Radiant rechnet den Neustart deutscher Kern-Reaktoren vor

14 stillgelegte deutsche Reaktoren seien wieder in Betrieb zu bringen, wenn der Rückbau sofort gestoppt, das Atomgesetz geändert und die Haftungsfrage neu geregelt werde, schreibt die in Chicago ansässige Radiant Energy Group in ihrem neuen Energiebericht.

picture alliance / dpa | Matthias Balk

Der deutsche Atomausstieg ist nicht endgültig und irreversibel. Eine Reaktivierung der deutschen Kernkraftwerke sei nach wie vor technisch machbar und wirtschaftlich attraktiv. Das schreibt die in Chicago ansässige Radiant Energy Group in ihrem neuen Energiebericht und legt mit  „Restarting Germany’s Reactors: Viability and Outlook“ eine Gegenrechnung zum deutschen Atomausstieg auf. Der Ausstieg aus der Kernkraft sei politisch zwar vollzogen, technisch aber nicht endgültig, heißt es darin.

14 stillgelegte deutsche Reaktoren seien grundsätzlich wieder in Betrieb zu bringen, wenn der Rückbau sofort gestoppt, das Atomgesetz geändert und die Haftungsfrage neu geregelt werde, so die Gruppe, die ihre Arbeit als unabhängige datengetriebene Beratung für Politik und Investoren beschreibt. Radiant wirft einen Blick von außen auf die deutsche Energiesituation. Und die ist dramatisch; das Desaster, das die „Energiewender“ angerichtet haben, ist mittlerweile offensichtlich.

„Die Reaktivierung der deutschen Kernkraftwerke ist nach wie vor technisch machbar und auch wirtschaftlich attraktiv. Es ist lediglich eine Frage des politischen Willens, technische Hürden würden einem Neustart der Kernkraft in Deutschland nicht im Wege stehen“, stellen die Fachleute fest.

Es liegt nur am politischen Willen

Mit dabei ist übrigens auch Ulrich Gräber, Ingenieur und früher Vorstand der EnBW Kraftwerke und Autor des Spiegel-Bestsellers „Kniefall vor der Unvernunft“. Er vergleicht die Lage heute mit dem Start der Kernkraft in Deutschland ab 1955. Damals startete sie auf einer grünen Wiese, ohne Betrieb, Personal, Standorte und Betriebserfahrung. Heute kann sich ein Wiedereinstieg auf ein erhebliches Erbe stützen, auch ein Nukleus des Fachpersonals und der kerntechnischen Industrie ist noch vorhanden.

Radiant beteuert, 14 ehemalige deutsche Reaktoren seien noch in einem Zustand, der einen Neustart erlaubt. Entscheidend seien nicht unüberwindbare technische Hindernisse, sondern Gesetzgebung, Eigentümerwille, Genehmigungen, Finanzierung, Personal und Zeit.

Ausgangspunkt ist der 15. April 2023. An diesem Tag gingen mit Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 die letzten drei deutschen Kernkraftwerke vom Netz. Die Bundesregierung hatte zuvor mit der 19. Änderung des Atomgesetzes den kommerziellen Leistungsbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland endgültig beendet. Juristisch ist damit klar: Ohne Änderung des Atomgesetzes darf in Deutschland kein kommerzieller Atomstrom mehr erzeugt werden. Radiant bestreitet diese Rechtslage nicht, sondern macht sie ausdrücklich zum Kernpunkt: Der Neustart brauche zuerst ein politisches Moratorium beim Rückbau und anschließend eine Änderung des Atomgesetzes.

Drei Prioritätsgruppen

Radiant teilt die 14 untersuchten Reaktoren in drei Prioritätsgruppen ein. Gruppe A umfasst Brokdorf, Emsland, Grohnde, Neckarwestheim 2 und Isar 2. Das sind die aus Sicht von Radiant am leichtesten wiederherstellbaren Anlagen. Zusammen kämen sie auf rund 6,8 Gigawatt elektrische Leistung und 53,7 Terawattstunden Jahresproduktion. Die angegebenen Neustartkosten reichen von einer Milliarde Euro für Brokdorf bis 2,2 Milliarden Euro für Grohnde. Die geschätzten Zeiträume liegen bei rund 41 bis 50 Monaten.

Gruppe B umfasst Krümmel sowie Gundremmingen B und C mit zusammen rund 3,9 Gigawatt und 30,9 Terawattstunden Jahresproduktion.
Gruppe C umfasst Biblis A und B, Philippsburg 2, Unterweser, Grafenrheinfeld und Neckarwestheim 1. Diese Anlagen sind laut Radiant deutlich schwieriger und teurer, könnten aber zusammen weitere 62,7 Terawattstunden liefern. Insgesamt ergibt sich aus der Tabelle ein Programm von etwa 18,7 Gigawatt und knapp 150 Terawattstunden Jahresproduktion.

Die Kostenschätzung ist der politisch problematische Teil des Berichts. Für die einfacheren Reaktoren der Gruppe A kalkuliert Radiant Stromgestehungskosten von 37 bis 41 Euro pro Megawattstunde, je nachdem, ob staatlich gestützte Finanzierung oder private Finanzierung zugrunde gelegt wird. Gruppe B liegt ähnlich bei 37 bis 42 Euro pro Megawattstunde. Erst Gruppe C wird deutlich teurer: Dort nennt Radiant 58 bis 71 Euro pro Megawattstunde. Einzelne Anlagen reichen in der Modellrechnung von Brokdorf mit 31 bis 33 Euro pro Megawattstunde bis Neckarwestheim 1 mit 69 bis 84 Euro pro Megawattstunde.

Selbst die teureren Neustarts rechnen sich

Radiant argumentiert damit: Selbst die teureren Neustarts lägen noch in einem Bereich, der mit heutigen Großhandelspreisen und den Kosten neuer gesicherter Leistung konkurrieren können. Denn der deutsche Strommarkt ist seit dem Atomausstieg zwar nicht zusammengebrochen, aber er ist teuer und zunehmend importabhängig geworden.

2025 importierte Deutschland nach Angaben von Bundesnetzagentur und Fraunhofer ISE 76,2 Terawattstunden Strom und exportierte 54,3 Terawattstunden; der Nettoimport lag also bei 21,9 Terawattstunden. Die öffentliche Nettostromlast lag laut Fraunhofer 2025 bei 466 Terawattstunden, die gesamte Last inklusive Eigenversorgung bei rund 495 Terawattstunden.

Der durchschnittliche volumengewichtete Day-Ahead-Preis lag 2025 bei 86,55 Euro pro Megawattstunde. Im ersten Quartal 2026 war Deutschland zwar erstmals seit Ende 2023 wieder Nettoexporteur, aber der durchschnittliche Day-Ahead-Preis lag mit 102,17 Euro pro Megawattstunde weiterhin hoch.

Wiederhergestellte Kernkraft könnte großen Teil der Kohleverstromung ersetzen

Radiant setzt hier an: 150 Terawattstunden Kernkraft entsprächen grob einem Drittel der öffentlichen deutschen Stromlast. Dies würde einen massiver Wiedereintritt gesicherter, regelbarer, CO2-armer Erzeugung in das deutsche System bedeuten.
Der Bericht argumentiert außerdem, die wiederhergestellte Kernkraft könne einen großen Teil der Kohleverstromung ersetzen und so den Kohleausstieg absichern.

Deutschland erzeugte 2025 brutto noch 74,4 Milliarden Kilowattstunden aus Braunkohle und 29,9 Milliarden Kilowattstunden aus Steinkohle; zusammen also gut 104 Terawattstunden. Radiants Vollprogramm läge rechnerisch darüber.

Radiant weist auf die massive Schwäche energieintensiver Branchen hin. So lag nach Destatis die Produktion der energieintensiven Industriezweige im März 2026 um 15,2 Prozent niedriger als im Februar 2022. Die Gesamtindustrie lag im selben Zeitraum um 9,5 Prozent niedriger. Zugleich verloren energieintensive Branchen rund 53.200 Beschäftigte. Besonders stark betroffen waren unter anderem Glas, Keramik, Steine und Erden, Papier, Chemie und Metallerzeugung. Diese Branchen stehen für gut drei Viertel des industriellen Energieverbrauchs. Radiant: Ein Industrieland kann sich nicht dauerhaft auf Wetterstrom, Importe, Subventionen und Notmaßnahmen stützen, wenn es Grundstoffindustrie halten will.

Langlebigkeit nuklearer Infrastruktur

Technisch argumentiert Radiant mit der Langlebigkeit nuklearer Infrastruktur. Ein Kernkraftwerk bestehe nicht aus einem unersetzlichen Einzelgerät, sondern aus einem komplexen, aber reparierbaren Industriesystem. Viele Großkomponenten wie Dampferzeuger, Pumpen, Turbinen, Leittechnik oder Rohrleitungen seien international bereits ausgetauscht worden.

Besonders wichtig: 11 der 14 untersuchten deutschen Reaktoren seien Druckwasserreaktoren, bei denen der Zugang für schwere Komponenten konstruktiv vorgesehen sei. Radiant verweist darauf, dass Dampferzeuger und andere Großkomponenten in der Vergangenheit auch in Deutschland bewegt, entfernt oder ersetzt wurden. Selbst beim Reaktordruckbehälter sieht Radiant keine absolute technische Grenze, auch wenn ein vollständiger Austausch kommerziell bisher nicht Normalfall war.

Auch bei Personal und Lieferketten argumentiert der Bericht gegen die These vom endgültigen Verlust. Man könne früheres Personal wiedergewinnen. Bei zuletzt abgeschalteten Reaktoren seien teils noch 200 bis 300 Fachkräfte vorhanden gewesen, an einem Standort sogar mehr. Zusätzlich würden pro Anlage etwa 100 weitere Mitarbeiter benötigt. Personal aus konventionellen Kraftwerken könne innerhalb von rund drei Jahren für nukleare Funktionen qualifiziert werden.

Der Bericht kommt zu einem Zeitpunkt, an dem eine Rückkehr zur Kernkraft nicht mehr als völlig utopisch gilt: In der vergangenen Woche hatten auch die Chefs ehemaliger deutscher Kernkraftwerke einen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Unions-Fraktionschef Jens Spahn geschrieben und die Reaktivierung deutscher AKW gefordert.

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Kommentare ( 10 )

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Fritz Mueller
6 Minuten her

Leider fehlt eine wichtige Eigenschaft zur Wiederinbetriebnahme der KKW in Deutschland: Vernunft.

Dirk Plotz
11 Minuten her

Ich halte die Reaktivierung der bewusst zu Ruinen gemachten Kraftwerke nicht für sinnhaft. Die Restlaufzeiten sind zu gering. Stattdessen sollte man nun auf den Ausbau kleinerer kerntechnischer Anlagen setzen, die lokal Strom erzeugen. Dies ist ohnehin die Zukunft. Jede Stadt würde dann ihren eigenen oder mehrere Reaktoren haben. Man muss endlich in die Zukunft denken, statt immer wieder in die Vergangenheit zu wollen. Zukünftig wird aufgrund der irreversiblen Deindustrialisierung ohnehin weniger Energie benötigt. In 30 Jahren, wenn uns die Boomer wegsterben, werden erneut massiv Kapazitäten abgebaut werden müssen. Auch werden wir wieder russisches Gas bekommen, sobald der Krug hier bricht.… Mehr

Axel Fachtan
14 Minuten her

Die politische Idiotie bleibt ungebrochen. Es kam der Ukrainekrieg. Die EU hat 21 Sanktionspakete gemacht, die Deutschland von einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung abschneiden. Dann kam die Nordstreamsprengung. Habeck lässt trotzdem 2022 und 2023 die letzten 6 verbliebenen Kernkraftwerke stillligen. In der größten Energiekrise seit Kriegsende. Das hatte Merkel mit CDU CSU und FDP so 2011 beschlossen. Dann kommt der erste Krieg am Persischen Golf Juni 2025. Der zweite ist absehbar. Söder und Aiwanger lassen dann die Kühltürme von Gundremmingen C am 25.Oktober 25 wegsprengen. So soll sichergestellt werden, dass Bayern und Deutschland insgesamt nie wieder sicher und bezahlbar mit… Mehr

Thilo Braun
14 Minuten her

„UnsereDemokratie“ wird genau das nicht tun, denn das wäre für die Bewohner dieses Landes und die Wirtschaft sinnvoll. Das gehört nicht zum Programm.

maps
17 Minuten her

Und die Täter von CDU/CSU sitzen in der Regierung! Diese haben einen Schaden von Billionen EUR angerichtet, alleine die Kernkraftwerte hatten einen Wert von rund 500 Mrd. Dazu dann die irre Energiewende. Es ist Sabotage!

Benedictuszweifel
23 Minuten her

Diese vernünftige Entscheidung ginge gegen die religiöse Überzeugung von Grünen, Roten, Rotroten und vielen Gelben und Schwarzen. Und die Vernunft ist längst aus Deutschland ausgewandert…

Waehler 21
26 Minuten her

Man muss auch eben Prioritäten setzen! Die Wahrscheinlichkeit, dass das Klimaszenario RCP8.5 eintritt liegt um 5 %, eher kleiner! (Das ist das Szenario, mit dem man uns das Geld aus der Tasche gezogen hat) Zum Vergleich! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Golfstrom zusammenbricht liegt bei etwa 25-37 % eher 37 %. Sollte dies eintreten, werden uns die Windmühlen und Sonnenkollektoren nicht helfen können, sondern total versagen. Alleine, dass wir für kleiner 5 % Wahrscheinlichkeit (die auch noch strittig ist) mehr als 1 Billiarde € ausgeben, kann mit Unfähigkeit, Infantilität nicht mehr erklärt werden. Obendrein eliminieren wir noch alle tragenden Säulen die… Mehr

jwe
28 Minuten her

Ein Neustart der AKWs würde viele Jahre dauern, wenn der politische Wille da ist. Ist er das? Ich glaube nicht. AKWs sind in Deutschland heute Wunderwaffen, die uns im Moment und auf die nächsten Jahre nicht weiterhelfen, genau so wenig wie der massive Zubau mit Windrädern.

Wilhelm Roepke
28 Minuten her

Das bringt alles gar nichts, solange nicht die Mehrheit der Medien und im Anschluss daran die Mehrheit der Wähler ihr linksgrünes Denken aufgibt. Und das wiederum braucht einen Effekt wie letztes Jahr in Spanien durch einen Blackout oder Massenarbeitslosigkeit oder regelmäßige Brownouts oder was auch immer. Ein solches Ereignis kann jederzeit kommen, wann ist aber nicht absehbar.
Der Druck müsste von der Industrie kommen, aber die verschwindet lieber als sich in den politischen Gegenwind zu stellen.

AlexR
32 Minuten her

Es liegt auch daran, dass ein Ex-MP, KBW-Mitglied und bekennender Maoist illegal Kühltürme gesprengt hat.