Software-Entwickler bieten einen kompletten KI-Vorstand zum Download an. Und Argentinien arbeitet an einem Gesellschaftsrecht für rein virtuelle Unternehmen. Nur für die Haftung wird vorerst noch ein Mensch gebraucht.
picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer
Es gehört zu den großen Irrtümern unserer Zeit, dass Künstliche Intelligenz zuerst jene Tätigkeiten übernimmt, auf die ohnehin niemand Lust hat: Ablage, Reisekosten, Tabellenpflege, das Kleingedruckte auf Seite 84.
In der Praxis sind unendlich viele sogenannte „Führungskräfte“ schnell auf eine ganz andere Idee gekommen: Warum nicht die Programmierer entlassen, die die KI-Systeme entwickelt haben? Deren Arbeit kann ja die KI übernehmen, mindestens zum Teil. Das senkt den „Headcount“ und freut den Kapitalmarkt. Und „Umstellung auf KI“ klingt in der Präsentation einfach auch cooler als „wir sparen uns die Leute“.
Doch es gehört ebenfalls zu den großen Irrtümern unserer Zeit, dass menschliche Intelligenz nichts mehr ausrichten kann.
Acht Vorstände, eine Stimme, null Übergriffe
Einige Software-Entwickler drehen den Spieß jetzt nämlich einfach mal um. Sie programmieren nicht mehr ihre eigenen Jobs weg – sondern die ihrer Vorgesetzten.
Das fünfköpfige US-Entwicklerteam „Sente Labs“ bietet mit „Open Executive“ eine komplette virtuelle Unternehmensführung zum Herunterladen an – Open Source, das heißt: Jeder darf es installieren, anpassen und mit den eigenen Firmendaten füttern. Der Vorstand kommt künftig nicht mehr mit Chauffeur, sondern per Mausklick.
Der KI-Vorstand präsentiert sich dem Nutzer über eine einheitliche (natürlich KI-erzeugte) Stimme. Dahinter arbeiten acht spezialisierte KI-Agenten: Strategie, Finanzen, Personal, Recht, Betrieb, Marketing, Produktentwicklung und Kommunikation mit dem Aufsichtsrat. Das System analysiert interne Unterlagen, berücksichtigt frühere Entscheidungen und erinnert an offene Aufgaben. Technisch basiert es auf Sprachmodellen von Anthropic, einer lokalen Dokumentendatenbank und einem Gedächtnis, das vergangene Beschlüsse speichert. Der Quellcode liegt öffentlich auf GitHub.
Mit anderen Worten: Der künstliche Vorstand kann sich daran erinnern, warum er vor drei Monaten etwas beschlossen hat. Schon damit verfügt er über eine Fähigkeit, die in vielen Konzernzentralen als disruptive Innovation gelten dürfte.
Das System schläft nicht, beansprucht keinen Dienstwagen und fordert nach einem schlechten Quartal keine Sondervergütung für die „erfolgreiche Bewältigung eines herausfordernden Marktumfelds“. Es besucht keine Führungskräftetagung auf Sylt und muss nicht in einem ganztägigen Workshop lernen, wie man seinen Mitarbeitern zuhört.
Und es lässt sich nicht von einem konkurrierenden Unternehmen abwerben. Es sei denn, jemand kopiert – genauer: klaut – den Ordner.
Rache in der ZIP-Datei
Open Executive soll einen Preiswechsel der Konkurrenz erkennen, finanzielle Folgen berechnen und die zuständigen virtuellen Ressorts einbeziehen. Der Finanzagent betrachtet den Cashflow, der Strategie-Agent die Marktposition, der Rechtsagent mögliche Risiken. Am Ende spricht die Runde mit einer einzigen Stimme.
Man kann sich schon vorstellen, dass das effizienter und betriebswirtschaftlich aussichtsreicher ist als eine menschliche Vorstandssitzung, in der acht Profilneurotiker gleichzeitig behaupten, nur sie hätten recht – was in Wahrheit natürlich nichts anderes ist als ein Genitalienlängenvergleich.
Open Executive ist allerdings schon weiter, als unsere Rechtsordnung es erlaubt. Bislang ist die KI vor allem ein digitaler Berater, kein rechtswirksam bestellter Vorstand. Sie kann analysieren, empfehlen und erinnern. Verträge unterschreiben, Mitarbeiter wirksam entlassen oder vor Gericht die Verantwortung übernehmen: Das darf sie nicht. Und komplett umsonst ist die Sache denn doch auch nicht: Wer die kostenlose Software in seinem Unternehmen eingerichtet und angepasst haben möchte, kann Sente Labs dafür bezahlen. Und Rechenleistung ist ebenfalls kostenpflichtig.
Die komplett virtuelle Firma
Während Sente Labs die künstliche Chefetage programmiert, arbeitet Argentinien am juristischen Gebäude drum herum.
Die Regierung von Präsident Javier Milei hat einen Entwurf zur umfassenden Modernisierung des Gesellschaftsrechts ins Parlament eingebracht. Vorgesehen ist darin erstmals ausdrücklich die „automatisierte Gesellschaft“.
Der Begriff klingt, als hätte das Handelsregister einen Science-Fiction-Roman verschluckt. Gemeint ist: Eine solche Firma darf ihr gewöhnliches Geschäft vollständig oder teilweise durch Algorithmen und KI-Agenten erledigen lassen, ohne dafür menschliche Arbeitnehmer zu benötigen. Sie soll eine eigene Rechtspersönlichkeit und eine beschränkte Haftung besitzen. Der Entwurf wurde im Juni 2026 im Senat vorgestellt und soll demnächst beschlossen werden.
Eine KI-Firma könnte rund um die Uhr Daten verarbeiten, Forderungen eintreiben, Portfolios verwalten oder digitale Dienstleistungen verkaufen. Keine Mittagspause, kein Betriebsfest, kein Antrag auf ergonomische Hardware. Wenn das System freitags um 17.02 Uhr ein neues Projekt beginnt, beschwert sich kein Betriebsrat, sondern höchstens die Stromrechnung.
Im politischen Schaufenster ist sogar von „nichtmenschlichen Unternehmen“ die Rede. Der tatsächlich vorliegende Gesetzentwurf ist an einer entscheidenden Stelle vorsichtiger: Eine automatisierte Gesellschaft darf ohne menschliche Beschäftigte arbeiten, muss aber dauerhaft mindestens einen identifizierbaren Verantwortlichen mit Wohnsitz in Argentinien benennen.
(Wer selbst nachlesen will, kann das hier tun.
Menschen nur noch für die Haftung
Ganz ohne Menschen geht es also nicht, bisher jedenfalls. Irgendjemand muss noch den Brief vom Finanzamt öffnen.
Doch im Prinzip braucht die Konstruktion den Menschen nur noch für die Haftung – und das auch nur, weil das Gesetz es bisher so will. Ein Mensch soll für den rechtmäßigen Betrieb des Systems sowie für Steuer-, Arbeits- und Verbraucherschutzpflichten einstehen. Relevante automatisierte Entscheidungen müssen nachvollziehbar gespeichert werden. Für größere oder besonders riskante Unternehmen kann außerdem eine Technik-Haftpflichtversicherung verlangt werden.
Das ist vermutlich die Stellenbeschreibung der Zukunft: „Gesucht wird ein Mensch. Aufgaben: identifizierbar und verklagbar.“
Immerhin versucht der Entwurf damit, eine Frage zu beantworten, die bei der großen KI-Begeisterung regelmäßig unter den Konferenztisch fällt: Wer haftet, wenn der Algorithmus Unsinn anstellt? Das Unternehmen soll grundsätzlich mit seinem Vermögen einstehen. Zusätzlich gibt es den menschlichen Verantwortlichen als juristischen Notausgang. Fällt dieser Posten länger als 30 Tage aus, kann nach dem Entwurf die Haftungsbeschränkung für neue Verpflichtungen verloren gehen.
Der Mensch wird in dieser Zukunft also nicht wegen seiner Kreativität, Empathie oder Urteilskraft gebraucht. Sondern nur noch, weil eine KI weder eine ladungsfähige Adresse hat noch ein pfändbares Privatauto besitzt.
Das heruntergeladene Unternehmen
Open Executive und der argentinische Gesetzentwurf passen erstaunlich gut zusammen.
Hier entsteht die virtuelle Chefetage, dort das Rechtskleid für den weitgehend automatisierten Betrieb. Noch sind es zwei verschiedene Welten: Die Software ist ein Assistenzsystem, die argentinische Regelung ein parlamentarischer Entwurf. Aber die Richtung ist klar.
Bisher nutzten Unternehmen KI, um einzelne Arbeitsschritte zu automatisieren und einzelne menschliche Arbeitnehmer durch virtuelle zu ersetzen. Künftig werden ganze Aufgabengruppen zu KI-Agentenpaketen geschnürt: Finanzchef, Personalvorstand und Strategieberater erscheinen nicht mehr zwingend als Personen, sondern als auswählbare Module. Sollte der Rechtsagent zu vorsichtig sein, wird er nicht in den Ruhestand verabschiedet. Man ändert seinen Prompt.
Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob KI in die Chefetage einzieht. Sie lautet: Wie viele Menschen wird es in den Chefetagen überhaupt noch geben? Und hat irgendeiner von ihnen noch irgendetwas anderes zu tun, als die Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, die acht Maschinen untereinander ausgerechnet haben?
Für einfache Arbeitnehmer hat das unbestreitbar einen gewissen historischen Charme. Jahrzehntelang erklärten uns Manager, im Maschinenraum der Wirtschaftsunternehmen sei niemand unersetzlich. Jetzt kann man die Brücke dieser Unternehmen mit einer einfachen, kostenlosen Software per Download ersetzen.
Vielleicht wird das Unternehmen der Zukunft tatsächlich nur noch aus Servern und KI-Agenten bestehen – und aus einem einzigen Menschen. Der heißt dann nicht mehr Geschäftsführer, sondern Verantwortlicher für Resthaftung und Steckerfragen.
Und wenn alles schiefgeht, darf er den Konzern abschalten.


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Also wenn ich mir die „CEOs“ der deutschen Automobilproduzenten anschaue… da wir jeder 0815 Bot 1000x besser abschneiden als diese Kna…
Das gleiche gilt für Richter … wenn ich mir die Gerichtsurteile von all den Linksgrünversiften Richter-innen anschaue, dann zweifele ich an deren Urteilsvermögen! Da könnte eine KI die neutral entscheidet für einiges an Gerechtigkeit sorgen…
Sogar als docker-compose Projekt verfügbar.
Was dort an containern hochzieht, ist sogar überschaubar. Ein Build Container und ne UI.
Oh ich werde das heute Abend mal ausprobieren….
KI???
Warum so kompliziert??
Für Herbert Diess z.B. hätte ein Papagei genügt, der das grüne Parteiprogramm rezitiert.