Laschet bei Miosga: „Die Brandmauer ist gescheitert“

Miosga kommt müde aus der Sommerpause. Thema: Darf die AfD endlich mitspielen? Anders gesagt: Die Wölfe diskutieren, ob das Schaf zum Rudel gehört oder gefressen wird. Mit dabei: Lacher-Laschet, eine Journalistin mit böser AfD-Familie und ein Schauspieler, den niemand kennt, in der Rolle seines Lebens. Von Brunhilde Plog

Screenprint: ARD / Caren Miosga

Zwei Erkenntnisse bringt dieser Abend. Erstens: Christian Drosten hat offenbar einen unbekannten Zwillingsbruder. Und zweitens: Selbst ein Grinse-Profi wie Armin Laschet schaut irgendwann bedröppelt drein und wird ganz still.

Die Fassungslosigkeit ist bei dem CDU-Mann mit Händen zu greifen. Laschet, einst Partei-Chef und zeitweise Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (2017-2021), kann nur noch den Niedergang seiner Partei beklagen. Entsprechend trostlos schaut er aus der Wäsche.

Immer wenn Politologe Christian Stecker ihm die Brandmauer-Effekte erläutert, die Ausweglosigkeit der Lage klarmacht, in der sich die CDU befindet, dann geht Laschets Laune noch eine weitere Stufe hinab in den Keller.

Und wie der Abend zeigen wird, ist diese Kellertreppe sehr lang.

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Dabei könnte Laschet sich rein theoretisch lächelnd zurücklehnen. Sein einziger Gegenpol, eben jener Polit-Professor Stecker, argumentiert äußerst nüchtern und alles andere als konfrontativ. Ansonsten hat der Tisch derart Schlagseite, dass alle auf Laschets Seite stehen. Direkt neben ihm etwa sitzt ein Schauspieler namens Christian Friedel, Modell „Promi-Zeigefinger“, wobei Promi hier bewusst in Anführungszeichen steht. Man kennt ihn einfach nicht. Und dass er dem PCR-Papst Christian Drosten wie aus dem Gesicht geschnitten ist – freilich mit noch kühnerem Haupthaar – dürfte seine Beliebtheitswerte nach den finsteren Corona-Jahren auch nicht mehr steigern.

Wie sich an Friedels Wortmeldungen schnell zeigt, lebt er in Dresden ganz offensichtlich in einer geschlossenen Linken-Blase, geht aber ständig damit hausieren, dass er in Magdeburg geboren sei. Wohl deshalb will er den Sachsen-Anhaltinern, ähnlich wie die unsäglichen Kaulitzbrüder „from se Hollywood Hillz“, aus der Ferne erklären, wie man zu denken hat. Der Kaulitz für Anfänger hat sich jüngst in einer Anti-AfD-Kampagne namens „Wahre Heimatliebe ist…“ engagiert. Deshalb darf er heute mitpalavern. „Promi“-Zeigefinger eben.

Und dann ist da noch die Journalistin Valerie Schönian, die für die ehemals angesehene Zeitung „Zeit“ über „Ostbewusstsein“ schreibt. Heute berichtet sie von schwierigen Gesprächen mit ihrer eigenen Problemfamilie, die offenbar von AfD-Anhängern durchseucht ist. Die Identitäts- und Betroffenheitsmuster, die Schönian zum Besten gibt, sind wirklich spektakulär. So hat sie im Gespräch mit den buckligen Verwandten überrascht festgestellt, „dass man nicht nur ein Standpunkt ist, sondern auch Mensch“. Erschrocken sei sie darüber, dass die Ossis über die Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz als rechtsextreme Partei nur noch lachen: „Ein Witz, haha, ja, der Verfassungsschutz.“ Ganz schlimm findet sie, „dass so viele Leute mitterweile die AfD dort wählen, dass es die Eisverkäufer sind, dass es die Ärztinnen sind und die Leute dann merken: Ja, die sind doch nicht rechtsextrem.“ Es sei „sehr, sehr, sehr schwierig, da von außen ranzukommen.“

Wer ihr zuhört, glaubt das sofort.

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In so einer Runde hat es ein Laschet eigentlich leicht. Doch ihn graust es dermaßen vor einem AfD-Erfolg, dass man fast Mitleid haben könnte. Nur die Erinnerung an seinen Lachanfall während der Ahrtal-Katastrophe bewahrt den Zuschauer vor falscher Rührung. Laschet fürchtet, dass die AfD irgendwann „Zugriff auf die Polizei“ und auf die Justiz bekommt. Dann sei ja wohl alles aus. Und den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen – „das passt nicht, und das muss nur jeder wissen“. Aber die AfD wiederum von wichtigen Ämtern auszugrenzen und das auch noch öffentlich zuzugeben, das sei dann ein „zu brachialer Vorgang“. Laschet sieht die Zwickmühle: „Wenn man das im Wahlkampf auch noch so erzählt, löst das ja wieder Unmut aus.“

Schönian berichtet derweil Unglaubliches: Sie kenne ein CDU-Mitglied, das fürchte die AfD-Anhänger so sehr, dass es sogar Angst habe, „sich zu seiner Partei zu bekennen“.

Laschet guckt traurig, der Zuschauer ungläubig. Ja, ist denn der Paulanergarten schon eröffnet?

Stecker erinnert vorsichtig daran, dass es vor allem für AfD Mitglieder schwierig sei, sich zu ihrer Partei zu bekennen. Das sei bisweilen sogar mit „Berufsrisiken“ verbunden. Stecker nennt es „mindestens ein doppelseitiges Problem, wo sich beide Seiten in einer Eskalationsspirale hochschaukeln.“ Wird nicht weiter vertieft, sein Gedanke. Er zieht sich im weiteren Gespräch mehr und mehr in die Rolle des Beobachters zurück. Sein skeptischer Blick spricht bisweilen Bände.

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Die schönsten Geschichten aus dem Paulanergarten präsentiert unterdessen der Zeigefinger. Schauspieler Friedel leitet den Auftritt seines Lebens mit einer Warnung ein: „Viele sind nicht informiert, was eigentlich folgt, wenn diese Partei regiert.“ Er selbst weiß es ganz genau, daran lässt er keinen Zweifel. Deshalb habe er auch große Angst, sein warmes Nest für den guten Zweck zu verlassen und in die verseuchten heimatlichen Gefilde zu reisen. Aber dann sage er sich immer, nichts da, „ich muss jetzt Haltung zeigen, und ich muss mich bewegen, aus der Blase raus.“ Ergebnis: „Ich war bei meiner Familie, und ich mache mir große Sorgen“.

Die wahnwitzige Leidensgeschichte dieses aufrechten Vorzeige-Demokraten findet sogar noch eine Steigerung. Friedel erzählt allen Ernstes: „Ein Musiker-Freund von mir hat einen behinderten Bruder und hat Angst, gewisse Lokalitäten zu besuchen…weil er… um den zu schützen. Und das hat mich sehr erschreckt. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo meine Familie, meine Freunde oder ich Angst haben müssen.“

Der Paulanergarten muss kurz mal schließen. Gschichtn-Overkill.

Gerade, als sich Laschets Gemütszustand auf niederem Niveau halbwegs zu beruhigen scheint, lässt Miosga einen ehemaligen CDU-Wähler einspielen. Unternehmer Thomas Kowalski ist komplett desillusioniert und wählt jetzt die AfD. Er hat eine steile These: Wenn Sven Schulze, der CDU-Spitzenkandidat und ins Amt geschubste Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, jetzt in letzter Sekunde endlich die Brandmauer einreißen würde, könnten sich womöglich alle Wahlprognosen drehen und die CDU noch etwas retten. Der Unternehmer sagt: „Wir können nicht so weitermachen.“

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Bei Laschet geht gar nichts mehr. Er rettet sich in seine auswendig gelernten Floskeln: Die AfD sei „eine Partei, die da gar nichts zu bieten hat“ außer „Ressentiment-Sprüche“. Wenn die CDU ihre Wähler nicht mehr erreiche, sei das natürlich „bitter“, aber nicht zu ändern. In seiner Verzweiflung lobt der Christdemokrat sogar einen Sozi. „Ein Müntefering würde den Ton jetzt treffen, aber die gibt es nicht mehr.“ Laschets Bilanz ist erschütternd: „Die Methodik, wie wir versucht haben, die AfD auszugrenzen, ist gescheitert. Das nenne ich mal eine Brandmauer, die nicht funktioniert hat.“

Friedel wieder. Er beklagt, „dass es immer um Prozente geht und um Machterhalt“. Er habe sich durch das Wahlprogramm der AfD gearbeitet, und „das war wirklich schlimm“, allerdings so clever geschrieben, dass die Menschen gar nicht merkten, was sie erwartet. Ach ja, und es sei „in Teilen faschistisch“, versteht sich. Wenn der Unternehmer aus dem Einspieler der Meinung sei, mit der AfD würde irgendetwas besser, dann sei das „ein Spiel mit dem Feuer“. Friedel: „Deswegen gehen wir jetzt zu den Menschen. Dass ihr nicht allein seid, sondern dass ihr gesehen werdet.“ Klingt wie eine Drohung.

Politologe Stecker geht den ganzen Abend dialektisch sehr behutsam vor. Er erinnert die Runde vorsichtig an die deutsche Geschichte: Auch die Grünen hätten seinerzeit als verfassungsfeindlich gegolten. Und dennoch seien sie „erfolgreich in die Demokratie eingegliedert worden“. Wird auch nicht weiter vertieft, der Gedanke.

Steckers Urteil ist dennoch fatal: Koalitionen im klassischen Sinne hätten sich „längst überlebt“. Linke und CDU könne man niemals in eine Koalition zwingen, denn „was soll die anbieten, ohne dass ihre Wähler in Scharen davonlaufen?“ Die CDU solle lieber mit der AfD „die gemeinsamen Schnittmengen nutzen und die Partei in den anderen Punkten massiv konfrontieren.“

Laschet ist mittlerweile ganz still. Manchmal wacht er auf, wenn jemand das böse Wort „Brandmauer“ sagt. Dann wehrt er sich kurz und vehement. Aber das vergeht. Wie lautet noch gleich die Frage? Ach ja:

Ist die Brandmauer noch zu halten?


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Kommentare ( 85 )

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Mikmi
12 Tage her

Ein Bundeskanzler, der fest an der Seite der Ukraine steht, mit aller Kraft den Weltklimawandel aufhalten will, nicht in der Lage ist, Spritpreise zu stoppen, unsere Wirtschaft und seine Bevölkerung mit günstigere Energie zu versorgen, sich von der EU Anweisungen holt, ja was ist der, nicht unser Volksvertreter.
Und diese Resterampe von Regierung, sollen mal eine Maurer-Lehre machen, peinlich Weltweit.

Dr. Rehmstack
12 Tage her

Witzig, in Minute 41 fragt doch tatsächlich Frau Miosga den Politikwissenschaftler, ob er denn nicht „die Gefahr der Normalisierung der AfD sähe“, wenn Siegmund mit wechselnden Mehrheiten regieren würde. Die Normalisierung der AfD stellt also in ihren Augen eine Gefahr dar, man will also gar nicht eine etwas „zahmere“ AfD haben, die AfD ist offensichtlich absolut systemnotwendig, Man braucht sie und auch möglichst „höckisch“, da man sonst sich selbst und seinen Fehlern gegenüberstünde; wunderbar, man muss ihn nur zuhören

November Man
12 Tage her

Friedel: „Ich möchte nicht in einem Land leben, wo meine Familie, meine Freunde oder ich Angst haben müssen.“
Die Wähler der AfD wollen das auch nicht, deswegen wählen sie die AfD. Auch Herr Fiedel sollte besser AfD wählen um die Sicherheit der Bürger im Land wieder herzustellen. 

WGreuer
12 Tage her

Es ist ein Polit-Theather, eine jämmerliche und peinliche Show, die die linksgrünen Akteure und vor allem die CDU da abziehen. Und der eine oder andere der Akteure merkt inzwische selber, dass die Show nach hinten losgeht, dass der eigene Sermon bei den Wählern nur noch Abscheu hervorruft, dass die eigene linksgrüe Politik in der Katastrophe für das Land enden wird und enden muss. Tja, und das verursacht die berühmte Verzerrungen in der Denke. Nichts passt mehr in der Denke zusammen, alles wirkt durcheinander, die Realität und die Gedankenwelt sind völlig konträr. Und bei Laschet sieht man es deutlichst, bei vielen… Mehr

jukkad7133
12 Tage her
Antworten an  WGreuer

Werden die „vor Ort“ ausgezählten Zahlen an die „Zentrale“ gemeldet, dann sehen die Zahlen dort ganz anders aus. 
So funktioniert das mit der Wahlfälschung (wie beim BSW geschehen). 
Das ist viel einfacher und effektiver die Zahlen passend zu machen.

Manfred_Hbg
12 Tage her

Zitat 1: „Laschet fürchtet, dass die AfD irgendwann „Zugriff auf die Polizei“ und auf die Justiz bekommt. Dann sei ja wohl alles aus. > Hö hö -Jau, richtig, „dann ist alles aus“. – Denn dann kommt in diesem Land endlich wieder „Sicherheit & Ordnung“ zurück so wie wir diese bis zu den 1990ern und ganz besonders bis vor 2015 gekannt haben. – – – – – – – Zitat 2: „Aber die AfD wiederum von wichtigen Ämtern auszugrenzen und das auch noch öffentlich zuzugeben, das sei dann ein „zu brachialer Vorgang“. Laschet sieht die Zwickmühle: „Wenn man das im Wahlkampf… Mehr

yeager
12 Tage her

Alles was gegen die AfD vorgebracht wird ist unkonkret. Es sind Andeutungen ohne Inhalt, man könnte es auch „Geraune“ nennen. Wenn die AfD irgendwo Regierungsmacht erhält, dann genau so wie jede andere Gewählte Partei oder Regierungskoalition. Das ist einfach die Funktionsweise unserer Demokratie. Laschet beklagt also, dass die AfD Machtbefugnisse erhalten könnte die ihr in einer Regierung zustünden, ohne aber zu konkretisieren, was die denn so furchtbares damit täte. In den seltenen Fällen in denen er tatsächlich mal auf das Parteiprogramm der AfD eingeht gibt er es verfälscht wider und führt Punkte an die für eine Landtagswahl irrelevant sind (z.B.… Mehr

November Man
12 Tage her

Friedel: „Ich möchte nicht in einem Land leben, wo meine Familie, meine Freunde oder ich Angst haben müssen.“
Da ist Herr Friedel nicht allein. Verstanden hat er es trotzdem nicht. Man kann heute kaum noch das Haus verlassen, ohne Angst haben zu müssen ein Messer in den Hals gestochen zu bekommen, vergewaltigt zu werden oder in eine Schießerei oder Messerstecherei zu geraten. Dieses Problem haben sehr viele Menschen in diesem unsicheren Land. Lösen will das Sicherheitsproblem nur die AfD. Die steht für Frieden und Sicherheit. Die anderen Parteien nicht.

Deutscher
12 Tage her

„Er habe sich durch das Wahlprogramm der AfD gearbeitet, und „das war wirklich schlimm“, allerdings so clever geschrieben, dass die Menschen gar nicht merkten, was sie erwartet.“

Ah ja, aber er hat’s natürlich gecheckt…

Aegnor
12 Tage her

Und dennoch seien sie „erfolgreich in die Demokratie eingegliedert worden“.“
Das sind sie eben nicht. Sie haben erfolgreich den Staat gekapert, um die Demokratie abzuschaffen, so wie es die frühen K-Gruppen schon immer wollten. Und für die SED/Linke gilt das genau das Gleiche. Auch die alte Dame SPD hat sich mittlerweile ihren alten kommunistisch-antidemokratischen Abspaltungen a la USPD/KPD (und dazu wie die SED radikal-islamischen Gruppen) zugewandt und von der Demokratie zum großen Teil verabschiedet. Über Union und FDP, wo linke Etatisten die Macht übernommen haben und unter falscher Flagge konservativ-liberale Wählerstimmen neutralisieren, braucht man ohnehin kein Wort mehr zu verlieren.

Freigeistiger
12 Tage her

Interessant war bei diesem Talk nur Politologe Stecker, der einzige Teilnehmer mit intellektueller Substanz. Auch Laschet musste da die Segel streichen. Den anderen blieb nur die übliche Flucht in „Haltung“, besonders ausgeprägt beim Schauspieler.
Schade, dass Stecker nicht gefragt hat, warum so gut wie nie Vertreter der AfD eingeladen sind, sondern immer nur über diese Partei gesprochen und geschimpft wird.