Daniel Günthers (CDU) Träumchen von der kontrollierten Öffentlichkeit

Daniel Günther will Jugendlichen soziale Medien verbieten und würde sie nach eigener jüngsten Aussage am liebsten gleich ganz abschalten. Der autoritäre Reflex des CDU-Ministerpräsidenten ist nicht neu: Schon früher erklärte er kritische Online-Medien zu „Feinden der Demokratie“ und geriet mit seinen Vorstellungen von Regulierung und Zensur in einen bundesweiten Streit.

picture alliance/dpa | Frank Molter

Die Gründe für den Absturz der CDU sind mannigfältig. Einer davon fällt besonders ins Gewicht: Eine Partei, die zentrale Wahlversprechen gebrochen hat und sich mit den Folgen ihrer eigenen Politik immer weniger konfrontieren lassen will, beginnt irgendwann, nicht mehr den eigenen Kurs, sondern die Öffentlichkeit zum Problem zu erklären. Solange Jugendliche als Hoffnungsträger vermeintlich progressiver Politik galten, wurde über die Absenkung des Wahlalters diskutiert und sie schließlich bei der Europawahl auf 16 Jahre durchgesetzt. Jetzt, da gerade unter jungen Wählern die Zustimmung zur AfD wächst, entdeckt dieselbe politische Klasse mit einer Wählerschaft jenseits der 60 Jahre den Schutzbedarf der Teenager vor sozialen Medien. Schon komisch, oder? Ein solches Verbot verlangt Alterskontrollen und erfasst damit zwangsläufig auch Erwachsene, die sich im Netz bislang ohne Identitätsnachweis bewegen können. Frankreichs Verfassungsrat hat einem pauschalen Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige erst im August einen dicken, fetten und unmissverständlichen Riegel vorgeschoben und den Eingriff in die Freiheit der Kommunikation für unverhältnismäßig erklärt.

Der CDU-Zensurkomplex
Daniel Günther offenbart, wes Geistes Kind die CDU ist: Sie will die totale Überwachung und Zensur
Daniel Günther ficht das offenbar nicht an. Der CDU-Ministerpräsident sitzt längst fest im Sattel dieses toten Gauls und gibt ihm nun noch die Sporen. Günther hat ohnehin ein ganz grundsätzliches Problem mit der digitalen Öffentlichkeit. Schleswig-Holsteins grüner CDU-Ministerpräsident gehört zu den entschiedensten Befürwortern eines Social-Media-Verbots für Jugendliche unter 16 Jahren. Bei einem Besuch der Heinrich-Heine-Schule in Büdelsdorf ließ er nun erkennen, wie viel weiter sein persönlicher Wunsch reicht. „Ich bin vielleicht radikaler als andere, aber am liebsten würde ich die sozialen Medien ganz abschalten lassen“, zitiert ihn die Schleswig-Holsteinische Landeszeitung.

Günther macht seit langem keinen Hehl daraus, dass er die neuen Kommunikationsräume für ein politisches Problem hält und ihre staatliche Einhegung für absolut notwendig. Bereits im Juni 2025 verlangte er ein bundesweites Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige. Seine schleswig-holsteinische CDU verband die Forderung damals mit dem Ruf nach einer stärkeren Kontrolle der Plattformen insgesamt. Anfang Januar 2026 zeigte sich bei „Markus Lanz“, dass Günthers Unbehagen weit über die Handynutzung von Schülern hinausreicht. Dort griff der Ministerpräsident alternative Online-Medien an. Solche Angebote seien „Gegner und auch die Feinde der Demokratie“. Lanz fasste Günthers Argumentation anschließend in einer Frage zusammen: Man müsse das also regulieren, „notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten“? Günther antwortete: „Ja.“

Interview mit Rechtsanwalt Ralf Höcker
„Was Günther sagt, ist verfassungsfeindlich“
Günther erklärte später, dieses „Ja“ habe sich ausschließlich auf ein Social-Media-Verbot für Jugendliche bezogen. Aber er war ja auch mal als Politiker, mal als Privatperson vor Ort. Mehr schizo geht nicht. Diese nachträgliche Interpretation änderte wenig daran, dass der Auftritt eine Debatte über sein Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit auslöste. Denn Günther blieb anschließend bei seinem Anspruch, Online-Medien an von ihm eingeforderten „Qualitätskriterien“ zu messen. Über bestimmte Portale sagte er, die Politik müsse erkennen, „dass die es nicht gut meinen mit unserer Demokratie“. Komisch. Das sagen immer mehr Bürger auch über die Politik der CDU. Bei einzelnen Nius-Artikeln stimme „in der Regel nichts“, behauptete er. Beim Fingerzeigen zeigen bekanntlich vier auf sich selbst zurück, aber besser nicht vor der eigenen Güntherschen Haustüre kehren.

Diese flache Nummer beschäftigte anschließend sogar den Schleswig-Holsteinischen Landtag. Die FDP wollte in einer Kleinen Anfrage von Günthers Landesregierung wissen, ob bestimmte Medien reguliert, zensiert oder verboten werden sollten. Die Staatskanzlei sah sich gezwungen, dazu Stellung zu nehmen. Ein CDU-Ministerpräsident hatte damit eine Debatte ausgelöst, die früher bei einem Regierungschef dieser Partei kaum vorstellbar gewesen wäre: Wie viel Einfluss darf der Staat darauf nehmen, wer als legitimes Medium gelten soll und welche Formen politischer Öffentlichkeit als gefährlich behandelt werden?

Der Auftritt in Büdelsdorf fügt sich deshalb nahtlos in Günthers Linie ein. Soziale Medien seien „gefährlich“. Es sei kaum zu unterscheiden, „was Wahrheit und was Lüge ist“. So ähnlich wie mal als Politiker bei Lanz, ah nee, doch als Privatperson.

Asch-Experiment
Die Daniel-Günther-Medien
Große Plattformen wie Facebook oder Instagram würden betrieben von Leuten, die „uns krank und süchtig machen“ wollten und damit Milliarden verdienten. Die entsprechenden Unternehmer bezeichnete er laut Zeitungsbericht als „Verbrecher, die die Welt beherrschen wollen“. Dafür gab es Beifall in der Aula. Ein Ministerpräsident mit zuletzt massiven Stimmenverlusten seiner Partei im Bundesland sowie mit eklatanten Verlusten im Bund, will Schülern erklären, dass Unternehmer großer Kommunikationsplattformen Verbrecher seien, die nach der Weltherrschaft strebten. Über den Wahrheitsgehalt im Internet entscheidet Günther zwar nicht persönlich, seine gesamte plumpe Argumentation läuft jedoch auf die Vorstellung hinaus, dass eine politische Instanz den Bürger vor falschen Informationen bewahren und Kommunikationsräume notfalls beschränken müsse. Lustiger wird es heute nicht mehr kaum noch. Obwohl, da ist ja auch noch Merz.

Die sozialen Medien haben das alte Verhältnis zwischen Politikern und Öffentlichkeit verändert. Aussagen lassen sich im Original verbreiten, Bürger können Quellen selbst aufrufen. Kleine Medien erreichen ohne Druckmaschine und Sendelizenz ein Millionenpublikum. Die sogenannten Altmedien, deren Akteure meist eingecremt und eingeordnet sind bis zum Abwinken, können mit ihren politisch wohlmeinenden „Einordnungen“ nicht mehr durchdringen. Das ist für Poltiker eines Schlages von Daniel Günther oder Friedrich Merz natürlich fatal. Ein Ministerpräsident kann Kritik nicht mehr darauf beschränken, was einige große Redaktionen für veröffentlichungswürdig halten. Das Netz hat die Zugangskontrolle zur Öffentlichkeit weitgehend zerstört. Und ganz genau diese Entwicklung beschreibt Günther regelmäßig als Gefahr. Für sich und seine Pfründe lässt er geschmeidig aus.

Publikumsveralberung
Daniel Günther oder Schrödingers Talkshow
Günther erzählte den Schülern, er beschränke seine Handynutzung auf etwa eine halbe Stunde täglich. Facebook und Instagram habe er nicht. Ja, warum auch? Dort müsste er sich auch von Jugendlichen anhören, was sie wirklich von jemandem wie ihm halten. Seine Tochter dürfe demnächst TikTok benutzen. Ja, nice!

Auch die AfD kam in Büdelsdorf natürlich schnell zur Sprache. Auf eine Schülerfrage zur Wahl in Sachsen-Anhalt erklärte Günther: „Wir müssen uns auch an unsere eigene Nase fassen.“ Die AfD bezeichnete er als „rechtsextreme Partei“ (was auch sonst) und erklärte, man erkenne diese schließlich nicht mehr „an Hakenkreuzen oder Heil-Rufen“.

Lustigerweise wird Günther in der großen Merz-Krise immer wieder als einer der möglichen Nachfolger im Amt gehandelt. Man kann die CDU darin nur unbedingt bestärken. Mit einer herausragenden Persönlichkeit eines Daniel Günther wird sie an ihrem weiteren Selbstzerstörungskurs den Turbo zünden.

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Kommentare ( 38 )

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38 Comments
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Regina Lange
25 Tage her

Dem Genossen Günther ist nicht mehr zu helfen. Aushorchen, spionieren und verbieten! Das Wort Stasi steht ihm ins Gesicht geschrieben! Er sollte den Linken oder Grünen beitreten – aber mit seiner Gesinnung ist er auch gut in der CDU aufgehoben! Alles ein roter Brei!

Anglesachse
25 Tage her

Dieser „besondere“ Herr kommt aus einem Bundesland, welches ein besonders braunes Erbe (Dönitz) mit sich trägt und hiesige Politiker müssen sich generell fragen lassen, wie „braun“ Ihre Ahnen waren…ein Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Schlesw-Holst. war einmal die braune NS-Hochburg schlechthin u. der Zuzug von 50% Ostpreussen (Koch) war nicht gerade eine „Liberalisierung“. Was besang einmal unser „Heino“: rotbraun ist die Haselnuss…🎼🎶“ „Nach GG haben Zeitungen/Medien (noch!) prinzipell dass Recht auf „Zeitungsenten“, ausser, wenn Personen diskriminiert/-kreditiert werden. Ein Unterschied zwischen Print-u. Digial wird nicht gemacht. Und wenn dieser „Herr“ einen Unterschied zwischen „privat u. politsch“ macht, so kann es… Mehr

Last edited 25 Tage her by Anglesachse
Minusmann
25 Tage her

Das Niveau deutscher Spitzenpolitiker ist mittlerweile unterirdisch. Aber auch die Zeit von Daniel Günther ist gezählt.

Tomas Kuttich
25 Tage her

Aktuelle Umfrage hier in SH: CDU -12%, AfD +18%… Das hat der Günther zu verantworten, durch seine nicht notwendige Koalition mt den Grünen.

Wilhelm Rommel
25 Tage her

In der ‚Literazzia‘ von 1960 lese ich gerade, dass engstehende Augen auf ‚Schläue und Hinterlist‘ deuten – ist natürlich alles physiognomischer Unsinn von anno dunnemals (obwohl der bekannte ‚Spitzbart‘ aus dem ‚Hotel Lux‘ auch mit so einer seltsamen ‚Scheinwerferstellung‘ daherkam). An der Förde residiert ein ‚Demokrat reinsten Weihwassers‘, der, wann immer ihm mal im Eifer des Gefechts die Maske des Biedermannes verrutscht und eine unschön-totalitäre Ansicht freigibt, sofort beginnen wird, sich wie ein Aal zu winden: Diesem wiedererstandenen ‚Pater Filucius‘ (W. Busch) könnte in der Sache selbst ein passender Spruch auf den Leib geschrieben sein: „Diese traurige Geschichte Tut ihm… Mehr

na sowas
26 Tage her

Na Daniel, wieviel Tausende von Euros, hast Du dem deutschen Steuerzahler, für den eigenen Geldbeutel, genommen? Wo bleibt das Dankeschön, in Form einer guten, zufriedenstellenden Arbeit, für Deutschland und nicht für‘s Ausland und deren Wegreisenden, Richtung Deutschland?

Udo Zimmermann
26 Tage her

Herr Günther wird niemals in der deutschen Politik untergehen.Er wird immer sehr anpassungsfähig in temporären politischen Systemen sein. Zusatzlich aalglatt, kaum greifbar. Mit diesen Eigenschaften hat er einen politischen Zwilling in einem anderen Bundesland. Aufgrund der Schwäche der führenden politischen Personen in unserer Republik , werden beide in jedem politischen System wie Angelposen an der Oberfläche dümpeln.Beide sind nicht besonders beliebt bei den Bürgern, aber damit können sie „gut“ leben.

Ein Mensch
26 Tage her

Ich bin dafür solchen Politikern wie den Günther eine breite Öffentlichkeit zu bieten. Er und Merz sind herrausragende Wahlkämpfer der AfD. Die sagen ganz offen, dass die Abschaffung der Demokratie, also der Richtigen nicht ,,unserer“, ihr Ziel ist. Da wird dann von Fall zu Fall das eine oder andere Schlafschaf doch mal wach. Also gebt ihnen die Bühne der Selbstzerstörung, holt das Popcorn und genießt.

Supersilent
26 Tage her

Zuerst dachte ich Günther oder Wüst als Nachfolger vom Lügenfritz, wird noch schlimmer als bisher. Mittlerweile würde ich Günther (oder Wüst) als Nachfolger begrüßen, dann wäre sichergestellt, dass die CDU im Bund bei 10% bis 12% landet und ein Neuanfang unter Führung der AFD endlich möglich ist.

Last edited 26 Tage her by Supersilent
Mermaid
26 Tage her
Antworten an  Supersilent

Bis 2029 könnte Ihr Plan klappen. Aber was können die bis dahin noch alles anstellen? Die Wähler in Sachsen Anhalt haben diese Zwickmühle verstanden.
Hoffentlich die in Mecklenburg Vorpommern auch…

Neo-Realist
26 Tage her

man sollte ARD/ZDF für über 65-jährige verbieten und für alle Bewohner von Alters- und Pflege-Heimen

Mermaid
26 Tage her
Antworten an  Neo-Realist

Nicht noch mehr verbieten. Bitte.
ARD und ZDF auflösen reicht völlig.
Ich verzichte übrigens freiwillig auf beide. Das tut wirklich gut.
Und wähle stattdessen TE, Apollo mit diesen tüchtigen jungen Leuten, die Achse mit diesen nicht mehr ganz jungen aber auch sehr tüchtigen Leuten, Reitschuster und manch andere.
Letztlich vermißt man den Zwangsfunk gar nicht mehr. Und dann wird es gemütlich…

Tomas Kuttich
25 Tage her
Antworten an  Neo-Realist

Sie sollten mal nicht so pauschalieren. Ich bin 62 und habe schon laange mit dem ÖR wie auch mit den Privaten nix mehr am Hut.