Türkei geht mit Großrazzia gegen LGBTQ-Netzwerke vor

Die Türkei lässt LGBTQ-Vereine durchsuchen, Aktivisten festnehmen und Internetseiten sperren. Schon im Juli durfte ein LGBTQ-Kreuzfahrtpublikum nicht einmal mehr an Land gehen. Europäische „Queers for Palestine“ sollten sehr genau hinschauen, welchen Stellenwert ihre Freiheit in islamisch geprägten Gesellschaften besitzt.

IMAGO
Eine LGBTQ-Demo in Istanbul, 2023

Unter dem Namen „Meine Familie ist sicher“ hat die türkische Regierung eine landesweite Großaktion gegen die organisierte LGBTQ-Szene gestartet. In der Nacht zum Sonntag rückte die Polizei in zahlreichen Provinzen gleichzeitig aus, durchsuchte Vereinsräume, Privatwohnungen und Geschäftsräume und nahm dutzende Menschen fest. Nach Angaben von Justizminister Akın Gürlek laufen Ermittlungen gegen 162 Verdächtige, neun Vereinigungen und 13 Unternehmen in 15 Provinzen. Allein in einer von Istanbul aus koordinierten Aktion wurden 38 Adressen und 54 Räumlichkeiten durchsucht. In Ankara wurden weitere 21 Personen im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Kaos GL festgenommen, eine der ältesten LGBTQ-Organisationen des Landes.

Die Staatsanwaltschaften ermitteln wegen einer ganzen Reihe schwerer Vorwürfe, darunter Bildung einer kriminellen Vereinigung, Prostitution, Obszönität und Betäubungsmitteldelikte. Die Istanbuler Ermittler behaupten außerdem, Minderjährige seien ohne angemessene Berücksichtigung ihres Alters bei Fragen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität beeinflusst worden. Justizminister Gürlek stellt die Aktion ausdrücklich in den Zusammenhang mit Recep Tayyip Erdoğans „Jahrzehnt der Familie und Bevölkerung 2026–2035“.

Beschlagnahmt wurden nach Angaben der Behörden geringe Mengen Betäubungsmittel, rund 2.000 Flaschen illegalen Alkohols, eine nicht registrierte Handfeuerwaffe sowie Mobiltelefone und andere digitale Geräte. Die Ermittlungen müssen zeigen, wem davon welche Straftat tatsächlich zugerechnet werden kann. Ein Staat, der mitten in der Nacht Menschenrechtsorganisationen und HIV-Beratungsstellen durchsuchen lässt, Webseiten sperrt und eine gesamte gesellschaftliche Szene unter Generalverdacht stellt, betreibt längst mehr als gewöhnliche Strafverfolgung. Erdoğan führt einen autoritären Kulturkampf mit Polizei und Staatsanwaltschaft.

Die Aktion erfasst inzwischen auch Organisationen, die sich gar nicht in erster Linie als politische LGBTQ-Verbände verstehen. Polizeibeamte durchsuchten die Büros von Pozitif Yaşam und Pozitif-İz, die sich mit HIV-Tests, Behandlung und der Stigmatisierung HIV-positiver Menschen beschäftigen. Ein Gericht ließ die Internetseite und die Social-Media-Konten von CETAD sperren, einem Berufsverband von Psychiatern und Psychologen. Zahlreiche weitere Organisationen und persönliche Accounts wurden ebenfalls blockiert.

Homosexualität ist in der Türkei nicht verboten. Gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden bereits 1858 im Osmanischen Reich entkriminalisiert. Erdoğans Regierung hat den gesellschaftspolitischen Druck auf Homosexuelle und LGBTQ-Organisationen dennoch über Jahre verschärft. Pride-Veranstaltungen werden regelmäßig untersagt oder von der Polizei aufgelöst. Aus dem politischen Kampf gegen „Gender-Ideologie“ und für die traditionelle Familie ist inzwischen eine staatliche Kampagne geworden.

Wie weit Ankara dabei inzwischen geht, zeigte sich bereits Anfang Juli. Die „Scarlet Lady“ der Reederei Virgin Voyages sollte auf einer zehntägigen Mittelmeerkreuzfahrt die Türkei anlaufen. Das Schiff war vom amerikanischen Veranstalter Atlantis Events gechartert worden, der Reisen für homosexuelle und andere LGBTQ-Kunden organisiert. Rund 1.900 Passagiere befanden sich an Bord.

Am 7. Juli sollte die „Scarlet Lady“ zunächst Kuşadası anlaufen, anschließend war Istanbul vorgesehen. Daraus wurde nichts. Die Provinzverwaltung von Aydın erklärte, auf dem Schiff befänden sich Gruppen, die für Verhaltensweisen bekannt seien, welche mit der gesellschaftlichen Struktur und den „moralischen Werten“ des Landes nicht vereinbar seien. Eine solche Veranstaltung werde man nicht zulassen. Die türkischen Behörden strichen schließlich beide Aufenthalte.

Die Passagiere hatten weder einen Pride-Marsch durch Ankara beantragt noch wollten sie türkischen Schulen Sexualkunde verordnen. Sie wollten als Kreuzfahrttouristen einige Stunden das Land besuchen, einkaufen und unter anderem Ephesos besichtigen. Selbst das war der türkischen Verwaltung bei dieser Reise inzwischen zu viel.

Atlantis-Chef Rich Campbell erklärte damals, sein Unternehmen habe die Türkei über zwei Jahrzehnte hinweg mehr als ein Dutzend Mal mit homosexuellen Reisegruppen besucht. Noch im Vorjahr habe es keinerlei Probleme gegeben. Einen Hafen wegen der sexuellen Orientierung seiner Reisegruppe nicht anlaufen zu dürfen, habe er zuvor nie erlebt.

Ironischerweise sollte Alexandria in Ägypten anschließend als Ersatz dienen. Auch dort durfte das Schiff allerdings: nicht anlegen. Die Genehmigung wurde kurzfristig zurückgezogen und die „Scarlet Lady“ musste erneut abdrehen. Campbell bezeichnete den Vorgang nach 36 Jahren im Geschäft als beispiellos.

„Chicken for Palestine“

Spätestens an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf einen Teil der westeuropäischen LGBTQ-Szene. Auf CSDs, Universitätsveranstaltungen und Demonstrationen gehören Palästinafahnen inzwischen vielfach zum politischen Inventar. „Queers for Palestine“ verfügt über eigene Organisationen, Veranstaltungen und Kampagnen. Die Bewegung beschreibt sich selbst als queer, antizionistisch und antikapitalistisch.
Die Solidarität geht in Teilen dieses Milieus weit über humanitäres Mitgefühl mit den Menschen in Gaza hinaus. Seit dem Massaker der Hamas an Israelis vom 7. Oktober 2023 haben sich auch innerhalb der europäischen LGBTQ-Szene erbitterte Konflikte über Israel, Hamas und den politischen Islam entwickelt. Wie weit die politische Verrenkung in Teilen der westlichen LGBTQ-Szene inzwischen geht, zeigte der Berliner Community Dyke*March 2025 besonders drastisch. Nationalflaggen waren dort unerwünscht – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Die palästinensische Fahne durfte gezeigt werden, weil die Veranstalter sie dem „antikolonialen“ und „antiimperialistischen Widerstand“ zurechneten. Eine Regenbogenfahne mit Davidstern wurde dagegen ausdrücklich ausgeschlossen.

Als am Rand der Demonstration Menschen israelische Fahnen zeigten, schlugen ihnen „Viva Palestina“-Rufe und ausgestreckte Mittelfinger entgegen. Innerhalb der homosexuellen Szene formiert sich deshalb inzwischen selbst Widerstand gegen diese Entwicklung: East Pride Berlin zog 2026 unter dem Motto „Homos sagen Ja zu Israel – Queers for Israel“ zum CSD und warnte ausdrücklich vor Bündnissen von Queers mit antisemitischen und autoritären Bewegungen.

Wie weit diese Verschiebung inzwischen reicht, zeigte wenige Wochen zuvor auch Rom. Rome Pride verweigerte Keshet Italia, der einzigen jüdischen LGBTQ-Organisation Italiens, einen eigenen Wagen bei der Parade. Anlass war deren Haltung zu Gaza. Die Organisatoren verlangten die Übernahme ihrer politischen Position gegenüber Israel.

Das alles bekommt angesichts der Entwicklung in der Türkei eine ziemlich bittere Pointe.In Berlin, London oder Rom demonstrieren LGBTQ-Aktivisten für politische Bewegungen und Gesellschaften, deren Werte ihren eigenen Freiheitsansprüchen fundamental widersprechen und wofür man andernorts von Dächern geworfen wird. Die gleichen Aktivisten können anschließend in ihre Wohnungen zurückkehren, ihre Partner heiraten, Vereine gründen und am nächsten CSD teilnehmen. Diese Freiheiten verdanken sie westlichen Rechtsstaaten.

In Gaza sieht die Wirklichkeit anders aus. Dort wird diese Form von unerwünschtem Zuspruch von Menschen, die man zumeist nicht als ‘haram‘ betrachtet, als eine Zumutung sondergleichen betrachtet. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern stehen dort nach dem weiterhin geltenden Strafgesetz aus der britischen Mandatszeit formal unter einer Höchststrafe von zehn Jahren Haft. Menschenrechtsberichte dokumentieren außerdem Schikanen und Festnahmen von Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität durch Sicherheitskräfte der Hamas.

Die Türkei liegt geographisch vor der Haustür der EU, Homosexualität ist dort seit mehr als anderthalb Jahrhunderten legal und das Land war über Jahrzehnte wesentlich säkularer geprägt als viele Staaten des Nahen Ostens. Unter einer zunehmend islamisch-konservativen Regierung genügt inzwischen eine homosexuelle Reisegruppe auf einem Kreuzfahrtschiff, damit Behörden von einer Gefährdung der „moralischen Werte“ sprechen. Zwei Monate später werden LGBTQ-Vereine im ganzen Land durchsucht.

Die westliche LGBTQ-Bewegung kann Erdoğan dafür mit Recht scharf kritisieren. Sie sollte dabei aber endlich auch einmal sehr aufmerksam registrieren, aus welchem gesellschaftlichen, rückschrittlichen Weltbild diese Politik gespeist wird. Wer gleichzeitig islamische Bewegungen romantisiert, Hamas-Terror relativiert oder die westliche Gesellschaft pauschal als eigentlichen Hort der Unterdrückung behandelt, bekommt von Ankara gerade eine Anschauungsstunde geliefert, was ihnen mit muslimischen Mehrheiten auch im Westen bevorsteht.

Wer wissen will, wohin solche Bündnisse führen können, sollte nach Hamtramck im US-Bundesstaat Michigan schauen. Dort feierte die Linke den Aufstieg der muslimischen Gemeinde als großen Triumph der Vielfalt. Kaum stellte sie die politische Mehrheit – schwuuuups – schon verbannte der vollständig muslimische Stadtrat die Pride-Flagge von städtischem Grund. Genau diese Erfahrung wird auch Europas kommunistischen LGBTQ-Aktivisten noch bevorstehen: Wer streng konservative islamische Milieus hofiert, sollte nicht darauf vertrauen, dass diese nach Erlangung politischer Macht aus Dankbarkeit plötzlich westliche Regenbogenpolitik betreiben werden. Dann werden andere Seiten aufgezogen.

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