EZB-Chef Mario Draghi in der Klemme

Die Inflation ist mit voller Wucht zurück, doch ihr weiterer Verlauf steht in den Sternen. Viel spricht dafür, dass im Superwahljahr 2017 politischer und ökonomischer Populismus die Oberhand gewinnen.

@ Thomas Lohnes/Getty Images

EZB-Chef Mario Draghi kann sich, so scheint es, in aller Ruhe zurücklehnen. Denn er hat sein Ziel, eine Eurozonen-Inflationsrate etwas unter 2 Prozent, nahezu mit einer Punktlandung im Februar erreicht. Dass sie mit glatt 2 Prozent sogar einen Tick höher ausgefallen ist, wird er verschmerzen. Doch der Schein trügt: Inflation ist kein Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Aus der 2 vor dem Komma kann in wenigen Monaten eine 3 werden, falls sich Zweitrundeneffekte wie zum Beispiel steigende Löhne und Rohstoffpreise ausbreiten. Aus der 2 kann aber auch eine 4 werden, für die sich schon mal einflussreiche Kreise aus dem Internationalen Währungsfonds stark gemacht haben. Oder aber nur eine 1, falls der Basiseffekt der im vergangenen Jahr gestiegenen Ölpreise nachlässt.

Inflation schürt Inflationserwartungen. Damit bewegen wir uns in unbekanntem Terrain. Jetzt sind nicht Volkswirte, sondern Psychologen gefragt, von denen Draghi einer sein muss, ob er will oder nicht. Bisher hat er dieses Metier ja ganz ordentlich beherrscht – leider zulasten der Sparer. Aber was sind die ihm wert? Im Vergleich zu Staaten, die sich mit dem durch die Inflation entwerteten Geld entschulden können, und im Vergleich zu Konzernen, die billige Kredite aufnehmen, bestimmt nicht allzu viel.

Politiker aller Parteien proben die Maximierung des Populismus

Schon Altkanzler Helmut Schmidt war Inflationspsychologe, als er meinte, 5 Prozent Inflation seien weniger schlimm als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Mit Zahlen lässt sich halt gut spielen, sei es durch die Vorgabe eines willkürlichen Inflationsziels der Marke Draghi, sei es durch sinnlose populistische Äußerungen vonseiten des Altkanzlers. Die Fortsetzung solcher und ähnlicher Zahlenspiele ist uns sicher – schließlich ist 2017 in Europa das Jahr entscheidender Wahlkämpfe, da geht es für alle Parteien um die Maximierung von Populismus. Das allein zählt bis zur Auswertung der Wahlergebnisse, nicht der Verzicht auf Postfaktisches oder gar die Logik von Argumenten.

Wie dummdreist mit wirklichen Fakten umgegangen wird, zeigt die in Schieflage geratene Diskussion um die Abgeltungsteuer, neulich ausgerechnet auch in der ARD-Sendung „Hart aber fair“. Verglichen wurden Äpfel – Kapitalerträge, die zu 25 Prozent plus Soli besteuert werden – mit Birnen – Einkommen, die den persönlichen Steuersätzen von mehr als 25 Prozent unterliegen. Dass Kapitalerträge aus bereits versteuertem Geld stammen, wird bei der Diskussion um die Abgeltungsteuer meistens unter den Tisch fallen gelassen. Die Wahrheit biegen, nennt man so etwas.

2017 bleibt an den Börsen ein Jahr der Überraschungen

Bisher hat Mario Draghi alles unternommen, um das Gespenst der Deflation an die Wand zu malen, also das Gegenteil der Inflation. Dabei war ihm der Beifall aus hoch verschuldeten Staaten und Unternehmen – siehe oben – so gut wie sicher, denn im Fall der Deflation würden Schuldner hohe Verluste erleiden. Jetzt muss Draghi umschwenken, aber wie? Die Inflation hat er ja gewollt, folglich wird nichts aus der Wandmalerei unter umgekehrten Vorzeichen. Kurzum, er ist in der Klemme. Also wird er erst einmal abwarten und hoffen, dass bei der Inflation nach dem Ende des Basiseffekts wieder die 1 vor dem Komma steht, damit er seine extrem lockere Geldpolitik fortsetzen kann.

Sollte diese Hoffnung trügen, muss er sich etwas Neues einfallen lassen. Was es ein könnte, steht zwar in den Sternen. Aber dass er mit Einfallsreichtum brillieren kann, bewies er aus Anlass seiner berühmt-berüchtigten Londoner Rede im Juli 2012. Damals hatte er als Geldpsychologe allein durch Worte einen durchschlagenden Erfolg. Denn daraufhin quittierten die Börsianer alles, was er sagte, mit steigenden Aktien- und Anleihenkursen. Nur wird es für ihn dieses Mal ungleich schwerer als damals, das Vertrauen der Börsianer zu gewinnen, weil Aktien zum größten Teil und Anleihen hoffnungslos überbewertet sind. So viel ist denn auch sicher: 2017 ist und bleibt an den Börsen ein Jahr der Überraschungen.

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Kommentare ( 27 )

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und was soll uns dieser Satz jetzt sagen?

Von einer Statistik erwarte ich SELBSTVERSTÄNDLICH, dass sie ALLES ausweist, was geschieht. Das ist ja gerade das Problem: unsere aktuellen Statistika tun genau das, was SIE präferieren. Sie verschweigen und verstümmeln und sagen deshalb auch nichts mehr über den wahren Zustand aus. Die Statistiker sollen sich nicht als Hobbypsychologen betätigen, sondern ihrer eigentlichen Arbeit nachkommen. Wir sind ALLE mündige Bürger und brauchen kein „Schonung“ zugunsten eines angeblichen Seelenheils. Die „Schonung“ dient ja auch in Wahrheit gar nicht uns, sondern denen, die für die schimmen Zustände verantwortlich sind. Wie wollen Sie denn auch auf eine Statistik reagieren, in der NICHT die… Mehr

sagen Sie das bitte mal der Witwe eines im Dienst umgekommenen Polizisten. Übrigens, warum sind Sie kein Beamter geworden. …

Nachdem ich selbst im Land der „Greek Statistics“ lebe, nachdem ich gelesen habe, mit welchen Tricks die armen Polizisten in Deutschland die Kriminalstatistik hinsichtlich der Hunderttausenden illegal ins Land genommenen Migranten bis zur Unkenntlicheit verbiegen müssen – glaube ich selbstverständich auch dem Statistischen Bundesamt NICHTS. Warum auch. Es liegt doch auch sehr nahe, die Realität etwas mehr dem Wunsch anzupassen (im günstigsten, naivsten Fall) oder aber – und dies ist leider sehr viel wahrscheinlicher – die Bürger in Deutschland BEWUSST über eine gezielt herbei geführte Situation im Unklaren zu lassen – ganz wie bei den o.g. Kriminalstatistika. GLAUBEN sollte man… Mehr
Was sollte Draghi daran hindern, seine extrem lockere Geldpolitik fortzusetzen, GERADE WEIL eine 2,3 oder 4 vor dem Komma steht! Das macht doch gerade den erwünschten Entschuldungseffekt für alle Staaten aus! Aus welchem Grund sollte er jetzt damit aufhören – war doch die Nullzinspolitik, das Aufkaufen von Schrottpapieren usw. nur das Vehikel, um genau diesen Zustand zu erreichen! Es ist die geniale Umverteilung von unten nach oben. In der Politik generell geht es stets nur darum, einen bestmöglichen Zustand für eine/ für die Eliten zu erreichen – die Sparer sind da doch gerade das Mittel zum Zweck. Ansonsten sind sie… Mehr

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Zwar verstehe ich als einfache Rentnerin nichts von Geldpolitik, doch ich erlebe, daß die Preise für nahezu alle Dinge des täglichen Lebens (Lebensmittel, Handwerkerstunden, öffentlicher Nahverkehr etc.) sich seit 15 Jahren fast verdoppelt haben, die Rentenerhöhungen und und Lohnerhöhungen damit aber nicht mithalten könne.

Der Link zeigt eine Studie der Columbia Uni, in der die QE Proramme der Zentralbanken der USA, J, GB, Eurozone wissenschaftlich untersucht werden.
Die QE Programme werden damit begründet, dass angeblich kein Spielraum mehr da sei für Konjunkturprogramme gemäß der Lehre von Keynes.
https://sipa.columbia.edu/sites/default/files/FRBNY_Comparative%20Analysis%20of%20Central%20Bank%20QE%20Programs.pdf

Selbstverständlich zerstört Deutschland mit seinem Lohndumping die Eurozone.
Die anderen Mitgliedsländer des Euros werden ihre Schulden niemals in heutiger realer Kaufkraft zurück zahlen können. Das ist auf Grund der saldenmechanischen Zusammenhänge der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung logisch unmöglich.

Wollen Sie damit sagen, dass wir deshalb, weil angeblich nichts sicher ist, den gegenwärtigen Hasardeuren in der Politik, weiter freie Hand lassen sollen? Dass den Sparern und Beitragszahlern in Deutschland ständig etwas weg genommen wird, passiert nicht einfach, sondern ist von Leuten wie Draghi und Schäuble gewollt. Ihr Kommentar ist daher zynisch.

Er sucht vermutlich nur nach einer Rechtfertigung dafür, dass er selbst nichts dagegen tut. Dabei kann man sich SEHR WOHL ENGAGIEREN, zum Beispiel in seiner Partei. Und wenn man dort (erwartungsgemäß) auf Granit stößt, dann eben in einer anderen, alternativen Partei. Nach meiner Erfahrung ist die AfD die einzige Partei, die es sich sogar zur Grundsatzaufgabe gemacht hat, diese Politik zu verändern.

Sie haben es einfach nicht verstanden. Der Euro-Währungsverbund kann es sich nicht leisten, dass die Zinsen auf fünf Prozent steigen, denn dann gingen die hochverschuldeten Mitgliedsstaaten, der so genannte Club Med, sofort in die Seile. Die EZB wird daher alles tun, um die Zinsen dauerhaft niedrig zu halten. Die Konsequenz: Der deutsche Sparer finanziert den Eurowahnsinn noch mehr.

“ Eurowahnsinn“? Was ist das? Der Euro ist stabil, die Inflation niedriger als unter der DM. Wahnsinn wäre wieder 20 verschiedene Währung haben zu wollen.