Mit Kriegsangst an der Macht bleiben wollen

Wo Merz sich in Zukunft von der Die Linke genannten SED in Sachsen-Anhalt und anderswo vor der AfD retten lassen will, ließe sich doch sicher auch eine Volksabstimmung über das gewünschte Verhältnis zu Russland durchführen.

picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Kanzler Friedrich Merz gibt den Verteidiger Europas gegen den russischen Bären. Das ist die vorläufige Spitze der Serie der Ablenkungsmanöver von seiner chronischen Unfähigkeit, Deutschlands alte strukturelle Probleme des Sozialstaats, die neuen durch Energie-, Finanz- und sonstige Fehlwenden bei gleichzeitiger Verrottung der gesamten öffentlichen Infrastruktur zu lösen, ja nicht einmal ernsthaft anzufassen. Bevor ich dazu mehr sage, erst ein Blick auf das Strategische zwischen Westeuropa und Russland.

Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer wurde mit abgewogenen Analysen des Ukraine-Krieges einem großen Publikum bekannt. Der Generalstäbler, Historiker und Militärexperte warnt vor einer realen, hybriden Bedrohung durch Russland von West- und NATO-Europa. Einen offenen konventionellen Angriff auf NATO-Gebiet, gegen das Baltikum oder Westeuropa hält er für derzeit sehr unwahrscheinlich. Ein solcher Schritt würde die NATO-Geschlossenheit stärken und eine militärische Reaktion auslösen – genau das wolle Moskau vermeiden: „Dass eine russische Einheit mit voller Ausrüstung und mit der Flagge Russlands in der Hand die Grenze überschreitet, ist derzeit sehr, sehr unwahrscheinlich.“

Stattdessen setze Russland auf hybride Kriegsführung, die bereits im Gange sei. Dazu gehörten Sabotage, Drohnen über Flughäfen und kritischer Infrastruktur (wie Leipzig), Cyberangriffe, Desinformation, Trolle und verdeckte Aktionen. Reisner: „1000 Internet-Trolle sind in unseren Gesellschaften wirkungsvoller als 100.000 schwer bewaffnete Soldaten.“ Ziel sei Unsicherheit zu schüren, die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben und Europa zu schwächen.

Szenario NATO-Ostflanke

Als realistisches Szenario an der Ostflanke beschreibt Reisner: Verdeckte Agenten könnten in Gebieten mit hoher russischsprachiger Bevölkerung (zum Beispiel Narva in Estland) Unruhen schüren und eine „Unabhängigkeit“ ausrufen – analog zur Krim und dem Donbass. Der Westen würde dann schwer eine einheitliche Antwort finden.

Reisner hält Europa derzeit nicht für fähig, massive ballistische Raketenangriffe (wie sie die Ukraine erlebt) abzuwehren. Kritische Infrastruktur lasse sich nie vollständig schützen; der „erste Schlag“ werde immer überraschen. Reisner sieht Europa in einem hybriden Krieg, den viele nicht als solchen erkennen. Zugleich verweist er auf den Zusammenhang mit der Ukraine: Solange Russland dort gebunden sei und die USA Europa stützen, bleibt die konventionelle Gefahr begrenzt. Schwächt sich die US-Unterstützung ab oder bricht die ukrainische Front zusammen, könnte Russland den hybriden Druck massiv erhöhen. Ein Waffenstillstand in der Ukraine ohne starke Sicherheitsgarantien würde Russland Zeit zur Regeneration geben.

Als aktiver Oberst des Bundesheeres des formal neutralen Österreich geht Reisner ziemlich weit. An seiner Expertise zweifle ich nicht. Tomas Spahn, der viele Jahre für TE mit größter Sachkunde schrieb, bevor er überraschend und viel zu früh starb, würde mich für meinen laschen Text scharf kritisieren. Seiner exzellenten Expertise trat im Falle Putin Spahns feste Überzeugung zur Seite, für die er viele gute Gründe nennen konnte, Putins Mission sei unverrückbar die Wiederherstellung der alten Größe Russlands. Spahns Artikel von einst bleiben höchst lesenswert. Beim Blättern in Tomas Spahns Texten fand ich auch einen von Bettina Röhl, der von einem Frank-Walter Steinmeier berichtet, der vor dem „Säbelrasseln“ der NATO an den Grenzen zu Putins Russland warnt.

Deutschland wie die anderen europäischen NATO-Staaten und alle anderen auch sind zweifellos gut beraten, den militärischen Schlendrian seit dem vermeintlichen Ausbruch des ewigen Friedens 1989 hinter sich zu bringen und ihre Streitkräfte in einen einsatzfähigen Zustand zu versetzen – eine Aufgabe, für die es optimistisch 10 Jahre braucht. Ob Staaten, die wie Deutschland das angesichts der Tatsache fertig bringen können, wo sie ihre übrigen, ebenfalls verrotteten Zustände nicht ernsthaft anzufassen wagen, ist realistisch fraglich.

In jedem Fall ist es mindestens unvorsichtig, bei Lichte betrachtet grob fahrlässig, säbelrasselnde Geräusche von sich zu geben wie Merz oder auch Pistorius, wenn man bis jetzt noch nicht einmal genügend Leute für die Litauenbrigade auftreiben konnte, von den Defiziten in allen Bereichen modernen Militärs von Drohnen bis Luftabwehr gar nicht zu reden. Haben 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 ihre kriegsabschreckende Wirkung so sehr verloren, dass Merz und Co. so auftreten?

Bodo Ramelow, Die Linke, wollte eine Volksabstimmung über Nationalhymne und Flagge. Wo Merz sich in Zukunft von der Die Linke genannten SED in Sachsen-Anhalt und anderswo vor der AfD retten lassen will, ließe sich doch sicher auch eine Volksabstimmung über das gewünschte Verhältnis zu Russland durchführen.

Nicht fragen müssen Merz und Genossen Amerikas Präsidenten Trump, denn der hat nicht die Absicht, sich von wem auch immer in Europa in den Ukrainekrieg weiter reinziehen zu lassen.

Die rücksichtslose Unverschämtheit von Merz und Genossen ist unbeschreibbar unsäglich, für ihre innenpolitische Machtsicherung das Leben von Menschen aufs Spiel zu setzen, die Zukunft des Landes und von Generationen.

Es kann aber sein, Herr Merz, dass Sie damit so viele Stimmen jetzt in Sachsen-Anhalt und den dann kommenden Wahlen in Gang gesetzt haben, gegen deren Menge die korrigierenden Instrumente des Missbrauchs der Briefwahl und anderer Techniken nicht mehr reichen.

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Kommentare ( 93 )

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EndofRome
5 Tage her

Putin will, dass die Unterstützung des Westend sofort und gesamthaft endet. Das geht nur durch einen Atomschlag. Alles andere ist pillepalle. Merz wird noch bis 2029 im Amt bleiben, danach könnte vielleicht die AfD zum Zuge kommen. Solange kann Putin nicht warten. Ob er den Preis für einen Atomschlag wird zahlen müssen, ist ungewiss. Trump müsste mindestens eine amerikanische Stadt opfern, um die NATO zu retten.

Schwabenwilli
6 Tage her

„Kanzler Friedrich Merz gibt den Verteidiger Europas gegen den russischen Bären. Das ist die vorläufige Spitze der Serie der Ablenkungsmanöver von seiner chronischen Unfähigkeit….“

Tja, früher mussten die Juden den Kopf für schwach auf der Brust befindliche Politiker herhalten heute sind es die Russen.

Last edited 6 Tage her by Schwabenwilli
Antaam
6 Tage her

Mein Gott, wie langweilig. Hybride Bedrohung. Die Russen stehen nicht vor der Tür, sondern schicken Drohnen, die von Busfahrern aus der Luft geholt und auf den Boden zertreten werden können. Die Russen, will man uns weiß machen, sind so dämlich, dass sie nicht mal eine Drohne zusammenbasteln können, die auch funktioniert. Cui bono? Russland sicherlich nicht. DE ist wieder soweit in trauten Verein mit der EU, dass sie Krieg führen wollen. Ich frage das nicht zum 1. Mal: Wieso sollte Russland Interesse an Deutschland haben? Deutschlands Industrie schmiert ab, die Bildung in Deutschland ist saumäßig, die Infrastruktur ist überall kaputt,… Mehr

Sperrdifferential
6 Tage her

Merz‘ kriegstreibende Russlandrhetorik ist Machtsicherung. Zustimmung. Dass aber die kriegstreibende Russlandrhetorik von Tomas Spahn legitime Grundlage für eine Abschreckungspolitik sein soll, ist ein Spagat, den wohl nur ein in der Schreibstube sitzender Liberal-Konservativer hinbekommt, der aufgrund seines hohen Alters nicht mehr für den Schützengraben in Russlands Weiten interessant ist.

Schweigender Gast
6 Tage her

Schade, jetzt schwenkt TE wieder auf Kurs der Kriegstreiber und beruft sich dabei auf den Bellizisten Tomas Spahn gemäß dem Motto: „Alte Männer beschließen Kriege. Junge Männer führen sie.“

Thomas
6 Tage her
Antworten an  Schweigender Gast

Vor allen Dingen hat dieses Lager die Situation nie aus der Sicht der Russen betrachtet.
Das Argument lautet immer:
Wir, der Westen, die Nato, die EU, die USA sind die Guten.
Ende der Diskussion.

Last edited 6 Tage her by Thomas
Monostatos
6 Tage her

Tomas Spahn ist mir als russophober Kriegshetzer sehr unangenehm in Erinnerung. Was hat er tatsächlich belegt??? Und über Reisner ist jedes Wort zuviel. Da kann ich ja gleich den Etappenwallach Generalleutnant Feigling zitieren. Alles in allem hat die NATO sich seit den Neunzigerjahren zu einem aggressiven Militärbündnis gewandelt und ist selbst die Urheberin aller Feindseligkeiten in Europa und Eurasien. Bei solch absurden Aussagen wie „ Deutschland wie die anderen europäischen NATO-Staaten und alle anderen auch sind zweifellos gut beraten, den militärischen Schlendrian seit dem vermeintlichen Ausbruch des ewigen Friedens 1989 hinter sich zu bringen und ihre Streitkräfte in einen einsatzfähigen… Mehr

Peer Munk
6 Tage her

Mir leuchtet nicht wirklich ein, inwiefern diese angeblich stattfindende hybride Kriegsführung Putin nutzen soll.

Last edited 6 Tage her by Peer Munk
heinrich hein
7 Tage her

Wenn man sieh, in welche Kloake die m.E. Verbrecher das Land verwandelt haben wünscht man sich wirklich die Alliierten zurück, die Deutschland (i) eins auf die vorlaute dumme Fresse geben und (ii) wieder eine Demokratie in Deutschland implementieren unter Gefangenennahme und Verurteilung des aktuellen Verbrecherpacks.

Enrico
6 Tage her
Antworten an  heinrich hein

Man kann nicht immer auf Hilfe „von außen“ hoffen oder spekulieren. Das ist völlig unrealistisch.
Im kleinen Maßstab ist das so, wie wenn sie jeden Abend, jede Nacht mit offen zur Schau gestellten 10.000.- € am Körper tragend (plus Banderole um die Brust: „bin so reich!“) durch den Görli in Berlin traben und darauf hoffen, daß zu jeder Zeit irgendjemand rechtzeitig zu Hilfe kommt, wenn es eng wird.
Das funktioniert nicht. Nicht auf Dauer.
Wünschen kann man es sich natürlich.

Antaam
6 Tage her
Antworten an  Enrico

Stimmt, Sie haben recht, weil die europäischen EU-Staaten in der gleichen Ideologie gefangen sind wie wir. Es würde helfen, wenn die EU endlich als Organisation zerschlagen werden würde und man zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zurückkehren würde. Aber manches Mal ist es nicht mehr möglich, einen unerträglichen Zustand von Innen heraus zu verändern, weil der Repressionsstaat übermächtig geworden ist. Dann gäbe es doch nur Hilfe von außen.

Udo Zimmermann
7 Tage her

Der europäische Westen muss nur eine Aufgabe erfüllen, sich in seiner Gesamtheit wehrfähig zu machen. Die zeitaufwendige und finanzschwere Aufgabe heißt es zu überstehen, danach beginnt die wahre „balance of power“. D.h. jeder Angreifer würde sich selbst vernichten. Soweit dieTheorie. In Realität wird es immer wieder beratungsresistente unfähige Politiker geben, die der Theorie nicht folgen werden. „Stelle Dir vor, es ist Krieg und niemand ginge hin“, eine einfache, aber auch wirkungsvolle Lösung. Warum funktioniert das nicht ? Angeblich sind wir doch alle so intelligent ! Trotzdem lassen wir uns durch das Geblubber von Politikern letal beeinflussen. Das funktioniert seit Bestehen… Mehr

Teiresias
7 Tage her

„Haben 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 ihre kriegsabschreckende Wirkung so sehr verloren, dass Merz und Co. so auftreten?“ Merz und auffallend viele andere Politiker kommen aus alten Elitenazifamilien mit Obersturmbannführerhintergrund. Hohe Tiere kommen selten in die Nähe der Front – Opas Geschichten aus dem Krieg waren daher bei Merz und Konsorten politische Geschichten, die die Schrecken des Krieges nicht abbilden. Wessen Grossvater z.B. Sanitätsgefreiter war (wie meiner), der hat viel häßlichere Geschichten gehört und deshalb eine andere Perspektive auf den Krieg. Eliten lernen nicht aus Kriegen, weil die Schrecken des Krieges sie nie betreffen. Wie schon Luther sagte:… Mehr