news.ch„<<< > „… Hudson … beschreibt den Konflikt nicht als regionalen Krieg, sondern als einen Wendepunkt, der die Weltordnung unwiderruflich verändert. Energieversorgung, Düngemittel, Finanzsystem und geopolitische Allianzen geraten ins Wanken – eine Rückkehr zur alten Normalität ist ausgeschlossen. … Hudson sieht den Krieg gegen den Iran als Teil eines umfassenden US-Versuchs, die Kontrolle über die Weltwirtschaft durch die Beherrschung der Öl- und Rohstoffexporte zu sichern. Der Konflikt sei kein isolierter militärischer Einsatz, sondern ein… Mehr

Memphrite
18 Tage her
Antworten an  J. Braun

Die USA haben uns Nordstream gesprengt. Das es noch Menschen wie sie gibt, die diese Terroristen noch als „Freunde“ ansehen, zeigt wie tief große Teile der deutschen Gesellschaft gesunken sind.
Der Iran wird genauso nicht weichen wie Nordkorea, Vietnam, Afghanistan usw. Die USA sind militärisch impotent (außer es geht gegen Frauen und Kinder)