Ben Gvir ist nicht Israel

In der EU wetzt schon so Mancher die Sanktionsmesser gegen Israel. Dabei könnte die israelische Demokratie ihr Problem Ben Gvir selbst lösen – an der Wahlurne. Wer Israel abschreibt, unterschätzt seine politischen Kräfte und beschädigt sich selbst.

picture alliance / Sipa USA | Nexpher Images

Diejenigen, die sich jetzt zufrieden die Hände reiben, weil sie mit dem schiefen Itamar Ben Gvir glauben, endlich das Böse in Israel beweisen zu können, sollten sich nicht zu früh freuen. Dass ein amtierender Polizeiminister zum Töten von Menschen aufruft, ist politisch abzulehnen und verachtenswert. Aber die überwiegende Mehrheit will ein demokratisches Israel, in dem Gewaltenteilung und Menschenrechte gelten, wo die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. Alles festgeschrieben in der Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948, und sie wird seit 78 Jahren auch gegen kraftvolle Widerstände erfolgreich praktiziert.

Ben Gvirs hat es im Judentum seit 3.000 Jahren in fast jeder Generation gegeben. Moses Zorn traf sein Volk, als er vom Berg Sinai herabstieg und mitansehen musste, wie es um das goldene Kalb tanzte. Das Volk wurde bestraft und kehrte zurück auf den gerechten Weg, den Gott durch Moses vorgab.

Otto Weininger, der im ausklingenden 19. Jahrhundert als Sohn einer jüdischen Handwerkerfamilie in Wien lebte, mit 18 Jahren mehrere Fremdsprachen beherrschte, gilt als einer der schlimmsten Antisemiten zu Lebzeiten des Gründers des modernen Zionismus Theodor Herzl. Er entwickelte eine ausgesprochen judenfeindliche Weltanschauung, die sich teilweise auch gegen das Jüdische in seiner eigenen Person richtete. Sein Hetzbuch „Geschlecht und Charakter“ wurde zum Bestseller. Zwei Jahre nachdem Weininger zum Christentum konvertierte, um sich vom „Judentum zu reinigen“, gab er sich als 24-jähriger Jüngling ausgerechnet in Ludwig van Beethovens Sterbehaus in Wien die Kugel.

Meir Kahane, ein orthodoxer Rabbiner, politischer Aktivist und Gründer der Jewish Defense League (JDL) in den USA sowie später der israelischen Partei Kach, lehnte eine dauerhafte gemeinsame politische Ordnung von Juden und Arabern in Israel ab. Er forderte die Entfernung der arabischen Bevölkerung aus dem von ihm beanspruchten jüdischen Staat und wollte Nichtjuden die Staatsbürgerschaft entziehen. Damit lehrte er nicht die Gesetze der Tora, sondern säte vielmehr Hass und Gewalt. Seine Partei wurde 1988 zu den Parlamentswahlen in Israel nicht zugelassen. Er starb 1990 in New York durch ein Attentat.

Das Judentum ist eine Kultur der Gegensätze, aber am Ende sind die Kräfte der Versöhnung, des Gebens und der Lebensbejahung stärker als Hass, Neid und Tod. Generationen geistreicher Köpfe haben sich literarisch und in anderen Kunstformen an König David, am Betrug Jakobs an seinem Bruder Esau abgearbeitet. Oder am heimtückischen Verkauf Josefs nach Ägypten. Das Thema „Josef und seine Brüder“ beschäftigte den Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann, der dazu vier Bände verfasste, 16 Jahre lang.

Kein König in der Geschichte vereint die Kultur der Gegensätze mehr als der harfespielende jüdische Monarch David. Er begehrt Batsheba, schickt ihren Ehemann in den sicheren Tod an die Kriegsfront und nimmt seine Witwe zur Gattin. Überliefert ist sein Satz: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt.“ Trotzdem: Jeder Bildhauer von Rang und Namen, an der Spitze Michelangelo Buonarroti, hat an der Figur David, dem Sünder und Büßer, sein Bestes gegeben.

Jakob betrog Esau um sein Erstgeburtsrecht und erschlich sich mit Hilfe der gemeinsamen Mutter Rebecca den Segen des Vaters. Wut und Hass endeten versöhnlich: „Und Esau lief ihm entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn; und sie weinten“, heißt es im Buch Genesis.

Der Tod war Teil des Deals beim Verkauf des hochbegabten, gutaussehenden Josef durch seine Brüder. Aber Josef machte bekanntlich Karriere in Ägypten, begegnete und später seinen Brüdern half ihnen viele Jahre in Zeiten einer drohenden Hungersnot. „Und nun seid nicht bekümmert und grämt euch nicht darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergesandt“, wird Josef zitiert. Er umarmt seinen Bruder Benjamin und weint, danach küsst er alle seine Brüder und weint mit ihnen (Genesis 45,14–15). Damit ist die Familie wieder vereint.

Von der Kraft historischen und biblischen Wissens ist die alte Führung der Juden in Oberbayern und Berlin unberührt. Sie stimmen in den kakophonen Verurteilungsgesang Israels vom Bundeskanzleramt bis weit in die außerparlamentarische Opposition ein. Unbeachtet bleibt, wo ihre Daseinsberechtigung herstammt und besonders heute zu Hause ist: Jerusalem.

Ben Gvir und seine Clique werden in die Geschichte als unrühmliches Kapitel eingehen. Als jene, die vergeblich versucht haben, das weltoffene, liberale Israel zu zerstören. Gelingen wird ihnen das nicht: Am nächsten Wahltag, dem 27. Oktober, wird Ben Gvir allen Umfragen zufolge seine Rechnung bekommen. In der Kultur der Gegensätze im nach dem 7. Oktober 2023 geschundenen Israel werden die Schreihälse nicht verstummen. Aber sie werden auf die harten Sessel der Opposition verwiesen, wo sie bestenfalls hingehören. Der Schaden, den sie angerichtet haben, ist dennoch enorm.

Geschichtslose Politiker und oberflächliche Medien wetzen schon jetzt im Vorfeld des Treffens der Außenminister Anfang September in Brüssel verbal die Messer. Angeführt von den besonderen Freunden „Palästinas“, Irland und Frankreich, wird die EU versuchen, Israel mit Sanktionen und Einreiseverboten für seine Radikalinskis zu belegen. Dabei sollten sie nicht vergessen, wo die Werte des Abendlandes herkommen: von der Bibel oder von der Scharia?

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Kommentare ( 16 )

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Werner Meier
29 Minuten her

Wer an Israel denkt, denkt an die tanzenden Menschen vom Nova Festival.
Wer an die Hamas denkt, denkt an den 7. Oktober.

Nova-Festival am 7. Oktober: Brutalste Vergewaltigungen durch Hamas enthüllt | Politik | BILD.de

Ben Gvir hat sich vom Hass der Monster vom 7. Oktober anstecken lassen und ist für öffentliche Ämter nicht mehr geeignet.

Monostatos
32 Minuten her

Henryk M. Broder hatte in einem anderen Zusammenhang gefragt, wie das wohl ankäme, wenn man von einem Nationalsozialismus „mit menschlichem Antlitz“ spräche.

Ombudsmann Wohlgemut
33 Minuten her

Im Deutschen wird es Mose geschrieben, ohne s am Ende!

Wie es aussieht, wird Yashar mit Gadi Eisenkot stärkste Kraft. Es bleibt spannend.

Michael Palusch
52 Minuten her

Etwas hilfloser Versuch der Relativierung dessen -im ÖRR würde man das wohl Einordnen nennen-, was bis gestern noch als krudes Hirngespinst durchgeknallter Mullahfreunde und notorischer Israelhasser abgestempelt wurde.

Last edited 44 Minuten her by Michael Palusch
Koepenicker
1 Stunde her

Ständig wird versucht, hier einen größeren geschichtlichen Kontext herzustellen, um klarzumachen, dass dieser Mann eben nicht Israel repräsentiert und wir ihn nicht ernst nehmen sollten. Aber der Mann ist Minister dieses Landes und in dieser Funktion eben auch ernst zu nehmen. Denn letztlich hat das israelische Volk ihn demokratisch durch Wahlen legitimiert und ihn damit zu einem seiner Repräsentanten gemacht. Der Mann ist eine Zumutung, und es bleibt zu hoffen, dass die israelischen Wähler ihm einen Denkzettel verpassen. Und was soll das mit den Sanktionen und Einreiseverboten heißen? Israel nimmt sich jedes Recht heraus – und hat auch das Recht… Mehr

Haba Orwell
1 Stunde her

> Dabei könnte die israelische Demokratie ihr Problem Ben Gvir selbst lösen – an der Wahlurne.

Das möchte ich zuerst gerne sehen. Bisher bleibt die gleiche Truppe mit bekannter Agenda seit vielen Jahren am Ruder.

AmpelFluechtling
1 Stunde her

Für mich ist Ben Gvir Patriot und Nationalist. Ein wahrer Patriot für das jüdische Volk. Meiner Meinung ist es ganz normal, wenn ein Staat nicht-Staatsbürger schlecht behandelt. Die Araber sind nun mal Invasoren in Judäa und Samaria und haben keinerlei Anspruch auf die Gebiete, sonder haben über Eroberung diese Teile eingenommen. Die logische Konsequenz ist nun mal die Ausschaffung aller Araber aus dem jüdischen Staatsgebiet. Was Gaza angeht, die Hamas regiert dort noch immer. Jeder einzelne Gaza Einwohner ist potentieller Terrorist. Ben Gvir will die Reihen ausdünnen und Gaza sichern. Ein Plan der angesichts des 7. Oktobers gar nicht so… Mehr

August der Starke
39 Minuten her
Antworten an  AmpelFluechtling

Lafontaine:“Die Geschichte ist ein guter Lehrer, hat aber nur wenige Schü-
ler.“ Wie der Staat Israel entstand, sollte inzwischen bekannt sein. Auch
das: Terror gebiert neuen Terror. So hört das Töten nie auf.

Monostatos
39 Minuten her
Antworten an  AmpelFluechtling

Sie haben sicherlich hieb- und stichfeste Belege für diese Behauptung: „ Die Araber sind nun mal Invasoren in Judäa und Samaria und haben keinerlei Anspruch auf die Gebiete, sonder haben über Eroberung diese Teile eingenommen.“ Frage: Wer hat denn in Palästina vor 1948 gelebt?!? Wollen Sie sich allen Ernstes dazu versteigen, dass Palästina Niemandsland war – nur weil die Briten dort eine ihrer geschichtslosen Grenzziehungen machten – wie z.B. im Zweistromland, Kurdistan,Indien/Pakisten/BengalenOsteuropa, Tirol, am Balkan etc. pp???

August der Starke
23 Minuten her
Antworten an  Monostatos

Wer 50% dessen glaubt, was geschrieben steht, ist sehr gut-
gläubig. Wenn Sie 20€ übrig haben, empfehle ich Ihnen das
Buch „Tatort Vergangenheit“, Autor Gerd Reuther. Und es gab
eine Zeit, da sind Juden und Araber sehr gut miteinander aus-
gekommen.

Kraichgau
1 Stunde her

Irrtum,Herr Godelsberg…..
es ist nicht politisch abzulehnen und verdammenswert(IhreWorte).Was der Mann als REGIERUNGSMITGLIED äussert,ruft offiziell zu Mord und Verbrechen auf,der Mann und mit Ihm die Regierung sind eine Verbrecherbande,und das wären Sie auch, wenn Sie in Argentinien,Kongo oder Asien regieren würden!
ES REICHT,dafür gibt es KEIN Verständniss

Last edited 1 Stunde her by Kraichgau
prague
1 Stunde her
Antworten an  Kraichgau

Hatte nicht Selenski vor ein paar tagen gesagt, dass man alle Russen töten muss?

Andreas F
1 Stunde her
Antworten an  Kraichgau

Natürlich kann man das verstehen. Da die diplomatische Lösung von der Hamas und deren Geldgebern, bis hoch zur UN, nicht gewollt ist und das Ziel der Hamas und manch anderer Gruppierungen die entgültige Auslöschung aller Juden ist, bleibt schließlich nur eine Lösung übrig: Juden oder Gaza. Eins von beiden überlebt, das andere nicht. Gaza, die Hamas, Hisbollah, das Regime in Teheran oder die UN-Geldgeber können jederzeit an den Verhandlungstisch, wollen aber nicht. Das ist wie im zweiten Weltkrieg, der Feind gibt erst auf, wenn der Preis zu hoch ist. Für die Selbstmordattentäter der Hamas gibt es jedoch keine Obergrenze, der… Mehr

Kraichgau
58 Minuten her
Antworten an  Kraichgau

ich bitte um Entschuldigung für die falsche Namensbeschreibung,Herr Rosenberg.
Inhaltlich erinnert Ihr Minister an Ilja Ehrenburg,genauso mordlüstern

Peter Gramm
1 Stunde her

Mit seinen kranken Erschießungsfantasien ist er nur abstoßend. Dass aber so eine Type in verantwortungsvoller Position im Regierungsapparat etabliert wurde zeigt doch überdeutlich dass in Israel etwas nicht stimmt. Dies sollte zu denken geben. Vor allem in Bezug auf die bedingungslose Unterstützung wie von unserer Ex.Kanzlerin zugesagt. Ich finde, auch Israel hat eine Verantwortung gegenüber der Weltgemeinschaft hinsichtlich seiner permanenten, zum Teil völkerrechtswidrigen Kriege und kann nicht immer nur fordern..

Haba Orwell
59 Minuten her
Antworten an  Peter Gramm

> Dass aber so eine Type in verantwortungsvoller Position im Regierungsapparat etabliert wurde zeigt doch überdeutlich dass in Israel etwas nicht stimmt.

Noch ein Indiz – wo ist WEF-Harari Professor, der die meiste Menschheit als „unnütze Esser“ loswerden möchte? Derartige Menschenverachtung scheint in diesem Land hoffähig zu sein.