Deutschland, verblendet von seiner eingebildeten moralischen Überlegenheit, versteht die Welt nicht. Glaubt aber gerade deshalb, alle belehren zu müssen. Was, wenn China Taiwan nicht aus Aggression, sondern aus historischem Selbstverständnis beansprucht? Eine Perspektive die Deutschland - wie alle Perspektiven, die nicht die eigenen sind - konsequent ausblendet.
IMAGO / Xinhua
Deutschlands Moral-Elite beurteilt die Welt nach völkerrechtlichen Kategorien, die der Westen aufgestellt und für universell gültig erklärt hat. Sie interessiert sich nicht dafür, dass weite Teile des globale Südens kulturell anders geprägt sind und deshalb ganz anders denken. Dies zeigt, dass die deutsche Moral-Elite nur scheinbar weltoffen ist, sich aber in Wirklichkeit nur für ihre eigenen Werthaltungen interessiert und deshalb zutiefst provinziell ist und immer weiter an Einfluss verliert.
Dies ist sehr gut am Beispiel des Taiwan-China Konflikts zu erklären.
Weder die deutsche Politik noch die deutschen Medien sind interessiert daran, den kulturell philosophischen und damit den emotionalen Hintergrund des Konfliktes zu verstehen und aufgrund dessen einen konstruktiven Einfluss auszuüben.
Warum China Taiwan als Teil des chinesischen Raums betrachtet
Die Frage, warum China Taiwan als untrennbaren Teil seines Territoriums betrachtet, lässt sich nicht allein durch moderne Politik erklären. Sie wurzelt tief in einem komplexen Geflecht aus philosophischen Traditionen, kulturellen Selbstverständnissen und historischen Erfahrungen, die über zwei Jahrtausende zurückreichen. Um diese Sichtweise zu verstehen, muss man sich in das chinesische Denken hineinversetzen – ein Denken, das von Harmonie, Einheit, moralischer Ordnung und einem besonderen Verständnis von Welt und Staat geprägt ist.
1. Konfuzianismus: Die politische Ordnung als Familienordnung
Der Konfuzianismus ist die prägendste philosophische Tradition Ostasiens. Er formte über Jahrhunderte das chinesische Staatsverständnis und beeinflusst es bis heute. Im konfuzianischen Denken ist der Staat nicht einfach eine politische Struktur, sondern eine erweiterte Familie. Der Herrscher steht an der Spitze wie ein Vater, die Regionen und Völker sind wie Kinder oder Verwandte. Harmonie entsteht, wenn jeder seinen Platz kennt und die Ordnung respektiert.
Taiwan wird in diesem kulturellen Rahmen nicht als fremdes Land gesehen, sondern als Teil der chinesischen Familie, der historisch und kulturell dazugehört. Eine Abspaltung wäre aus konfuzianischer Sicht nicht nur politisch, sondern moralisch falsch – ein Bruch der natürlichen Ordnung.
Der Verrat an der eigenen Familie
In dieser Logik gilt Verrat als Todsünde. Wer sich vom eigenen Verbund abwendet und sich mit dem Feind verbündet, stellt sich außerhalb der moralischen Ordnung. So wird Taiwan und in abgewandelter Form die Ukraine in weiten Teilen des globalen Südens, nicht als souveräne Völker, sondern als abtrünnige Familienmitglieder wahrgenommen. Wer sich von der Familie abspaltet und zum Feind (USA) überläuft ist doppelt verachtenswert.
In einer solchen Logik besitzt das „Oberhaupt“ der Familie ein moralisches Rückholrecht – notfalls auch mit Gewalt. Diese wird als tragische, aber zulässige Maßnahme betrachtet, wenn der Zusammenhalt der Familie auf dem Spiel steht.
Diese Denkweise ist tief verwurzelt und erklärt, warum die Frage der territorialen Integrität in China emotional so aufgeladen ist. Sie ist nicht nur eine Frage der Macht, sondern der moralischen Ordnung, die durch das vom Westen aufoktroyierte Völkerrecht angegriffen wird. Dieses angeblich universelle Recht wird in China und in weiten Teilen des globalen Südens als Wertekolonialismus empfunden.
Der Westen erscheint aus der Perspektive des globalen Südens nicht als moralische Instanz, sondern als ein Clan oder eine Familie unter vielen, der seinen Herrschaftsanspruch oft genug hinter der Maske des Völkerrechts zu seinen Gunsten anwendet.
2. Tianxia (天下): Das alte chinesische Weltbild „Alles unter dem Himmel“
Noch älter als der Konfuzianismus ist das Konzept Tianxia, das „Alles unter dem Himmel“ bedeutet. Dieses Weltbild beschreibt die Welt als ein geordnetes Ganzes, das vom Zentrum – dem chinesischen Kaiserhof – aus geführt wird. Grenzen im modernen Sinne existierten nicht. Stattdessen gab es einen kulturellen Raum, der sich durch Sprache, Schrift, Riten und Moral definierte.
In diesem Modell ist China nicht einfach ein Staat, sondern das kulturelle Zentrum der Zivilisation. Regionen, die kulturell chinesisch geprägt sind, gehören automatisch zu diesem Raum – unabhängig davon, wer sie politisch kontrolliert. Taiwan, das seit Jahrhunderten von chinesischen Siedlern geprägt wurde, fällt in dieses kulturelle Verständnis. Selbst wenn Taiwan politisch getrennt wäre, wäre es im Tianxia Denken weiterhin Teil des chinesischen Kulturraums. Dazu zählt übrigens auch Tibet, das in den 50er Jahren „heimgeholt“ wurde.
Dieses Weltbild wirkt bis heute nach. Es erklärt, warum viele Menschen in China die Frage „Gehört Taiwan zu China?“ nicht als politische Debatte sehen, sondern als emotional verankerte Selbstverständlichkeit.
3. Nationalismus und die Erfahrung der Demütigung
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlebte China eine Phase, die in chinesischen Geschichtsbüchern als „Jahrhundert der nationalen Demütigung“ bezeichnet wird. Kolonialmächte zwangen China zu ungleichen Verträgen, Gebietsverlusten und politischer Schwäche. Diese Zeit prägte das moderne chinesische Selbstverständnis tief.
Aus dieser Erfahrung entstand ein starker Nationalismus, dessen Kernbotschaft lautet: „China darf nie wieder geteilt oder geschwächt werden.“ In diesem Kontext wird territoriale Integrität zu einem zentralen Wert. Taiwan, das im 17. Jahrhundert Teil der Qing Dynastie wurde und später an Japan fiel, gilt in diesem Narrativ als Symbol der historischen Zersplitterung, die überwunden werden muss. Die Rückkehr Taiwans wird daher nicht nur politisch, sondern historisch emotional als Wiederherstellung der nationalen Würde gesehen.
4. Ein fast immer übersehener Punkt ist, dass die Republik China (ROC) vor der Verlegung ihres Sitzes auf die Insel Taiwan kein Staat, sondern eine Regierung des Staates China war. Also die Regierung, die heute in Taiwan residiert – betrachtete Taiwan historisch als Teil Chinas.
Nach dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 floh die ROC nach Taiwan, behielt aber den Anspruch auf ganz China bei. Das bedeutet, dass Taiwan einen Anspruch auf China erhob, genau wie China heute einen Anspruch auf Taiwan erhebt. Erst seit den 1990er Jahren entwickelte sich in Taiwan eine eigenständige taiwanische Identität, die sich zunehmend von China abgrenzt.
Das bedeutet: Die Vorstellung „Taiwan gehört zu China“ ist nicht nur ein Konzept der Volksrepublik China, sondern war lange Zeit auch Teil des Selbstverständnisses der taiwanischen Regierung.
5. Kulturelle Kontinuität: Sprache, Schrift, Traditionen
Ein weiterer Grund für die chinesische Sichtweise ist die kulturelle Nähe:
- Taiwan nutzt traditionelle chinesische Schriftzeichen.
- Die Mehrheit der Bevölkerung spricht Mandarin oder Hokkien, beides chinesische Sprachen.
- Feste wie Mondfest, Ahnenverehrung oder chinesisches Neujahr sind identisch.
- Die konfuzianische Tradition ist tief verankert.
Aus chinesischer Sicht ist Taiwan daher kulturell eindeutig chinesisch. Diese kulturelle Kontinuität wird oft als Argument genutzt, um politische Einheit zu begründen, ist aber letztlich tief kulturell emotional verwurzelt.
6. Moderne politische Ideologie: Einheit als Staatsdoktrin
Die Volksrepublik China hat das Prinzip der territorialen Einheit zu einem zentralen Bestandteil ihrer Staatsideologie gemacht. Die Führung argumentiert, dass ein starkes China nur möglich ist, wenn alle historisch chinesischen Gebiete vereint sind.
In diesem Rahmen wird Taiwan als „unvollendete Aufgabe“ betrachtet – ähnlich wie Hongkong und Macau es vor 1997 waren. Diese Sichtweise ist nicht nur politisch, sondern philosophisch legitimiert durch die zuvor genannten Traditionen: Konfuzianische Harmonie, Tianxia Weltbild und nationalistische Wiederherstellung.
7. Warum diese Sichtweise heute auf Widerstand stößt
Während China Taiwan kulturell und historisch als Teil seines Raums sieht, hat sich in Taiwan eine eigene Identität entwickelt. Viele junge Menschen betrachten sich nicht mehr als Chinesen, sondern als Taiwaner. Demokratie, politische Freiheit und eine eigenständige Gesellschaft haben ein neues Selbstverständnis geschaffen.
Damit prallen zwei Identitätsmodelle aufeinander:
- China: kulturelle Einheit + historische Kontinuität + moralische Ordnung
- Taiwan: moderne nationale Identität + westlich geprägte Demokratie + Selbstbestimmung
Diese Spannung macht den Konflikt so komplex.
Um den Konflikt zu verstehen, muss man diese kulturellen und philosophischen Grundlagen kennen. Sie erklären,
- warum die Frage für China nicht nur politisch, sondern
emotional-kulturell existentiell ist - und warum sie für Taiwan zunehmend eine Frage der eigenen Identität
zunehmend unabhängig von China geworden ist.
8. Chinesische Sicherheitspolitik
Jenseits der emotional-kulturellen Prägung des chinesischen Volkes ist die Sicherheitspolitik entscheidend. Die chinesische Regierung will genauso wenig ein US dominiertes Regime an seiner Grenze haben, wie die USA ein russisch dominiertes Mexiko an seiner Grenze will.
Entsprechend der chinesischen Kultur und ihrer Erfahrung mit Kolonialmächte, die China zu ungleichen Verträgen, Gebietsverlusten und verlustreichen Kriegen zwangen, ist China nahezu traumatisiert, dass durch die Aufrüstung Taiwans, die USA ante portas stünde.
Der Westen sieht das genau umgekehrt: Taiwan muss aufgerüstet werden, um der chinesische Bedrohung etwas entgegenzusetzen. So schaukelt sich die Bedrohungslage aus gegenseitigem Unverständnis immer weiter hoch.
Die USA drohen mit der Aufrüstung von Taiwan, um bessere Handelsbedingungen mit China zu erreichen. China droht den USA bei Aufrüstung von Taiwan mit dem Stopp von Seltenen Erden und der Stärkung von Russland und dem Iran. So blockieren sich beide Seiten, ohne einander zu verstehen.
Wenn die Taiwan-Frage gut gehandhabt werde, „kann das Verhältnis zwischen den beiden Ländern insgesamt stabil bleiben“, sagte Chinas Staatschef Xi Jinping. Damit meint Xi vor allem, es sei die Bewaffnung Taiwans zu stoppen und Taiwan nicht als eigenen Staat anzuerkennen.
9. Wird China bald Taiwan erobern?
Aus chinesischer Sicht befindet sich Peking gegenüber Taiwan in einer ähnlichen historischen und geopolitischen Lage wie Russland gegenüber der Ukraine. Anders als Moskau verfolgt China jedoch bislang eine deutlich stärker ökonomisch geprägte und langfristige Strategie.
Ein militärischer Konflikt um Taiwan hätte gravierende Folgen:
- globale Lieferketten würden massiv gestört,
- die Weltwirtschaft könnte in eine tiefe Rezession geraten,
- und auch Chinas eigenes Wachstum würde über Jahre erheblich geschwächt.
Aber der chinesischen Führung ist auch bewusst, dass sich eine konsumorientierte und zunehmend westlich geprägte Mittelschicht mit hunderten Millionen Menschen nicht dauerhaft auf eine Kriegswirtschaft einschwören lässt. Ein langanhaltender Verzicht auf Wohlstand und Konsum könnte soziale Spannungen erzeugen, die letztlich auch die Stabilität des Systems gefährden würden.
Hinzu kommt ein traditionelles chinesisches Staatsverständnis: Die Legitimität der Führung hängt wesentlich davon ab, wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftlichen Wohlstand zu sichern. Daraus ergeben sich klare Grenzen für eine militärische Eskalation.
Vor diesem Hintergrund bleibt es bislang vor allem bei Machtdemonstrationen und rhetorischer Härte. Militärische Drohgebärden stärken Chinas Verhandlungsposition nach innen wie nach außen, ohne die enormen Risiken eines offenen Krieges eingehen zu müssen. Zugleich trägt die internationale Berichterstattung über mögliche Eskalationen dazu bei, weltweit Unsicherheit und Nervosität zu verstärken.
Die Folgen für Deutschland
Für Deutschland hätte ein offener Konflikt mit Taiwan katastrophale Folgen. Eine tiefe Rezession würde das Land erschüttern, globale Lieferketten würden zerstört, circa 85 Prozent der Halbleiterproduktion käme zum Erliegen, das Ende der Globalisierung wären das Ergebnis.
Deutschland wäre in dem Dilemma sich entweder gegen seine Wirtschaftsinteressen gegen China und auf Seiten der USA zu positionieren, oder entsprechend seiner ökonomischen Interessen neutral zu bleiben, was die USA als Sabotage des transatlantischen Verhältnisses auffassen würden.Beides hätte entsprechend negative Folgen für Deutschland.
Es gibt keine Anzeichen, dass der politmediale Komplex Deutschland für dieses Dilemma vorbereitet, ja dieser überhaupt bereit ist, ihn zu durchdenken.
Aktuelle Diskussionen bauen ausschließlich auf einem Unverständnis des chinesischen Denkens auf und münden in die Aufforderung zum Säbelrasseln gegenüber dem mächtigen Handelspartner. Dies schwächt die Position Deutschlands am meisten.


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