Wegen der EU-Digitalgesetze und der damit verbundenen regulatorischen Hürden wird Apple die neue KI-Siri sowie weitere fortschrittliche Funktionen in der EU bis auf Weiteres nicht einführen.
picture alliance/dpa | Andrej Sokolow
Das war wieder ein genialer Einblick in die Technik von morgen: Auf der Entwicklerkonferenz WWDC 2026 stellte der scheidende Apple-Chef Tim Cook nicht bloß eine neue Siri-Version vor. Apple zeigt mit „Siri AI“ vielmehr, wohin die nächste Bedienoberfläche des digitalen Alltags geht: weg vom Tippen, hin zum persönlichen, kontextfähigen Assistenten, der E-Mails, Nachrichten, Fotos, Termine, Bildschirminhalte und Webwissen zusammenführt. Siri AI soll Gespräche fortsetzen, Inhalte auf dem Bildschirm verstehen, App-übergreifend handeln, Texte schreiben, Fotos bearbeiten, visuelle Informationen deuten und per Kamera sogar Mahlzeiten oder Rechnungen analysieren. Die auf künstlicher Intelligenz basierende „Siri AI“ soll das Herzstück des neuen hauseigenen Ökosystems werden.
Doch während Nutzer in den USA und anderen Teilen der Welt im kommenden Herbst mit iOS 27 in den Genuss der neuen Technologie kommen, schauen Verbraucher in der EU wieder in die Röhre. Ähnlich übrigens wie die in China.
Die EU riegelt sich ab
Als Begründung dafür, dass die neue Technologie in Europa nicht verfügbar sein wird, führt der iPhone-Konzern explizit die strengere EU-Regulierung an. Die EU erweist sich damit als Bremsklotz, der die EU-Bürger vom Fortschritt abschneidet.
Die Liste der Funktionen, auf die europäische Nutzer damit verzichten müssen, ist lang. Siri soll komplexe Zusammenhänge erfassen und Folgefragen beantworten können und führt einen kontinuierlichen Gesprächsverlauf in einer eigenen App. Systemübergreifend kann sie auf Befehl E-Mails verfassen, Fotoreihen bearbeiten, Termine koordinieren und Daten aus verschiedenen Anwendungen verknüpfen. Über die Kamera erkennt Siri Objekte, berechnet Nährwerte von Mahlzeiten oder teilt Restaurantrechnungen unter Gästen auf.
Was von der EU-Kommission als digitale Souveränität und Schutz vor Monopolen deklariert wird, entwickelt sich für die Betroffenen zu einem handfesten Standort- und Innovationsnachteil.
Hinter den Kulissen der neuen Siri AI steckt ein radikaler Strategiewechsel. Nachdem Apple mit dem ersten Anlauf von „Apple Intelligence“ im Jahr 2024 technologisch weit hinter die Konkurrenz wie OpenAI, Google oder Anthropic zurückgefallen war und die versprochenen Funktionen mehrfach verschieben musste, kaufte sich der Konzern die nötige Expertise nun extern ein.
Apple öffnet sich dem Erzrivalen
Die nächste Generation der Apple-Modelle baut maßgeblich auf der Gemini-Technologie des Erzrivalen Google auf. Für diese strategische Allianz und die Nutzung der Gemini-Lizenzen zahlt Apple laut Branchenberichten rund eine Milliarde US-Dollar pro Jahr an die Google-Mutter Alphabet.
Manager Amar Subramanya stellte gestern klar, dass Apple weder die reguläre Gemini-App noch Googles Suchdienst direkt integriert. Stattdessen wurden die hauseigenen Sprachmodelle mit den Daten der Google-Spitzenmodelle optimiert. Für rechenintensive Aufgaben kommen Nvidia-KI-Chips in Googles Rechenzentren zum Einsatz, die über eine von Apple speziell abgesicherte Software-Umgebung angesteuert werden.
Anfragen an die Cloud-Server würden weder protokolliert noch gespeichert. Selbst Google habe zu keinem Zeitpunkt Einblick in die Datenströme. Es laufe ausschließlich von Apple digital signierte Software auf den Systemen. Mehr Datensicherheitsgedanken ist derzeit kaum vorstellbar. Zudem sollen externe Experten diese Praxis von Apple prüfen können. Dies unterstreicht die tiefe Kluft zwischen der regulatorischen Realität in der EU und der technologischen Praxis im Silicon Valley.
Leitungswechsel bei Apple
Die WWDC 2026 markiert gleichzeitig einen historischen Wendepunkt in der Konzerngeschichte. Die Präsentation war der letzte große Auftritt des legendären Tim Cook. Der sichtlich bewegte Apple-Chef wird den Vorstandsvorsitz zum 1. September an den bisherigen Hardware-Chef John Ternus übergeben.
Der Druck auf das Management unter Ternus ist immens. Anfang des Jahres wurde Apple an der Börse von Alphabet als zweitwertvollster Konzern der Welt abgelöst. Das war ein direkter Denkzettel der Investoren für Apples bisheriges Zögern im KI-Sektor. Auch die gestrige Präsentation konnte die Skepsis der Wall Street nicht vollends entkräften; die Apple-Aktie schloss am Montag mit einem Minus von 1,9 Prozent.
Apple legt mit Siri AI das Fundament für kommende Produktkategorien wie KI-Brillen, smarte Displays und Heimroboter mit Roboterarmen und legt den Grundstein für kommende Technologiesprünge. Wer diese Schnittstelle kontrolliert, kontrolliert die nächste Stufe der digitalen Wertschöpfung. Wer sie blockiert, reguliert nicht nur ein Feature, sondern den Einstieg in ein neues Computerzeitalter. Europa diskutiert, ob Marktöffnung abstrakt genug gedacht wurde. Andere bauen Produkte.
Die EU verhält sich, als ließe sich Hightech wie ein Plastiktrinkhalm verwalten: verbieten, umlenken, standardisieren, mit Fristen versehen. Doch KI funktioniert nicht nach Brüsseler Verordnungslogik. Sie entsteht aus Geschwindigkeit, Daten, Rechenleistung, Risiko. Allesamt Fremdwörter in Brüsseler Stuben. Dort baut man lieber an bürokratischen Brandmauern und wundert sich, dass dahinter keine Weltkonzerne wachsen.



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