Friedrich Merz will Deutschland durch Reformen „wieder flottkriegen“. Eine Deutschland-Reform muss die elementare Tiefe der gegenwärtigen Krise erfassen. Zur Überwindung der Krise wird aber auch ein elementares Motiv gebraucht.
IMAGO / Frank Ossenbrink
Als der Bundeskanzler am Morgen des 2. Juli die Reform-Ergebnisse des Koalitionsausschusses präsentierte, sprach er von einem „großen Schritt nach vorne“. Und da dieser Kanzler offenbar glaubt, die Regierungskunst in modernen Zeiten bestehe darin, alles locker-leicht zu servieren, fügte er folgendes Sätzchen hinzu: „Wir wollen Deutschland wieder flottkriegen.“ Das Papier mit den 34 beschlossenen Maßnahmen trägt dann auch die flotte Überschrift „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“. Es soll also um einen „Aufschwung“ gehen. Damit wiederholt die Überschrift jene Formel, mit der hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten immer Reformmaßnahmen legitimiert wurden. Man kam immer wieder zurück auf das Versprechen neuer Wohlstandsgewinne. Das war und ist die einzige Motivation, die sich die verschiedensten Regierungen in Deutschland (und anderen Ländern) vorstellen können. Eine andere Legitimation erscheint nicht nötig und auch nicht möglich.
Ein stärkeres Motiv kommt in ihrer Vorstellung von einer modernen Welt nicht vor. Wenn Einschnitte notwendig sind, muss umso mehr auf eine baldige neue Prosperität gesetzt werden. Aber es gibt kein Naturgesetz, dass eine solche neue Prosperität jederzeit zur Verfügung steht. Was kann das Motiv eines Landes sein, dessen objektive Lage eine solche Prosperität nicht zu bieten hat? Wenn die Lage dauerhaft restriktiv ist, müssen Einschnitte Teil einer dauerhaft harten Anpassung sein, die nicht durch neue Zugewinne versüßt werden kann. Gibt es für diese Lage ein Motiv, das die Tätigkeit einer Nation dauerhaft tragen kann? Oder müssen moderne Nationen dann zwangsläufig in erbitterte innere Bürgerkriege, äußere Erbfeindschaften oder eine stumpfe Apathie versinken? Das wäre zu befürchten, wenn einer modernen Nation wirklich nur das Wohlstandsmotiv zur Verfügung stünde. Dann würde diese Nation nicht nur auf einen Engpass ihrer äußeren Daseinsbedingungen zulaufen, sondern auch auf einen Engpass ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten.
◊◊◊
Die deutsche Krise ist eine Reproduktionskrise – Deutschland droht der Verlust einer grundlegenden Fähigkeit: die Fähigkeit, die Substanz seiner Wirtschaft und seines Staatswesens aus eigenen Mitteln zu reproduzieren. Das ist ja der Gehalt der Krisenmeldungen aus den Unternehmen in grundlegenden Branchen des Landes. Die ganze Unternehmens-Landschaft ist in ihrer Existenz bedroht. Die Erträge reichen nicht, um ihren erreichten Entwicklungsstand auf dem gleichen Niveau weiterzuführen. Es geht also um etwas Elementareres als um „Wachstum“. In dieser Krise steht nicht eine erweiterte Reproduktion zur Debatte, sondern es muss die einfache Reproduktion sichergestellt werden. Oder, populär ausgedrückt, geht es darum, „den Laden am Laufen zu halten“.
Das ist einerseits ein Problem der erwirtschafteten Erträge, aber andererseits auch ein Problem des Generationswechsels in den Belegschaften und in der Unternehmensführung. Die sachliche und menschliche Substanz der Produktionsbetriebe in Industrie, Handwerk, Landwirtschaft und grundlegenden Dienstleistungen ist betroffen.
Und noch ein zweiter großer Krisenbereich kommt hinzu. Es ist kein Zufall, dass jetzt auch auf Seiten des Staates ein Substanzverlust festgestellt wird: Die Bürger stehen fassungslos vor immer neuen Meldungen von maroden Brücken, Straßen, Schienen, Leitungen, Gebäuden. Wie konnte das geschehen? Offenbar ist die laufende Bestandspflege und Sanierung, die dem natürlichen Verschleiß und Verfall entgegengesetzt werden muss, immer mehr ins Hintertreffen geraten. Auch hier geht es nicht um fehlendes „Wachstum“, sondern um eine viel elementarere Rehabilitierung des Bestehenden.
Die immer höhere finanzielle Verschuldung des Landes löst zu Recht große Besorgnis aus, aber noch viel schlimmer ist die Verschuldung, die sich als schleichender Verfall im Sachkapital von Betrieben und Infrastrukturen festgesetzt hat. Und auch bei den Menschen verfallen elementare Fähigkeiten: Dem Bildungswesen gelingt es bei einem großen Teil der Schüler nicht mehr, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Etwas sehr Grundlegendes läuft also schief im Lande. Und es zeigt sich, dass diese Grundlegende vielleicht doch nicht so selbstverständlich und langweilig ist, wie mancher denkt.
◊◊◊
Die Leistung der „Normalen“ – Am 11. Juli 2026 stand auf der Titelseite der FAZ ein bemerkenswerter Leitartikel von Jasper von Altenbockum. Der Titel lautete „Wir Normalos“. Er soll hier etwas ausführlicher zitiert werden:
„Sehr viele Menschen können für sich beanspruchen, alles richtig gemacht zu haben im Leben. In der Schule waren sie vielleicht nicht die Besten, aber sie fanden es in Ordnung, dass es Noten gab. Dass es im Sport Gewinner und Verlierer gab. Dass Leistung zählte, nicht Work-Life-Balance. Ferienarbeit war normal. Nach der Schule: Berufsausbildung und Lehrjahre, die keine Herrenjahre sind. Pünktlichkeit war selbstverständlich, Krankmachen unter der Würde. Freiwilliges Jahr, Bundeswehr oder gleich ein Studium. Auch im Studium wurde nebenher Geld verdient.“
„Es ging ganz normal weiter: Nach dem Studium der Beruf, eine Familie wurde gegründet, Kinder großgezogen. Eine glückliche Ehe, keine Scheidung, eine intakte Familie, nicht nur an Weihnachten im Gottesdienst. Beide Eltern arbeiteten. Die Kinder gingen in einen Verein, spielten Fußball, spielten ein Musikinstrument. In der Schule war es für die Kinder nicht immer einfach, aber am Ende haben sie alle Mittlere Reife, Abitur und danach eine Berufsausbildung gemacht. Das alles kostete das Doppelte und Dreifache, was das Kindergeld einbrachte. Aber weil beide Eltern arbeiteten, reichte es auch fürs Eigenheim.“
„Rente, Pflege, Arbeitslosen- und Krankenversicherung: In alle Kassen wurde über Jahrzehnte Monat für Monat eingezahlt; wenn man es zusammenzählt, waren es gut und gerne eine Million Euro. Beansprucht hatte man das Geld kaum. Rente und Pflege eines Tages, ja. Aber sonst? Ein Gefühl der Ungerechtigkeit schlich sich ein, wenn andere die Leistungen mehr als nötig in Anspruch nahmen, obwohl sie nichts oder nur wenig eingezahlt hatten. Und dafür auch noch in Schutz genommen wurden.“
„So sieht das Leben der Leute aus, von denen es heißt: Sie stehen früh auf, arbeiten hart ihr Leben lang und ‚halten den Laden zusammen‘…In den Debatten aber, in der Zeitung, im Radio, im Internet, in Büchern und in den Wahlkämpfen kam dieser Bürger, der alles richtig gemacht hatte, immer weniger vor. Wann hatte er schon mal eine Geschichte, eine Sendung, einen Podcast über Alltag und Sorgen einer ganz normalen Ehe, einer ganz normalen Familie mit Kindern gelesen, gesehen, gehört? Zu langweilig?“
Wie wichtig und wohltuend ist es, dass das einmal – auf der Titelseite einer großen deutschen Zeitung – aufgeschrieben wurde. Und der Autor trifft sehr gut den entscheidenden Punkt: Die tägliche Aufrechterhaltung des Normalen ist eine große und keineswegs selbstverständliche Leistung, die täglich neu erbracht werden muss. Die Arbeitswelt der Normalos ist keine bequeme Welt, in der sich die Arbeit gleichsam „von selber“ macht, weil sich die Arbeitsgänge wiederholen. Dieser Punkt kann gar nicht scharf genug herausgearbeitet werden:
Es ist eine große Leistung, wenn eine bestimmte Arbeit – unter wechselnden, oft widrigen Bedingungen – immer mit der gleichen Sorgfalt und Zuverlässigkeit wiederholt wird. Wenn die Arbeitenden Wind und Wetter trotzen, oder wenn sie ihre „gleichförmige“ Tätigkeit unabhängig von ihren persönlichen Befindlichkeiten verrichten. Es gibt Tage, wo die Arbeit recht leicht von der Hand geht, und dann wieder Tage, wo die gleiche Arbeit wie eine große Wand vor einem steht.
Diese Tatsache macht die Kontinuität der Arbeit – also das „Den-Laden-Zusammenhalten“ – zu einer gigantischen Leistung, die Tag für Tag, jahrein, jahraus millionenfach erbracht wird. Die Arbeit, die hier verrichtet wird, bezieht ihre Würde nicht aus einer besonderen, nur ihr gehörenden Einzigartigkeit. Die Würde ist kein „Distinktions-Gewinn“ gegenüber anderen Menschen, sondern erwächst aus der elementaren Auseinandersetzung mit den Knappheiten und Widrigkeiten dieser Welt, denen sich die „Normalos“ in ihrem Arbeitsleben stellen.
◊◊◊
Ein Leserbrief – Der Leitartikel der FAZ hat eine Menge zustimmender Leserbriefe bekommen. Oft findet sich darin ein „endlich!“: Endlich wird eine Realität beschrieben, die in der medialen Welt der Gegenwart keine angemessene Aufmerksamkeit mehr findet. Doch an dieser Stelle soll aus einem Leserbrief zitiert werden, der den Leitartikel als „soziologisch falsch und politisch gefährlich“ eingestuft sehen möchte. Er ist in der FAZ vom 17. Juli 2026 (auf Seite 6) unter der Überschrift „Freiheit, das Gegenteil von ‚Normalos‘“ abgedruckt worden. Dort kann man Folgendes lesen:
„Das von ihm (gemeint ist Jasper von Altenbockum, GH) konstruierte homogene Milieu der Normalos gibt es in der Realität überhaupt nicht. Diese vermeintliche Schnittmenge ist eine Fiktion. Es ist anmaßend und übergriffig, im Namen einer schweigenden Mehrheit zu argumentieren und für sich zu beanspruchen, zu wissen, was ‚normal‘ ist. In einem modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt sind disruptive Berufskarrieren, Brüche im Lebenslauf und unkonventionelle Lebensentwürfe kein Ausdruck von Schwäche, sondern feste Realität. Auch Menschen in diesen Biographien halten das System aufrecht.“
In seinem Eifer, „disruptive“ Berufskarrieren, „Brüche“ im Lebenslauf und „unkonventionelle“ Lebensentwürfe (es sind alles Negativ-Beschreibungen) zu verteidigen, merkt der Autor gar nicht, dass er selber die heutige Welt auf einen neuen Generalnenner bringen will. Wenn er nämlich von einem „modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt“ schreibt, will er die Bezeichnung „modern“ nur für einen „internationalen“ Arbeitsmarkt gelten lassen. Da würde man gerne wissen, wo und für welche Menschengruppen solche Weltmärkte der Arbeit bestehen. Man würde auch gerne wissen, wie die „disruptiven Berufskarrieren“ und „Brüche im Lebenslauf“ es schaffen, das System „aufrechtzuerhalten“.
Jasper von Altenbockum schreibt ja vom laufenden Lebensunterhalt und vom Aufbau eines bescheidenen Vermögens, die keine Unterbrechung dulden. Auch von den regelmäßigen Einzahlungen in Rentenkasse, Arbeitslosenversicherung, Kranken- und Pflegekasse und natürlich auch von den regelmäßigen Steuerzahlungen, ohne die es keine gemeinschaftlichen Fonds des Landes gäbe. Von unserem Leserbriefschreiber, der den FAZ-Autor ja als „politisch gefährlich“ einstuft, erfährt man zu der Frage, wie denn eine Arbeitswelt voller „Brüche“ und „Disruptionen“ für die Kontinuität der öffentlichen Kassen sorgen soll, nichts. Buchstäblich Null-Komma-Nichts.
◊◊◊
Ist der Normalo ein „Feind der Freiheit“? – Statt einer Antwort schaltet der Leserbrief auf ein sehr hehres Ziel um: die Freiheit. Das ist eine interessante Wendung in der Argumentation. Können die gebrochenen Arbeitsbiographien für sich das Ideal der Freiheit in Anspruch nehmen? Führen solche Arbeitsbiographien vielleicht zu einer zukünftigen größeren Freiheit? „Das ist das Gegenteil von liberalem Denken“ hält der zitierte Leserbrief dem FAZ-Autor vor, und fährt dann fort:
„Der freiheitliche Eigenantrieb zur Selbstverwirklichung in einem kapitalistischen System ist kein theoretisches Konstrukt, sondern gelebte Praxis. Er treibt Gründer, Kreative und Angestellte gleichermaßen an…Freiheit bedeutet das Gegenteil von Konformitätsdruck. Freiheit ist das absolute Gegenteil von „Normalos“. Wer die Freiheit verteidigen will, muss das Individuum und sein Recht auf Differenz in den Mittelpunkt stellen…“
So wird der „Normalo“ also zum Feind der Freiheit erklärt. Die Sache, um die es geht, wird dabei allerdings verschoben. Von dem konkreten Aussteigen aus einer kontinuierlichen Berufsbiographie ist gar nicht mehr die Rede. Der Leserbriefschreiber will auf einmal nur noch etwas von „Konformitätsdruck“ wissen, und vom „Recht des Individuums auf Differenz“. So wird derjenige, der eine kontinuierliche Berufsbiographie und Lebensleistung vorzuweisen hat, ein gefährlicher, die Freiheit bedrohender „Konformist“.
◊◊◊
Die „Option Exit“ – Das, was in dem Leserbrief so pompös als „Recht auf Differenz“ reklamiert wird, ist in Wirklichkeit ein sehr fragwürdiges Recht: das Recht auf jederzeitigen Ausstieg. Ein Grundrecht auf die „Option Exit“ also. Das ist ja tatsächlich heute das Merkmal eines Teils der Arbeits- und Unternehmenswelt. Es gibt unzählige „kreative“ Projekte und Gründungen, denen es aber nicht gelingt, zu dauerhaft tragfähigen Berufstätigkeiten und Unternehmen zu werden. Das Scheitern führt aber nicht dazu, nun wieder einen Normalo-Berufsweg einzuschlagen. Die Aussicht, sich seine Arbeit „selbst erfinden“ zu können, und damit auf einfachem Weg eine Selbstbestätigung zu bekommen, ist zu verlockend. Also wird nochmal die „Neustart“-Taste gedrückt und darauf vertraut, dass man, wenn Schwierigkeiten auftauchen, ja wieder die „Option Exit“ wählen kann. Was aber geschieht, wenn ein ganzes Land nach diesem „Recht auf Differenz“ existieren soll? Wenn also immer dann, wenn sich die Schwierigkeiten dieser Welt bemerkbar machen, die „Option Exit“ gezogen werden kann? Und wenn dies zappelige Kommen und Gehen im Lande gar als höchster Ausdruck der Freiheit gilt?
◊◊◊
Selbstbehauptung ist nicht „Selbstverwirklichung“ – Es ist interessant, welches Motiv der Leserbrief aufbietet. An einer Stelle der oben zitierten Passage tritt das ganz deutlich hervor. Dort heißt es: „Der freiheitliche Eigenantrieb der Selbstverwirklichung“. Das Motiv der Freiheit wird also im Selbstbezug der Menschen gesucht. Ein „Selbst“ soll „sich verwirklichen“. Man sieht: In dieser Motivformel fehlt jeder Weltbezug. Dies ist die Grundlage auf der den „Normalos“, deren Arbeitsbiographie Jasper von Altenbockum positiv in Erinnerung ruft, im Leserbrief der Prozess gemacht wird. Wenn der Verfasser des Leserbriefs den Normalo-Leitartikel als „Anmaßung“ und „Übergriffigkeit“ empfindet, so liegt das daran, dass der Leitartikel etwas sieht, was der Kritiker gar nicht auf der Rechnung hat: Dass nämlich das menschliche „Selbst“ zu endlichen Lebewesen gehört, die einer unendlich viel größeren, widrigen, verschlossenen Macht gegenübergestellt sind. Und für diese Gegenüberstellung gibt es keine „Option Exit“.
Menschen können nicht existieren, ohne sich der ungleichen Auseinandersetzung mit den übermächtigen äußeren Bedingungen ihrer Existenz zu stellen. Sie müssen sich in die Sphäre begeben, in der diese Konfrontation stattfindet, und sich in ihr behaupten. Aber „behaupten“ bedeutet nicht, dass die Konfrontation irgendwann beendet wird und die Welt anfängt, sich um die Menschen und irgendeine „Gesellschaft“ der Soziologen zu drehen. Die Forderung des hier zitierten Anti-Normalo-Leserbriefs, dass „das Individuum und sein Recht auf Differenz in den Mittelpunkt“ zu stellen sei, kann nur der erheben, der die äußere Welt zur bloßen Verfügungsmasse herabsetzt. Wer hingegen der Größe der äußeren Welt einen größeren Respekt entgegenbringt, wird – bewusst oder unbewusst – dem Motiv der Selbstbehauptung folgen. Weil es ohne definitive Siege auskommt, sondern dauerhaft eine Tun-Würde tragen kann. Und nichts Anderes ist ja auch das stille Motiv der „Normalos“ im Lande.
◊◊◊
Über die Selbstbehauptung in modernen Zeiten – Nach dem vorher Gesagten ist klar, dass das Wort „Selbstbehauptung“ zu Missverständnissen einlädt. Insbesondere das „Selbst“ kann dazu führen, dass Selbstbehauptung mit „Selbstverwirklichung“ oder „Selbstbestimmung“ verwechselt wird. Während aber das „Verwirklichen“ und „Bestimmen“ auf Vorgänge zielen, die exklusiv den Menschen gehören, macht das Wort „Behaupten“ nur Sinn, wenn es auf eine größere Sphäre zielt, in der man sich in Konfrontation mit anderen Kräften auseinandersetzt und seine Position hält. Es geht also nicht um Unterwerfung oder Verdrängung einer Seite. Das bedeutet, dass man viele Dinge, die vorschnell als „menschengemacht“ gelten, mit anderen Augen sieht.
Viele Sachverhalte gehen aus der Sphäre der Konfrontation hervor und enthalten daher sowohl Elemente menschlicher Gestaltung als auch Elemente der äußeren Gegebenheiten. Oft ist die Anpassung an äußere Gegebenheiten die Voraussetzung für die Gestaltung durch die Menschen. Die täglichen Arbeitsgänge und auch die Technikgeschichte weist diesen Doppelcharakter auf. Das gilt auch für die Bildung von Institutionen und Zivilisationen. Ist mit dem Zeitalter der Moderne ein Zeitalter des „Menschengemachten“ angebrochen? Weit gefehlt. Die Widrigkeiten und Knappheiten verändern sich, aber sie hören nicht auf. Das Rätselhafte wird nicht weniger. Je weiter man in die äußeren Bedingungen vordringt, umso größer scheint die Macht dieser Bedingungen zu werden.
Vielleicht könnte man ganz allgemein formulieren: In der Moderne haben sich die gegenseitigen Einflussnahmen und Verstrickungen intensiviert. Das ist vielleicht die plausibelste Grundannahme, um in unserer Zeit die Freiheit sterblicher Menschen zu verstehen. Ein Sonderplatz für die „Selbstverwirklichung der Menschen“ ist in dieser Welt nicht vorgesehen. Eine solche Selbst-Freiheit, die nicht ständig widrigen Bedingungen abgetrotzt werden muss, wäre auch gar nicht die höchste und würdigste Form der Freiheit. Sie wäre eine wohlfeile Freiheit. Und eine eingebildete Freiheit, geboren aus der fragwürdigen Fähigkeit der Menschen, mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen.
◊◊◊
Der lange Rhythmus einer Deutschland-Reform – In dem FAZ-Leitartikel von Jasper von Altenbockum findet sich ein kleiner Satz über die geringe Aufmerksamkeit, die der „Normalo“ heutzutage in den Institutionen und Medien findet: „Irgendwann kam er dann gar nicht mehr vor.“
Dieser Satz ist tatsächlich wahr. Er resümiert eine jahrzehntelange und wirklich fatale Entwicklung in Deutschland. Hier zeigt sich auch, wo die ganze Reformpolitik falsch aufgestellt ist. Die beschlossenen Maßnahmen erreichen gar nicht die Ebene, wo die Produktivität der Betriebe und die Tragfähigkeit der Infrastrukturen real und dauerhaft (ohne Subventionen) rehabilitiert werden muss. Der Politik geht es nicht um eine Überwindung der Reproduktionskrise, sondern um Gesten, die irgendein Bemüht-Sein signalisieren sollen. Derweil geht der Substanzverlust Tag für Tag und Monat für Monat weiter. Und nirgendwo wird wirklich an den Ernst und das vernünftige Maß appelliert, die aus dem Motiv der Selbstbehauptung erwachsen können.
So gesehen ist die Lage wirklich aussichtslos. Man sollte sich aber vor Augen führen, wie diese Lage in einer allmählichen, jahrzehntelangen Verschiebung herbeigeführt wurde. Diese Verschiebung hat auf den verschiedensten Feldern ein gut arbeitendes Deutschland überwuchert und entwertet – ohne dass die tragenden Motive dieses Deutschlands je widerlegt worden wären. Wenn man es so sieht, muss man nicht verzweifeln. Man kann dann nämlich auf die Ausdauer zählen, die ja eine Normalo-Tugend ist. Mit ihr, die ganz ohne Anerkennung auskommt und im Land weiterbesteht, kann man ganz ungerührt festhalten: Die Verschiebung der letzten Jahrzehnte ist bankrott, über kurz oder lang wird eine Rückverschiebung beginnen. Und wenn sie ein paar Jahrzehnte dauert, ficht uns das nicht an.



Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein