Belgien stoppt Atomausstieg: Rückbau angehalten

In Europa kehrt die Energiepolitik von Symbolik zur Physik zurück. Was Deutschland nicht schaffen soll, macht Belgien und stoppt den Rückbau der AKWs, weil der Staat erkennt, dass (Kern-)Kraftwerke wichtige strategische Infrastruktur sind.

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Sensation in Belgien: Das Land vollzieht eine radikale energiepolitische Kehrtwende. Das Land stoppte bereits vor einem Jahr den Atomausstieg. Jetzt werden Abbau und Zerstörung der vorhandenen Kernreaktoren angehalten. Der Staat übernimmt die Reaktoren von dem entmutigten Energiekonzern ENGIE.

„Es ist eine Einigung mit ENGIE erzielt worden“, schreibt Regierungschef Bart de Wever auf 2, „um die Bedingungen festzulegen und die notwendigen Studien für eine vollständige Übernahme des belgischen Kernkraftwerks zu starten. Bis dahin werden alle Stilllegungsaktivitäten sofort eingestellt.“

Die Regierung in Brüssel will die nuklearen Aktivitäten des französischen Energiekonzerns Engie in Belgien übernehmen. Der geplante Kauf umfasst nach der gemeinsamen Mitteilung von Staat, Engie und Electrabel die gesamte belgische Kernkraftsparte: alle sieben Reaktoren, Personal, Tochtergesellschaften, Anlagen – und auch die Verpflichtungen für Stilllegung und Rückbau. Bis zum Abschluss der Gespräche sollen laufende Rückbau- und Demontagearbeiten ausgesetzt werden, damit dem belgischen Staat „alle Optionen“ offenbleiben. Ziel ist eine Grundsatzvereinbarung bis zum 1. Oktober 2026.

Damit wird der politisch verordnete Atomausstieg gestoppt und rückgängig gemacht. Belgien hatte 2003 beschlossen, aus der Kernenergie auszusteigen und alle Reaktoren bis 2025 vom Netz zu nehmen. Dieser Kurs wurde seit der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Schritt für Schritt aufgeweicht. Zunächst wurden Doel 4 und Tihange 3, die beiden jüngsten belgischen Reaktoren, bis 2035 verlängert. Bereits im Mai 2025 kippte das Parlament dann den alten Ausstiegsplan von 2003. Die Kammer strich unter anderem die gesetzliche Frist für den Atomausstieg und öffnete den Weg für Laufzeitverlängerungen und neue nukleare Kapazitäten.

Die Begründung der Regierung: Versorgungssicherheit, bezahlbarer Strom, weniger Abhängigkeit von fossilen Importen. Premierminister Bart De Wever sprach von einer sicheren, erschwinglichen und langfristig verfügbaren Energiequelle.

Genau das ist der Punkt, den viele Regierungen in Europa lange aus ideologischen Gründen ausblenden: Strom muß nicht nur rechnerisch im Jahresdurchschnitt vorhanden sein, sondern in jeder Sekunde zuverlässig zur Verfügung stehen. Windräder und PV-Anlagen können das nicht.

Belgien zieht daraus jetzt die Konsequenz. Der Schritt kommt spät. Fünf der sieben belgischen Leistungsreaktoren sind bereits endgültig abgeschaltet: Doel 3 im September 2022, Tihange 2 im Januar 2023, Doel 1 im Februar 2025, Tihange 1 im September 2025 und Doel 2 Ende November 2025. Engie hatte bereits mit Stilllegung und Vorbereitung des Rückbaus begonnen. Genau diese Prozesse sollen nun gestoppt werden.

Im Zentrum stehen zunächst Doel 4 bei Antwerpen und Tihange 3 bei Lüttich. Beide Blöcke gingen Mitte der achtziger Jahre in Betrieb und sollen nach dem bisherigen Deal bis 2035 weiterlaufen. Die belgische Atomaufsicht FANK hat für beide Reaktoren umfangreiche Sicherheitsanalysen, Aktionspläne und Nachrüstungen geprüft; für Tihange 3 gab es im Juli 2025 grünes Licht, für Doel 4 im Oktober 2025. Die Behörde verweist zugleich darauf, dass weitere Sicherheitsverbesserungen bis 2028 machen sind.

Auch finanziell ist der belgische Kurswechsel gewaltig. Die EU-Kommission genehmigte 2025 staatliche Unterstützung für die Laufzeitverlängerung von Doel 4 und Tihange 3. Belgien und Electrabel stellen dafür rund zwei Milliarden Euro an Eigenkapital und Gesellschafterdarlehen bereit. Zugleich übernimmt der belgische Staat gegen eine Pauschalzahlung von 15 Milliarden Euro langfristige Verpflichtungen für radioaktive Abfälle und abgebrannte Brennelemente.

Die neue Regierung denkt jedoch weiter. Energieminister Mathieu Bihet sprach bereits Anfang 2025 davon, die nukleare Kapazität perspektivisch von etwa vier auf acht Gigawatt zu erhöhen. Das soll nicht allein über kleine modulare Reaktoren gelingen; auch größere neue Anlagen werden geprüft.

Der französische Energiekonzern Engie selbst zeigte genervt von dem jahrzehntelangen Kampf gegen Kernkraftwerke bisher wenig Neigung, neue Reaktoren zu bauen. Genau deshalb ist die nun verhandelte Staatsübernahme so bedeutend: Belgien will die strategische Kontrolle über die nukleare Infrastruktur selbst übernehmen.

Für Deutschland ist dieser Vorgang brisant: Belgien, lange ebenfalls Ausstiegsland, dreht den Kurs zurück, weil Versorgungssicherheit, Industrieinteressen und Strompreise wieder zählen, zeigt, dass es geht. Während hierzulande noch über Speicher, Netze und wetterabhängige Einspeisung fabuliert wird, zieht Brüssel eine harte Konsequenz: Wer verlässlichen Strom will, darf funktionierende Kraftwerke nicht zerstören.

In Europa kehrt die Energiepolitik von der Symbolik zur Physik zurück. Belgien stoppt den Rückbau, weil der Staat erkennt, dass (Kern-)Kraftwerke wichtige strategische Infrastruktur sind. Neu ist, dass Regierungen wieder aussprechen, ein Industrieland ohne verlässliche Grundlast und steuerbare Kraftwerke geht ein gefährliches Experiment ein. Zumindest außerhalb der Grenzen Deutschlands.

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Kommentare ( 28 )

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RA.Dobke
16 Tage her

Wenn etwas „Mumpitz“ ist, dann der Ungeist des Glaubens an Atomkraft. Das rissge AKW Belgiens nah der Grenze zu Deutschland mit Hochrisiko für die Bürger in den Nachbarländern spricht für sich. Man sollte drohen“einzumarschieren“, um das AKW stillzulegen!

a.bayer
19 Tage her

Ob sich die deutsche politmedialen „Elite“, die sich bekanntlich als die geistig- moralische Speerspitze des Universums entwirft, von den Belgiern beeindrucken lassen wird? Ich vermute: Eher nicht.

Ohanse
19 Tage her

Das lässt Merz jetzt noch schlechter aussehen. Damit dürften seine Kompetenzwerte endgültig in den Minusbereich rutschen. Die belgische Politik beweist Merz, daß er schon wieder danebenliegt. Mittlerweile fragt man sich bei wirklich jedem Thema: Kann der überhaupt irgendetwas?

Sterling Heights
19 Tage her

Dummland ist doch Technologie offen. 🤑
Die Fluechtlingskanzlerin wurde besonders von Laber-Journalisten hofiert, weil sie irgendwann mal in Physik (mit einer eher chemisch orientierten Diss) promoviert wurde. Und der derzeitige Minister fuer….. nukleare Sicherheit, Carsten Schneider, ist ehemaliger Bankkaufmann und hat von Energietechnologien soviel Ahnung wie ich von Bibelexegese. 🤣
Die Industrie im Land der stehenden Windkraftraeder haelt sich zurück, da diese auch ideologisch ausgebremst wuerde. Die ziehen lieber in andere Laender. Ich sehe die Atomwirtschaft nicht unkritisch, aber die Ablehnung – auch in der Forschung – wird sich rächen. Wie sagte eine Oppositionspolitikerin? Wir werden von Idioten regiert. 🤕

BeastofBurden
19 Tage her
Antworten an  Sterling Heights

Aber wer schrieb Merkels Doktorarbeit, war es ihr damaliger Ehemann?

Denn schlau, verschlagen, tückisch, gerissen, skrupellos … das sind alles Eigenschaftsworte, die auf sie passen. Aber intelligent — genug für selbständiges wissenschaftliches Arbeiten?

Udo Zimmermann
19 Tage her

Röttgen ? Stellv. Fraktionsvorsitzender einer der REgierungsparteien und BT- Abgeordneter

Udo Zimmermann
19 Tage her

Wenn man Fehler gemacht hat, es die Zeit zur Korrektur gibt, soll man diese Korrektur machen. Deutschland ist ein Sonderfall. Wir laufen hier sehr gerne politischen Sektierern hinterher, zumindest in dem Deutschland seit 1871. Wir sind und bleiben obrigkeitshörig. Auch dann, wenn man erkannt hat, dass diese Obrigkeit Mist gebaut hat. Man hilft ja weiterhin nicht einmal der temporären Regierung, indem man sie von ihren sie deutlich überfordernden Aufgaben entbindet.

Diogenes
19 Tage her

Sehr vernünftig! Die wollen doch nicht so enden wie die Deutschen!

RA.Dobke
19 Tage her

Lisbeth, nun langt’s aber! Für Doofe in Kürze und glasklar: Weg von den USA und das große Europa als schwergewichtigste Vereinigung unter Beteiligung Russlands – von Lissabon bis Wladiwostock. Johannes Rau und Putin waren ziemlich nah beisammen und hintertrieben wurde das durch die USA und Großbritannien! Kulturell, technologisch und recoucenmäßikann einer solchen Föderation niemand das Wasser reichen. Die Russische Föderation hat an der Festlandmasse Europas den größten Anteil, die russische Bevölkerung lebt zu ca. 65% in Europa. Das sind etwa 145 Millionen Menschen. Die fühlen als Euroäer, denken und leben als Europäer. Sie gehören zu uns – BASTA !

DDRforever
19 Tage her

Es liegt weniger an dieser Regierung sondern an denen die sie gewählt haben. Und das sind, wie bei jedem Dilemma in diesem schaudrigen Land, die BRD Bürger. Wer also ist an allem Schuld?

BeastofBurden
19 Tage her

Zurück in die Zukunft das Jahr 1980 ⚛️. Brav, brav.

Elon Musk eilt derweil im Sauseschritt durch das 21. Jahrhundert. Das Werbevideo von SpaceX gibt einen Vorgeschmack darauf, was sich an Möglichkeiten auftut, wenn Starship bald produktionsreif ist.

https://www.youtube.com/watch?v=ANe_HW4X8oc

Bin mir ziemlich sicher, wir hätten schon den Prototyp eines kommerziellen Fusionsreaktors, wenn Musk sich auch dieses Themas angenommen hätte.