Überschuldete Autozulieferer – Gefahr für Deutschlands Wirtschaft

Die ohnehin schon zu hohe Verschuldung in der Zulieferer-Industrie wird durch die Corona-Krise dramatisch verschärft. Die Folgen werden nicht nur für die Firmen und ihre Angestellten fatal sein, sondern womöglich auch die Ordnung der sozialen Marktwirtschaft noch weiter zerstören.

imago images / argum
Hybridmodul Gen3 mit Drehmomentwandler von Schaeffler

Beim Blick auf Börsenkurse und -Indizes könnte man zu dem Schluss kommen, die durch die Corona-Pandemie ausgelöste (aber nicht allein dadurch verursachte) Wirtschaftskrise sei im wesentlichen überstanden. Wie falsch und politisch durchaus sogar gefährlich dieser Schluss ist, zeigt jetzt eine Untersuchung der Investmentbank Fox Corporate Finance (FCF) für das Handelsblatt. 

Die Researcher der Bank haben sich die Kennzahlen einer Industriesparte angesehen, die zum harten, wertschöpfenden Kern der deutschen Volkswirtschaft gehört: die Automobilzulieferer. Viele dieser Unternehmen kennt man nicht unbedingt namentlich, aber ihre Produkte stecken in Millionen von Autos weltweit. Der Blick der Öffentlichkeit und damit auch der Politik ist stets auf die großen Konzerne mit den strahlenden Markennamen gerichtet, aber die Masse der Beschäftigung und damit auch die eigentlichen Säulen des Wohlstands gerade im noch relativ hoch industrialisierten Deutschland bilden solche Unternehmen – Firmen wie Schaeffler, Leoni, Grammer oder Paragon. 

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FCF-Chef Arno Fuchs kommt nach der Untersuchung der Finanzdaten von 48 solcher Unternehmen in Deutschland und ganz Europa zum Fazit: „Der ganze Zuliefersektor in Europa hat ein zunehmendes Verschuldungsproblem.“ Das Handelsblatt zitiert ihn weiter: „Gerade die Signale von klassischen Steuerungskennzahlen wie Verschuldungsgrad, Schuldendienstfähigkeit und Verschuldung zu Börsenbewertung stehen bei vielen Branchenvertretern auf Dunkelrot, nur noch bei wenigen auf Orange“ 

Die Probleme bestehen längst nicht nur durch Corona. Deutsche Unternehmen sind historisch bedingt – letztlich aufgrund der Wertvernichtung des Zweiten Weltkrieges – ohnehin im internationalen Vergleich eigenkapitalschwächer als beispielsweise amerikanische. In abgeschwächter Weise gilt das auch für die Unternehmen anderer vom Krieg betroffener europäischer Länder. Der Strukturwandel der gesamten Automobilindustrie in Richtung Elektroantrieb und der damit verbundene Investitionsbedarf hat nun die Schulden der ohnehin oft eigenkapitalschwachen mittleren Unternehmen stark ansteigen lassen. Nun kommen die Absatzeinbrüche durch den Lockdown hinzu. Ein besonders drastischer Fall ist zum Beispiel der Nürnberger Kabelhersteller Leoni. Laut FCF stehen dort einer Marktkapitalisierung von 237 Millionen Euro Nettoschulden in Höhe von 1207 Millionen gegenüber. Morgen legt das Unternehmen neue Zahlen vor. 

Die Überschuldung – nicht nur bei Leoni kann man von einer Schuldenfalle sprechen, aus der es kaum ein Herauskommen aus eigener, operativer Kraft gibt – könnte sich jetzt in der Corona-Krise als fatale Schwachstelle für Deutschland und andere europäische Industrieländer (nicht zuletzt Norditalien) erweisen. Die Umsatzeinbußen könnten für viele Unternehmen der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Unternehmen werden gezwungen sein, einerseits an Investitionen und vor allem an Personal zu sparen. Die volkswirtschaftlichen und vor allem sozialen Folgen, die sich vermutlich erst in einigen Monaten in spürbarer Härte offenbaren, dürften schwerwiegend sein. 

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Von den großen Automobilkonzernen, also ihren mächtigen Kunden, haben die meisten betroffenen Zulieferer vermutlich wenig Unterstützung zu erwarten. VW, Daimler und BMW sind selbst unter extremem Kostendruck. Sie werden nur diejenigen Zulieferer durch Sonderkonditionen schonen, die de facto Monopolisten in ihren Spezialgebieten sind, deren Zulieferungen also nicht ersetzlich sind. Für Zulieferer die im Wettbewerb stehen, wird es heißen: Werdet billiger oder fusioniert mit der Konkurrenz. Der politische Widerstand gegen solche Konzentrations- und damit auch Vermachtungstendenzen wird ohnehin immer schwächer. Eine Ordnungspolitik der Stärkung kleiner Unternehmen und des Wettbewerbs im Geiste Erhards findet selbst in der CDU kaum noch statt. Von Peter Altmaier ist da nicht viel zu erwarten.

Damit verbunden ist die zweite große Tendenz, die in der Folge der Coronakrise gerade die Automobilzulieferer in naher Zukunft immer stärker betreffen dürfte: Der Staat und seine finanzwirtschaftlichen Ableger wie KfW und Bürgschaftsbanken werden noch stärker als sie es ohnehin schon tun, eingreifen. Natürlich ist das in Lagen wie der aktuellen nicht grundsätzlich abzulehnen. Die Institution der Kurzarbeit bewahrt unzählige Unternehmen und vor allem ihre Angestellten vor dem materiellen Existenzverlust. Aber die Gefahr ist groß, dass daraus ein Dauerzustand wird. Für alle, die von der Vermachtung der Wirtschaft profitieren – Politiker, Beamte, aber auch Manager – ist die schleichende Verstaatlichung und damit Abkopplung vom Markt eine dauernde Versuchung, der nachzugeben heute immer einfacher gemacht wird. Könnte man davon ausgehen, dass in den Wirtschaftsministerien der Länder und des Bundes, in der KfW und anderen wirtschaftspolitischen Institutionen und vor allem im Kanzleramt überzeugte Ordnungspolitiker, Verteidiger der sozialen Marktwirtschaft, bestimmten, so gäbe es wenig Grund für Sorgen um die Ordnung der deutschen Wirtschaft und ihre Fähigkeit aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Das kann man aber leider nicht. Auch dann nicht, wenn kein Grüner oder Sozialdemokrat 2021 Kanzler werden sollte.

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Kommentare ( 97 )

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Albert Pflueger
3 Monate her

Das Verschieben der Insolvenzen bis ins Frühjahr wird jede Menge noch gesunde Unternehmen in die Pleite treiben, denn eine Insolvenz bedeutet, daß die Lieferanten, die bezahlt wurden, bis zu zwei Jahre rückwirkend das Geld wieder rausrücken müssen, das betrifft auch Vermieter. Sie werden dann nach Abschluß des Verfahrens quotal aus der Masse bezahlt. Leider dauert ein solches Verfahren lange, und der Insolvenzverwalter muß auch noch bezahlt werden. Damit werden solche, die beispielsweise vorsichtshalber nur noch gegen Vorkasse geliefert haben, nachträglich geschröpft. Das überstehen in dieser angespannten Situation bestimmt viele nicht, davon muß man ausgehen. Dieses Verhalten ist als Konkursverschleppung bekannt… Mehr

H. Hoffmeister
3 Monate her

Und die Großen werden von angestellten Managern geführt, die umgehend parieren, wenn die politische „Elite“ ihre neueste, hanebüchene Idee durchprügeln will (man will sich ja nicht den hochdotierten Dienstvertrag versauen).

Karl Schmidt
3 Monate her

„…durch die Corona-Pandemie ausgelöste“. Der Virus hat die Wirtschaft weit weniger geschädigt als die Unfähigkeit der Politik, die Erkrankung im Vorfeld einzudämmen und später der „Lockdown“, der verhängt wurde, als die Krankheit bereits auf dem Rückzug war.

Thorsten
3 Monate her
Antworten an  Karl Schmidt

Die Maßnahmen wie Grenzschließung, Maskenbeschaffung und Lockdown kamen politische motiviert viel zu spät.

Das übliche Versagen der Merkel-Politik, die gerne Sachen anbrennen lässt, um dann als „Retter in der Not“ zu glänzen.

Auch Spahn hat sich blamiert und kann froh sein, dass Laschet sich noch tapsiger angestellt hat.

Boris G
3 Monate her

Vielleicht sind die fetten Jahre (die so richtig fett eigentlich auch nie waren) mit der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Baby-boomer-Generation tatsächlich vorbei. Und das nicht nur wegen der atemberaubenden Verschuldung in den Schlüsselindustrien. Prosperität, Innovation und Wachstum sind an die Kombination einer kognitive Elite plus hohe Durchschnittsintelligenz einer Bevölkerung gebunden (dazu H. Rindermann, Cognitive Capitalism). Von den Superklugen sind viel zu wenige nachgeboren worden und die Migration senkt den Durchschnitts-IQ nachhaltig (dazu G. Heinsohn). Wir müssen uns auf ein Wohlstandsniveau einstellen, das für Länder mit einem Durchschnitts-IQ von 90 typisch ist: Albanien, Kroatien, Türkei.
Quelle:
http://www.rlynn.co.uk/uploads/pdfs/Intelligence%20and%20the%20Wealth%20and%20Poverty%20of%20Nations.pdf

Thorsten
3 Monate her
Antworten an  Boris G

Die Arbeitsproduktivität der Baby-Boomer und Gesamtarbeitsleistung (als Lebensarbeitszeit) dieser Generation werden die Nachfolger nicht aufbringen können und wollen. Damit ist dieser Wohlstand nicht zu halten.

Alexis de Tocqueville
3 Monate her

Marktbereinigung ist ein natürlicher Prozess.
Die Wirtschaft per Dekret runterfahren und gleichzeitig die großen Unternehmen, egal wie Pleite, mit Staatsbeteiligung „retten“, damit die dann unverschuldet in Not geratene kleine aufkaufen können, ist keine Marktbereinigung.
Das ist Enteignung und Verstaatlichung. Das ist reiner Sozialismus.

Alexis de Tocqueville
3 Monate her

„Viele dieser Unternehmen kennt man nicht unbedingt namentlich“

Ui, wie spannend. Wer könnten die Geheimnisvollen sein?

„Firmen wie Schaeffler, Leoni, Grammer oder Paragon.“

Ach so, hahaha. Noch ein echter Hidden Champion: Continental. Kennt man nur als Hotel, aber einen gleichnamigen Autozulieferer gibts auch.

Das Gute ist, wir müssen uns die Namen gar nicht erst merken.

friedrich - wilhelm
3 Monate her

……wir können uns nicht beklagen, obwohl wir für die autoindustrie auch werkzeuge hergestellt haben! mercedes, bmw ,usw. sind immer gute kunden gewesen. doch als unternehmer muß man flexibel sein und bleiben. eine zweistellige rendite uß eigentlich immer herausspringen!

Pitt Arm
3 Monate her

Ich wage mal eine Vorausschau auf die kommende Bundestagswahl: Positiv ist, daß Grüne Themen mehr oder weniger irrelevant sein werden (sehr gut). Die meisten Bürger werden sich um ihren Arbeitsplatz und die Wirtschaft Gedanken machen. Wenn bis dahin das Euro-Desaster nicht schon voll eingetreten ist.

thinkSelf
3 Monate her

„… womöglich auch die Ordnung der sozialen Marktwirtschaft …“ Herr Knaus, ich weiß ja nicht in welchem Paralleluniversum Sie sich in den letzten 20 Jahren aufgehalten haben. Mir erschließt sich jedenfalls nicht wo die Regierung noch Maßgebliches an dem 80% Feudalsozialismus in diesem Land ändern sollte oder müsste. Gut, wir brauchen noch etwas bis wir das Niveau des Steinzeitkommunismus kubanischer und venezuelanischer Prägung erreicht haben. Aber daran wird ja aktuell mit Hochdruck gearbeitet. Jetzt wird erst mal der Mittelstand abgeräumt. Damit sind dann die letzten Widerstandsnester ausgelöscht. Obwohl, Widerstandsnester ist natürlich zu viel gesagt. Widerstand gegen den kulturmaxistischen Frontalangriff habe… Mehr

D. Ilbert
3 Monate her

Die Börse hat immer Recht. Sie hatte Recht in der Krise 1987, sie hatte Recht in der „Neue-Markt“-Krise, sie hatte Recht in der Lehmann-Krise und sie wird auch heute Recht behalten. Allen Unkenrufen zum Trotz. Zumindest ist das meine feste Überzeugung. Die am Werk befindlichen Kommunisten mögen Schalten und Walten wie sie wollen. Die Nachfrage von fast 8 Milliarden Menschen muß befriedigt werden. Die Börse setzt darauf, daß die Industrie diese Nachfrage befriedigen wird. Und die große Anzahl dieser 8 Milliarden wird sich nicht durch das Wollen von Kommunisten wieder in die Steinzeit zurück katapultieren lassen. Das mag ein, zwei,… Mehr

Britsch
3 Monate her
Antworten an  D. Ilbert

„Die Industrie geht in einer globalisierten Welt, praktisch ohne Grenzen dort hin wo die besten Bedingungen für sich vorzufinden sind. Oft Produktionen / Produktionen, Vertrieb. Verwaltung in Verschiedenen Ländern wo es entsprechend am günstigsten ist auch um in den Büchern kosten und gewinne da hin schieben zu können wo es steuerlich gerade am Besten paßt

Boris G
3 Monate her
Antworten an  D. Ilbert

Die Börsen blenden aktuell die Realität in den Unternehmen komplett aus. Sie werden getrieben durch die expansive Geldpolitik der Zentralbanken. Unternehmen kaufen mit Krediten ihre eigenen Aktien zurück. Das treibt die Kurse. Das viele frisch gedruckte Geld muss irgendwo hin. Und die Bedürfnisse der Massen können wohl chinesische Fabriken am preiswertesten stillen.