Israel gewinnt den ESC – was sagt uns das?

Die Mainstream-Dauerkritik an Israel läuft offensichtlich gänzlich am einfachen Volk vorbei. Der Song muss dessen Lebensgefühl irgendwie getroffen haben. Aber vermutlich eher deshalb, weil er originell vorgetragen war – aus dem Rahmen fiel.

FRANCISCO LEONG/AFP/Getty Images
ESC-Gewinnerin 2018 Netta Barzilai

Der ESC ist seit Jahren eine politische Veranstaltung. Die österreichische Wurst gewann ihn, weil sie gerade einen Zeitgeist traf. Der Ukraine-Anti-Krimbesetzungs-Song war ein ähnliches Phänomen. In diesem Jahr 2018 hat Israel das Rennen gemacht. Was sagt uns das?

Klar – der Beth-Ditto-Verschnitt Netta hat die „MeToo“-Kampagne hübsch aufgegriffen. Vermutlich hat die korpulente Dame aus dem Land am Ostufer des Mittelmeeres auch mit ihrem japanoiden Auftritt die Herzen der Manga-Fans erreicht. Das aber erklärt den Sieg nicht. Vor allem deshalb, weil die musikalischen Beiträge von mindestens 60 Prozent der Konkurrenten besser waren. Macht aber nichts. Israel hat den ESC gewonnen.

Der Mainstream läuft am Volk vorbei

Würden wir nun den Sieg als politisches Bekenntnis verstehen, dann müssten wir feststellen: Die Mainstream-Dauerkritik an Israel läuft offensichtlich gänzlich am einfachen Volk vorbei. Sehen wir es weniger politisch, dann haben die Voter – zumeist eher jüngere Menschen in Europa – einfach die Performance und den Auftritt gewürdigt. Dass der Song deren Lebensgefühl irgendwie getroffen haben muss, steht außer Frage. Aber vermutlich eher deshalb, weil er originell vorgetragen war – aus dem Rahmen fiel. Denn das Gros der Voter dürfte den Text ohnehin nicht verstanden haben. Wer daraus nun also eine breite Unterstützung der „MeToo“-Kampagne konstruieren möchte, wird dabei einmal mehr sein persönliches Weltbild mit der Wirklichkeit verwechseln.

Nein, was uns dieses Voting mitteilt, ist viel simpler. Dem Gros der Menschen in Europa ist es völlig egal, ob etwas, das sie witzig und originell finden, aus Israel kommt oder nicht. Und was lehrt uns das

Im Volk gibt es keinen relevanten Anti-Judaismus

Nun, Erkenntnis Nummer Eins sollte sein, dass es in Europa keinen relevanten Anti-Judaismus gibt. Wenn vor allem das Zuschauervoting einen Song aus Israel auf Platz Eins bringt, dann belegt dieses eben, dass den Votern diese politische Deklarierung völlig am A… vorbei geht. Die Menschen Europas interessiert es ganz offensichtlich nicht, woher ein Song kommt. Hauptsache, sie finden den Song und die Performance unterhaltsam.

Wenn das aber so ist – wieso ist dann Antijudaismus/Antisemitismus in der politischen Debatte ein derart bestimmendes Thema? Denn es scheint ja keine Relevanz zu haben für jene, die dann beim ESC für einen solchen Song stimmen.

Die einzige vernünftige Erklärung hierfür ist es, dass die ständig hochgefahrene Debatte um Israel und Juden für die breite Mehrheit der Menschen tatsächlich keine Relevanz hat. Dass es ihnen völlig egal ist, aus welchem Land ein Lied kommt – und welcher Religion oder Ethnie der Interpret angehört.

Wenn dem aber so ist – warum ist dann diese Debatte immer wieder Zentrum der politischen Diskussion? Ganz offensichtlich muss es wohl so sein, dass die Handlungen Weniger, die sich tatsächlich grundsätzlich antijudaistisch interpretieren und dieses auf die unterschiedlichsten Wege zum Ausdruck bringen, derart dominant sind, dass der Popanz einer weit verbreiteten, antijüdischen Grundeinstellung ständig debattiert werden muss. Und ein Popanz muss es wohl sein – wenn eine Jüdin aus Israel den ESC gewinnt.

Radikale Minderheiten prägen ein öffentliches Bild von Antijudaismus

Bedeutet also: Offensichtlich prägen radikale Minderheiten dieses öffentliche Bild des Antijudaismus. Was unbestritten so ist, wenn der bei manchen Bevölkerungsgruppen tatsächlich maßgebliche Antijudaismus die öffentliche Debatte in der bekannten Form bestimmt. Weitaus spannender aber ist die Frage, weshalb eine ebenso offensichtlich nicht ansatzweise repräsentative  Minderheit in ihrer tatsächlichen Irrelevanz die Debatte prägen kann? Und weshalb die politischen Eliten dieses offenbar begierig aufgreifen und, ohne tatsächlich den Ursprüngen dieses Antijudaismus kleiner, eigentlich irrelevanter Gruppen nachzugehen, instrumentalisieren?

Reden wir nicht drum herum: Der Kern des Antijudaismus liegt im Europa der Gegenwart eben nicht mehr bei den normalen Bürgern – nicht bei jenen Menschen, die per Voting am ESC-Entscheid mitwirken. Er liegt nicht bei jenen, die als Bürger Europas ihren Spaß an solchen Großveranstaltungen haben.

Sicherlich: Ein paar traditionelle Antisemiten wird es in diesem Europa nach wie vor geben. Sie haben beim ESC sicherlich auch nicht für den Beitrag aus Israel gestimmt. Der entscheidende Kern des Antijudaismus aber liegt ganz offensichtlich bei Gruppen, die sich für solche Unterhaltungsangebote nicht interessieren. Bei Gruppen, die einer politischen Agenda folgen, die sich jenseits der Mehrheit bewegt. Und bei Nichtregierungsorganisation, die sich mit ihrer vorgeblichen Antisemitismus-Bekämpfung kräftig aus den Staatskassen finanzieren lassen.

Darüber sollte die Politik nachdenken, die einerseits einen angeblich fest in den Genen Europas verankerten Antijudaismus immer wieder festzustellen meint, aber den importierten Antijudaismus jener, die mit „westlich-dekadenten“ Veranstaltungen wie dem ESC nichts am Hut haben, permanent verleugnen

Gegen den ESC-Ort Jerusalem werden sich die radikalen Minderheiten wenden

Die Nagelprobe steht nun bevor. Denn Israel wird – wie im Allgemeinen üblich – den ESC 2019 in der Hauptstadt Israels stattfinden lassen. Und die ist nun einmal Jerusalem. Also werden wir in absehbarer Zeit erleben, dass die Frage des Austragungsortes in den Mittelpunkt rückt. Und dabei werden die etablierten Antisemiten wieder einmal ihre angeblich politischen Bedenken zum Tragen bringen.

Warten wir also ab, wann diese Debatte beginnt – und welche Länder sich am Ende der Teilnahme verweigern, weil diese Veranstaltung doch nicht in einer Stadt stattfinden könne, die eigentlich Hauptstadt dieser sogenannten Palästinenser ist – zumindest aber nicht Hauptstadt von Israel sein darf.

So wird denn der ESC doch wieder höchstpolitisch werden. Denn nun wird sich nicht nur zeigen, wer den angeblich europäischen  Antijudaismus einmal mehr instrumentalisiert – es wird sich auch zeigen, welche Machteliten wider die politische Toleranz – vielleicht auch wider die vernünftige Unbedarftheit der Voter – diese Entscheidung zum Politikum machen.

Und insofern war die Entscheidung der Voter dann auch selbst ungewollt hochpolitisch. Sie stellt die Antijudaisten, die sich als Israel-Kritiker tarnen, vor das Problem, Farbe bekennen zu müssen. Denn ein ESC in Israel wird eben auch ein ESC in Jerusalem sein. Da dürfte sich die Spreu vom Weizen trennen.

PS: Noch ein Hinweis mit Blick auf unsere deutschen Befindlichkeiten. Was für den Anti-Judaismus gilt, gilt ähnlich für das gängige Narrativ der von allen anderen nicht geliebten Deutschen – weshalb die deutschen Beiträge regelmäßig gegen die Null-Punkte-Marke kämpften. Der ESC 2018 hat gezeigt, dass auch dieses nichts anderes ist als eine Märchenerzählung zur Selbstkasteiung. Der sympathisch vorgetragene Song des jungen Mannes von der Nordseeküste sammelte kräftig Punkte. Darunter auch aus Ländern, die angeblich traditionell gegen Deutschland stimmen, wie die Niederlande, Dänemark oder Österreich.

Und was sagt uns das? Nun – Deutschlands Beiträge der vergangenen Jahre müssen einfach nur schlecht gewesen sein. Immer hart am Publikumsgeschmack vorbei. Mit antideutschen Ressentiments aber hatte auch das nichts zu tun – das hat nun wieder einmal Michael Schulte beweisen können.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 44 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Der noch schlimmere Politmissbrauch als dieser lächerliche Eurosongcontest (wenn ich da nur an einen Hr. Wurst zurückdenke) ist wohl die Auswahl von Nobelpreisträgern.

Antijudaismus oder, wie es unsauber heißt, Antisemitismus (wer ist alles Semit?), ist meist ein Kampfbegriff, einer der großen Keule. Und als solcher ist er nur schwer in einen Diskurs zu zwingen, da hier der Antijudaismus schon wieder virulent sein könnte. Man kann nicht über etwas dikutieren, das in sich schon die Diskursunmöglichkeit trägt, zumindest aber auf ein großes Vermeidungspotential bei möglichen Teilnehmern treffen könnte. Alleine schon im ESC die Antijudaismusproblematik zu diagnostiziern ist ja schon einer gewissen Friktion unterworfen. In den meisten Massenveranstaltungen ist das Politische als Hefe vorhanden und wird je nach Bedarf mit Milch der Geistigkeit und dem… Mehr

Da der ESC seit Jahren eine politische Veranstaltung ist, tendiert der künstlerische Wert der Songs gegen null. Deshalb werden sie zum Ärger der Musikindustriellen, welche in der Regel Gott, Piraten und die Welt für den Misserfolg verantwortlich machen, zum Ladenhüter.

Wen interessiert denn so eine unwichtige Veranstaltung deren Bezeichnung schon irreführnend ist? Eurovision Song Contest was hat da Isreal zu suchen und die anderen Länder vom anderen ende der Welt? Der ESC war vor einigen Jahren so gut wie tot denn er schmorte im eigenen Saft also holte man immer mehr Länder dazu. Diese Handlungsweise ist genau das der EU es müssen immer mehr Länder mitmachen sonst implodiert der Luftballon. Über kurz oder lang wird auch Isreal zur EU gehören. Politisch ist der Quark auch noch, könnte „ein bischen Frieden“ heute noch gewinnen? Die ganze Veranstaltung ist lachhaft und die… Mehr

Wir kennen nun ja aus Israel sehr schön anzusehende und anzuhörende Männer.
Zu der Siegerin hatte ich als erstes die Assoziation der Frau, die man Bruce Willis in das 5. Elemant mitgeben will.
Da geht vielleicht noch ein bisschen?

Vermutlich sind es in der Mehrzahl eher jüngere TV-Konsumenten, sie hier beim ESC-Voting mit abstimmten.

Die deutsche junge Generation ist – man kann es getrost verallgemeinern – total uninteressiert an politischen Themen. Deshalb bekommen diese Leute auch nichts mit von der Antijudaismusdebatte in Deutschland. Somit ist es logisch, dass deren Abstimmverhalten hiervon nicht beeinflusst wurde.

Meine Meinung ähnelt Ihrer. Betrachten wir doch einfach auch mal die enorme Diskrepanz zwischen den sogenannten „Jurys“ und der „normalen Bevölkerung“ eines jeden teilnehmenden Landes.
Wie Frankreich mit einem dermaßen gesinnungsfordernden, politischen Statementlied ohne jegliche Qualität so viele Punkte erreichen konnte, ist nur den Schleimspuren der Jurys zu verdanken.

Ja, in der Tat: Eine politische Veranstaltung. Um den besten Song geht es schon lange nicht mehr. Es geht um politische Botschaften. Erst die Ost-Länder gegen die West-Länder, dann Gender-Mainstreaming, jetzt Antisemitismus-Mainstreaming. Und überhaupt: Seit wann gehört Israel zu Europa (EURO-Vision)? Und sollte es inzwischen nicht richtiger Euro-Vision-Video-und-Computer-Animation-Contest heißen? Guido Westerwelle würde in diesem Zusammenhang sicherlich von „römischer Dekadenz“ sprechen, also eine von seinen Ursprüngen entartete Veranstaltung im Rahmen des Erziehungsfernsehens.

Vielleicht haben die Menschen in Europa auch nur begriffen, was es heißt unter muslimischer Dauerbelagerung zu leiden und haben sich deshalb zu dieser durchaus politischen Sympathiebekundung hinreissen lassen… wer kann das schon mit Gewissheit sagen.

Manchmal wünschte ich mir von unserer Regierung, „wir wären auch ein bißchen wie Israel.“ Dann würden uns gewisse Kulturbereicherer nicht ständig auf der Nase rumtanzen.

Israel zeigt Flagge, macht klare Ansagen, was geht und was nicht, gerade an seinen Grenzen. Kein Wunder, daß es gerade bei den deutschen Blättern, die ansonsten gerne einen weitverbreiteten einheimischen Antisemitismus geißeln, geradezu als Aggressor gegen die unschuldigen Opfer-Palästinenser dargestellt wird.