In München wurde Krause nicht gewählt, weil er grün ist, sondern weil der Amtsinhaber ein Sozi war. Wie in Baden-Württemberger Cem Özdemir nicht Ministerpräsident wird, weil er ein Grüner ist, sondern obwohl.
Das Ergebnis der Münchner Kommunalwahl macht deutlich, woran die Demokratie in diesem Land krankt. Schuld daran ist nicht der Wahlsieger, der neue „Oberbürgaymeister“ Krause, sondern sind Desinteresse, Fatalismus, Wurschtigkeit wohlstandsverwahrloster Bürger, denen die Wahl am Allerwertesten vorbei ging. Der Leitspruch Berlins gilt neuerdings auch an der Isar: Ist ja egal.
I.
Es kam zur Stichwahl. Aber weil die Sonntagssonne leuchtete, setzte der politische Verstand bei der Mehrheit der Münchner aus. Sie radelten an die Isar oder verließen die Stadt gen Süden. Und als sie am Abends im Stau zurück kamen, war einer mit gerade einmal einem Viertel der Stimmen aller Wahlberechtigten Bürgermeister geworden – was zu einer satten Mehrheit von 56,4 Prozentpunkten der abgegebenen Stimmen reichte.
II.
Wahrscheinlich hatten sich viele auch gedacht, der Reiter (SPD) gewinnt sowieso. Zumal Söders CSU, die in München seit Jahrzehnten kein Fass mehr ansticht, die Bürger aufgefordert hatte, in der Stichwahl, an der sie selbst gar nicht mehr teilnahm, den Sozi zu wählen. Reiter wiegte sich in Sicherheit und verzichtete endgültig darauf, Wahlkampf zu führen. Jedenfalls schüttete die CSU-Empfehlung das Haferl des Amtsinhabers vollends aus. Sie hat ihm nicht genützt, sondern geschadet. Die Nichtwahl Reiters war auch ein Votum gegen die CSU, gegen das bräsige Establishment. Aber es ist leider zu bezweifeln, dass Söders bayerische Staatspartei diesen – wie auch die zahlreichen anderen Weckrufe bei den Kommunalwahlen – kapiert hat. Die CSU ist im Bund an Merz und Klingbeil gekettet, mitgefangen und mitgehangen, zerbröselt auch das kommunale Fundament ihrer Macht.
III.
Dieter Reiter, der letzte bayerische SPD-Politiker von Rang, zwölf Jahre lang Chef im Rathaus am Marienplatz, die nicht unsympathische, etwas selbstgefällige Inkarnation eines Münchners, der glaubte, im Himmel auf Erden zu leben, kam umgehend zur Erkenntnis „Ich hab’s verbockt, es ist meine Schuld.“ Daran ist zwar einerseits nicht zu zweifeln, andererseits aber greift die Erklärung zu kurz. Lange musste München gar nicht regiert werden. Es lief ja alles bestens. Reiter war genau der richtige Bürgermeister für die Stadt, die sich für das schiere Gegenteil von Berlin hält. Aber sie schwimmt schon lange nicht mehr im Wohlstand. Nirgends ist die Wohnungsnot größer, das Verkehrschaos gnadenloser. Auch München versifft – nicht so schlimm wie Berlin, aber unverkennbar. Reiter aber fiel nur noch beim Oktoberfestbieranstich positiv auf. Sonst konnte man ihn vergessen. Das einzige Wahlkampfthema war am Ende nur noch der satte Nebenverdient des Oberbürgermeisters als Beirat von Bayern München – unangemeldet und vom Stadtrat nicht genehmigt.
IV
Der erst 35-jährige Physiker Krause fühlte sich sehr geehrt und dankte den Münchnern für das Vertrauen, das er gar nicht bekommen hat. Die meisten Wähler hatten, wie gesagt, nicht den Grünen gewählt, sondern den Ausflug ins Grüne. Verwechslungen diese Art sind symptomatisch für die von sich selbst besoffene Isarmetropole. „Es war Aufbruch, es war Erneuerung“, jubelte Krause. Alles Unsinn! Zwei Wochen zuvor hatten die Baden-Württemberger noch Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten gewählt, nicht weil er ein Grüner ist, sondern obwohl. Auch in München wurde Krause nicht gewählt, weil er grün ist, sondern weil der Amtsinhaber ein Sozi war. Krause ist kein Özdemir, der an seiner Partei rechts vorbei wahlkämpfte. Krause steht für Tempo 30 – für Verkehrschaos. Das Oktoberfest, das er nun mit präzisen Schlegelhieben eröffnen soll, tat er als „größte offene Drogenszene der Welt“ ab. Er ist so volksnah wie die lastenfahrradfahrenden, sich irgendwie cool gebenden Berufserben rund um den Gärtnerplatz. Die hart arbeitenden Münchner in den Vorstädten, die sich ihre Stadt nicht mehr leisten können, sind ihm egal. Und die vielen zugezogenen Reichen scheren sich einen Teufel um die Probleme einer Stadt, die sie als ihren Spielplatz missverstehen. München zeigt die Fratze eines selbstverliebeten Schicki-Micki-Kapitalismus. Daran wird vermutlich auch der Bürgaymeister nichts ändern können. Der dunkle Schatten Berlins schwebt längst auch über München.

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München von sich selbst besoffen: das ist der richtige Begriff für diese Stadt, in ich mich in 1989- 91 verirrt hatte, und deren queere römisch- katholische Selbstverliebtheit ich bald als unerträglich empfand. Der neue OB passt doch perfekt in dieses Milieu, er ist der perfekte Narziss- Spiegel für die romanisierten Yuppies dieser Stadt. Das Volk ja schon längst in den S- Bahn- Vororten 40km entfernt. Aber passt auf, dekadente Münchner Römer, die Germanen sind nicht mehr weit. Sie werden euch bald überrollen! FFF.
Das stimmt nicht ganz. Herr Krause will wirklich die Wohnungsnot lindern. Das Problem ist nur – wie bei allen Sozialisten – dass er die wahren Ursachen nicht erkennt und damit auch nicht beseitigen kann. Er wird kolossal scheitern, weil er die in Brüssel, Berlin und vor allem die in der staatsgläubigen Gesellschaft liegenden Ursachen weder beseitigen kann noch will. Und wer wie er Bürotürme in Studentenbuden mit Etagentoiletten umwandeln will, wird sich noch wundern, dass die Nachfrage danach überschaubar bleiben wird. Fairerweise muss man dazu sagen, dass der Unterschied zwischen Berlin und München auch deswegen schrumpft, weil man München vor… Mehr
Die wohnen eben in ihrem Siedlungshaus am Stadtrand, wenn sie älter sind: die gibt es schon noch, aber die sieht man in Internet- Zeitalter nicht mehr im Zentrum! P.S: ein Oberfranke ist ein Franke und kein Bayer, sondern etwas Edleres oder gar halber Sachse (Coburger Stadtbild), ein Augsburger ein Schwabe,nicht ein Weisswurst- Bayer!
Wenn gar nichts mehr geht, dann regiert ein Grüner die Stadt.
Das ist satt mehrheitsfähig mit 56,4 Prozent.
Kamikaze Absturz Gossenkinder brauchen Glück.
Ah, Herr Herrles glaubt also auch an die allenfalls durchschnittliche Intelligenz des Souveräns, durch dessen Wahl die Konstitution der Demokratie erfüllt wird. Dementsprechend ist ihr Wert. Bravo! Ich fühle mich nicht mehr allein.
Ausnahmsweise lasse ich Ihre „Wählerbeschimpfung“ mal gelten. Und es ist sogar noch viel schlimmer, denn diese offensichtliche Gleichgültigkeit der Bürger gilt wohl bereits bundesweit…
« Wählerbeschimpfung »
Warum denn nicht, wenn die Argumente stimmen? Wir wollen doch nichts verschleiern!
Wir Exilmünchner wissen, was wir an München bis zum Jahr 2000 hatten. Als Schwabinger am Wochenende im fast leeren und sauberen Englischen Garten vom Haus der Kunst bis zum Aumeister joggen und vieles mehr… Das ist aus und vorbei.
In der neune Studie „Jugend in Deutschland 2026“ gibt fast ein Drittel der 14 bis 29-Jährigen an, psychologische Hilfe zu benötigen. Globale Krisen, Geldsorgen und düstere Zukunftsaussichten werden als Gründe genannt. – Eine verweichlichte, in Wohlstand aufgewachsene und rund um die Uhr von ihren Eltern bepamperte Jugend kommt plötzlich auf sich allein gestellt mit dem Leben nicht mehr klar. Ein Abziehbild dieser gesamten Gesellschaft!
Auf den Punkt gebracht!
Der Grund liegt eher darin, dass bereits die Eltern vom US- Neoliberalismus verwirrt waren und ihren keien geradlinigkeit vermitteln konnten,und erst recht nicht, wenn (wie in 29% der Fälle) gar kein vater da war!!! Es liegt nicht an Verweichlichung!eher Verweiblichung!
Grandios formuliert! Chapeau!
Es ist völlig sinnfrei, dem nun gemäß bekannter Regeln Gewählten die nicht erreichte absolute Mehrheit der Einwohner in delegitimierender Intention vorzuhalten.
Da sind die Nichtwähler schon selbst und ganz allein dran schuld, wenn sie am Ende von „Minderheitssiegern“ regiert werden.
Obwohl es eigentlich völlig Wurscht ist wen man wählt, außer AfD, man bekommt sozialistische Klimapolitik. Die Parteien der nationalen Einheitsfront sind kaum von einander zu unterscheiden. Da paßt der Münchener BürGaymeister, eigene Aussage, voll ins Bild. Abgestimmt hatten 486.367 Wahlberechtigte, die Wahlbeteiligung lag damit bei 44,5 Prozent. Der Anteil der Briefwähler*innen betrug 61,1 Prozent. Wieder sind die Briefwähler ausschlag gebend. Die Briefwahl sollte abgeschafft werden und nur noch für die möglich sein der entweder im Ausland leben oder einen Zweitwohnsitz außerhalb der Wahlgebietes haben. Wer aus gesundheitlichen Gründen den Weg zum Wahllokal nicht schafft auch. Dazu wäre ich dafür einen… Mehr