Umfrage-Nebelkerze: Merkel verliert „dramatisch an Zustimmung“

Merkel alleine und mit Schulz liegen uneinholbar vorn. Dennoch scheut man das Risiko: Nicht ohne Grund gibt es keine Wahlplakate, welche die lächelnde Kanzlerin zeigen neben Windkraftwerken, im EU-Parlament, vor Börse, VW oder mit historischem Selfie.

© John MacDougall/AFP/Getty Images
Nachricht von heute: Merkel verliert „dramatisch an Zustimmung“. Was klingt wie eine ordentliche Brise, ist in Wahrheit doch nur ein laues Lüftchen. Fakt ist, Merkel kommt aktuell auf einen Zustimmungswert von 59 Prozent. Das wäre immer noch die satte absolute Mehrheit. Hinzukommt, dass Martin Schulz ebenfalls noch bei unglaublich hohen 33 Prozent Zustimmung liegt. Wohlgemerkt, nicht die Parteien, die Kandidaten. Der Grund ist wahrscheinlich banal menschlich: Der Wunsch der Befragten, Teil von irgendetwas zu sein, dass nicht bedeutungslos ist. Nicht zu den Verlierern gehören zu wollen. Da nimmt man sogar diese vorübergehende Pseudo-Rivalität zwischen den GroKo-Parteien als wahr an.

Anders wäre es auch kaum zu erklären. Denn die Fakten liegen für jedermann ausgebreitet auf dem Tisch. Da reicht ein Blick auf eine der CDU-Webseiten oder eines der Wahlplakate. Merkel wirbt mit dem Slogan: „Für ein Deutschland, indem wir gut und gerne leben.“ Fast so, als wären die eine plus X Millionen Zuwanderer schon wahlberechtigt. Und ihre Partei erklärt es auf einer ihrer Webseiten so: 

„Damit es unseren Kindern, Enkeln und uns selbst auch in Zukunft gut geht, wollen wir weiter dafür arbeiten, dass Deutschland ein erfolgreiches und sicheres Land bleibt. Dafür stellen wir die Weichen mit unserem Regierungsprogramm.“ 

Man will weiter daran arbeiten, damit es unseren Kindern und Enkeln und uns selbst … was braucht es eigentlich noch an offensichtlichem Widerspruch, um „Nein, Danke“ zu sagen? Klar, schön wäre eine realistische Möglichkeit, Partei zu nehmen für etwas, dass irgendeine Gewinnchance hätte. Aber neben der Einheitspartei GroKo ist da nichts. Das erklärt vielleicht auch den relativen Aufschwung der FDP. Denn wer die wählt, wählt zwar auch die ganz große Koalition (GaGroKo), aber nicht so direkt: Verlegenheitsstimme für Merkel.

Die Erklärung einiger Medien, das minus 10 bei Merkel liege an der Regierung mangelnder Action in Sachen Dieselgate, ist Bullshit. Merkel im Urlaub ist weniger Merkel auf „Bild und Glotze“: weniger Präsenz = weniger Punkte, so simpel und so ewig immer schon wahr. Übrigens: Steigt Merkels Punktethermometer in vier Wochen wieder wie auf vor dem Urlaub, werden das die üblichen Verdächtigen als entscheidenden Push vor den Wahlen missdeuten. Und die üblichen Medien werden mitspielen. Its a fool’s world.

Merkel alleine und Merkel mit Schulz liegen uneinholbar vorn. Dennoch scheut man das Risiko: Nicht ohne Grund gibt es keine Wahlplakate, welche die lächelnde Bundeskanzlerin zeigen neben Windkraftwerken, im EU-Parlament, vor der Börse, neben Volkswagen oder der Big-Point: als Selfie-Fotografie mit Zuwanderern oder als Trauzeugin der Ehe-für-alle. Die beiden verbliebenen Oppositionsparteien springen hier nicht an. Die Linke kann nicht, die AfD versteht es nicht. Dabei wäre es möglicherweise so einfach. Lasst doch diese immer gleichen langweiligen Wahlplakate weg. Auch diese neuen Bikini-Schönheiten der AfD wirken unglaubwürdig. Da ist es schon provokant für das neue Deutschland, wenn daneben Frauke Petry in Vaselin-Optik ihr Neugeborenes präsentiert. Schön anzusehen, tut nicht weh, ja, das Teufelchen trägt Prada, mehr aber auch nicht. Als Partei noch neu, auf Plakaten schon so alt wie die ältesten. Allein, die Botschaft ist unklar.

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Die Alternative könnte so aussehen: Die Merkelselfies mit Zuwanderern unkommentiert plakatieren. Die Windparks vor deutscher Landschaft. Die rosa Bundeswehr – eben die ganzen „Erfolgsgeschichten“ der Bundeskanzlerin und ihrer Regierung nacherzählen, ins Bild setzen, von denen sie selbst auf ihren Wahlplakaten bloß nichts mehr wissen möchte. Nebeneffekt: diese Plakate würden wohl hängen bleiben, wo sonst über 90 Prozent in kurzer Zeit wieder entfernt werden von „Andersdenkenden“. 

Der Wähler weiß es ja längst: Merkel und Co sind überpräsent. Warum also immer nur verzweifelt dagegenhalten? Mitmachen! Aber anders. Zeigen, wer Merkel wirklich ist. Unkommentiert. Einfach nur die Fotos auf Großplakaten. Bilder sprechen lassen. Kein Absender, nichts. Und damit eine Überpräsenz schaffen, eine Realität abbilden, die so verzweifelt verdrängt werden will. Gelabelt mit Sätzen wie diesen hier: „Für ein Deutschland, indem wir gut und gerne leben.“. Mehr Anti-Merkel geht ja eigentlich kaum. Im richtigen Kontext. Aber wer wären wir hier, würden wir wem auch immer Wahlkampfhilfe leisten? Zumal sowieso alle beratungsresistent sind.
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Kommentare

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  • markus marahrens

    Wer von uns beiden hier dem betreuten Denken verhaftet ist will ich einmal im Raum stehen lassen. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich jedoch keiner Ideologie verfallen!

    Politik müssen viele AFD ler erst noch lernen. Darüber hinaus ist es kein Geheimnis, das sich die meisten Politiker (gleich welcher Couleur) ausschließlich um ein Bundes- oder Landtagsmandat bemühen um ihren prekären Einkommensklassen zu entfliehen.

    Ob ich etwas gut oder böse meine, können Sie kaumwohl beurteilen, allerdings fehlt mir nicht nur die Muße das mit Ihnen zu diskutieren, sonder allen voran der Wille.

    Zwar stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu, dass die AFD einer regelrechten Hexenjagd ausgesetzt ist die schon an Weimarer Verhältnisse erinnert; aber bei den Mandatsträgern – sorry – da ist viel zu viel untere Schublade vorhanden.

    Die AFD muss Politik erst einmal lernen, dazu muss sie in den Bundestag – das hallte ich für unterstützenswert. Die Frage ist, ob sich die Partei dort allerdings als nur dauernder und kompromissloser Nörgler wird halten können.

  • Davy Crocket

    Nein, die sind nicht doof, die erfüllen ihren Auftrag.

  • Davy Crocket

    Es bedarf schon hoher Kreativität und Pfiffigkeit, das Establishment in die Ecke zu treiben. Bloss deren eigene Mittel nachzuahmen und zu verwenden, dürfte wenig erfolgreich sein, führt nur dazu, dass eigene Ressourcen austrocknen, was sicherlich auch Absicht der Gruppe Merkel ist.
    Merke: Die Regierenden können, was Werbung angeht, jede wirkliche Opposition mit Geld geradezu zuschei….

    „Die Bundesregierung hat ihren Medienetat neu ausgeschrieben und investiert mehr als doppelt so viel wie beim letzten Mal.“
    Quelle: ‚Bundesregierung schreibt Werbeetat neu aus‘
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/100-millionen-euro-bundesregierung-schreibt-werbeetat-neu-aus-15146991.html

    Selbst Anzeigenblätter sind in deren Fokus geraten.
    Aber nicht nur das, wie sieht es mit ‚Verpensionierungsangeboten‘ für verdiente Journalisten aus? Wie mit Anzeigen der Regierung und ihrer Behörden in den Medien aus?
    Wie gesagt, beim Versuch, sich der gleichen Mittel zu bedienen, laufen die Ressourcen schnell leer.

  • Jens Frisch

    Das tolle dabei: Wir können in „real time“ zusehen, wie 100% „Maddin Kim Jon Schulz“ den Gipfel hinunterstolpert…

  • Bets

    Frau Merkel hängt schon bei mir vor der Haustür auf einem besonders hohen Plakat. Ich glaube, die hängen diesmal höher als sonst. Wenn ich irgendeinen naheliegenden schwarzhumorigen Spruch dazu machen würde, dann würde das wohl zu einem Aufschrei der Empörung führen, nicht so sehr hier, aber speziell auf FB oder Twitter, die Antifa könnte mich mobben, ich würde diskreditiert etc. Aber vielleicht verwendet das sogar einmal diese Satiresendung mit Welke, die ich nicht schaue, ich glaube, die bedienen sich reichlich in den sozialen Medien. Also: Hängt sie höher! Nur ein Beispiel für einen naheliegenden Spruch 😉 Wir wollen doch nicht, dass der Humor bei diesen Wahlen zu kurz kommt. Sonst wird nur noch geweint.

    Der Spruch auf dem CDU-/Merkelplakat ist tatsächlich der altgediente: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Dass die sich noch trauen, den zu benutzen! Aber wohl nur in der Höhe. Ein Kommentator wandelte diesen Spruch nach dem HH-Attentat wie folgt ab: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne sterben.“ Nicht schlecht, schluck …