Oder hat das Volk etwa die Pflicht, sich dümmer zu stellen als die Regierenden, damit diese glauben, sie seien schlauer als das Volk?
© PHILIPP GUELLAND/AFP/Getty Images
Soeben hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov Deutschland GmbH festgestellt, dass sich 39 Prozent der Befragten im Juli 2017 nicht erinnern konnten, wie sie bei der Bundestagswahl vom 22. September 2013 gewählt haben. Offenbar „genießen“ in dieser Zeit pluralistischer Beliebigkeiten sogar ganz persönliche politische Präferenzen ein rapides Verfallsdatum.
Zweitens: Demokratie in Deutschland ist zu einer Stimmungs- und Gute-Laune-Demokratie geworden. Der deutsche Michel lebt „gut und gern“ hier. Es geht ihm (vielen) gut, er wählt zu erheblichen Teilen aus einer Laune heraus. Es entscheiden momentane, politisch korrekte Stimmungen über des Wählers Wahlverhalten. Insofern ist es kein Wunder, dass laut German Longitudinal Election Study, Rolling-Cross-Section-Wahlkampfstudien 18 Prozent der Wahlberechtigten angeben, sie würden sich erst in den Wochen vor der Wahl entscheiden, rund 15 Prozent in den Tagen vor der Wahl und rund 10 Prozent erst am Wahltag selbst. So werden aus den Stimmungen von in der Summe über 40 Prozent Unentschlossenen dann doch noch Stimmen.
Es ist doch alles egal. Eine vergrünte und sozialdemokratisierte Sponti-Kanzlerin wird auch zukünftig einsame (Nicht)Entscheidungen treffen, sie wird sich da und dort aus einem Brigitte-Plüschsofa heraus zu so grundsätzlichen Fragen wie der „Ehe für alle“ äußern. Sie wird dies nicht im Parlament tun. Sie kann Grenzen öffnen, wie es ihr beliebt; Energiepolitik betreiben, wie es ihr beliebt; sie kann Willkommenskultur trotz Kölner Domplatte und Berliner Breitscheidplatz pflegen. Und es geht ihr einfach so durch, dass sie sich in einem Super-ILLU-Interview über eine absehbare Restzeit für Verbrennungsmotoren äußert und damit einer De-Industrialisierung Deutschlands das Wort redet. (Merkel: „Ich kann jetzt noch keine präzise Jahreszahl nennen, aber der Ansatz ist richtig.“)
Allerdings fragt man angesichts eines – obendrein programmatisch reichlich seichten – Bundestagswahlkampfes 2017 schon, warum allein die Logistik der Bundestagswahl um die 80 Millionen kosten muss und warum die Parteien dafür noch einmal eine vergleichbare, größtenteils aus Steuermitteln aufgebrachte Summe für Wahlkampf aufbringen.
Josef Kraus war Oberstudiendirektor, Präsident des deutschen Lehrerverbands, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und als „Titan der Bildungspolitik“ bezeichnet. Er hat Bestseller zu Bildungsthemen verfasst und sein jüngstes Werk Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt erhalten Sie in unserem Shop: www.tichyseinblick.shop.





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