Kapital wird wieder zum knappsten Rohstoff der Welt. Deutschland ist darauf nicht vorbereitet, verliert Substanz und engagierte Menschen. Wohlstand und Sozialstaat sind im globalen Wettlauf um Kapital nicht zu halten.
picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Früher konkurrierten Staaten miteinander. Heute konkurriert der deutsche Staat mit Nvidia, Amazon, Google, Microsoft oder Elon Musk um das Kapital der Welt. Dabei ist klar: Deutschland verliert. Die Ursachen und Folgen werden hier beschrieben.
Vom Auto verstehen die Deutschen viel. Mercedes-Benz baut in Ungarn aus – und in Deutschland ab. Im Werk Kecskemét verdoppelt der Autobauer die jährliche Produktionskapazität von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge. Am Heimatstandort Deutschland hat der Stuttgarter Konzern seine Kapazitäten seit 2024 dagegen um ein Zehntel auf 900.000 Fahrzeuge jährlich reduziert. Eine Fabrik ist ein Haufen Kapital in Form von Gebäuden, Maschinen, Prozessen, Know-how. Die besten Fabriken können die höchsten Löhne zahlen. In Deutschland immer weniger, weil die Fabriken verschwinden. Und neue nicht gebaut werden.
In Deutschland erwirtschaftet ein Arbeiter 65 bis 70 Dollar in der Stunde. In den USA bereits 84 Dollar, Tendenz steigend. In China nur 18 bis 25 Dollar. Solche makroökonomischen Zahlen sind nicht präzise fassbar. Der Tend zeigt: Deutschlands Beschäftigte werden ärmer, die der USA reicher, und China holt rasant auf.
Deutschland geht das Geld aus
Man kann es trivial sagen: Deutschland geht das Geld aus. Oder die deutsche Politik ist am Ende des Geldes angelangt, wie am Ende des Regenbogens. Bloß, dass dort kein Topf mit Gold wartet, sondern das heulende Elend. Die Makro-Zahlen bündeln die vielen Verlagerungen von Stuttgart oder Rastatt und Bremen nach Ungarn oder anderswohin. Dort läuft der Motor, hier stottert er.
Das gilt sowohl für Chemie wie Maschinenbau als auch für den Staat und für die Bürger. Hohe Produktivität würde ermöglichen, auch höhere Löhne zu bezahlen, Renten, Steuern, Sozialabgaben. Auf sinkende Produktivität folgt der Sparzwang. Die Stundenlöhne bei Mercedes sollen sinken durch längere Arbeitszeiten; die Krankenkassen werden teurer und leisten weniger, Pflegefälle werden den Sparzwang mit reduzierter Lebensqualität und Lebenszeit bezahlen.
Dann sind Klingbeil und Merz längst Figuren in der Geisterbahn der Wirtschaftsgeschichte. Aber die Deutschen werden leiden, bitter leiden. Sie leiden dann auch für die Zinszahlungen. Denn das haben Klingbeil/Merz nicht kapiert: Die Zinsen steigen, weil es einen gnadenlosen globalen Wettbewerb um knappes Kapital gibt. Der Preis des Kapitals heißt „Zins“. Wird etwas knapp, steigt der Preis, in dem Fall die Zinsen. Und darin liegt der Unterschied der Wirtschaftspolitik in Deutschland, verglichen mit den USA und China.
Für Konsumschulden keine Kredite
Amerika ist der am höchsten verschuldete Staat der Welt. Aber damit bauen die USA Rechenzentren, Raketen und Künstliche Intelligenz. Deutschland baut Schulden auf, um seinen Sozialstaat zu finanzieren. Beides benötigt Kapital. Aber nur das eine verspricht künftige Erträge. Der globale Investitionsboom könnte deshalb die Zinsen hochhalten – und den deutschen Schuldenstaat in die Zange nehmen. China sieht sich mit einer schnell alternden Bevölkerung konfrontiert. Aber da jetzt in die Fabrikationsanlagen der Zukunft investiert wird und so die Produktivität steigt, wird es Erträge erwirtschaften, um seine Alten, Kranken und Schwachen zu finanzieren. Deutschland wird an ihnen sparen müssen.
Es ist kein neuer Roman von Jules Verne. Dessen Leser konnten sich weder ein globales Eisenbahnnetz auch nur vorstellen noch 40 Millionen Automobile oder Internet und Handy. Der einzige Unterschied heute: Es wird nicht mehr 100 Jahre dauern, vielleicht nur 20. Oder zehn Jahre. Aber für diesen Aufbau sind gewaltige Gelder notwendig. S&P rechnet damit, dass die fünf Unternehmen Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle bis 2029 rund eine Billion Dollar pro Jahr investieren könnten. Sie werden Hyperscaler genannt, weil sie ihre Rechenzentren und Cloud-Dienste in einem bislang ungekannten Maßstab betreiben und nahezu unbegrenzt skalieren können.
Während Deutschland über die Reparatur seiner Bahnstrecken aus der Zeit des 19. Jahrhunderts palavert, errichten amerikanische Unternehmen die industrielle Infrastruktur für Künstliche Intelligenz.
Deutschland konsumiert, Amerika investiert
Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle investieren Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Server, Hochleistungschips, Stromanschlüsse und Datennetze. Schon 2025 lagen die Investitionsausgaben der größten Technologiekonzerne zusammen in einer Größenordnung von mehreren hundert Milliarden Dollar. Für die folgenden Jahre wurden nochmals erheblich höhere Summen angekündigt. Der weltweite Bau von Rechenzentren ist inzwischen selbst zu einem der größten Felder für grenzüberschreitende Investitionen geworden; für 2025 schätzte UNCTAD angekündigte Auslandsinvestitionen in diesem Bereich auf mehr als 270 Milliarden Dollar.
Dazu kommen OpenAI, Anthropic und xAI, Raumfahrtunternehmen wie SpaceX und Rocket Lab sowie neue Rüstungsunternehmen wie Anduril. Sie sammeln Milliardenbeträge bei Investoren ein, nehmen Kredite auf und bestellen Chips, Turbinen, Raketen, Satelliten und Roboter.
Aber ein Gesetz gilt: Anleger werden sich künftig zwischen einer Bundesschatz-Anleihe entscheiden, die derzeit um die drei Prozent bringt und noch vor wenigen Jahren mit Null-Zinsen bezahlt werden musste, oder um Schuldverschreibungen von Nvidia, Space X, Amazon oder Google, die locker sehr viel höhere Zinsen bringen. Und während die Zinsen für Bundesobligationen einer schwächelnden Wirtschaft und verarmenden Bevölkerung abgezwungen werden müssen, verdienen Hyperscaler, Weltraumpioniere und Roboter-Hersteller ihre Zinsen mit immer neuen Innovationen.
Deutschland geht einen anderen Weg – den eines gewaltigen Schuldenexperiments. Neben den Schulden im regulären Haushalt stehen Sonderschulden für Verteidigung und 500 Milliarden Euro schwere Sonderschulden für Infrastruktur und „Klimaneutralität“. Allein für 2026 wurde eine Kreditaufnahme von insgesamt rund 181,5 Milliarden Euro veranschlagt – Kernhaushalt und Sondertöpfe zusammengenommen. Deutschland macht Schulden – und diskutiert darüber, welche bereits versprochenen Sozialleistungen von welchen Sonderschulden bezahlt werden dürfen.
Der Unterschied zwischen Verschuldung und Kapitalbildung
Nicht die Höhe der Schulden allein entscheidet über die Zukunft eines Landes. Entscheidend ist, was mit dem geliehenen Geld entsteht. Eine Fabrik kann einen Kredit zurückzahlen. Ein Rechenzentrum kann Erträge erwirtschaften. Eine neue Technologie kann Produktivität erhöhen.
Ein Zuschuss, eine Transferleistung oder eine zusätzliche Verwaltungsstelle können das nicht. Deutschland hat früher Geld verteilt, das zuvor erwirtschaftet wurde. Nun verteilt es zunehmend Geld, das erst von künftigen Generationen erwirtschaftet werden soll.
Ein Teil der neuen Schulden heißt zwar „Sondervermögen Infrastruktur“. Doch führt nicht jeder Euro zu einer neuen Brücke, einer zusätzlichen Bahnstrecke oder einer leistungsfähigeren Stromleitung. Haushaltsmanöver, Subventionsprogramme und politische Klimaprojekte verwischen die Grenze zwischen Investition und Konsum.
Schulden erhalten ein Etikett. Beton erhalten sie dadurch noch nicht. Und grüne „Investitionen“ sind nicht wertschöpfend, sondern reine Geldvernichtung. Elektro-Autos werden mit Kaufsubventionen von bis zu 6.000 Euro belohnt, dazu kommen Steuerermäßigungen, Subventionen für Ladestationen und andere Geschenke. Mehrwert? Gleich Null. Jedes Windrad, das gebaut wird, ist eine hochsubventionierte Kapitalvernichtungsanlage, jedes Solarfeld ein Draufzahlergeschäft. Gerechtfertigt wird das auch nicht mit wirtschaftlichem Erfolg, sondern mit einem angeblichen Beitrag zum Weltklima.
Milliarden für grüne Subventionsjäger
900 Milliarden fließen angeblich jährlich noch in Investitionen – tatsächlich ist nur ein Bruchteil davon tatsächlich in die Zukunft gerichtet. Ein großer Teil ist eine Rente für grüne Subventionsjäger und grüne Betrüger in Wissenschaft und Politik. Der deutsche Kapitalstock schrumpft bei realistischer Betrachtung um bis zu vier Prozent. Liebesgrüße aus der DDR.
Früher war Deutschland Exportweltmeister. Heute exportiert Deutschland Kapital – und importiert Schulden.
Deutsche Ersparnisse finanzieren amerikanische Rechenzentren, amerikanische Raketen und amerikanische KI-Unternehmen, den Ausbau der dortigen Energienetze und Kernkraftwerke. Der deutsche Staat verschuldet sich dagegen immer stärker, um den laufenden Konsum und einen immer größeren Sozialstaat zu finanzieren. Höhere Zinsen fehlen beim Bau von Brücken, erfordern höhere Steuern und würgen die Restwirtschaft ab.
Wer das Kapital besitzt, entscheidet über die Zukunft. Wer nur Schulden besitzt, bezahlt sie.
Jetzt rächt sich, dass Finanzminister Lars Klingbeil von Wirtschaft nichts versteht. Als Sozialdemokrat glaubt er an staatliche Planung und Lenkung und die segensreiche Wirkung von Schulden, kurz: die ökonomische Theorie der 1960er-Jahre. Politisch groß wurde er in der Zeit der Null-Zinsphase. Diese Anomalie, eine Zeit, in der der Staat sogar Geld erhielt, wenn man bei ihm Geld parkte, hat ihn geprägt. Und Friedrich Merz, Jurist, hat sich als Wirtschaftsexperte verkauft. Dabei war er nur Lobbyist oder besserer Laufbursche bei Blackrock. Gemeinsam haben Merz und Klingbeil Deutschland in die Schuldenfalle geführt.








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