Trump handelt nicht als Prediger der Weltmoral, sondern als Machtpolitiker alter Schule. Siegen, ohne so zu demütigen, dass der andere nur noch um sich schlagen kann.
Screenshot X / The White House
Sage niemand, US-Präsident Donald Trump verstehe nichts von Inszenierung und Dramaturgie. Eine bessere Kulisse hätte sich kaum finden lassen als das Versailler Schloss mit all seiner Pracht. Macron führte den amerikanischen Präsidenten durch die Räume französischer Feudalgeschichte, lud ihn zum königlichen Dinner, und genau dort setzte Trump seine Unterschrift unter sein Iran-Memorandum of Understanding (MOU): Wie ein moderner Fürstenvertrag, große Bühne, harte Drohung, viele offene Rechnungen.
No more nukes. Strait reopening.
47 getting it DONE on the world stage!🇺🇸 pic.twitter.com/oqSHO4pmr1
— Commentary Donald J. Trump Posts From Truth Social (@TrumpDailyPosts) June 18, 2026
Macron und Europäer schieben die Kulissen, Trump liefert die Dramaturgie: Drohung, Deal, Dinner
Dies sind schon geniale Bilder. Trump erklärt gestenreich Weltpolitik, in gebührendem Abstand dahinter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Frau, bewundernd auf den US-Präsidenten blickend.
Trumps Methode ist im Kern einfach: Zuckerbrot aus Versailles, Peitsche aus Washington. Erst Bomben, dann Milliarden. Erst maximale Gewalt, dann maximale Geste. Erst die klare Ansage: Wenn es nicht klappt, bombardieren wir eben weiter. Dann das Angebot: Ölgeschäfte, Sanktionsausnahmen, Wiederaufbau, eingefrorene Gelder. Ihr habt es in der Hand.
Er weiß, dass es unmöglich ist, in einer so schwierigen Gemengelage wie im Nahen Osten plötzlich eine allumfassende Lösung aus dem Hut zu zaubern. Er hat es auf der einen Seite mit religiösen Fanatikern zu tun, auch wenn eine signifikante Anzahl von Hardlinern vermutlich eliminiert wurde. Undurchsichtig, von außen jedenfalls, wer innerhalb des Iran eigentlich das Sagen und die Macht hat. Die müssen sich, auch das weiß Trump, vor ihren Leuten rechtfertigen und Erfolge vorweisen, um ihre Position zu halten.
Den Deus ex machina gibt es in der Wirklichkeit nicht
Also bekommt Teheran etwas, das deren Vertreter gegenüber ihren eigenen Leuten als Erfolg verkaufen können: die Aussicht auf Ölverkäufe, Geld, Wiederaufbau. Zugleich bleibt die amerikanische Drohung offen sichtbar auf dem Tisch. Das ist keine Friedensromantik. Das ist Machtpolitik.
Der Deal lässt viele Möglichkeit auch für amerikanische Konzerne offen: Viel, sehr viel ist zerstört worden, das muss wieder aufgebaut werden. Gerade Ölinfrastruktur. Ölquellen sind teilweise stillgelegt worden, nicht alle dürften wieder in Betrieb genommen werden können. Der Iran ist kein armes Land, es gibt Rohstoffe, reichlich Öl und Gas. Damit kann der Wiederaufbau bezahlt werden.
Amerika steht damit hervorragend da. Die USA sind wieder eine der entscheidenden Mächte auf dem Weltölmarkt. Jede Unsicherheit am Golf erhöht den Wert amerikanischer Energie. Jede Öffnung des Iran schafft zugleich neue Geschäfte unter amerikanischer Kontrolle über Lizenzen, Ausnahmen und Finanzkanäle.
Wie es mit der Straße von Hormus weitergeht, ist noch offen. 60 Tage lang soll die Passage für internationale Schiffahrt ohne Gebühren möglich sein. Was danach geschieht, ist Teil des nächsten Machtspiels. Saudi-Arabien und die Emirate haben Pipelines ausgebaut, um nicht völlig von dieser Meerenge abhängig zu sein. Hormus bleibt wichtig, aber die absolute Erpressungsmacht des Iran wird kleiner. Und sollte Teheran wieder zu aufsässig auftreten, darf man sicher sein: Trump wird eine Reaktion einfallen. Bisher sind es Ausnahmegenehmigungen, die dem Iran Ölexporte erlauben.
Auch hier gilt eine uralte Regel der Machtpolitik: Wer den Gegner völlig demütigt, bekommt selten Frieden, sondern häufig Rache. Der oft zitierte Sun Tzu hat in seinem „The Art of War“ formuliert: Lässt man dem eingeschlossenen Gegner keinen Ausweg, kämpft er verzweifelt weiter. Umzingelt man eine Armee, lässt man ihr einen Ausweg; einen verzweifelten Feind darf man nicht zu hart bedrängen. Clausewitz hätte fortgesetzt: Krieg ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Politik. Ist das politische Ziel eine tragfähige Ordnung, darf der militärische Sieg nicht zur totalen Erniedrigung des Gegners führen.
Bismarck verstand das 1866 nach dem Sieg Preußens über Österreich. Im Vorfrieden von Nikolsburg und im Frieden von Prag blieb er bei vergleichsweise maßvollen Forderungen; Österreich verlor an Preußen kein Territorium. Er wollte Wien nicht vernichten, nicht vorführen und nicht dauerhaft zum Todfeind machen. Ziel war, Österreich später nicht als erbitterten Todfeind, sondern als möglichen künftigen Partner zu behalten.
Versailles 1919 zeigte als Gegenbild, wie es schiefgeht: ein Friedensschluss, der von vielen Deutschen als Demütigung erlebt wurde und politisch Gift freisetzte. Der Versailler Vertrag wurde von Kritikern wie John Maynard Keynes als wirtschaftlich und politisch gefährlich hart bewertet; Keynes warnte vor den Folgen eines Friedens, der Deutschland ökonomisch überfordert.
Genau in dieser Linie liegt Trumps Kalkül gegenüber Teheran und möglicherweise auch gegenüber Putin. Der Gegner soll spüren, wer die stärkeren Karten hat. Aber er muss zu Hause noch sagen können: Wir sind nicht auf den Knien zurückgekehrt.
Trump handelt nicht als Prediger der Weltmoral, sondern als Machtpolitiker alter Schule: Den Gegner schlagen, aber ohne, dass dieser sein Gesicht verliert. Drohen und verhandeln. Siegen, ohne so zu demütigen, dass der andere nur noch um sich schlagen kann.
Der gleiche Gedanke gilt übrigens auch gegenüber Putin. Diplomatie bedeutet nicht, den Gegner zu lieben oder seine Aggression zu belohnen. Sie bedeutet, ihm einen Ausweg zu lassen, den er zu Hause noch als Erfolg, zumindest aber nicht als totale Demütigung verkaufen kann. Wer Putin öffentlich nur Kapitulation, Gesichtsverlust und Tribunal lässt, darf sich nicht wundern, wenn dieser weiterkämpft. Gerade autoritäre Herrscher leben von der Fassade der Stärke. Wird diese Fassade vollständig eingerissen, bleibt ihnen oft nur die Eskalation.
Den französischen Präsidenten Macron muss man an sich selbst erinern. Er hatte in seinen helleren Tagen 2022 die Formel geprägt, Russland dürfe nicht „gedemütigt“ werden, damit es später einen diplomatischen Ausweg gebe; Putins Angriff nannte er einen historischen Fehler.
Trump ist mit der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding in Versailles jedenfalls ein echter Coup geglückt – und hat damit nicht zuletzt wieder einmal seine Gegner vorgeführt, die Trump aus ideologischen Gründen unterschätzen.

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