Brüssel bekämpft Mikroplastik mit immer neuen Vorschriften und will dessen Freisetzung bis 2030 um 30 Prozent senken. Nun bestätigt die EU-Kommission aber selbst: Auch die Rotorblätter von Windkraftanlagen geben Kunststoff an die Umwelt ab.
picture alliance / imageBROKER | Christopher Tamcke
Es ist eine jener kleinen Antworten aus dem Brüsseler Verwaltungsapparat, die größere Wirkung entfalten können als hundert Seiten grüne Hochglanzbroschüre. Die EU-Kommission hat auf eine parlamentarische Anfrage ausdrücklich bestätigt, dass Windkraftanlagen Kunststoffpartikel freisetzen. Regen und andere Umwelteinflüsse tragen Material von den beschichteten Rotorblättern ab. Der Stoff, der sich dort löst, gelangt anschließend in die Umwelt.
Der österreichische EU-Abgeordnete Gerald Hauser hatte die Kommission im Juni gefragt, wie der massenhafte Ausbau der Windenergie mit der europäischen Politik gegen Mikroplastik zusammenpassen soll. Hauser verwies dabei auf eine norwegische Berechnung, nach der eine Anlage bis zu 62 Kilogramm Kunststoff pro Jahr verlieren könne. Er wollte außerdem wissen, warum Brüssel über diese Emissionen kaum spricht und wie sie zum selbst gesetzten Null-Schadstoff-Kurs passen sollen.
Die Kommission antwortete am 12. August und formuliert sehr eindeutig: „Die Kommission ist sich der durch Mikroplastik verursachten ökologischen Herausforderungen voll und ganz bewusst, und zwar sowohl was Mikroplastik anbetrifft, das Produkten absichtlich zugesetzt wird, als auch hinsichtlich Mikroplastik, das unbeabsichtigt in die Umwelt freigesetzt wird.“ Diese Antwort gibt Brüssel ausgerechnet auf eine Anfrage zum Kunststoffabrieb von Windkraftanlagen. Im weiteren Verlauf versucht sie lediglich, die Größenordnung zu relativieren, indem sie darauf verweist, dass die Kunststoffemissionen von Windkraftanlagen geringer seien als bei anderen Quellen.
Bei den Mengenangaben beginnt allerdings das nächste Problem. Die häufig zitierte Zahl von bis zu 62 Kilogramm Abrieb je Windkraftanlage und Jahr ist keine gesicherte Messgröße. Die deutlich niedrigeren Zahlen, mit denen Windkraftbranche und Kommission solche Angaben zurückweisen, sind es ebenso wenig. An die Stelle einer Schätzung tritt eine andere Schätzung, anschließend wird die politisch genehmere Zahl behandelt, als habe jemand den Abrieb mit einem Eimer unter dem Rotorblatt aufgefangen und anschließend gewogen.
Besonders deutlich wird das an der 2025 veröffentlichten Untersuchung der niederländischen Forschungsorganisation TNO. Ihre Autoren errechnen für eine moderne Offshore-Anlage mit 15 Megawatt Leistung rund 240 Gramm Mikroplastik im Jahr. Gemessen wurden diese 240 Gramm an realen Anlagen nicht. Die Forscher verbinden Wetterdaten mit einem Erosionsmodell und treffen dafür eine ganze Reihe von Annahmen. Sie unterstellen unter anderem eine bestimmte Polyurethan-Schutzschicht und eine Reparatur nach jeweils fünf Jahren. Nach Erreichen der angenommenen Dicke dieser Schutzschicht wird für den entsprechenden Bereich kein weiterer Materialverlust mehr angesetzt. Anschließend wird das Ergebnis der Referenzanlage anhand der Rotorblattlänge auf andere Windkraftanlagen hochgerechnet. Die 240 Gramm sind damit das Ergebnis eines Modells, dessen Resultat von seinen Voraussetzungen abhängt.
Die Autoren schreiben sogar selbst, dass es in der bisherigen Literatur an „zuverlässigen und transparenten Schätzungen“ über die Entstehung und Freisetzung von Mikroplastik durch Windräder fehle. Ihre eigene Zahl liegt am unteren Ende der zuvor veröffentlichten Spannweite von drei Gramm bis 14 Kilogramm pro Anlage und Jahr. Auffällig ist außerdem, dass TNO ausdrücklich darauf hinweist, seine 240 Gramm lägen vergleichsweise nahe an einer Schätzung des Windkraftkonzerns Vestas von 150 Gramm. Zugleich räumen die Forscher ein, dass zu dieser Vestas-Zahl so wenig Informationen vorliegen, dass sich die Gründe für die Unterschiede gar nicht genauer untersuchen lassen. Eine schlecht dokumentierte Herstellerangabe taugt damit immerhin noch als beruhigender Vergleichswert.
Auch die Finanzierung verdient wenigstens die Aufmerksamkeit, die bei politisch hoch aufgeladenen Forschungsfeldern selbstverständlich sein sollte. Die TNO-Arbeit wurde unter anderem von der niederländischen Unternehmensagentur RVO im Rahmen eines Förderprojekts unterstützt. Die Autoren erklären zwar, keine Interessenkonflikte zu haben. Das macht aus einer modellierten Schätzung trotzdem keine Naturkonstante. Gerade bei einer Technologie, deren Ausbau von denselben europäischen und nationalen Institutionen mit Milliardenbeträgen vorangetrieben wird, wäre wissenschaftliche Distanz besonders wichtig.
Kaum anders sieht es bei der häufig angeführten Arbeit der Technischen Universität Dänemark aus. Schon der Titel nennt das, was in der öffentlichen Debatte gern unterschlagen wird: „Preliminary Estimations“ – vorläufige Schätzungen. Auch dort wurde nicht jahrelang der tatsächliche Abrieb repräsentativer Windräder gesammelt und gewogen. Die Forscher arbeiten mit einem Erosionsmodell und beobachteten beziehungsweise angenommenen Reparaturzyklen. Daraus ergeben sich Werte von 30 bis 540 Gramm pro Rotorblatt und Jahr, bei Offshore-Anlagen sogar 80 bis 1.000 Gramm. Bei einem Windrad mit drei Rotorblättern reicht allein diese Spanne offshore damit rechnerisch bis zu drei Kilogramm jährlich.
Auch hier lohnt sich ein Blick auf das Forschungsumfeld. Die Veröffentlichung entstand im Zusammenhang mit dem Projekt PREMISE zur Mikroplastikbelastung durch Offshore-Windkraft. Für den konkreten Aufsatz weisen die Autoren eine Finanzierung durch die Velux Foundation sowie das dänische Außenministerium aus. DTU selbst erklärt zum Forschungsprojekt PREMISE zusätzlich, dass es von den Energiekonzernen Vattenfall und Statkraft unterstützt wird. Das beweist keine Manipulation der Ergebnisse. Es verbietet allerdings jene ehrfürchtige Behandlung solcher Modellrechnungen, mit der politisch erwünschte Studien inzwischen gerne als letzte wissenschaftliche Wahrheit verkauft werden.
Noch auffälliger ist die Art, wie die Ergebnisse eingeordnet werden. Die dänische Arbeit errechnet für sämtliche Windkraftanlagen Dänemarks rund 1,6 Tonnen Kunststoffabrieb im Jahr – und stellt diesen anschließend dem Abrieb von Schuhsohlen, Straßenmarkierungen und Autoreifen gegenüber. TNO vergleicht seine Windkraftwerte ebenfalls mit anderen Kunststoffquellen im Meer. Solche Vergleiche verändern keinen einzigen Partikel, der von einem Rotorblatt in Boden oder Meer gelangt. Sie verschieben lediglich die politische Betrachtung: Eine Umweltbelastung soll klein wirken, weil irgendwo anders eine größere existiert.
Ausgerechnet die Europäische Union akzeptiert dieses Argument in anderen Bereichen regelmäßig nicht. Ihre eigene Mikroplastikpolitik beruht darauf, einzelne vermeidbare Quellen aufzuspüren und deren Emissionen zu reduzieren. Die Kommission beschreibt Mikroplastik als persistent und sehr mobil; einmal in der Natur sei es schwer wieder zu entfernen. Es werde inzwischen im Meer, in Böden sowie in Lebensmitteln und Trinkwasser gefunden. Bis 2030 will die EU die Freisetzung von Mikroplastik um 30 Prozent senken. Dafür reguliert sie Kunststoffpellets und absichtlich zugesetztes Mikroplastik.
Bei diesem Ziel liegt Brüssel bereits weit zurück. Die jüngsten eigenen EU-Daten weisen für die Jahre 2016 bis 2022 sogar einen Anstieg der Mikroplastikfreisetzung um sieben bis neun Prozent aus. Für 2030 erwartet die Kommission nach derzeitigem Stand lediglich eine Reduktion um bis zu sieben Prozent und stuft ihr eigenes 30-Prozent-Ziel deshalb als „off track“ ein. Selbst diese Prognose bezeichnet sie wegen der zugrunde liegenden Annahmen als hochgradig unsicher.
Zur gleichen Zeit verlangt dieselbe EU einen geradezu explosionsartigen Ausbau der Windkraft. Die installierte Leistung soll nach dem Windkraft-Aktionsplan von 204 Gigawatt im Jahr 2022 auf mehr als 500 Gigawatt im Jahr 2030 steigen. Die Kommission nennt das selbst eine „massive Erhöhung“. Damit werden in wenigen Jahren Zehntausende zusätzliche Rotorblätter in Landschaften und Meeren installiert, während Brüssel bis heute keine belastbare empirische Antwort darauf vorlegen kann, wie viel Kunststoff diese Anlagen unter realen Bedingungen über ihre gesamte Betriebsdauer tatsächlich verlieren.
Dass Material verloren geht, steht längst außer Frage. Rotorblätter bewegen sich mit enormen Geschwindigkeiten durch Regen und salzhaltige Luft. Besonders ihre Vorderkanten werden permanent beansprucht und deshalb mit Schutzschichten versehen. Die sogenannte Vorderkantenerosion ist für Betreiber schon aus wirtschaftlichen Gründen ein bekanntes Problem, weil beschädigte Rotorblätter repariert werden müssen und sich die aerodynamischen Eigenschaften verschlechtern. Die wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich gerade deshalb mit Schutzbeschichtungen und Reparaturintervallen. Wer ernsthaft erforscht, wie der Materialverlust vermindert werden kann, bestätigt damit zugleich, dass dieser Materialverlust existiert.
Die politische Vermarktung der Windenergie hat diesen simplen Sachverhalt jahrelang hinter dem Label „sauber“ verschwinden lassen.
TNO kommt für die niederländische Nordsee derzeit auf rund 100 Kilogramm Mikroplastik jährlich und erwartet infolge des Windkraftausbaus einen Anstieg auf ungefähr 650 Kilogramm im Jahr 2041. Auch diese Zahlen sind natürlich Modellwerte. Selbst innerhalb des eigenen niedrigen Rechenansatzes versechsfacht sich damit die Belastung. Die politische Reaktion besteht anschließend darin, wieder auf größere Verschmutzungsquellen zu zeigen.


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