Alice Schwarzer zu Muslima: „Oh, ich dachte, nur ein Mann darf Sie nicht anfassen!“

Dieses Anfassen ist vor allem eines: Eine Geste des Friedens und der Bitte um Dialog. Aber eine Geste muss auch verstanden werden (wollen).

Screenprint: Twitter/Emma

Muss oder darf man jetzt tatsächlich die Frage stellen: „Wer möchte von Alice Schwarzer angefasst werden?“ Eine Frage, die Bestandteil von Stammtischzoten der 1970er und 80er Jahre rund um diese aggressive Feministin Schwarzer und ihre mutmaßliche sexuelle Präferenz gewesen sein könnten. Die Zeiten waren damals eben so … und ja: ziemlich bescheuert war das.

Nicht angefasst werden von der bekanntesten Feministin Europas, von der Herausgeberin und Gründerin der Zeitschrift Emma möchte neuerdings eine aufgebrachte junge Frau mit Kopftuch, die nach einer Konferenz in Frankfurt rund um islamische Unterdrückung und das Kopftuch im Besonderen, gegen die Veranstaltung und also auch gegen die prominente Streiterin für Frauenrechte demonstrierte.

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Schwarzer hatte sich vom Veranstaltungsort auf die gegenüberliegende Straßenseite zu den Demonstrantinnen begeben und dort im Gespräch kurz den Arm einer der Frauen mit Kopftuch berührt und damit überraschend Empörung ausgelöst und diese Empörung dann mit einer theatralischen Geste und so etwas, wie einem klassischen Stammtischsatz aus besagter grauer Vorzeit gekontert: „Oh, ich dachte, nur ein Mann darf Sie nicht anfassen!“

Aber warum nun streiten, warum mit Schwarzer darüber streiten? Natürlich war das eine Provokation, eine kleine Entgleisung, vergleichbar vielleicht mit einem hingerotzten Satz oder Tweet auf Facebook bzw. Twitter nach 24 Uhr. Do ut des – Schwarzer hat dafür ihren Shitstorm bekommen, sich pflichtschuldig etwas gewunden, so dass man diese Windungen, so man sich beleidigt fühlte, mit gutem Willen auch als Entschuldigung verstehen darf. Ende der Geschichte.

Nun ist Alice Schwarzer allerdings auch als fundierte Islamkritikerin bekannt, insbesondere, wenn es um die Rechte der Frau geht. Hat die Feministin, die heute wahrscheinlich noch so viel Feministin ist wie Birgit Kelle, die sich ebenfalls als solche selbst etikettiert hat – dann jedenfalls, wenn man Feminismus so liest, wie ihn uns Schwarzer selbst vor fast einem halben Jahrhundert zu lesen gegeben hat. Schwarzer ist sich untreu geworden oder hat sich weiterentwickelt – wer will es ihr verdenken?

Kommen wir zur Anfassempörung der Muslima. Die hat damit eines erreicht: Sie hat die wenigen Minuten Aufmerksamkeit, die sie von Schwarzer bekommen hat, maximal medientauglich genutzt, sie hat sich als Erfolgsmensch der Generation Youtube bewiesen.

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Nun ist dieses Anfassen aber viel mehr. Es ist vor allem eines: Eine Geste des Friedens und der Bitte um Dialog. Den Beleg dafür haben wir bei TE gerade selbst geliefert, als Professor Hans Mathias Kepplinger im Gespräch mit Roland Tichy selbigem immer wieder einmal an die Hand nahm, während er sprach. Tatsächlich darf man diese Berührung als ein Stilmittel der gesitteten wie anständigen Auseinandersetzung verstehen.

Übrigens auch auf der großen Weltbühne wird das neuerdings öfter deutlich, wenn der amerikanische Präsident die Hände seiner Gesprächspartner gar nicht mehr loslassen will und es beispielsweise beim Anfassen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu einem reglerechten Geschüttel und Gezerre der Hände kommt.

Das allerdings macht es nun interessant für den Vorfall zwischen Schwarzer und der Muslima, wenn so eine sanfte, durchaus auch christlich konnotierte Handauflegung – Barack Obama beispielsweise legte die seine gerne von hinten auf die Schultern seiner Gesprächspartner – bei Donald Trump zum gar nicht mehr so sanften Instrument in der Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber wurde. Von der heilenden Kraft der Berührung etwa sind Trumps Gesten meilenweit entfernt.

Aber fast jeder kennt das doch, wenn man in Diskussionen plötzlich die Hand des Gegenübers auf der eigenen Handoberfläche spürt. Diese nonverbale Kommunikation ist eindeutig: Lass mich bitte zu Ende reden. Was ich zu sagen habe ist wichtig. Beruhige Dich, ich habe alle Antworten, lass mich nur ausreden, dann entsteht auch für dich Klarheit … in etwa so. Auf der Metaebene ist dieses Handauflegen auch ein Friedensangebot bzw. die Bitte um Kapitulation frei nach dem Motto: Ich habe Recht, aber obwohl Du Unrecht hast, wird dir nichts Schlimmes passieren, ich lasse dich unbehelligt ziehen.

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Alice Schwarzer also mit einer sanft-dialektischen Unterwerfungsgeste gegenüber der Muslima? So könnte diese es tatsächlich verstanden haben, wenn sie so aggressiv reagierte. Und für Schwarzer kam der Protest völlig unerwartet, weil ihr diese Gesten in hunderten, wenn nicht sogar tausenden Diskussionen der letzten Jahrzehnte in Fleisch und Blut übergegangen sind. Es gibt halt die Anfasser und die, die es nicht tun.

Und bis hierher haben wir noch nicht einmal diese elende Diskussion angekratzt, wo es um jene muslimischen Männer in Deutschland geht, die Frauen partout nicht die Hand schütteln wollen. Möglicherweise nämlich schwang auch der Gedanke daran bei Schwarzer mit, als sie so offensiv auf die Berührungsverweigerung der Muslima reagierte.

Aber seien wir dankbar dafür. Sind es doch diese kurzen Momente emotionaler Bewegtheit auf beiden Seiten, die in der Lage sind, Debatten erst richtig anzustoßen, wenn sich der Gestank des Shitstorms erst einmal verzogen hat. Wenn es darum geht, noch intensiver für unsere freiheitlichen Werte und unsere Art zusammenzuleben zu werben.

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Tipp: Es lohnt sich, das Video von der Konferenz anzuschauen. Man gelangt über die Seite der EMMA dorthin. Nach 20 Minuten erscheint A. Janz, Staatssekräterin (Grüne) und beginnt zu schwurbeln. Nach mehreren Minuten Qual – es gibt leider keine plus 10 Sekunden Funktion – kommt sie zur Sache. Es gibt ein Recht darauf, das Kopftuch zu tragen, wenn man es will. Dass aufgrund der patriarchalischen Strukturen innerhalb der mohammedanischen Familien dieses Recht missbraucht werde, wisse man. Dennoch darf es keine Verbote geben. Entscheidend sei der Diskurs. Übersetzung: „Wir Grüne wissen, dass Frauen zwangsverschleiert werden, finden das auch schlimm, aber nicht… Mehr

Wer kann denn ernsthaft das Kopftuchtragen als Zeichen der Selbstbestimmung verteidigen und das den Menschen als „Feminismus“ verkaufen? Die Linken sind in ihren Glaubenssätzen und Dogmen aus 50 Jahren gefangen, und das macht alles, was sie sagen, so widersprüchlich und zu einer Zumutung für den Intellekt.

Nur wahr. Ich stimme Ihnen zu.

Ja, dann werben wir mal schön.

BOUALEM SANSAL, algerischer Schriftsteller, am 04.12.2017 in diesem Interview: http://associationclarifier.fr/islamisme-nous-voyons-sans-croire/ [meine Übersetzung] »Ich bin von allen Seiten umlagert. Mir wird vieles vorgeworfen: meine Nähe zu Frankreich, zu Israel, zu Marokko, zur autonomen Bewegung der Kabylei, mein Engagement für die Frankophonie, den Säkularismus, die Menschenrechte, die Entkolonialisierung der Geschichte. Ich werde beschuldigt, Anti-Islam, Anti-Araber, Anti-Algerier zu sein. Meine Akte ist schwer. Aber ich tue, was ich für nützlich halte und das gibt mir Mut. Ich möchte vor dem warnen, was meiner Meinung nach das größte Problem unserer Zeit ist: die erobernde Islamisierung, bei der der Islamismus eine starke Komponente darstellt. Ich… Mehr

Frau Decourroux, was unterscheidet die Begriffe „Islamismus“ und „Islam“? Für mich sind es Synonyme.

Wir versuchen uns einzureden wie das Kopftuch als Freiheitssymbol versteht werden kann, in der Zwischenzeit im Iran:

https://www.n-tv.de/politik/Studenten-protestieren-gegen-Kopftuchzwang-article21022017.html

Das Kopftuch an sich finde ich nicht problematisch als Kleidungsstück, sondern das, was oft damit einher geht. Wenn muslimische Männer sagen würden, Frauen können anziehen, was sie wollen, nur meine will halt Kopftuch, wäre es kein Problem. Aber das ist nicht so. Wenn man keins trägt, suggeriert die Frau damit also für manche „Ich will vergewaltigt werden, sonst würde ich ja ein Stop Schild anziehen“. Das ist das Problem. Dazu ein sehr interessantes Youtube Video. Zwei junge Männer haben eine Straßenumfrage unter Migranten gemacht, wie sie zum Thema Kleidung und sexuelle Übergriffe stehen. Die Antworten sind oft sehr aufschlussreich. u.a… Mehr

Die Zeitung Die Welt hat ein langes Interview mit dem Wortführer der Kampagne gegen Susanne Schröter – dem nebenbei etwas studierenden „Aktivisten“ Zuher Jazmati – gebracht, nett zu lesen. (Aber hinter Bezahlschranke, leider.)

Das Bild dazu lässt eher erschauern.

Interessant, wenn man also eine Mohammedanerin anfasst, dann gibt es einen Sturm der Scheiße, denn für was anderes steht das Wort Shit ja nicht! Wenn im Gegensatz dazu aber deutsche Frauen und Mädchen, vergewaltigt, ermordet und was auch immer werden, interessiert dies auf deutsch gesagt keine Sau…

In den Augen der Moslem-JungFrau ist die ‚ungläubige‘ Alice Schwarzer ein ‚unreines‘ Subjekt. Eine Berührung mit einem solchen birgt die Gefahr, dass das Gebet im wahrsten Sinne des Wortes ‚versaut’ wird und damit unerhört bleibt. Ihr Schlussatz, Herr Wallasch, wonach wir noch intensiver für unsere freiheitlichen Werte und unsere Art zusammenzuleben WERBEN sollten, ist nett gemeint, verkennt jedoch Kraft und ** Geist , den ein herabgekommenes Buch auszuströmen imstande ist.

Die linken, einfältigen Gutmenschen werden auch leider diesmal nichts kapieren. So unterstützen sie indirekt die feindliche Übernahme der Muslime.