Präses (= Bischof) Latzel von der Evangelischen Kirche im Rheinland verliert in seinen Tiraden gegen die AfD das Augenmaß für Demokratie, Vernunft, Rechtsstaat und Evangelium. In seinem parteipolitischen Kampfgetöse bekommt er nicht mehr mit, dass er damit ein Wahlkampfhelfer für die AfD ist und den Kern des Evangeliums zerstört.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
„Eine Regierung der AfD, wenn es dazu käme, kann in Sachsen-Anhalt einiges an Schaden anrichten. Und ich hoffe, dass die Menschen, die wählen gehen, sich nicht täuschen lassen. Die Alternative für Deutschland ist keine Alternative. Sie spaltet die Gesellschaft und hat keine Antworten auf die großen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit.“ Mit dieser spaltenden Botschaft tingelte der Präses der Rheinischen Landeskirche, Thorsten Latzel, in fest geschlossener Reihe mit anderen Kirchenfürsten wochenlang durch die Medien. Indem Latzel der AfD jedwede Kompetenz abstreitet, wertet er große Teile der Bevölkerung als demokratieunfähig ab. Wenn 44 Prozent eine Partei wählen, die keinerlei Antworten auf die Fragen unserer Zeit hat, dann ist die Demokratie am Ende. Demokratie = „Volksherrschaft“ lebt von der Wertschätzung der Bürger und nicht von deren kirchlicher Verachtung.
Wie begründet der Kirchenführer auf seinem Facebook-Account seinen parteipolitischen Aktivismus? „Als Christin, als Christ kann man politisch unterschiedlichster Meinung sein. Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, sich parteipolitisch einzumischen. Aber es ist unsere Aufgabe, ethische Orientierung zu geben und rote Linien zu benennen.“ In meinen Worten: Weil die AfD „rote Linien“ überschreite, darum muss die Kirche tun, was sie gar nicht tun darf, nämlich glasklare Wahlempfehlungen mit Heiligenschein geben.
In der bundesdeutschen Demokratie ist aber nicht die Kirche, sondern das Bundesverfassungsgericht die Instanz, die nach ausführlichen, unabhängigen und fairen Verhandlungen gut begründet über die grundgesetzlich gesetzten roten Linien bei den Parteien zu walten hat. Latzel scheint nichts von dieser Bestimmung des Rechtsstaates zu halten und schwingt sich eigenmächtig als Kirchenfürst zum obersten Richter über die Parteien auf. Es ist schon mehr als merkwürdig, wie ein führender Vertreter einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ (KdöR) das Recht in aller Öffentlichkeit missachtet.
Latzel nennt seine demokratie- und rechtstaatsverachtenden Äußerungen allerdings „Orientierung“. Mit der Einleitung von „Deshalb: Zur Orientierung:“ formuliert er am 29. August 2026 auf seinem Facebook-Account sieben kurze Sätze, mit denen er meint, die Sache mit der AfD abschließend geklärt zu haben. Ich erlaube mir, mit kurzen Anmerkungen seine Argumentation zu hinterfragen. Als protestantischer Christ halte ich mit Martin Luther daran fest, dass Bischöfe und Synoden gewaltig irren können.
Erste Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, völkisches Denken oder Nationalismus zu verbreiten.“
Das ist so richtig wie banal. Aber ab wann verbreitet man Nationalismus? Widerspricht es dem christlichen Glauben, wenn man in seinem Schrebergarten die deutsche Fahne hisst? Ab wann verbreitet man „völkisches Denken“? Hat CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl völkisches Denken verbreitet, als er viele Menschen aus Russland mit deutschen Vorfahren nicht als Russen, sondern als Deutsche in Deutschland willkommen geheißen hat?
Zweite Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, die Verbrechen der NS-Zeit zu verharmlosen.“
Warum fördert Kirche und Diakonie dann vor demokratisch durchgeführten Parteitagen der AfD die primitive Gleichsetzung von AfD und NS-Zeit mit Sprüchen wie „nie wieder ist jetzt“ oder „unser Kreuz hat keine Haken“?
Dritte Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, Menschen verächtlich zu machen, nur weil sie irgendwie anders aussehen oder leben.“
Wie verächtlich und diskriminierend hat die Evangelische Kirche im Rheinland ihre eigenen Gemeindeglieder und Pfarrer behandelt, die anders als die Mehrheit gelebt und eine experimentell-neuartige Gen-Impfung ohne Fremdschutz für sich abgelehnt haben?
Vierte Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, die menschen-gemachte Zerstörung von Gottes Schöpfung zu leugnen.“
Wo leugnet die AfD in ihrem Parteiprogramm, dass über 8 Milliarden Menschen für die Biodiversität des Planeten nicht unbedingt vorteilhaft sind? Dass dadurch allerdings Gottes Schöpfung mit über 100 Milliarden Planeten in unserer Milchstraßen-Galaxie zerstört wird, kann durchaus bezweifelt werden. Zudem sollte klar sein, dass nicht jede Klima-Prognose eine Offenbarung Gottes ist. Und empirischer Dissens ist keine Sünde, selbst wenn Latzel das suggeriert.
Fünfte Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, das Kreuz Jesu Christi für Ausgrenzung und Hass zu missbrauchen.“
Es ist in der Kirchengeschichte leider sehr wohl häufig kirchlich-christlich gewesen, das Kreuz und ein kirchliches Amt zu missbrauchen, um seiner eigenen politische Meinung mehr Propagandamacht zu verschaffen und um die Opposition zu schwächen. Präses Latzel passt mit seinen Äußerungen perfekt in diese kirchengeschichtliche Ahnenreihe.
Sechste Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, antidemokratischen Herrschern wie Trump oder Putin nachzulaufen.“
Trump ist ein gewählter Populist mit autoritären Allüren, der andere ein Diktator, der auch vor dem Mord oppositioneller Kräfte nicht zurückschreckt. Wer das gleichsetzt, hat in seinem populistischen Schwarz-Weiß-Denken die Kontrolle über die Grautöne des Lebens verloren. Auffällig bleibt, wen Latzel nicht nennt: Autoritäre Projekte links und grün, islamische Theokratie, kubanische und venezolanische Zerstörung, Robert Habecks Bückling vor den Diktatoren in Katar.
Siebte Latzel-„Orientierung“:
„Es ist nicht christlich, freie Wissenschaften, Medien und Rechtsprechung pauschal zu diffamieren.“
Aber leider kann man Wissenschaften, Medien und Rechtsprechung auch nicht pauschal in Schutz nehmen, weil sie sich oft genug von der Regierung haben missbrauchen lassen. Institutionen, die irren, lügen und parteilich sind, unter Berufung auf „christlich“ gegen Kritik zu immunisieren, ist voraufklärerisch.
Latzels siebenfache Desorientierung unter dem Deckmantel der Orientierung mündet dann in seinem Facebook-Post in folgende Beschreibung des christlichen Glaubens ein:
„Christlich ist dagegen: sich um Schwache kümmern, das Gemeinwohl stärken, sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.“
Das ist die Auflösung des christlichen Glaubens in rot-grüne Phraseologie hinein. Statt Jesus Christus als Erlöser von links und rechts tickenden Menschen aus der Verlorenheit dieser Welt zu feiern, feiert sich hier eine selbstgerechte politische Milieukirche mit leeren Containerworten, die allesamt höchst ideologieanfällig sind.
Mit seinem bischöflichen Polit-Aktivismus, der denkende Menschen zum Widerspruch einlädt, erreicht Latzel bei vielen Menschen das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt: Er wird de facto zum Wahlkämpfer für die AfD. Zudem bekommen immer mehr Menschen einen Hals auf die Amts-Kirchen, die selbstgerecht ihr Mandat überschreiten. Verständlich, dass nicht nur Menschen aus der Amts-Kirche austreten, die mit Gott nichts mehr anfangen können. Mittlerweile können es viele Christen, die ihren Glauben, die Vernunft, den Rechtsstaat und die Demokratie ernst nehmen, nicht mehr verantworten, diese ideologisch verstiegene und exkommunikationswütige Polit-Kirche durch ihre Kirchensteuern pauschal mitzufinanzieren.


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